Deutschlands Handelspartner in der Krise Abnehmer dringend gesucht

Deutschlands Betriebe produzieren wieder - doch für wen? Haupthandelspartner wie die USA, Großbritannien und Italien stecken noch tief in der Krise. Zwei Hoffnungsträger kommen aus dem Osten.
Mercedes-Neuwagen in Bremerhaven (Archiv): Globalisierung hat sich verlangsamt

Mercedes-Neuwagen in Bremerhaven (Archiv): Globalisierung hat sich verlangsamt

Foto: FABIAN BIMMER/ REUTERS

Deutschlands Wirtschaft drückt den Knopf für den Neustart, jedenfalls jener Teil der Betriebe, die wegen der Coronakrise ihr Geschäft ganz oder teilweise einstellen mussten. Doch wie schnell sie sich vom Corona-Einbruch erholen wird, hängt nicht nur von der Lage in Deutschland ab. Kaum eine andere Volkswirtschaft ist so eng mit dem Ausland verflochten wie die deutsche, 47 Prozent der Wirtschaftsleistung entfallen auf den Export. Für Nachbar Frankreich etwa liegt dieser Wert bei 31 Prozent.

Die Krise hat das Tempo der Globalisierung - lange für Deutschland ein Segen – merklich gedrosselt, und zwar im Wortsinn: Die mit Waren vollgepackten großen Containerschiffe auf hoher See fahren langsamer, ein deutlicher Krisenindikator. Die Daten stammen aus Erhebungen des Analysehauses Capital Economics (mehr Indikatoren finden Sie hier ).

Die Exporterwartungen deutscher Firmen sind laut dem Ifo-Institut im April auf ein historisches Tief von minus 50,2 Punkten gefallen. Doch die Entwicklung des wichtigen Konjunkturindikators deutet auf eine schnellere Erholung der deutschen Ausfuhren als während der letzten Krise ab 2008 hin, im Mai nämlich lag der Indexwert "nur" noch bei minus 26,9.

Kehrt die Nachfrage nach deutschen Erzeugnissen in aller Welt schnell auf ein normales Niveau zurück? Die Frage ist so allgemein nicht zu beantworten, denn Deutschlands Stammkunden – die wichtigsten Exportzielländer –, unter denen sich mit den USA, Frankreich, Italien und Großbritannien viele der am stärksten von der Pandemie getroffenen Staaten finden, stecken tief in der Krise.

1. Vereinigte Staaten

Deutsche Exporte: 118,6 Milliarden Euro (2019)

Todesopfer durch Corona: 100.000

US-Fahnen auf Halbmast, zu Ehren der Covid-19-Opfer im Land

US-Fahnen auf Halbmast, zu Ehren der Covid-19-Opfer im Land

Foto: MICHAEL REYNOLDS/EPA-EFE/Shutterstock

Die US-Unternehmen können hoffen: Um seine Wahlchancen im Herbst zu erhöhen, dürfte Donald Trump jedes Mittel recht sein, die Wirtschaft in Gang zu bringen. Die deutschen Exporteure sollten allerdings nicht zu viel erwarten. Denn es ist anzunehmen, dass die US-Regierung ihren Kurs der Nationalisierung fortsetzen wird.

Daneben stehen Fabriken praktisch still, Dienstleister ohne Aufträge da - und auch den Händlern bleiben die Kunden weg: Schon im ersten Quartal war die Wirtschaftsleistung der USA bereits um 4,8 Prozent geschrumpft. Für den Dreimonatszeitraum ab April erwarten die Experten vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel (IfW) einen regelrechten Einbruch. "Die Entwicklung der Einzelhandelsumsätze und der Industrieproduktion legen einen zweistelligen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion nahe", schreibt IfW-Experte Philipp Hauber. 

Trotz der dramatischen Zahlen rechnet US-Notenbank-Direktor Jerome Powell damit, dass die US-Wirtschaft schon im Herbst wieder zu wachsen beginnen könnte. Bis das Niveau vor der Krise erreicht sei, werde es allerdings eine Weile dauern. Damit die US-Wirtschaft sich komplett erhole, sei es "vielleicht" nötig, dass es einen Impfstoff gegen den neuartigen Erreger gebe.

Für die deutschen Exporteure dürfte von besonderer Bedeutung sein, wie stark ihre US-Handelspartner im Einzelfall in Mitleidenschaft gezogen wurden. Hohe Schuldenstände könnten dazu führen, dass Investitionsvorhaben erst einmal zurückgestellt werden. Und der Verkauf deutscher Autos hängt davon ab, ob viele Amerikaner wie erhofft schon bald nach Beendigung der Corona-bedingten Restriktionen wieder einen Job finden.

