DGB-Chef Michael Sommer "Eine Epoche geht zu Ende"

Der Turbokapitalismus liegt im Sterben - und seine Kritiker triumphieren. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht DGB-Chef Michael Sommer über die Renaissance der Gewerkschaften und sagt, warum Reiche jetzt eine Vermögensabgabe leisten sollten.


SPIEGEL ONLINE: Herr Sommer, der Kapitalismus pfeift auf dem letzten Loch. Sehen Sie eine neue Chance für den Sozialismus?

Sommer: Nein, die alten realsozialistischen Ideen sind tot. Meine 19-jährige Tochter, sie ist Juso, sagt zu mir: Jetzt sind die Banken dran, die müssen verstaatlicht werden.

SPIEGEL ONLINE: Und was antworten Sie?

Sommer: Ich sage: Kind, lass das bleiben. Das ist die falsche Antwort. Ich weiß, mit 19 habe ich das auch noch gedacht. Aber erstens ist es nicht so, dass der Staat der bessere Banker ist. Und zweitens haben auch die staatlichen Kreditinstitute in der Krise versagt. Es geht also nicht um Verstaatlichung, sondern um Werte und Ziele, mit denen eine Bank geführt wird und die in der gesamten Wirtschaft herrschen sollten.

SPIEGEL ONLINE: Nicht nur Ihre Tochter, auch einige Ihrer Gewerkschaftskollegen fordern dieser Tage eine Verstaatlichung der Schlüsselindustrien.

Sommer: Wir können diese elementare Krise nicht mit alten Rezepten bekämpfen. Die richtige Antwort ist nicht die Abschaffung der Marktwirtschaft, sondern ein sozial kontrollierter Kapitalismus, der durch Mitbestimmung reguliert wird, in den der Staat seine Interessen einbringt, mit Rahmengesetzen für die Wirtschaft. Ein sozial kontrollierter Kapitalismus hätte niemals eine solch gewaltige Krise produziert wie die, in der wir jetzt stecken. Wenn der Staat allerdings mit Geld Unternehmen und Kreditinstituten unter die Arme greift, muss er dafür Unternehmensanteile bekommen und die Geschäftspolitik im Sinne dieser Werte mitbestimmen können. Das müssen wir als Steuerzahler verlangen. Später kann er die Anteile dann wieder verkaufen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat zu dem heutigen Debakel geführt?

Sommer: Der Brutalkapitalismus. Dazu gehören unter anderem 35 Jahre Privatisierungs- und Deregulierungspolitik. Und ich fürchte, wir befinden uns erst am Anfang einer Krise, die nichts mit den normalen Konjunkturtiefs der letzten fünfzig Jahre zu tun hat. Es geht gerade eine Epoche zu Ende. Die Krise ist so tief, dass sie zum Systemzusammenbruch geführt hätte, wenn es nicht den demokratischen Staat und die demokratischen Gesellschaften gäbe.

SPIEGEL ONLINE: Welche Epoche geht zu Ende?

Sommer: Die Epoche des entfesselten Kapitalismus samt Deregulierung und Shareholder-Value-Ideologie. Die allein auf Maximalrendite ausgerichtete Politik ist implodiert.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Politik, die Sie geißeln, hat uns Wohlstand gebracht; nicht nur den Managern. Vor vier Jahren hatten wir noch über fünf Millionen Arbeitslose, jetzt sind es knapp weniger als drei Millionen.

Sommer: Sie hat Wohlstand gebracht, aber gleichzeitig die Kluft zwischen Arm und Reich, Gewinnern und Verlieren wesentlich verbreitert. So hatten wir in Deutschland selbst im Aufschwung eine Zunahme von prekärer Arbeit, eine Zunahme von nicht geschützter Arbeit, eine massive Zunahme des Niedriglohnsektors.

SPIEGEL ONLINE: Ist die rot-grüne Reformpolitik schuld an der Krise?

Sommer: Nein. Aber die Agendapolitik von Gerhard Schröder war durchaus ein Teil der Deregulierungspolitik, die Mitte der siebziger Jahre begonnen hat, dann zunehmend die Welt erfasste und durch den Zusammenbruch des Realsozialismus einen zusätzlichen Schub bekam.

SPIEGEL ONLINE: Es gab seit den neunziger Jahren schon eine Reihe schwerer Krisen. Wurden diese Tiefs nicht gerade durch die Deregulierungspolitik schneller überwunden?

Sommer: Die Ökonomen und Politiker haben natürlich gelernt, mit normalen Krisen umzugehen. Die New-Economy-Krise blieb eben auf die New Economy beschränkt. Aber von Krisenlösung zu Krisenlösung war es so, als wenn Sie ein Loch aufbuddeln, um ein anderes zu schließen, und jedes neue Loch wird größer. Am Ende stürzte die Stütze des Systems ein, die Finanzwirtschaft.

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