Indiens Boomtown Surat In der Hauptstadt der Diamanten

Die Stadt Surat ist dank Hunderttausender billiger Arbeitskräfte zum weltweit größten Umschlagplatz für Diamanten geworden. Der Boom macht viele reich - sie stört auch nicht, dass manche Steine womöglich Krieg und Terror mitfinanzieren.

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Aus Surat berichtet


Um 11 Uhr morgens, sechs Tage die Woche, ereignet sich im indischen Surat eine Völkerwanderung der besonderen Art. Hunderte, Tausende Männer strömen zu einer unscheinbaren Straßenkreuzung im Viertel Mahdiharpura. Sie lassen sich auf den Bürgersteigen nieder, klettern auf Mäuerchen oder beziehen in Hauseingängen Stellung. Bis Mittag haben sich hier über 50.000 Männer versammelt. Sie schwatzen, feilschen, streiten. Viele haben mit blauem Samt bezogene Tabletts auf dem Schoß, auf denen funkelt, was auf diesem Straßenmarkt gehandelt wird: Diamanten.

"Die Steine auf diesem Markt sind mehr wert als so mancher Kleinstaat", scherzt Pravin Nanavati, selbst Diamantenhändler und ehemaliger Vorsitzender der Handelskammer seiner Heimatstadt. Der 59-Jährige übertreibt, wenn auch nur wenig: Die Surat Diamond Association schätzt, dass auf den zwei Diamantenmärkten in Surat täglich umgerechnet rund 210 Millionen Euro Umsatz gemacht wird.

Bis in die Sechzigerjahre war Surat eine der zahllosen verschlafenen Städte in Indiens Provinz. Dann begannen findige Händler, Diamanten aus Afrika und Australien nach Indien und zu lokalen Edelsteinschleifern zu bringen.

Wenig später setzte ein Boom sondergleichen ein: In nur einer Generation hat sich Surat zum Epizentrum des weltweiten Diamantenhandels entwickelt. Über 90 Prozent aller heute gehandelten Rohdiamanten werden nach Indien gebracht, in Surat geschliffen und wieder exportiert.

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Diamantenhandel: Boomtown Surat
Surats Bruttosozialprodukt ist in den vergangenen sieben Jahren jährlich um satte 11,5 Prozent gewachsen, das ist indischer Rekord. Laut der Denkfabrik City Mayors Foundation ist der Ort an der Mündung des Tapti Flusses die am viertschnellsten wachsende Stadt der Erde. Mehr als 500.000 der derzeit fünf Millionen Einwohner arbeiten in der Diamantenbranche.

Surats Erfolg fußt auf dem niedrigen Lohnniveau Indiens. Selbst hochspezialisierte Schleifer kosten ihre Arbeitgeber nur wenig Geld, weshalb die Firmen die Steine günstig anbieten können. Chirag Shah zum Beispiel handelt ausschließlich mit großen Steinen, er führt nur Diamanten mit fünf Karat (ein Gramm) oder mehr. Sechs Angestellte sitzen in seiner Werkstatt vor sirrenden Polierscheiben. Mit routinierter Schnelligkeit pressen sie die in Halter eingespannten Rohdiamanten in verschiedenen Winkeln auf die Scheibe, geben ihnen den Schliff, der den Stein zum Funkeln bringt.

Shahs Schleifer verdienen 35.000 Rupien im Monat, umgerechnet 500 Euro. Für Indien ist das ein Bombengehalt, mehr, als ein Lehrer erwarten kann. Im weltweiten Vergleich ist es ein Hungerlohn. "Dank unserer niedrigen Kosten haben wir den traditionellen Diamantenzentren Antwerpen und Tel Aviv den Rang abgelaufen", sagt Shah.

Mögliche Geschäfte mit Blutdiamanten

Hinzu kommt, dass die indischen Händler es mit der Herkunft der Diamanten nicht so genau nehmen. Zwar muss bei der legalen Einfuhr von Steinen ein sogenanntes Kimberley-Process-Zertifikat vorgelegt werden. Wie ein Personalausweis hält es die äußeren Merkmale des Steins fest und soll beweisen, dass es sich nicht um sogenannte Blutdiamanten handelt. Damit gemeint sind Rohdiamanten, die in reiche Länder geschmuggelt wurden und die Krieg und Terror unter anderem in Liberia, Angola oder Sierra Leone mitfinanziert haben.

Doch gab es immer wieder Fälle, in denen Schmuggler Steine aus Krisengebieten nach Surat und damit auf den Weltmarkt brachten. Denn wenn ein Stein einmal geschliffen ist, ist nicht mehr nachzuvollziehen, woher er stammt und ob er das Kimberley-Gütesiegel trug.

