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Folgen des Mindestlohns Deutschlands Niedriglohnsektor schrumpft deutlich

Vor wenigen Jahren noch arbeitete fast ein Viertel aller Beschäftigten in Deutschland zu Niedrig-Konditionen. Das hat sich laut einer DIW-Studie deutlich geändert – auch wegen der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns.
Reinigungskraft in einem Bahnhof

Reinigungskraft in einem Bahnhof

Foto: Daniel Karmann / picture alliance / dpa

Der Niedriglohnsektor in Deutschland ist einer Studie zufolge in den vergangenen Jahren deutlich geschrumpft. 2022 sei nur noch jeder sechste Beschäftigte (15,2 Prozent) in diesem Bereich tätig gewesen, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) am Mittwoch zu seiner Untersuchung mitteilte.

2007 habe der Anteil noch bei 23,5 Prozent gelegen, 1996 bei rund 16 Prozent. »Der Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnsektor ist auf einen Tiefstand der letzten 25 Jahre gefallen«, sagte Studienautor Markus Grabka. Niedriglohn bezieht, wer weniger als zwei Drittel des mittleren Bruttostundenlohns bekommt. 2021 lag dieser Wert bei 13 Euro pro Stunde (hier geht’s zur DIW-Auswertung ).

Eine der Ursachen für den Rückgang sieht das DIW in der Einführung des Mindestlohns 2015 und dessen schrittweise Erhöhung. Im Oktober 2022 wurde er auf zwölf Euro angehoben. »Aber auch die veränderte Lohnpolitik der Gewerkschaften, die zunehmend auf Mindestzahlungen für untere Lohngruppen setzt, wirkt sich auf den Niedriglohnsektor positiv aus«, sagte Grabka.

Spreizung der Einkommen nimmt weiter zu

Die Bruttostundenlöhne legten den Angaben zufolge zwischen 1995 und 2021 inflationsbereinigt um 16,5 Prozent zu. Im untersten Lohndezil – den zehn Prozent der Beschäftigten mit den niedrigsten Löhnen – stiegen sie seit 2013 besonders stark. Dadurch sei der Niedriglohnsektor deutlich geschrumpft. Trotz der insgesamt positiven Entwicklung falle der Zuwachs im untersten Lohndezil seit 1995 mit rund sechs Prozent am geringsten aus. Zum Vergleich: In den obersten vier Dezilen legten die Löhne um etwa 20 Prozent zu. In den vergangenen Jahren ist die Ungleichheit aber gesunken und so niedrig wie zuletzt zu Beginn der Nullerjahre.

Gleichzeitig nahm die Spreizung der Einkommen (also Gehältern aus abhängiger Beschäftigung sowie weitere Erträge) zu. Während die zehn Prozent der niedrigsten Einkommen nur um vier Prozent zulegten, haben die obersten zehn Prozent eine Steigerung von 50 Prozent erzielt. »Die Löhne sind zwar weiterhin die wichtigste Einkommensquelle der privaten Haushalte in Deutschland«, so DIW-Experte Grabka. »Aber es zählen hier natürlich auch andere Einkommensquellen wie etwa Alterseinkommen, staatliche Transfers und weitere Einkommenskomponenten.« Viele Reiche etwa erzielen Einkommen nicht nur aus Erwerbsarbeit, sondern etwa aus Kapital und Vermögen.

Dennoch sei die Ungleichheit der Haushaltsnettoeinkommen im internationalen Vergleich eher gering. Der dafür herangezogene Gini-Koeffizient liege in Deutschland bei 0,3. Der Schnitt der OECD-Industriestaaten liegt mit 0,31 etwas höher. Um die Ungleichheit zu bekämpfen, »bedarf es unter anderem einer verbesserten Integration von Zugewanderten in den Arbeitsmarkt und einer gezielteren Qualifizierung junger Erwachsener ohne beruflichen Bildungsabschluss«, raten die DIW-Forscher.

beb/Reuters