Henrik Müller

Deutschland in der Strukturkrise Die Leiden der Industrie

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Die deutsche Wirtschaft ist aufs Produzieren materieller Güter fixiert. Doch dieses Modell trägt nicht mehr. Der Umbruch könnte dramatische Folgen haben.
In einer Firma für Maschinenbau: Industrielle Wertschöpfung macht nach wie vor ein Fünftel der Wirtschaftsleistung in Deutschland aus

In einer Firma für Maschinenbau: Industrielle Wertschöpfung macht nach wie vor ein Fünftel der Wirtschaftsleistung in Deutschland aus

Foto: Hannibal Hanschke / REUTERS

Wenn Länder so etwas wie ein Geschäftsmodell haben, dann sieht das deutsche so aus: Produzieren von Industriegütern, die dann in alle Welt exportiert werden. Dieser Ansatz hat erstaunlich lange sehr gut funktioniert. Doch nun trägt er nicht mehr. Die Folgen dieses Umbruchs könnten ziemlich dramatisch werden.

Vordergründig geht es um 7,5 Millionen Beschäftigte und einen jährlichen Umsatz von 2,2 Billionen Euro . Tatsächlich aber geht es um mehr: um den produktiven Kern der deutschen Wirtschaft - und das Selbstverständnis einer Gesellschaft, die sich selbst nach wie vor als "Industrienation" begreift.

Wie bisher geht es jedenfalls nicht weiter. Das weiß auch die Industrie selbst. "Forward to the New" hat der Dachverband BDI seinen alljährlichen "Tag der Industrie" überschrieben (ab Montag). Fundamentale Fragen stehen auf dem Programm : "Muss sich der Standort Deutschland neu erfinden?" Die grimme Gegenwart verlangt nach kühnen Zukunftsentwürfen.

Verspäteter Strukturwandel

Die Bundesrepublik, so sieht es so aus, steckt in einem verspäteten Strukturwandel, den andere Länder längst hinter sich haben. Auto, Maschinenbau (Montag gibt’s neue Zahlen), Chemie – das sind immer noch die Säulen der deutschen Wirtschaft, die auch den größten Teil zum stattlichen deutschen Exportüberschuss beitragen (neue Zahlen am Donnerstag).

Insgesamt macht die industrielle Wertschöpfung nach wie vor ein Fünftel der Wirtschaftsleistung aus, in etwa so viel wie vor 25 Jahren. Nur in wenigen anderen wohlhabenden Volkswirtschaften hat die Fertigung von physischen Produkten heute noch ein so großes Gewicht.

In den meisten vergleichbaren Ländern ist die Bedeutung der Industrie stark gesunken: Frankreich, Schweden, Niederlande, Belgien, die USA, Großbritannien - in all diesen Ländern ist der Anteil der Fertigung kontinuierlich zurückgegangen . International gesehen ist Deutschland eine rare Ausnahme. Unter den G7-Ländern hat einzig Japan eine ähnlich produktionslastige Wirtschaftsstruktur - nicht gerade ein Vorbild.

Nun ist die Industrie auf Schrumpfkurs. Bereits seit zwei Jahren geht das so, wenn auch bis zur Corona-Krise in gebremstem Tempo. Umsätze und Produktionsvolumina sanken ganz allmählich, dann erst stürzten sie im Zuge der Pandemie  ab. Mit Stellenstreichungen und Kündigungen hielten sich die Unternehmen lange zurück. Die Industrie mochte seit 2018 in einer weltweiten Branchenrezession stecken, aber es blieb die Hoffnung auf einen baldigen Aufschwung und ein Wiederstrahlen in neuem Glanz.

Nun wird klar: Die Corona-Pandemie hat nicht nur den vorübergehenden Konjunktureinbruch verschärft, sondern eine dahinter lauernde Strukturkrise offengelegt.

Brücken ins Nirgendwo

Es geht Schlag auf Schlag. Pläne zum Jobabbau der großen Konzerne durchziehen die Nachrichten, vom Chemieriesen BASF bis zum Autozulieferer ZF. In deren Schatten schrumpft auch der industrielle Mittelstand, Tausende Unternehmen von enormer Bedeutung für ihre jeweilige Region. Bereits in den ersten sieben Monaten dieses Jahres sank die Zahl der Industriebeschäftigten  um rund vier Prozent.

Mehr als 200.000 Produktionsjobs dürften dieses und nächstes Jahr wegfallen, schätzt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) . Das klingt nach einer recht optimistischen Prognose. Die IG Metall rechnete bereits im Sommer damit, dass allein in der Metall- und Elektroindustrie 300.000 Jobs in Gefahr seien.

Angesicht der verschärften Sparpläne in vielen Unternehmen könnte die Zahl deutlich höher ausfallen. Schließlich beziehen derzeit noch Millionen Beschäftigte Kurzarbeitergeld; die Insolvenzpflicht bleibt bis zum Jahresende ausgesetzt. Wie viele Arbeitsplätze tatsächlich keine Zukunft mehr haben, lässt sich unter diesen Bedingungen schwer abschätzen. Die Brücke über den Abgrund der Rezession, die die Bundesregierung bauen will, könnte für viele Firmen und ihre Beschäftigten ins Nirgendwo führen.

Während sich die allmähliche konjunkturelle Erholung der deutschen Wirtschaft insgesamt fortsetzen dürfte, stehen der Industrie schwierige Jahre bevor.

