DGB-Kongress Pfiffe und Beifall für Merkel

Nein zum Mindestlohn von 7,50 Euro, Ja zur Rente ab 67: Die erste Rede von Angela Merkel auf einem Kongress des DGB hat nicht nur für Begeisterung gesorgt. Etliche Gewerkschafter buhten die Kanzlerin aus – und zeigten der Politik der Bundesregierung die rote Karte.


Berlin - Etwa 40 bis 50 Delegierte der Gewerkschaften Ver.di und Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) verfolgten die Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stehend in roten T-Shirts, auf denen sie einen gesetzlichen Mindestlohn von 7,50 Euro forderten. Einzelne der Deligierten des Bundeskongresses des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zeigten der Kanzlerin symbolisch die rote Karte, indem sie die Rückseite einer roten Einladungskarte für den Parlamentarischen Abend der Linksfraktion hochhielten.

Merkel beim DGB-Bundeskongress: Höflicher Beifall zum Schluss
DPA

Merkel beim DGB-Bundeskongress: Höflicher Beifall zum Schluss

Gerade als die Bundeskanzlerin zu sprechen begonnen hatte, entfalteten Delegierte vor dem Rednerpult ein Transparent, mit dem sie gegen die Rente ab 67 protestierten. "Opa - 66 Jahre - muss arbeiten! Enkel - 20 Jahre - ist arbeitslos", stand darauf zu lesen.

Eine halbe Stunde sprach die Regierungschefin und wurde dabei mehrmals durch Piffe und Buhrufe unterbrochen. Besonders laut wurde es in der Halle, als Merkel die Forderung der Gewerkschaften nach einem Mindestlohn von 7,50 Euro ablehnte und bekräftigte, die Regierung wolle am Plan festhalten, das Renteneintrittsalter auf 67 hochzusetzen.

Einen Mindestlohn in der geforderten Höhe halte sie "nicht für richtig", sagte Merkel, denn er führe nicht zu mehr Arbeitsplätzen. Stattdessen befürwortete sie das Kombilohn-Modell für die Problemgruppen auf dem Arbeitsmarkt, den unter 25-Jährigen und den über 50-Jährigen.

Trotz der Ablehnung von elementaren Gewerkschaftsforderungen erhielt Merkel auch Beifall: Denn sie zeigte sich "grundsätzlich offen für die Diskussion über einen Mindestlohn und versicherte den Delegierten, auch sie wolle "starke Gewerkschaften".

Für die Arbeitnehmerorganisationen gelte aber, "dass wir uns immer wieder fragen müssen, ob die Antworten, die wir in der Vergangenheit gegeben haben, heute noch gültig sind", sagte Merkel. Die Antwort darauf laute: Veränderungen. "Wer sich nicht die richtigen Fragen stellt, wird am Schluss selbst in Frage gestellt", warnte Merkel.

Am Ende erhielt die Kanzlerin höflichen Beifall – Pfiffe blieben aus.

DGB-Chef Michael Sommer dankte Merkel für die "offenen Worte" und dafür, dass die CDU-Chefin die Kontroverse nicht scheue. Die Gewerkschaften hätten in etlichen Punkten andere Positionen und würden "alles dafür tun, sich auch durchzusetzen".

ank/Reuters/AFP/dpa



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