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Deutsche Waren überschwemmen Europa

»Made in Germany« ist gefragt wie nie in Europa. Immer höher türmen sich die Ausfuhr-Überschüsse auf, die Deutschlands Industrie im Geschäft mit Europa herausschlägt. Die EG-Nachbarn verfolgen das exportwütige Treiben der Wirtschaftsvormacht Bundesrepublik mit wachsendem Verdruß. In Brüssel hat es jetzt Kritik gehagelt.
aus DER SPIEGEL 29/1989

Schon vor der Fahrt nach Brüssel am vergangenen Montag wußten Hans Tietmeyer, Staatssekretär im Bonner Finanzministerium, und sein Kollege Otto Schlecht vom Wirtschaftsressort, daß ihnen in der EG-Hauptstadt einige schwere Stunden bevorstehen würden. Im Ministerrat der EG sollte über Währungen und Warenhandel geredet werden, ein ungemütliches Thema für die Abgesandten aus Bonn.

Die schlimmen Befürchtungen bestätigten sich sogleich nach Beginn des Treffens im Brüsseler EG-Zentrum Charlemagne.

Der Däne Henning Christopherson, Vizepräsident der Brüsseler Kommission, trug vor: Nur drei Jahre vor Vollendung des Gemeinsamen Markts gebe es wenig wirtschaftliche Harmonie in Europa. Im Gegenteil, nie dagewesene Spannungen herrschten derzeit zwischen den einzelnen Volkswirtschaften des alten Kontinents.

Der Hauptübeltäter war, wie von den Bonnern erwartet, schnell ausgemacht. Die Deutschen seien die Störenfriede, die mit ihren Produkten Europa überschwemmten und Handelsbilanzüberschüsse aufhäuften, während andere Mitglieder der Gemeinschaft in roten Zahlen versänken.

Schlecht und Tietmeyer konnten die Tatsachen nicht bestreiten. Die Bundesrepublik, mit einem Anteil von 11,4 Prozent an den Welt-Ausfuhren vor den USA Exportweltmeister, pumpt vor allem ihre europäischen Nachbarn mit Waren »Made in Germany« voll.

Über 70 Prozent der deutschen Ausfuhren landen in Europa. Im vorigen Jahr nahmen die Lieferungen in die Länder der Gemeinschaft um 10,9 Prozent zu, der Außenhandelsüberschuß mit den Partnern schnellte von 62,3 (1987) auf 80,8 Milliarden Mark hoch. Der Trend, so trug Christopherson in Brüssel vor, sei ungebrochen, von Monat zu Monat würden neue Rekordmarken erreicht.

Im ersten Quartal dieses Jahres stiegen die bundesdeutschen Exporte in die EG im Vergleich zum Vorjahr um 22 Prozent. Bei Ländern wie Spanien, Griechenland und Portugal waren sogar bis zu 40prozentige Zuwächse zu verzeichnen.

Ein Abflauen der deutschen Exportwut ist nicht zu erkennen. »Die Überschüsse in der Handels- und Leistungsbilanz dürften sich 1989 gegenüber 1988 erneut ausweiten«, schrieben Schlechts Fachleute lapidar in die Vorbereitungspapiere.

Das vergangene Jahr bescherte bereits einen Rekord: Die Deutschen verkauften Waren im Wert von 128 Milliarden Mark mehr im Ausland, als sie selber dort kauften. Bei fast allen Industrieländern sind die Deutschen im Plus; negativ ist nur die Handelsbilanz mit Japan (siehe Graphik).

Selbst nach Abzug der beträchtlichen Ausgaben für Auslandsreisen und andere Zahlungen blieben 85 Milliarden Mark Überschuß in der bundesdeutschen Leistungsbilanz. Gut vier Prozent des Bruttosozialprodukts, über 90 Milliarden Mark, so sagte Schlecht im Kreis der Wirtschafts- und Finanzminister in Brüssel voraus, würden es dieses Jahr wohl werden.

Das Geschäft über die Grenze ist - wie schon so oft - zur wichtigsten Stütze der heimischen Konjunktur geworden. »Geradezu eine Flut von Auslandsaufträgen« überschwemme Deutschlands Unternehmen, schrieben selbst die sonst zurückhaltend formulierenden Ökonomen der Deutschen Bundesbank.

Die deutschen Überschüsse, die hierzulande für Wachstumsprozente, Gewinne und Beschäftigung sorgen, bringen die Nachbarn ins Defizit. Je mehr dort die Handelsbilanzen in Schieflage geraten, desto mehr wächst die Verärgerung über die wirtschaftliche Vormacht der Bundesrepublik in Europa.

Die Deutschen, heißt es in den anderen Hauptstädten, scherten sich nicht um die Außenhandelsnöte der anderen. Stur und selbstsüchtig wie die Japaner, die unbeirrt von allen Protesten die Weltmärkte überrollen, würden auch die Deutschen ihren Geschäften nachgehen.

Schlecht und Tietmeyer versuchten vergangene Woche in Brüssel, die unschöne Entwicklung als eine Verkettung von Sonderfaktoren zu erklären.