Den meisten in Indien ist all das jedoch einerlei. Denn der Aufstieg der Stadt Surat hat einen für Indien ungewöhnlich hohen Anteil an Gewinnern produziert. Die Hochhaussiedlungen, in denen die aus den ärmeren Regionen zuziehenden Arbeiter untergebracht werden, sind für hiesige Verhältnisse großzügig und sauber. Die meisten Diamantenschleifer arbeiten unter Bedingungen, von denen andere Inder nur träumen können: Acht-Stunden-Tage, Mittagspause und - im schwülheißen Süden Indiens immens wichtig - ein klimatisierter Arbeitsplatz sind Standard.

Die Stadt ist zum Paradies für Glücksritter geworden. Wer der richtigen Kaste oder Großfamilie angehört, kann auf einen Kredit hoffen - und damit auf eine Chance, reich zu werden. Die meisten der heutigen Diamantenfürsten haben als Schleifer angefangen - so auch Shah und Nanavati.

491 Fiat Puntos zum Lichterfest

Nanavati legte den Grundstein zu seinem beträchtlichen Vermögen, als er 1981 ein Risiko einging: Obwohl er damals nur 500 Rupien im Monat verdiente, bekam er über Familienbande Kredit. Mit dem Geld kaufte er Diamanten mit einem Gesamtgewicht von 200 Karat an - und mit 80.000 Rupien Gewinn weiter. "Was haben wir an dem Tag gefeiert", sagt seine Frau Sumati in ihrem handballfeldgroßen Wohnzimmer, von dem aus man die ganze Stadt überblickt.

Die Goldgräberstimmung, die in Surat zu spüren ist, wird von der anhaltenden Nachfrage nach Juwelen befeuert. "Millionen Inder und Chinesen können sich zum ersten Mal Diamanten leisten. Da sind noch viele Bedürfnisse zu befriedigen", sagt Nanavati.

Tatsächlich sind die Gewinnspannen für die Händler so hoch, dass es sich viele leisten, äußerst großzügig zu sein. So machte Schmuckhändler Savji Dholakia im Oktober vergangenen Jahres Schlagzeilen, als er anlässlich eines bedeutenden hinduistischen Festes 491 Fiat Puntos, 200 Zwei-Zimmer-Wohnungen und kiloweise Präziosen unter den 1200 Angestellten seiner Firma Hari Krishna Exports verteilen ließ.

Noch läuft das Geschäft in Surat nach alter Sitte ab: Die Steine werden auf der Straße gehandelt, abends schließen die Händler ihre Ware in Tresorräumen ein. Tausende Kuriere leben davon, erst die rohen und später die polierten Steine zwischen Surat und dem 240 Kilometer entfernten Flughafen Mumbai hin und her zu transportieren.

Bald könnte der Handel moderner werden. Am 16. Februar legte die Ministerpräsidentin des Bundesstaats Gujarat, Anandiben Patel, den Grundstein für die größte Diamantenbörse der Welt. In drei bis vier Jahren sollen Surats Straßenhändler ihr Geschäft in die klimatisierten Hallen verlegen. Auch ein internationaler Flughafen soll dann den Betrieb aufnehmen. "Wenn alles gut läuft", sagt Nanavati, "haben wir demnächst täglich Direktflüge nach Afrika und Dubai."

Zur Autorin
Ulrike Putz ist Korrespondentin von SPIEGEL ONLINE und berichtet über Indien und den Nahen Osten.

E-Mail: Ulrike_Putz@spiegel.de

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insgesamt 3 Beiträge
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desireless 05.03.2015
1. Banken
In Europa stört es mittlerweile auch kaum jemanden, dass es Institutionen gibt, die das Geld von Diktatoren und Kriminellen horten und vor ihren jeweiligen Staaten verbergen. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen, der Kommentar über die Blutdiamanten ist überflüssig.
kabian 05.03.2015
2. Heuchelei
Wir machen Geschäfte mit Russland, China und Saudi Arabien und dutzenden anderer Staaten die eher als fragwürdig gelten darunter auch die Ukraine. In der Schweiz ist das noch extremer. Dort ist die Basis der Geschäfte in vielen Fällen Kriminalität jedweder Art. Warum beschwert man sich dann über Indien? Worauf geht eigentlich diese Blutdiamanten-Politik zurück? Könnte damit De Beers zu tun haben?
eule_neu 05.03.2015
3. Chapeau, Frau Putz
Ein toller Artikel, der Lust auf mehr Berichte aus Indien und Umgebung macht. Indien ist uns noch in vielen Dingen fremd und ich bin immer wieder erstaunt, was sich in den dortigen Regionen tut. Weiter so, Frau Putz ...
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