Deutscher Geschäftsmann im Irak "Man darf sich nicht wegducken"

Der Berliner Personalberater Arndt Fritsche, 38, betreibt im Irak ein Wiederaufbauprogramm und ist regelmäßig in Bagdad unterwegs. Im Gespräch mit dem SPIEGEL erklärte er, wie er sich bei seinen Reisen schützt - und warum er sich wissentlich in Gefahr begibt.


SPIEGEL:

Herr Fritsche, Sie reisen regelmäßig nach Bagdad, zuletzt waren Sie in der vergangenen Woche dort, und Sie planen schon den nächsten Besuch in der irakischen Hauptstadt. Haben Sie keine Angst, entführt zu werden?

Fritsche: So, wie ich mit meinen Begleitern im Irak unterwegs bin, ist es ein kontrolliertes Risiko. Wir bewegen uns ausschließlich "high profile", also mit sichtbar professionellem Schutz. Das ist sehr aufwendig und kostet viel Geld, muss aber sein. Unsere Bagdad-Besuche planen wir nach dem "In and out"-Prinzip – maximal drei Tage Aufenthalt.

Fritsche mit dem irakischen Arbeitsminister Idris Hadi Saleh: "Positionierung Deutschlands gerade jetzt ist sehr wichtig"
www.rebuild-iraq-recruiting.com

Fritsche mit dem irakischen Arbeitsminister Idris Hadi Saleh: "Positionierung Deutschlands gerade jetzt ist sehr wichtig"

Nur die deutsche Botschaft kennt unsere Agenda, und die Termine vor Ort werden absichtlich mehrmals verschoben oder sehr kurzfristig vereinbart. Bei Autofahrten durch die Stadt sind wir mit einer Eskorte unterwegs: Vorne sondiert ein "Scout"-Fahrzeug die Lage, hinten hält uns ein "Gunship"-Fahrzeug, aus dessen offener Heckscheibe ein fest installiertes Maschinengewehr ragt, den Rücken frei.

SPIEGEL: Die Bundesregierung warnt dringend vor Reisen in den Irak. Warum halten Sie sich nicht daran?

Fritsche: Um der Sache willen geht es ohne persönliche Besuche nicht. Deutsche Unternehmen haben bereits in den siebziger und achtziger Jahren und im späteren "Oil for Food"-Programm der Uno eine Vielzahl von Projekten in den Bereichen Infrastruktur, Wasser und Abwasser, Telekommunikation und Kraftwerksbau gemeistert. Deshalb sind sie auch beim Wiederaufbau wichtige und gern gesehene Partner.

Vorhaben, die von deutschen und europäischen Unternehmen gesteuert und durchgeführt werden, tragen inzwischen einen nicht unwesentlichen Teil zum Wiederaufbau des Iraks bei. Wenn Politiker jetzt pauschal fordern, es dürfe kein einziger Deutscher sich mehr geschäftlich im Irak aufhalten, dann ist das wirklich Quatsch. Gerade in schwierigen Zeiten muss man zeigen, dass man da ist, man darf sich nicht wegducken. Es geht um hochdotierte Aufträge, davon hängen jede Menge Arbeitsplätze der deutschen Exportwirtschaft ab. Ich möchte allerdings nochmals betonen, dass auf die Einhaltung strenger Sicherheitsvorkehrungen nicht verzichtet werden darf.

SPIEGEL: Sie leiten das "Rebuild Iraq Recruiting Program" (RIRP), das Ende 2004 ins Leben gerufen wurde. Es handelt sich um eine Art Jobbörse für westliche Firmen, die irakische Arbeitskräfte suchen. Wie groß ist der Bedarf?

Fritsche: Riesig. Zurzeit sind etwa 17.000 irakische Fach- und Führungskräfte aus allen Berufsbereichen im RIRP registriert. Darüber hinaus stehen durch unsere Kooperation mit der Regierung in Bagdad weitere 40.000 Ingenieure zur Verfügung. Das RIRP dient als Chance für deutsche Unternehmen, Zugang zum irakischen Markt zu erlangen – und dies, ohne eigene Mitarbeiter entsenden zu müssen.   

SPIEGEL: Wie funktioniert das Programm in der Praxis?

Fritsche: Auf unserem Online-Portal können sich einerseits Firmen registrieren, die im Irak Einheimische beschäftigen wollen. Andererseits können sich irakische Fach- und Führungskräfte mit Lebenslauf, Zeugnissen und weiteren persönlichen Daten anmelden. Im ersten Schritt sucht ein Computerprogramm nach den passenden Bewerbern für die offenen Stellen. Wenn es im zweiten Schritt um die Überprüfung der Qualifikationen und das Assessment der Kandidaten geht, kommen unsere Mitarbeiter in Berlin und Bagdad ins Spiel. Die folgenden Interviews werden in Amman, Kuwait oder Arbil durchgeführt. Finanziert wird das RIRP durch die Unternehmen, die für ihre Eintragungen eine Gebühr bezahlen müssen.

SPIEGEL: Welche Unternehmen sind das?

Fritsche: Namen möchte ich aus Sicherheitsgründen nicht nennen, denn die Unternehmen legen gerade in der jetzigen Situation keinen Wert auf Öffentlichkeit. Zu unseren institutionellen Partnern gehören unter anderem die "German Industry and Commerce" in Amman, eine Tochter der Deutsch-Arabischen Handelskammer, und das "United Nations Development Program".

Außerdem haben wir Verträge mit drei irakischen Ministerien, für Inneres, für Arbeit und Soziales und für Hochschulen. Das Innenministerium zum Beispiel hilft uns sehr dabei, die Kandidaten auf ihren politischen Hintergrund zu überprüfen. Schließlich wollen wir keine eingefleischten Baathisten oder Aufständische vermitteln. Ich bin stolz darauf, dass kein anderes Aufbauprojekt so gut mit privaten und staatlichen Stellen vernetzt ist wie das RIRP.

SPIEGEL: Lohnt sich der ganze Aufwand?

Fritsche: Auf jeden Fall, und das ist erst der Anfang. Gerade die jüngsten Ereignisse beweisen jedoch auf eindringliche Weise, wie wichtig es ist, vor Ort auf einheimische Fach- und Führungskräfte zurückzugreifen, die Neugeschäft generieren sowie laufende Projekte überwachen und durchführen.

Es gibt viel Geld und viele Projekte, die noch zu vergeben sind. Die deutsche und europäische Industrie kann im Augenblick praktisch alles verkaufen. Die Haltung der Iraker ist, dass sie denen, die in schwierigen Zeiten kommen und helfen, dieses nie vergessen werden. Die wirtschaftliche und politische Positionierung Deutschlands gerade jetzt ist sehr wichtig für den Wiederaufbau des neuen freien Iraks. Das ist kein Afghanistan, die Leute sind brillant ausgebildet und schätzen die Deutschen sehr.

Das Interview führte Dietmar Pieper



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