Recycling von Jets Die Flugzeug-Fledderer kommen

Die Industrie hat ausrangierte Flugzeuge als Rohstoffquelle entdeckt - sie stecken voller Aluminium, Titan und Kupfer. Allerdings rosten die ausgemusterten Maschinen meist in Schwellenländern vor sich hin. Ein deutsches Konsortium will jetzt helfen, die fliegenden Schätze zu bergen.

DPA/Keske

Von Daniela Schröder


Braunschweig - Wie ein Aasgeier hackt ein Bagger in den Rumpf des rot-weißen Fliegers. Erst trennt er das Heck ab und zerkleinert es, dann zerstört er die Flügel. Schließlich zerrupft er das Cockpit. Es dauert nur zwei bis drei Tage, dann ist von der Boeing 737-300 lediglich ein Haufen Schrott übrig. Daraus wiederum gewinnen Spezialisten innerhalb weniger Wochen etliche Tonnen wertvolle Rohstoffe: Aluminium, Stahl, Titan, Kupfer.

Das Braunschweiger Entsorgungsunternehmen Keske ist in das Geschäft mit dem Recycling alter Flugzeuge eingestiegen. So ließ Keske in Malaysia zwei ausrangierte Boeing 737 demontieren und brachte die Teile per Schiffscontainer nach Deutschland. Hier bereitete eine Recyclingfirma den Schrott fachgerecht auf.

In Deutschland ist es ein neues Geschäftsfeld, abgewrackte Flugzeuge als Ressourcenquelle zu nutzen. Unternehmen in den USA und in Frankreich hingegen schlachten bereits seit einigen Jahren alte Jets aus. Meist arbeiten sie am Rande riesiger Flugzeug-Friedhöfe wie in der amerikanischen Mojave-Wüste. Im Fokus der Abwrackfirmen standen bisher vor allem hochwertige Baukomponenten: Leistungsfähige Turbinen, Fahrwerke und Cockpit-Elektronik bringen auch als Zweite-Hand-Ware noch mehrere Millionen Euro ein. Und für viele ältere Flugzeuge sind Ersatzteile rar. Doch zunehmend geht es den Jet-Fledderern auch um die in den Maschinen verbauten Rohstoffe.

Ein mobiles Einsatzkommando soll die Wracks bergen

Gemeinsam mit anderen Mittelständlern aus der Logistik- und Recyclingbranche sowie mit Forschern der Technischen Universität Clausthal will Keske den Markt für Flugzeugrecycling erschließen. Die Beteiligten haben sich im Projekt "More Aero" zusammengeschlossen.

Allerdings stehen die Partner vor einem logistischen Problem: Stillgelegte Flieger parken nicht in Europa, sondern vor allem in Afrika, Südamerika und Asien. Denn ältere Flugzeuge werden oft in Schwellen- und Entwicklungsländer verkauft - dort gibt es meist niedrigere Sicherheitsstandards. Sind die Maschinen dann endgültig nicht mehr zu gebrauchen, rotten sie am Rande irgendeiner Landebahn vor sich hin.

Der Plan der deutschen Recycling-Pioniere: Anstatt ausgemusterte Maschinen für viel Geld nach Deutschland zu fliegen und hier auseinander zu nehmen, wollen sie die Flugzeuge in den jeweiligen Ländern fachgerecht zerlegen und den Schrott anschließend günstig nach Deutschland verschiffen.

Keske entwickelt das entsprechende System dafür. "Eine Art mobiles Einsatzkommando", nennt es Unternehmenschef Marc Keske. Dazu gehören Schrottscheren und Spezialwerkzeuge, außerdem die nötige Technik zum Absaugen von Öl, Gas und Kerosin. Per Schiffstransport soll die Recyclingeinheit innerhalb eines Monats überall in der Welt einsatzbereit sein. Zwei bis drei Experten von Keske sollen mitreisen. Vor Ort will die Firma dann Hilfsarbeiter anheuern und Standardmaschinen wie etwa Bagger anmieten. Innerhalb weniger Tage soll so ein Team ein Flugzeug demontieren, trocken legen und in Tausende Teile zerhäckseln. Anfang 2013 will Keske die mobile Zerreißeinheit einsatzbereit haben.

