Die 100 reichsten Deutschen Chantal Grundig - kalt wie Geld

Der Traditionskonzern steckt in der Krise. Chantal Grundig geht das alles nichts mehr an. Sie versüßte Firmengründer Max Grundig den Lebensabend. Er dankte es ihr mit einem Mega-Vermögen, das die einstige Französischlehrerin auf Platz 55 unter den Superreichen katapultiert.


Hamburg - Ob sie wohl sehr leidet, fragte die "Bunte" vor einem halben Jahr voller Mitgefühl. Ist gar die Scheidung schon eingereicht? Die aufrichtige Sorge der Münchener Promi-Postille galt dem Wohlbefinden von Chantal Grundig, der Witwe des 1989 verstorbenen Industriellen Max Grundig.

Die inzwischen 52-jährige Französin - wer ihr zugeneigt ist, beschreibt sie als unterkühlt, wer nicht, nennt sie eiskalt - hatte sich nach achtjähriger Ehe just von ihrem dritten Gatten, dem auf Herzen spezialisierten Medizinprofessor Günther Dietze, getrennt. Seelentrost also galt es zu spenden. Denn im übrigen ist Chantal rundum exzellent versorgt. Das "manager magazin" sieht die einstige Französischlehrerin auf Platz 55 auf der Liste der 100 reichsten Deutschen - mit einem Mega-Vermögen von rund drei Milliarden Mark.

Ihren Alltag verbringt sie wahlweise in einer herrschaftlichen Villa in Baden-Baden oder auf einem weitläufigen Anwesen in Südfrankreich. Hier wie dort bemüht sich das Hauspersonal, Grundig dienstbar zu sein. Eine Privatsekretärin koordiniert die Termine, obgleich die gelernte Hotelfachfrau beruflichen Verpflichtungen nicht nachzukommen hat und öffentlich nur sehr selten in Erscheinung tritt.

Max Grundig - ihrem Ehemann Nummer Zwei - hat es die Dame mit dem klingenden Vornamen zu verdanken, dass sie ein Leben führt, in dem die angenehmen Seiten überwiegen. 1971 hatte sich die 21-Jährige der Familie als Französischlehrerin für Grundigs damalige Ehefrau Anneliese angedient - zehn Jahre später war sie vom Hausherrn schwanger. Der ließ sich prompt scheiden und ehelichte seine 40 Jahre jüngere Chantal.

Chantals Savoir-vivre

Nach dem Tod des Patriarchen gehörten Chantal und ihre kleine Tochter zu den ersten Begünstigten. Sie profitierten reichlich von dem letzten grandiosen Deal, mit dem Max Grundig die Schäfchen seiner Sippe ein für allemal ins Trockene gebracht hatte.

Ende der siebziger Jahre, als Grundigs internationaler Elektronikkonzern, den der robuste Franke aus seiner 1930 gegründeten Fürther Radiohandlung geformt hatte, durch Missmanagement und wachsende Konkurrenz aus Fernost zunehmend unter Druck geriet, diente der Gründer seine Firma dem Philips-Konzern an.

Die Niederländer ließen sich überzeugen und stiegen 1979 mit einer Minderheitsbeteiligung von 24,5 Prozent ein. Fünf Jahre später kauften sie Grundig weitere sieben Prozent seiner Anteile ab - unternehmerische Führung inbegriffen beim längst nicht mehr profitablen Hersteller von Fernsehern und anderer Unterhaltungselektronik.

Für ihr Engagement zahlten die Philips-Manager einen hohen Preis. Im Gegenzug für das erste Aktienpaket überließen sie einer 1970 von Max Grundig ins Leben gerufenen Stiftung seines Namens rund sechs Prozent der Philips-Papiere - Wert: etwa 600 Millionen Mark. Ferner verpflichteten sich die Niederländer, der Familienstiftung 20 Jahre lang eine Garantiedividende in Höhe von 45 Millionen Mark per anno zu überweisen, ganz gleich, ob bei Grundig Gewinne oder Verluste anfallen würden. Und schließlich vereinbarten sie, die restlichen Grundig-Anteile im Jahr 2004 gegen Zahlung von 540 Millionen Mark übernehmen zu dürfen.

Taube Ohren für Arbeitnehmer

Nutznießerin all dieser lukrativen Abreden ist die Max-Grundig-Stiftung. Deren Satzung versucht erst gar nicht, den Anschein von Gemeinnützigkeit zu erwecken. Klipp und klar ist festgelegt, dass Stiftungszweck "die Wahrung und Förderung gemeinsamer Interessen der Angehörigen der Familie Grundig" ist. Über die Einhaltung dieser Vorschrift wacht seit Max Grundigs Tod seine Witwe Chantal.

Als der Grundig-Konzern auch Mitte der neunziger Jahre seine Talfahrt ungebremst fortsetzte, Maßnahmen zur Sanierung nicht griffen und Arbeitsplätze in Nürnberg und Fürth dahinschmolzen wie Butter an der Sonne, rechnete es die Stiftungsvorsitzende nicht zum Familieninteresse, einen finanziellen Beitrag zu leisten.

Wiederholte Bitten von Arbeitnehmervertretern, Frau Grundig möge vielleicht einmal auf ihre jährliche Apanage verzichten und so dem galoppierenden Stellenabbau entgegenwirken, ignorierte die Kettenraucherin mit der gouvernantenhaften Frisur geflissentlich. Vermutlich erkannte sie, die nie einen Grundig-Betrieb von innen gesehen haben soll, nicht deutlich genug, wo in dieser Angelegenheit ein Interesse der Familie Grundig zu wahren sei.

Hauptsache die Kasse stimmt

Seit 1997 braucht kein Grundig-Werker mehr über solch feudale Attitüde in Harnisch zu geraten. Die kapriziöse Witwe hat sich zurückgezogen - und ein letztes Mal abkassiert. Schätzungsweise 450 Millionen Mark legte Philips noch einmal auf den Tisch des Hauses, um Chantal Grundig auch ihre restlichen Unternehmensanteile abzukaufen. Die Eigentumsverhältnisse waren endlich abschließend geordnet, solide Basis für eine umfassende erfolgreiche Restrukturierung der Firma - glaubte man.

Denn derzeit dringen einmal mehr Hiobsbotschaften aus dem ehemaligen Konzern des "alten Max" an die Öffentlichkeit. Wieder ist der Kostendruck zu groß, wieder werden mindestens 900 Jobs gestrichen und wieder droht Werken die Schließung (siehe manager-magazin.de: Massiver Stellenabbau soll Grundig retten).

Chantal Grundig geht das alles nichts mehr an, sie hat ganz andere Sorgen. Und im übrigen - der Herr Kathrein, dessen Unternehmensgruppe das Traditionshaus übernommen hat, gehört ja nun wirklich nicht zur Familie.

Christian Keun



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