2. Frankreich

Deutsche Exporte: 106,7 Milliarden Euro

Todesopfer durch Corona: 28.500

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron

Foto:

LUDOVIC MARIN/ AFP

Frankreich hat sich im Kampf gegen das Coronavirus ziemlich verausgabt. Die Wirtschaft dürfte danach nur langsam wieder in Gang kommen. Deutsche Exporteure werden Geduld aufbringen müssen.

Die drakonischen Maßnahmen der französischen Regierung zur Eindämmung der Corona-Pandemie haben den Betrieben extrem zugesetzt. Der Lockdown in den ersten zwei Wochen im März sorgte bereits für einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 5,8 Prozent gegenüber dem Quartal zuvor – weit mehr als der Euro-Durchschnitt (minus 3,8 Prozent) und immer noch mehr als das von Corona schwer getroffene Spanien (minus 5,2 Prozent) oder Italien (minus 4,7 Prozent).

Immerhin ist es gelungen, die Ausbreitung des Virus wirksam einzudämmen. Die ersten Maßnahmen konnten damit wieder gelockert werden. Konjunkturexperten schätzen, dass die französische Wirtschaft wie im übrigen Europa in der zweiten Jahreshälfte wieder anspringen wird.

Da der Tourismus im Land eine große Rolle spielt, wird der Erholungsprozess allerdings länger dauern als etwa in Deutschland. Zumal Paris mit Kurzarbeitergeld und Stützungszahlungen für Not leidende Unternehmen bereits viel Geld ausgegeben hat, das jetzt für Konjunktur belebende Maßnahmen fehlt. "Wenn man die optimistische These aufstellt, dass Frankreich von 2021 an jährlich um zwei Prozent wächst – doppelt so viel wie durchschnittlich in den vergangenen fünfzehn Jahren – dann haben wir erst 2026 wieder das Niveau von 2019 erreicht", schreibt Marc Touati von der Pariser Beratungsgesellschaft ACDEFI in einem Magazinbeitrag.

Anders als in Deutschland fehlen vielen französischen Unternehmen auch finanzielle Reserven für Investitionen und die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Das alles dürfte auch die Nachfrage nach Importen aus Deutschland belasten. 

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3. China

Deutsche Exporte: 96 Milliarden Euro

Todesopfer durch Corona: 4600

War da was? Nachtschwärmer in Wuhan, der Stadt, in der die Coronavirus-Pandemie ihren Anfang nahm

War da was? Nachtschwärmer in Wuhan, der Stadt, in der die Coronavirus-Pandemie ihren Anfang nahm

Foto: HECTOR RETAMAL/ AFP

Jetzt rauchen sie wieder: die chinesischen Fabrikschlote. Was Umweltschützern missfallen wird, dürfte deutsche Exporteure freuen. Die Stickstoffoxid-, Schwefeldioxid- und Feinstaubwerte waren in der Volksrepublik in der ersten Maiwoche höher als ein Jahr zuvor, hat eine Untersuchung des finnischen Forschungsinstituts Research on Energy and Clean Air (CREA) ergeben. Und Luftverschmutzung ist für viele China-Kenner ein zuverlässigerer, aktuellerer Indikator für den tatsächlichen Zustand der Wirtschaft, als die offiziellen Zahlen der Statistikbehörde. Denen zufolge schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal noch um 6,8 Prozent. Für April indes vermeldete Peking bei der Industrieproduktion ein Plus von fast vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. Und auch der Energieverbrauch war in der ersten Aprilhälfte höher als ein Jahr zuvor.

All das deutet auf eine massive Erholung im produzierenden Gewerbe hin – die deutschen Maschinenbauern manchen Auftrag bescheren könnte. Allerdings schwächelt Chinas Dienstleistungssektor nach wie vor. Und überoptimistischen Fabrikanten könnte es passieren, dass sie ihre Produkte am Ende nicht loswerden. Die Einzelhandelsumsätze in ihrem Land sind noch unter Vorjahr – wohl auch, weil Millionen Chinesen ihre Jobs in der Krise verloren haben. Und viele internationale Abnehmer kommen gerade erst aus den Lockdowns heraus - oder stecken noch mittendrin.