Tausende Flieger stehen in den nächsten Jahren zum Verschrotten bereit

Genau zum richtigen Zeitpunkt, denn das Wiederverwerten von Flugzeugen dürfte in den kommenden Jahren lukrativ werden. Airbus und Boeing gehen davon aus, dass bis 2028 zwischen 6500 und 8500 ihrer Maschinen aus dem Verkehr gezogen werden - pro Jahr wären das bis zu 450 ausgemusterte Flieger. Gezählt werden dabei nur große Passagiermaschinen mit mehr als hundert Sitzen. Regionaljets, Sport- und Militärflieger kommen noch hinzu. Der US-Branchenverband Aircraft Fleet Recycling Association (Afra) rechnet mit weltweit mehr als 12.000 Flugzeugen, die in den kommenden zwei Jahrzehnten zur Ausmusterung anstehen.

Kein Wunder, denn rund drei Jahrzehnte nach dem Beginn des Massenverkehrs in der Luft ist die Technik der alten Maschinen oft überholt, der Pflegeaufwand rechnet sich nicht mehr und der Kerosinverbrauch ist zu hoch. Zudem setzen die Flugzeugbauer zunehmend auf neue, leichte Hightech-Materialien wie kohlenstofffaserverstärkte Kunststoffe (CFK).

Als Airbus vor einigen Jahren in einem Versuchsprojekt einen ausgemusterten A300 zerlegte, holten Spezialisten gut 60 Tonnen Wertstoffe aus dem Jet. Darunter 46 Tonnen Aluminium sowie etliche Tonnen Stahl, Titan, Kupfer und hochwertige Kunststoffe. Die Recyclingrate lag damals bei 85 Prozent.

Die Partner von "More Aero" wollen die Quote noch weiter steigern. Knackpunkt ist das Trennen der Stoffe. Vor allem als Legierungen verbaute Metalle lassen sich bisher nicht oder nur sehr aufwendig voneinander lösen. Experten der TU Clausthal entwickeln daher neue Verfahren, mit denen sich Flugzeugschrott effizient in sortenreine Industrierohstoffe verwandeln lässt.

Schrottwert eines Großfliegers bei gut 100.000 Euro

Keske beziffert den Schrottwert eines Großfliegers aktuell auf gut 100.000 Euro. Allerdings schwankt dieser Wert mit den Rohstoffpreisen. "Auf lange Sicht wird die Nachfrage nach Metallen jedoch hoch bleiben", sagt Hubertus Bardt, Rohstoff-Experte des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Der Preis für Aluminium - Hauptmaterial in Flugzeugen - sei ohnehin stabil.

Die Verwertung der Flugzeugwracks vor Ort sei nur ein erster Schritt, sagt Jürgen Glaser von der Süderelbe AG, einem regionaler Verbund aus Privatwirtschaft und öffentlicher Hand, der das Recyclingprojekt koordiniert. Eines Tages könnten betagte Flieger in Cuxhaven landen, sagt Glaser. Dort gibt es einen ehemaligen Militärflughafen sowie Bauflächen für Recyclingunternehmen.

Auch auf neue Flugzeugmaterialien haben sich Firmen in Norddeutschland eingestellt: Europas erste industrielle Recyclinganlage für den Leichtbaukunststoff CFK läuft in Stade. Denn eines Tages, soviel ist sicher, werden auch die heute so modernen Kohlenstoff-Flieger zum alten Eisen zählen.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
dailynausea.com 24.09.2012
1.
Keske: "Unsere Bagger fressen die Flugzeuge wie Kekse!"
rmpring 24.09.2012
2.
Sie beschreiben, dass die Flugzeuge aus aluminium, Titan und Kupfer sind und, dass sie sich vor sich hin rosten. Keine von den o.a. Materialen rosten, höchsten korrodieren. Bitte Sachgrecht berichten.
Stelzi 24.09.2012
3. Tja
Wer hätte das gedacht...? Man kann also nicht nur Blechdosen recyclen!
acusticusneurinom 24.09.2012
4. AMARC - nichts Neues..
in den USA eine Touristenattraktion: "Der Flugzeugfriedhof" - Aerospace Maintenance and Recovery Center (AMARC) - Seite 1 von 1 (http://www.robert-stetter.de/Amarc/amarc1_d.html) Ein riesiges Ersatzteil- und Rohstofflager - Platin, Kupfer..... .
Hajojunge 24.09.2012
5. Flugzeuge rosten nicht vor sich hin
Leichtmetall korrodiert allenfalls. Selbst die stahlhaltigen Legierungen für Baugruppen wie Fahrwerk, Turbinen etc. sind von Hause aus wenig korrosionsanfällig, denn die sollen ja unter den ständig wechselnden Belastungen (feuchte Tropenhitze bis -70° in der Stratosphäre) zuverlässig funktionieren.
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