Zur Ausgabe
Artikel 21 / 68
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Die Antennen weit ausgefahren«

aus DER SPIEGEL 30/1975

SPIEGEL: Herr von Braun, Sie sind der prominenteste Raketenbauer der letzten Jahrzehnte und waren ein wortgewaltiger Verfechter der Raumfahrt. Jetzt treten Sie in den Aufsichtsrat von Daimler-Benz ein. Warum?

VON BRAUN: Ich bin seit vielen Jahren im Aufsichtsrat der amerikanischen Vertriebsgesellschaft der Mercedes-Benz of North America. Aus dieser Verbindung kenne ich Herrn Zahn, den Vorstandsvorsitzer, sehr gut. Und deshalb hat man mich wohl auch eingeladen, in den Aufsichtsrat der Stammfirma einzutreten.

SPIEGEL: Wer hat Sie eingeladen? VON BRAUN: Herr Professor Zahn, mit der Billigung von Herrn Ulrich von der Deutschen Bank, dem Vorsitzenden des Daimler-Aufsichtsrates.

SPIEGEL: Herr Zahn hat Sie angekündigt als einen technischen Spitzenmann. Was werden Sie für die Autoindustrie, die weltweit in eine Absatzflaute gefahren ist, tun?

VON BRAUN: Ich hoffe, daß ich einen Beitrag leisten kann. Das ist natürlich gar nicht so einfach, da die verantwortlichen Ingenieure von Daimler zu den Topleuten der Welt gehören.

SPIEGEL: Das sagt der Daimler-Aufsichtsrat von Braun.

VON BRAUN: Nein, ich glaube, darüber bestehen unter Sachkennern gar keine Zweifel.

SPIEGEL: In der Automobiltechnik hat sich in den letzten Jahren nicht viel getan. Sie selbst nörgelten, die Branche sei an Innovationen kaum interessiert ... Wie kommt das?

VON BRAUN: Das Automobil hat ohne Zweifel ein solches Maß von Perfektion erreicht, daß Verbesserungen jeglicher Art schwierig geworden sind. Nur: Seit der Energiekrise gibt es neue Anforderungen und neue Probleme, die zu den bisher im Mittelpunkt stehenden Standards des komfortablen Reisens hinzugekommen sind: Energieverbrauch und Umweltbelastung. Ich hoffe, daß ich auf diesem Gebiet -- obwohl ich auf dem Automobilgebiet selbst natürlich ein absoluter Anfänger bin -- einen nützlichen Beitrag leisten kann, Einfach weil die Autoindustrie auf viele neue technologische Entwicklungen angewiesen sein wird, die direkt oder indirekt mit der Raumfahrt etwas zu tun haben.

SPIEGEL: Was meinen Sie?

VON BRAUN: Nehmen wir zum Beispiel die Energiequellen: Der ideale Treibstoff Wäre reiner Wasserstoff, der nicht schädliche Abgase, sondern reinen Wasserdampf als Auspuff abgibt. Wasserstoff, der ja auch unsere großen Raketen antreibt, ist allerdings sehr schwer zu handhaben.

SPIEGEL: Und scheidet als umweltfreundlicher Energieträger deshalb aus?

VON BRAUN: Nein, Daimler-Benz hat gerade auf diesem Sektor erste Fortschritte gemacht. De facto laufen Versuchswagen. Den Stuttgartern gelang es, einen Tank zu bauen, in dem der Wasserstoff in Form von sogenannten Metallhydriden gespeichert und transportiert werden kann. Das Problem ist nur, daß man mit einer Tankfüllung nicht weit kommt.

SPIEGEL: Also doch kein Ersatz für das umweltverpestende Benzin?

VON BRAUN: Das will ich nicht unbedingt sagen. Ich könnte mir beispielsweise vorstellen, daß man eines Tages Autos mit zwei Tanks ausrüstet: einen, den Benzintank, für Überlandfahrten, wo die Abgasprobleme nicht ins Gewicht fallen. Der Wasserstofftank würde dann bei Stadtfahrten geleert werden.

SPIEGEL: VW setzt auf einen anderen Brennstoff, auf Methanol.

VON BRAUN: Auch das ist eine aussichtsreiche Sache. Schon im Zweiten Weltkrieg wurde in Deutschland Methanol eingesetzt. Es ist ebenfalls umweltfreundlicher als Benzin, hat aber leider nicht die Energie und gibt deshalb dem Auto nicht die Beschleunigung. die aus der Benzinverbrennung zu gewinnen ist.

SPIEGEL: Was bringt der Raketenmann von Braun sonst noch mit nach Stuttgart?

VON BRAUN: Wissen Sie, die physikalischen Prozesse in einem Raketenmotor und einem Automobilmotor sind gar nicht so himmelweit verschieden. In beiden Fällen wird Treibstoff durch Verbrennung via Gasentspannung in Bewegungsenergie umgesetzt.

SPIEGEL: Ist der Automotor am Ende seiner Entwicklung?

VON BRAUN: Nein, ich bin der Meinung, daß wir durch Veränderung der Brennräume, durch sogenannte Vorkammern, durchaus zu weniger umweltbelastenden Maschinen kommen können. Sicher kann ich nicht morgen neue, bessere Automotoren vorschlagen. Aber ich werde mit einiger Sachkunde mitreden können.

