Illegaler Kahlschlag in der Taiga Deutsche Firmen in russischen Holzskandal verwickelt

Illegales Holz aus Russland ist laut einer Studie auch nach Deutschland gelangt – trotz Nachhaltigkeitslabel. Die Untersuchung weckt Zweifel am Nutzen solcher Zertifikate.
Sägewerk der BM-Tochter Asia Les

Sägewerk der BM-Tochter Asia Les

Foto: Google Earth

Als die Ermittler des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB im Frühjahr 2019 die Geschäftsräume der BM Gruppe durchsuchten, wusste deren Boss Alexander Pudovkin wohl schon, dass es nicht gut für ihn aussieht. Monatelang war zuvor im Umfeld des Holzunternehmers ermittelt worden, der sich in der fernöstlichen Region Chabarowsk ein Imperium aufgebaut hat: Die Konzessionen seiner Firmen umfassen rund 29.000 Quadratkilometer Wald, eine Fläche fast so groß wie Belgien. Doch offenbar war dabei nicht alles legal zugegangen: Die Ermittlungen förderten Betrug, erschlichene Wald-Konzessionen und illegalen Kahlschlag zutage. Beamte bis hinauf ins russische Industrieministerium sollen laut russischen Medien bestochen worden sein. Es gab Verhaftungen und auch schon Geständnisse. 

Nun zeigt ein Report der Londoner Umweltschutzorganisation Earthsight , dass auch Europa in diesen Skandal verstrickt ist – und Deutschland. Denn von den rund 600.000 Kubikmetern Taiga-Holz, die laut den Ermittlern von Firmen des BM-Geflechts illegal gerodet wurden, landeten nach Earthside-Recherchen 100.000 Kubikmeter in Europa – und der größte Teil davon bei deutschen Holzhändlern. Die Ware wurde in St. Petersburg verschifft und in Kiel gelöscht, von wo aus sie verteilt wurde. Meist war es Sibirische Lärche, die gern für Terrassenholzdielen oder den Jachtbau genutzt wird. »Dass die Verbraucher hier unwissentlich in illegale Abholzung involviert sind, zeigt, dass die europäischen Behörden an ihrem Versprechen scheitern, die weltweit wertvollsten Wälder zu schützen«, sagt Earthsight-Direktor Sam Lawson.

Wie das Holz nach Deutschland kam

Die Taigaregion im Hinterland der Pazifikküste ist die Heimat von Wölfen, Luchsen und Bären. Ihre Moorgebiete und gefrorenen Böden speichern riesige Mengen Kohlenstoff. Sie gilt als lukrativer Spot für die Holzgewinnung – und den illegalen Kahlschlag. Allein im vergangenen Jahr exportierte Russland Holz für rund zehn Milliarden Euro. Die Chabarowsk-Region spielt dabei eine besondere Rolle: Sie gilt als einer der größten Holzproduzenten Russlands – und als einer der fragwürdigsten: Umweltschutzorganisationen schätzen fast die Hälfte der Holzproduktion im Fernen Osten als illegal ein. Ein Großteil davon geht über die nahe Grenze nach China, wohin die BM Gruppe enge geschäftliche Verbindungen unterhält. Doch die BM Gruppe bestückte auch Lieferanten französischer Baumärkte und deutsche Holzhändler wie Jacob Jürgensen aus Hamburg, Ost-West-Holzhandel aus Lüneburg oder Weissenbach aus Kempten. 

Gegend um den Nimelen-Fluss im Gebiet der BM Gruppe 2013 und 2019
Gegend um den Nimelen-Fluss im Gebiet der BM Gruppe 2013 und 2019

Gegend um den Nimelen-Fluss im Gebiet der BM Gruppe 2013 und 2019

Foto: Google Earth / Google Earth

Lange schien der Ruf des russischen Holzgiganten BM tadellos: Der russische Präsident verlieh Firmenboss Pudovkin den Titel eines geehrten Arbeiters der Forstindustrie, Premierminister Dmitry Medvedev eröffnete per Videoschalte Ende 2017 einen Teilbereich des Sägewerks der BM-Tochter Asia Les, über die laut Earthsight viele der fragwürdigen Deals liefen. Die BM Gruppe reagierte auf Anfragen des SPIEGEL nicht. Gegenüber Earthsight wies sie jedes Fehlverhalten zurück und bezeichnete die Recherchen als unkorrekt.

