Devisenturbulenz Wirtschaftsweiser fordert Krücke für den kranken Dollar

Der Kurs des Euro bleibt auch am Anfang der Woche in Höhen, die viele Volkswirte und Manager als bedrohlich empfinden. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger hat die Europäische Zentralbank nun zu umfangreichen Dollar-Käufen aufgefordert, um den Höhenflug zu stoppen.


Euro-Münzen und Dollar-Scheine: "Nicht einzusehen"
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Euro-Münzen und Dollar-Scheine: "Nicht einzusehen"

Frankfurt am Main - "Die EZB sollte anfangen, ohne Begrenzung Dollar gegen Euro zu kaufen", sagte der Würzburger Wirtschaftsprofessor, der Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ist. Bei der Stützung müsse die EZB "klotzen und nicht kleckern", so Bofinger zur "Berliner Zeitung".

Es sei "nicht einzusehen, warum in Europa jeder Euro Lohn und Sozialausgaben eingespart wird, auf der anderen Seite aber ein sehr wichtiger Faktor für Wettbewerbsfähigkeit wie der Wechselkurs wie ein Naturereignis hingenommen wird", kritisierte der Ökonom.

Im Gegensatz zu den Zeiten der Euro-Schwäche vor einigen Jahren sei die EZB nun im Vorteil, wenn sie den Wechselkurs korrigieren wolle, sagte Bofinger. "Damals hätte sie nur mit ihren begrenzten Dollar-Reserven Euro kaufen können." Diesmal jedoch müsste sie Dollar gegen Euro kaufen - "und Euro stehen ihr prinzipiell unbegrenzt zur Verfügung", meinte Bofinger.

Kurs weiter über 1,30 Dollar

Das Treffen der führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) am Wochenende hat jedenfalls nicht zu einer grundlegenden Entspannung an den Devisenmärkten geführt. Der Kurs des Euro hielt sich am Montagmorgen mit 1,3044 US-Dollar in unmittelbarer Nähe seines erst am vergangenen Donnerstag erreichten Rekordstandes von 1,3074 Dollar. Ein Dollar war 0,7662 Euro wert. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs am Freitag noch auf 1,3020 Dollar festgesetzt (Donnerstag: 1,3024).

"Das G20-Treffen ist ohne Überraschungen zu Ende gegangen. Die Marktteilnehmer dürften nun versuchen, neue Tiefststände des Dollar auszuloten", sagte Devisenexperte Masashi Hashimoto bei der Bank of Tokyo-Mitsubishi. Unter Druck war der Dollar bereits am Freitagnachmittag nach Äußerungen von US-Notenbankchef Alan Greenspan geraten, wonach das riesige US-Leistungsbilanzdefizit zu einem geringeren Interesse an Dollar-Anlagen führen könnte.

Bushs Dollar-Bekenntnis

Auf gemeinsame Beschlüsse zum Höhenflug des Euro gegenüber der US-Währung verzichteten die Finanzminister und Notenbankchefs der G20 zum Abschluss ihrer dreitägigen Jahrestagung in Berlin am Sonntag. Europa sowie Japan wollen Strukturreformen vorantreiben und die asiatischen Länder für eine größere Wechselkursflexibilität sorgen.

Auch auf dem Asien-Pazifik-Gipfel in Santiago de Chile äußerten Teilnehmer Sorgen angesichts des schwachen Dollars. "Ich habe bekräftigt, dass meine Regierung eine Politik des starken Dollars verfolgt", sagte aber der US-Präsident George W. Bush. "Der beste Weg, auf diejenigen einzuwirken, die den Kurs des Dollar beobachten, ist es, sich zu verpflichten, unser kurz- und langfristiges Defizit anzugehen." Das Konzept dazu werde er dem US-Kongress vorlegen.

Bush bekräftigt allerdings immer wieder, an einem "starken Dollar" interessiert zu sein. Devisenhändler interpretieren diese Wortwahl zunehmend als Deckmantel für eine Politik, die einen Rückgang des Dollarkurses zulässt.



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