SPIEGEL: Die Autoindustrie leidet weltweit unter einer hartnäckigen Absatzflaute. Gehen Sie in eine sterbende Branche?

VON BRAUN: Mit Sicherheit nicht.

SPIEGEL: Das Auto ist aber ebenso sicher nicht das Verkehrsmittel der Zukunft.

VON BRAUN: Da bin ich anderer Meinung. Wenn Sie Ihre persönlichen Transportprobleme analysieren. werden Sie finden, daß Autos einfach nicht zu ersetzen sind. Nehmen Sie an. Sie wollten vom Landhaus in das Büro in der Stadt, am Sonntag ans Meer um zu segeln, für Einkäufe Ihrer Frau. Wenn Sie die Summe dieser Anforderungen addieren, kommen Sie zu einer Maschine, die ziemlich genauso aussieht wie ein Automobil. Natürlich ist für viele Ballungsräume ein Massenverkehrsmittel. etwa eine U-Bahn. unerläßlich. Aber selbst dann brauchen Sie Autos. Wie sonst kommen Sie zur U-Bahn?

SPIEGEL: Sie arbeiten seit Ihrem Ausscheiden aus der Nasa bei dem Flugzeug-Nachrichtentechnik-Konzern Fairchild. Kann Daimler daraus Nutzen ziehen?

VON BRAUN: In meinem dortigen Job bin ich auf die allerneuesten Fortschritte der Technologie angewiesen. Ich habe deshalb meine Antennen weit ausgefahren, um zu registrieren, was es Neues gibt.

SPIEGEL: Im Aufsichtsrat werden vornehmlich wirtschaftliche, kaufmännische Probleme erörtert oder entschieden. Überfordert das den Raketentechniker von Braun?

VON BRAUN: Ich glaube kaum. Die US-Weitraumbehörde hat für das Apollo-Programm insgesamt etwa 22 Milliarden Dollar ausgegeben. Etwa zehn Milliarden davon sind durch meine Hände gegangen, zu 90 Prozent für Aufträge an die Industrie. Über zehn Jahre lang habe ich mindestens die Hälfte meiner Zeit in diesen Unternehmen zugebracht. Habe verhandelt, die technischen und wirtschaftlichen Probleme besprochen und den Fortschritt der von uns in Auftrag gegebenen Arbeiten in allem Detail überwacht.

SPIEGEL: Dennoch dürften Sie für Daimler-Benz weniger wegen Ihrer Erfahrungen, seien Sie nun technisch oder kaufmännisch, als vielmehr wegen Ihres Namens interessant sein. Sie sind sowohl in den USA als auch in Deutschland ein bekannter Mann. Soll das Markenzeichen Wernher von Braun das Markenzeichen aus Stuttgart, den guten Stern. aufpolieren?

VON BRAUN: Kann es nicht sein, daß jenes Unternehmen, das sich einem Stern verschrieben hat, einen Mann haben will, der sich für die Sterne interessiert?

SPIEGEL: Gewiß, der Public-Relations-Effekt wird um so besser.

VON BRAUN: Ich fühle mich schon seit Jahren zu dem Unternehmen hingezogen wegen der Perfektion seiner Produkte ...

SPIEGEL: Die viel Benzin verbrau-

* In der Daimler-HV am 18. Juli in Stuttgart.

chen und schon deshalb eine Menge Abgas produzieren.

VON BRAUN: Das gilt nur für die ganz großen Wagen. Der Anteil der kleinen Klasse einschließlich der umweltfreundlichen Dieselautos macht erheblich mehr als die Hälfte der im Vorjahr verkauften Wagen aus.

SPIEGEL: Was für ein Auto fahren Sie selbst?

VON BRAUN: Mercedes 240 Diesel.

SPIEGEL: Wie oft wird der Aufsichtsrat von Braun nach Deutschland reisen?

VON BRAUN: Ich höre, daß wir drei- bis viermal im Jahr zusammentreffen.

SPIEGEL: Einer Ihrer Biographen hat vor einigen Jahren behauptet, Sie kämpften für die Raumfahrt wie der Evangelist Billy Graham für Gott. Werden Sie für Daimler-Benz ähnlich engagiert eintreten?

VON BRAUN: Billy Graham, den ich persönlich kenne und schätze, wird häufig das Maschinengewehr Gottes genannt. Er ist zweifellos ein von seiner Mission erfüllter Mann. Sein Stil ist manchen zu laut, zu kommerziell. Auch mir. Ich habe diesen Stil nie benutzt, ich habe mit anderen Mitteln für die Raumfahrt geworben, etwa durch das Aufzeichnen der Möglichkeiten. durch das Beschreiben realer Visionen.

SPIEGEL: Und wie wollen Sie für Daimler werben?

VON BRAUN: Es ist nicht die Aufgabe eines Aufsichtsratsmitgliedes, für das Unternehmen zu werben. Ich bin von der Firma sehr beeindruckt und werde mich dort in sehr guten Kreisen bewegen. Ich bin sehr stolz darauf, daß man mich eingeladen hat.

Zur Ausgabe
Artikel 21 / 68
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel