Devisen-Rekord Euro springt über 1,25 Dollar

Die Anti-Dollar-Stimmung erreicht einen neuen Höhepunkt: Währungsspekulanten trieben den Euro erstmals über 1,25 Dollar. Der steile Anstieg beunruhigt nun auch die Notenbanker. Die Europäische Zentralbank überlegt, ob sie die Zinsen senken und den schwächelnden Dollar aufpäppeln soll.


Frankfurt am Main - Schon seit Wochen erreicht der Euro fast täglich neue Höchststände. Der aktuelle Rekord liegt bei 1,2511 Dollar. Das ist der Kurs, zu dem die 1999 eingeführte Währung am frühen Nachmittag auf den europäischen Devisenmärkten gehandelt wurde. Allein seit September ist der Euro gegenüber dem Dollar damit um über 13 Prozent gestiegen.

Zentralbank-Gebäude in Frankfurt: Hinweise auf Wende in der Zins-Strategie
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Zentralbank-Gebäude in Frankfurt: Hinweise auf Wende in der Zins-Strategie

Der Währungsstratege Aziz McMahon von ABN Amro sagte, es seien in erster Linie die Schwäche des Dollars und die Probleme der US-Wirtschaft, die die Kurse bewegten. Händler seien weiter besorgt über das "Zwillingsdefizit" der USA in der Leistungsbilanz und im Staatshaushalt. Solange sich daran nichts ändere, werde der Dollar weiter verkauft werden. Ähnlich äußerte sich Katsunori Kitakura von Chuo Mitsui Trust: "Der Verkaufstrend beim Dollar ist unverändert", sagte er. Allerdings seien die Umsätze im Devisenhandel gering, kleine Orders bewegten die Kurse.

Die Luft wird dünn

So groß ist inzwischen die Anti-Dollar-Stimmung an den Märkten, dass alle erdenklichen Argumente für Dollar-Verkäufe genutzt werden. So sagten Händler, auch das erstmalige Auftreten von BSE in den Vereinigten Staaten habe die US-Währung belastet. Der US-Agrarwirtschaft drohten Milliardenverluste, so die Begründung. Zugleich erwarten Volkswirte, dass sich das Wachstum der USA zum Jahresbeginn verlangsamen könnte.

Erste Analysten weisen indes darauf hin, dass die Luft für den Euro nun dünn wird. Die Marktbeobachter von Helaba Trust etwa schreiben in einem Kommentar, eine Konsolidierung an den Devisenmärkten erscheine überfällig. Falls die nächsten Konjunkturindikatoren aus den USA - etwa der viel beachtete Einkaufsmanagerindex für den Großraum Chicago - positiv ausfallen, könnte der Dollar an Boden gut machen.

Pressebericht: EZB will bis Ende Februar entscheiden

Trotzdem scheint die Rekordfahrt des Euro auch bei der Europäischen Notenbank EZB inzwischen Besorgnis auszulösen. Sie prüft nach Informationen der "Financial Times Deutschland", ob sie die Zinsen senken soll, um den Kursanstieg zu bremsen. Durch den rapiden Anstieg könnten die bisherigen Konjunkturprognosen der Zentralbank hinfällig werden. Das Blatt schreibt unter Berufung auf einen "hochrangigen Geldpolitiker", eine Zinsentscheidung solle innerhalb der kommenden acht Wochen fallen.

Damit erscheint möglich, dass die EZB eine Wende in der Geldpolitik vollzieht. Bis zum Herbst hatte sie wiederholt erklärt, es gebe keinen Grund für eine Senkung des Leitzinses. Er liegt derzeit bei 2,0 Prozent.

Trotz alledem: Deutsche Export-Unternehmen hoffen

Die deutsche Industrie bleibt einstweilen trotz Euro-Stärke relativ gelassen. Nach Einschätzung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) wird trotz des hohen Wechselkursniveaus im kommenden Jahr mehr exportieren. Dabei profitiere sie von der US-Konjunkturbelebung, die überraschend stark sei, sagte der DIHK-Chefvolkswirt Axel Nitschke. Die Stimmung in den vier großen Exportbranchen Chemie, Elektro, Kraftfahrzeug- sowie Maschinen- und Anlagenbau sei gut.

Dennoch sei der starke Euro eine Belastung für das Ausfuhrgeschäft. Jeder zusätzliche Cent, der bei dem jetzigen Kursniveau an den Devisenmärkten für den Euro aufgewendet werden müsse, verringere die Gewinne im US-Geschäft und auf asiatischen Absatzmärkten, sagte Nitschke.



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