4. Niederlande

Deutsche Exporte: 91,6 Milliarden Euro

Todesopfer durch Corona: 5800

Corona-Regime an einem niederländischen Strand

Corona-Regime an einem niederländischen Strand

Foto: imago images/Pro Shots

Die Pandemie hat die Wachstumsserie der niederländischen Wirtschaft abrupt beendet. Nach 23 Plus-Quartalen hintereinander schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt in den ersten drei Monaten 2020 um 1,7 Prozent. Die Konsumausgaben fielen im März um 6,7 Prozent – so stark wie noch nie seit Beginn der Messungen. Und im zweiten Quartal werden die Zahlen wohl noch viel schlechter ausfallen. Immerhin erlebt Deutschlands zweitwichtigster Handelspartner nicht einen ganz so heftigen Einbruch wie andere europäische Staaten. Laut der Frühjahrsprognose der Brüsseler Kommission wird die niederländische Wirtschaft 2020 um 6,8 Prozent schrumpfen – unter dem EU-Durchschnitt von 7,7 Prozent.

Der Zusammenbruch vieler internationaler Lieferketten macht der Handelsnation zu schaffen. So erwartet der Hafen von Rotterdam für 2020 beim Güterumschlag ein Minus von bis zu 20 Prozent. Auch der Blumengroßhandel lag zeitweise danieder. Andererseits spielen besonders hart von der Pandemie getroffene Sektoren wie Tourismus oder Auto hier eine relativ kleine Rolle. Zudem mussten Einzelhandelsgeschäfte während der Lockdowns nicht schließen. Und die Zahl der Pleiten hält sich bisher in Grenzen. Im ersten Corona-Notpaket hat der Staat Firmen mit hohen Umsatzverlusten die Übernahme von bis zu 90 Prozent der Lohnkosten offeriert; im Gegenzug durften die teilnehmenden Betriebe keine Mitarbeiter aus wirtschaftlichen Gründen entlassen.  Diese Auflage soll nun fallen. Die Arbeitslosenzahlen beginnen bereits hochzuschnellen. Ökonomen der Großbank ING-Diba erwarten, dass sich die Arbeitslosenquote bis zum Jahresende auf rund sechs Prozent verdoppeln wird. Die Regierung hat noch ein paar Trümpfe. Angesichts ihrer niedrigen Staatsschuldenquote und der höchsten Bonität an den Kapitalmärkten könnten sich die Niederlande weitere Notpakete erlauben. Das nächste soll Anfang Juni in Kraft treten.

5. Großbritannien

Deutsche Exporte: 78,9 Milliarden Euro

Todesopfer durch Corona: 37.000

Skyline der britischen Hauptstadt London

Skyline der britischen Hauptstadt London

Foto: John Sibley/ REUTERS

Die Auswirkungen der Coronakrise auf die Wirtschaft sind drastisch, für die meisten Ökonomen stellen sie Neuland dar. Viele Institutionen verzichten deshalb auf Prognosen der weiteren Wirtschaftsentwicklungen, stattdessen veröffentlichen sie mögliche Szenarien. Die Bank of England ist so ein Beispiel. In einem "veranschaulichenden Szenario" hat sie Anfang Mai vorgerechnet, dass die britische Wirtschaft im zweiten Quartal um 30 Prozent eingebrochen ist. Auf Jahresbasis werde die britische Wirtschaftskraft nach dieser Berechnung um insgesamt 14 Prozent schrumpfen. Das wäre – wie der "Guardian" schreibt  – die tiefste Rezession seit 300 Jahren.

Ähnlich drastisch fallen auch die Prognosen des "UK Powerhouse"-Reports der Beratungsfirma Irwin Mitchell aus. Die Wertschöpfung ist demnach während der Krise im Schnitt sogar um mehr als 34 Prozent gesunken. Landesweit summieren sich die Verluste damit auf 2,6 Milliarden Pfund – pro Tag .

Die Krise trifft Großbritannien zu einem prekären Zeitpunkt: Das Vereinigte Königreich hat die EU zwar verlassen, ist aber für eine Übergangsphase noch Teil des Binnenmarkts. Die Verhandlungen über ein Handelsabkommen mit der EU kommen weiter nicht recht vom Fleck – und in London schießen Spekulationen ins Kraut, Premier Boris Johnson steuere womöglich auf einen harten Brexit zu, weil er davon ausgehe, dessen wirtschaftliche Folgen würden ohnehin von der Corona-Rezession überlagert. Ein solches Kalkül könnte aufgehen: So rechnet das Analysehaus Capital Economics vor, die britische Wirtschaft werde sich lange nicht vom Corona-Crash erholen. Erst 2022 werde die Wirtschaftskraft das Niveau von vor der Krise wieder erreichen.

6. Italien

Deutsche Exporte: 68,1 Milliarden Euro

Todesopfer durch Corona: 33.000

Ungewohnter Anblick: Venedig ohne Menschen. Was malerisch wirkt, ist für Italien ein großes Problem: Das Land ist auf Touristen angewiesen

Ungewohnter Anblick: Venedig ohne Menschen. Was malerisch wirkt, ist für Italien ein großes Problem: Das Land ist auf Touristen angewiesen

Foto: VINCENZO PINTO/ AFP

Porca Miseria! Die Corona-Epidemie hat Italien so früh und so schlimm getroffen wie kaum einen anderen Staat. Auch unter ihren Nachwirkungen wird das Land ganz besonders leiden. Die Wirtschaftsleistung wird laut Prognosen der EU-Kommission dieses Jahr um 9,5 Prozent einbrechen und 2021 nur um 6,5 Prozent wachsen. Das sind zusammen die schlechtesten Werte aller EU-Nationen. Auf dem Tiefpunkt der Pandemie schloss die Regierung zeitweise alle "nicht lebensnotwendigen" Unternehmen; viele Betriebe haben erst in den vergangenen Tagen die Produktion wieder angefahren. Tausenden Kleinunternehmern droht die Pleite; den hochindustrialisierten Norden hat das Virus besonders schlimm erwischt. Und schon ehe es nach Italien kam, hatte die Wirtschaft jahrelang mehr oder weniger stagniert.

Mit einem "Ma­xi­bud­get" in Höhe von 155 Milliarden Euro versucht die Regierung in Rom nun, die Wirtschaft wieder ans Laufen zu bringen. Unter anderem können Unternehmen für ihre Mitarbeiter bis zu 18 Wochen Kurzarbeit beantragen, außerdem werden ihnen bestimmte Steuern gestundet. Großzügige Subventionen für Häuslebauer, die ihr Eigenheim isolieren wollen, sollen der Bauindustrie Schwung geben. Und besonders gefördert werden soll der Tourismus, der 2019 noch 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftete und 4,2 Millionen Menschen Arbeit verschaffte. Staatliche Ferienprämien von bis zu 500 Euro pro Familie sollen die Italiener dazu verlocken, Urlaub im eigenen Land zu machen. Und ausländische Touristen sollen nun schon vom 3. Juni an kommen dürfen. So will Premier Giuseppe Conte doch noch das Sommergeschäft retten. Allerdings zögern Staaten wie Deutschland oder Österreich, ihre Bürger so schnell nach Italien einreisen zu lassen. 

7. Polen

Deutsche Exporte: 65,9 Milliarden Euro

Todesopfer durch Corona: 1000

Polnische Hauptstadt Warschau

Polnische Hauptstadt Warschau

Foto: RADEK PIETRUSZKA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Der Blick der deutschen Öffentlichkeit ist traditionell auf die Partner im Westen gerichtet, dabei würde gerade in der Coronakrise ein Blick auch in den Osten der EU lohnen: Polen ist bislang verhältnismäßig gut durch die Krise gekommen. Zum einen ist die Zahl der Infektionen und Corona-Toten im Vergleich zu den Nachbarn im Westen gering geblieben. Zum anderen geht die EU-Kommission davon aus, dass Polens Wirtschaft die schweren Monate einigermaßen glimpflich übersteht: Die Industrieproduktion ist zwar allein im April um fast 25 Prozent eingebrochen. Die Prognosen gehen von einem Einbruch der Wirtschaftskraft von 4,3 Prozent aus, gefolgt von einem starken Wachstum 2021.

Für Deutschland ist das eine gute Nachricht. Polen hat sich in den vergangenen Jahren eher unbemerkt von der Öffentlichkeit zu einem der bedeutendsten Handelspartner gemausert: Von 2009 bis 2019 haben sich die deutschen Ausfuhren in das Nachbarland von 31 auf mehr als 60 Milliarden Euro verdoppelt. Polen steht damit auch stellvertretend für eine Entwicklung, die für Deutschland noch insgesamt ein Trumpf werden könnte: Viele der osteuropäischen EU-Staaten haben in den vergangenen Jahren an ökonomischem Gewicht gewonnen und sind eng in die Wertschöpfungsketten der deutschen Industrie eingebunden. So ist etwa Ungarn inzwischen für die deutsche Wirtschaft wichtiger als Japan oder Dänemark, das Geschäft mit Tschechien wiederum stellt das so oft von deutschen Wirtschaftsvertretern gepriesene Russland in den Schatten.

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