Die Konjunktur in mindestens drei Ländern der Gemeinschaft - in Italien, Spanien und Frankreich - sei überhitzt. Die Industrie könne die Kundschaft nicht mehr ausreichend bedienen. Da sei es nur gut, wenn die Deutschen mit ihren Produkten einsprängen. Andernfalls würden die Preise in diesen Ländern nach oben schießen.

Da ist sicher etwas dran. Doch konjunkturelle Besonderheiten erklären keineswegs allein die deutschen Exporterfolge. Die Deutschen verkaufen nicht zuletzt deswegen so gut in Europa, weil der Kontinent gegenwärtig industriell aufrüstet.

Überall wird viel investiert, vor allem im Hinblick auf die härtere Konkurrenz im vereinten Markt ab 1993. Und bei Investitionsgütern, vor allem Maschinen, sind die Deutschen führend.

Schlecht und Tietmeyer gaben sich redlich Mühe, die Investitionsgüter-Exporte der Landsleute schönzureden. Deutsche Maschinen, so ihre Verteidigung, würden den Südländern helfen, innerhalb der Gemeinschaft den Anschluß zu finden. Schlecht: »Da läuft eine Bugwelle in Richtung Binnenmarkt '92.«

Im übrigen versuchten die beiden, die Kollegen aus den europäischen Partnerländern mit allerlei Zahlen-Akrobatik zu beruhigen. Das Plus im Handel mit Großbritannien und den Niederlanden falle auch deswegen so gewaltig aus, hieß es beispielsweise, weil die Preise für Gas und Öl aus diesen beiden Ländern gesunken seien. Tatsächlich zahlten die Deutschen 1987 noch 5,2 Milliarden Mark für Öl an die Briten, im Vorjahr waren es nur noch 4,2 Milliarden Mark.

Die Erklärungen, mehr oder weniger plausibel, konnten die Defizit-Kollegen nicht so recht beruhigen. Schon gar nicht wollten sie sich mit dem schlichten Hinweis abfinden, ihre eigenen Konsumenten und Unternehmer seien offenbar so erpicht auf die guten deutschen Produkte, daß Schieflagen unvermeidlich seien.

Murrend wiesen die anderen elf die Deutschen auf deren Sünden hin: etwa auf Schutz und Subventionen für Kohle und Schiffbau.

Diese Protektionismus-Einwände abzuschmettern fiel Schlecht und Tietmeyer nicht schwer. Freier Kohlehandel käme nicht einem Land wie Spanien zugute, das nur wenig Kohle habe, sondern Australien oder den USA. Die mittlerweile ziemlich bedeutungslose Branche Schiffbau trage kaum zum Handels-Ungleichgewicht bei.

Die Deutschen könnten versuchen, auch das diskutierte die Runde, ihre heimische Nachfrage anzutreiben, und so dafür sorgen, daß weit mehr Waren der Partner in Deutschland verkauft werden. Doch das, so sahen alle ein, würde die heißlaufende Konjunktur in der Bundesrepublik überfordern und die Preise treiben. Mit Steuererleichterungen im nächsten Jahr, so Tietmeyer, gebe Bonn der Nachfrage ohnehin einen neuen Schub.

Blieb nur noch das andere klassische Lehrbuch-Rezept der Ökonomen, mit solchen Ungleichgewichten fertig zu werden: Der Wert der Währungen könnte gegeneinander verschoben werden, durch neue Wechselkurse würden deutsche Exporte verteuert. Vertraulich, zum erstenmal ohne das Heer von Beamten, diskutierten Minister und Staatssekretäre auch diese Möglichkeit.

Zweifellos haben sich die Wechselkurse in die falsche Richtung bewegt: Gegenüber den Währungen der 14 wichtigsten Handelspartner hat die Mark im vorigen Jahr um fünf Prozent an Wert eingebüßt, entsprechend preiswerter wurden deutsche Exporte.

Doch auch diese Debatte führte nicht weiter. Die Defizit-Länder zeigten wenig Neigung, ihre Währungen jetzt oder in naher Zukunft gegenüber der Mark abzuwerten. Vor allem die Franzosen verfolgen eisern ihr Ziel, den Franc stabil zu halten. Nicht nur aus Prestigegründen: Abwertung, argumentieren sie, würde die Importe verteuern und die Inflation anheizen.

Die Runde war sich aber auch einig, daß die derzeitigen Ungleichgewichte den Weg zur angestrebten Währungsunion und zur Vereinigung der Märkte erschweren werden. Spätestens wenn die Währungen Europas noch enger zusammengebunden werden, auf der ersten Stufe der geplanten Währungsunion, muß die Gemeinschaft die Paritäten neu ordnen.

Nach einigen Stunden verabschiedeten sich die Diskussionsteilnehmer ratlos und ohne Ergebnis. Nichts war aus dem Auftrag des Madrider EG-Gipfels geworden, die ökonomische Entwicklung der EG »multilateral zu überwachen« und darauf zu achten, daß die Volkswirtschaften der zwölf nicht weiter auseinanderdriften.

Die Debatte in Brüssel hat allenfalls bestätigt, daß Europa gegenwärtig nichts gegen die exportwütigen Deutschen ausrichten kann: Drastische Währungsschnitte sind nicht gewollt, die Abschottung der eigenen Märkte auf dem Weg zum Gemeinsamen Markt ist nicht möglich. #

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