Deutscher Krankenstand Der psychische Druck nimmt zu

Noch nie haben sich die Deutschen so selten krank gemeldet wie im vergangenen Jahr. Die Statistik belegt nur auf den ersten Blick einen Erfolg - der drastische Anstieg der psychisch bedingten Krankheiten lässt erkennen, dass Mitarbeiter gewaltig unter Druck stehen.

Von


Berlin - Neulich in der Neuen Nationalgalerie in Berlin: Ein Mitarbeiter des Hauses bittet seine Sekretärin, einen Rundbrief an die Förderer des Hauses zu verschicken. Der Kontakt zu den Mäzenen ist enorm wichtig, weil das Museum von Zuwendungen abhängig ist. Trotzdem verspürt die Sekretärin nicht die geringste Lust, die Aufgabe zu erledigen. "Wenn in das jetzt machen soll, bin ich ab morgen für sechs Wochen krank", droht sie. Der Vorgesetzte gibt ihr trotzdem die Anweisung, die Arbeit zu erledigen. Die Sekretärin schickt am nächsten Tag das angekündigte ärztliche Attest.

Anekdoten über derart unverfrorene Arbeitsverweigerung erzählen Manager gerne, wenn sie am Stammtisch über den Krankenstand in ihren Betrieben reden - wer sich krank meldet, setzt sich schnell dem Verdacht aus, sich eine kleine Arbeitspause gönnen zu wollen.

Müllentsorger: Hoher Krankenstand
DDP

Müllentsorger: Hoher Krankenstand

Doch ähnlich wie das Beispiel des Sozialhilfe-Empfängers, der als Florida-Rolf Berühmtheit erlangte, kann man solche Beispiele als Einzelfälle abheften. Insgesamt jedenfalls haben die Unternehmen kaum noch Anlass, sich über nennenswerte Arbeitsausfälle durch Krankmeldungen zu beklagen. Denn die Deutschen melden sich so selten krank wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Im vergangenen Jahr erreichte der Krankenstand mit durchschnittlich 12,7 Fehltagen pro Arbeitnehmer ein Rekordtief, wie der Bundesverband der Betriebskrankenkassen heute erklärte. Der BKK-Bundesverband erfasst und analysiert die Befunde von 6,9 Millionen Sozialversicherungspflichtigen und damit jedes vierten Beschäftigten in Deutschland. Die Daten gelten als repräsentativ für die Bundesrepublik.

Im vergangenen Jahr waren nach den Verbandsangaben 44 Prozent der Beschäftigten sogar keinen einzigen Tag krankgeschrieben. Weitere 22 Prozent fielen insgesamt für maximal eine Woche aus - und das trotz der Grippewelle im Februar und März 2005.

Die Fehlzeiten sind je nach Branche sehr unterschiedlich. Die geringste Quote verzeichneten Banken und Versicherungen mit durchschnittlich 9,8 Ausfalltagen, die Abfallentsorger mussten dagegen im durchschnitt 19,7 Tage auf ihre Mitarbeiter verzichten. Grund dafür seien Rückenschmerzen und andere Krankheiten bei Muskel- und Knochenkrankheiten, die häufig diejenigen außer Gefecht setzten, die harter körperlicher Arbeit nachgingen, heißt es dazu in der BKK-Studie.

Auf Muskel- und Skeletterkrankungen entfallen nach Angaben der BKK 26 Prozent aller Krankentage der Beschäftigten. In der Rangliste folgten Atemwegserkrankungen (18 Prozent), Verletzungen (15 Prozent) und psychische Erkrankungen (neun Prozent).

Streit um die Ursachen des Rückgangs

Besonderes Augenmerk richten die BKK-Experten auf die psychischen Krankheiten, die entgegen dem Trend einen deutlichen Zuwachs verzeichnen. Ihr Anteil hat sich seit 1990 mehr als verdoppelt. Die Zahlen belegen: Der allgemeine Druck auf den Einzelnen hat enorm zugenommen. Belastende Situationen am Arbeitsplatz, Arbeitslosigkeit und Armut sehen die Experten dafür ebenso als Ursachen an wie Vereinsamung und Schicksalsschläge im familiären Umfeld.

Grafik: Entwicklung der Krankmeldungen
DDP

Grafik: Entwicklung der Krankmeldungen

Die Frage nach der Ursache für den Rückgang der Fehlzeiten beantworten die Fachleute unterschiedlich. So verweist etwa der Sozialexperte des unternehmernahen Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, Jochen Pimpertz, auf den verbesserten Arbeitsschutz am Arbeitsplatz. "Das Bewusstsein hierfür ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen". Als Beleg dafür führt er den erheblichen Rückgang der Arbeitsunfälle an. Die Statistiker der BKK stellen dagegen die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes in den Mittelpunkt. Arbeitnehmer würden häufig selbst dann noch zur Arbeit gehen, wenn sie eigentlich ins Bett gehörten, erklärt Studienleiterin Erika Zoike.

Einig sind sich beide Seiten darin, dass der Rückgang des Krankenstandes kaum auf eine Einzelursache zurückgeführt werden kann. Gesamtgesellschaftliche Entwicklungen spielten dabei eine große Rolle. Einer der wichtigsten Faktoren stelle die Veränderung der Arbeitswelt dar. So gebe es viel weniger gewerbliche Arbeitnehmer mit starken körperlichen Belastungen als Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre. Zudem arbeiteten in deutschen Betrieben überwiegend junge Belegschaften, weil in den vergangenen Jahren viele Ältere in den Vorruhestand gegangen seien.

Insgesamt, so das Resümee der Experten, eigne sich das Thema nicht für plakative "Blaumacher"-Diskussionen. Als Beleg dafür führen sie die Daten für Kurzzeiterkrankungen montags und freitags an. Diese Kurzzeitfälle, erklärt Zoike, machten hochgerechnet lediglich fünf Prozent der gesamten Krankmeldungen aus und fielen deshalb kaum ins Gewicht.

Auch Pimpertz bezeichnet den "blauen Montag" als schlichte Legende, die statistisch nicht nachzuweisen sei. "Im Gegenteil häufen sich die Krankmeldungen in der Wochenmitte", sagt er. Das lasse darauf schließen, dass viele zu Anfang der Woche zur Arbeit gingen, obwohl sie sich schlecht fühlten.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.