Nach Deutschland kam die russische Ware laut den Recherchen mit dem Gut-Holz-Label PEFC (Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes). Es wäre nicht das erste Mal, dass das vorwiegend von Forstbesitzern initiierte Ökosiegel dubiose Zertifizierungen rechtfertigen muss. Die BM Gruppe erhielt laut Earthsight am 23. März 2019 ein neues Zertifikat, fünf Tage nachdem Pudovkin in Gewahrsam genommen wurde. Das Siegel scheint bis heute gültig zu sein.

Wie kann so etwas möglich sein?

PEFC hat von dem Skandal offenbar erst durch Earthsight erfahren. Danach, so ein Sprecher, habe man am 30. Oktober 2020 eine Beschwerde an den Zertifizierer SGS Vostok eingereicht, der die BM Gruppe auf Einhaltung der Standards prüfte. SGS Vostok wiederum habe sich an Earthsight gewendet und um »nachprüfbare Belege« für die Anschuldigungen gebeten. Diese wird allerdings nur SGS selbst überprüfen und entkräften können: Die Zertifizierung nämlich soll ein guter Bekannter eines Repräsentanten der BM-Gruppe vorgenommen haben. Eine Sprecherin der SGS-Zentrale in Genf lässt wissen, dass man die Sache »sehr ernst« nehme und bereits der »Chief Compliance Officer« eingeschaltet sei, der ein Untersuchungsteam losgeschickt habe. 

Und die deutschen Händler?

Viele von ihnen haben sich offenbar auf das PEFC-Zertifikat verlassen und auch nach dem Frühjahr 2019 weiter im Firmenreich der BM Gruppe Holz bestellt. Jacob Jürgensen etwa, einer der größten deutschen Kunden, bezog laut Earthsight-Unterlagen noch im ersten Quartal 2020 fast tausend Tonnen Holz monatlich. 

Das Hamburger Unternehmen lässt über einen Sprecher wissen, man lege »strengste Maßstäbe« an die Einhaltung der Sorgfaltspflicht an, die den Unternehmen gemäß der EU-Holzhandelsverordnung (EUTR) auferlegt ist. Lieferanten überprüfe man gewissenhaft und habe deswegen zwei Mitarbeiter eingestellt, die in Sibirien leben und von dort aus kontrollieren können. Die Anschuldigungen von Earthsight könne man bisher nicht verifizieren. Ost-West-Holzhandel aus Lüneburg äußerte sich nicht. 

Toni Weissenbach, Geschäftsführer von Weissenbach in Kempten, lässt dagegen wissen, man sei einer der wenigen Importeure in Europa gewesen, die »aufgrund des Skandals 2019 in Chabarovsk um Herrn Pudovkin, der BM-Group und Asia Les kein Schnittholz mehr abgenommen haben«. Das belegen auch die Earthsight-Lieferlisten. Eine kleinere Menge, die dort für Ende 2019 noch auftaucht, müsse ein Fehler auf der Importeursliste sein, so Weissenbach, man habe in dem Zeitraum »keine Lieferung« erhalten. Nach Kenntnis des Skandals sei es für sein Unternehmen nicht mehr möglich gewesen, weitere Lieferungen abzunehmen, ohne gegen die EUTR-Richtlinie zu verstoßen.

Erhöhte Sorgfaltspflichten für Risikoländer

Die seit 2013 gültige Richtlinie soll sicherstellen, dass kein illegal geschlagenes Holz auf den Markt kommt. Für Risikoländer, zu denen auch Russland zählt, gelten erhöhte Sorgfaltspflichten für die Importeure. Die Einhaltung der EUTR kontrolliert die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE). 

Im Fall der BM Gruppe scheint dies nicht einfach zu sein. Der BLE liegen dazu bis heute, so eine Sprecherin, »keine Informationen« vor.

»Firmen wie Jürgensen haben nach unserer Einschätzung gegen die EUTR  verstoßen«, sagt Earthsight-Direktor Lawson. Welche Prüfprozesse Jürgensen auch immer bei sich eingezogen habe und die deutschen Behörden abgenickt hätten, »sie haben versagt«. 

Erst vor wenigen Wochen hat die BLE das Hamburger Unternehmen auch auf die EUTR hin überprüft. Aus Firmenkreisen heißt es, man rechne damit, die Prüfung glatt zu bestehen.

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