Nach der spätindustriellen Gegenwart

Der Wandel weg von der Industrie hat insbesondere vier Treiber:

  • Schwellenländer: Im vergangenen Jahrzehnt profitierte die deutsche Industrie stark von der raschen Entwicklung in China und anderen Schwellenländern. Gerade technologieintensive Investitionsgüter waren gefragt. Doch inzwischen ist der Industrieboom dort vorbei, während Hersteller vor Ort technologisch aufgeholt haben. Gegenwind für die exportabhängige deutsche Industrie.

  • Protektionismus: Seit der Großen Rezession von 2008/09 versuchen viele Regierungen, heimische Produzenten zu schützen. Zunächst war es nur eine Strategie gezielter Nadelstiche, seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump 2017 ist die Lage eskaliert. Auch China verfolgt eine klar protektionistische Agenda, gegen die sich auch die EU wappnet. Für deutsche Exporteure bedeutet das ein fundamentales Unsicherheitsmoment. Global agierende Konzerne versuchen gegenzuhalten, indem sie auf wichtigen Absatzmärkten mehr vor Ort produzieren.

  • Technologie: Die Digitalisierung und der Übergang zur Klimaneutralität stellen traditionelle Stärken der deutschen Industrie infrage. Das betrifft insbesondere die Autoindustrie und ihre Zulieferer. Elektromobilität und perspektivisch wasserstoffbetriebene Brennstoffzellen wälzen angestammte Märkte um, ohne dass genau klar wäre, in welche Richtung es geht - und was die Kunden künftig wollen.

  • Dematerialisierung: Wohlstand wird zunehmend durch immaterielle Wirtschaftsgüter geschaffen, nicht mehr durch physische Produkte. Es geht um technologisches und organisatorisches Know-how, Design, Image, um die Verbindung von physischen und digitalen Gütern zu kompletten Produktökosystemen und dergleichen mehr. Beispiel iPhone: Die Wertschöpfung fällt zum großen Teil in Kalifornien an, auch wenn die Geräte in Asien produziert werden. Das Wirtschaftssystem wandle sich zunehmend zu einem "Kapitalismus ohne Kapital", so die britischen Ökonomen Jonathan Haskel und Stian Westlake. Deutschland ist für diese Ära nicht sonderlich gut aufgestellt; gerade bei den anderswo rasch wachsenden wissensintensiven Dienstleistungen gibt es in Deutschland wenig Dynamik, rechnete der Sachverständigenrat ("Fünf Weise") in seinem letzten Jahresgutachten  vor.

All das zeichnet sich seit Jahren ab. Doch in den zurückliegenden guten Zeiten übersahen Wirtschaft und Politik gern die lauernden Risiken - und erfreuten sich der spätindustriellen Gegenwart. Das rächt sich jetzt.

Der Sound der Neunziger

Nun also beginnt ein schmerzhafter Wandel. Und der birgt Risiken. Wenn hochqualifizierte Beschäftigte aus den Industriekonzernen herausgedrängt werden, dann stellt sich die Frage, an welchen Orten sie künftig hochproduktiv tätig sein können.

Die Lage erinnert an die Rezession von 1993. Damals gingen Deutschlands Industriekonzerne so rabiat beim Jobabbau vor, dass sie sich längerfristig selbst schadeten. Viele Tausend Ingenieure und Naturwissenschaftler verloren ihre Stellen. Wertvolles Wissen lag brach - oder ging verloren beim vorzeitigen Wechsel in den Ruhestand, anstatt es an anderer Stelle produktiv einzusetzen. Ein verheerendes Signal, auch an die damals junge Generation, die fortan mathematisch-naturwissenschaftlich-technische Studiengänge, eigentlich eine deutsche Stärke, mied. Es dauerte viele Jahre, bis die Studierendenzahlen wieder stiegen.

Sollte sich dieses Muster wiederholen, wäre das verheerend - gerade angesichts immer kleinerer Jahrgänge.

Auch die Wissenschaftslandschaft ist bedroht. Mehr als ein Drittel der Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) in Deutschland bringt die Autoindustrie auf. Ein weiteres Zehntel entfällt auf den Maschinenbau, wie aus Zahlen des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft  hervorgeht. Deutschlands F&E-Budget ist auf wenige Branchen konzentriert. Falls die auf die Idee kommen, ihre Zukunftsaufwendungen zusammenzustreichen, dann wird es umso schwieriger, das Wegbrechende durch Neues zu ersetzen.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

Berlin - Zukunftsvisionen - Der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) hat zum "Tag der deutschen Industrie" geladen (bis Dienstag). Die Gästeliste ist illuster: Merkel, von der Leyen, Vestager, Altmaier, Spahn, Söder, Baerbock, Lindner, Sewing (Deutsche Bank), Brudermüller (BASF), Spohr (Lufthansa), Faury (Airbus), Looney (BP) und andere.

Frankfurt - Deutsche Stärke, deutsche Schwäche - Neue Zahlen zu den Auftragseingängen in Deutschlands Vorzeigebranche Maschinenbau.

Luxemburg - Kräftiger Euro - Die Finanzminister der Euro-Staaten ("Eurogruppe") kommen zum monatlichen Treffen zusammen. Unter anderem auf der Agenda: der Außenwert des Euro, der in den vergangenen Monaten immer stärker wurde.

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