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DDR-Kooperation Die Basis ist da

Ein schwäbischer Mittelständler kooperiert mit einem DDR-Kombinat - eine Zusammenarbeit mit Modellcharakter?
aus DER SPIEGEL 49/1989

Eine Fabrik mit vielen Mitarbeitern ist die Fertigungsstätte der Tübinger Montanwerke Walter wahrhaftig nicht. Normalerweise sind in der Fabrikation für Fräswerkzeuge nur vereinzelt Menschen zu sehen; die dritte Schicht, die sogenannte mannlose, kommt ganz ohne sie aus.

Das Prinzip, nach dem hier gearbeitet wird, nennt sich CIM: Computer Integrated Manufacturing. Die Maschinen werden von einem Rechner gesteuert.

Eine solch hochmoderne Fertigung, sie ist auch in der Bundesrepublik noch die Ausnahme, soll schon bald in der DDR anlaufen - beim Werkzeugkombinat Schmalkalden. »Die wollen, was wir haben«, sagt Franco Mambretti, der geschäftsführende Gesellschafter der Tübinger Firma - und er will es ihnen geben.

Der Technologietransfer von West nach Ost, von Tübingen/Baden-Württemberg nach Schmalkalden/Thüringen, ist Teil der wohl umfassendsten Kooperation, die bislang zwischen einem DDR-Kombinat und einem bundesdeutschen Betrieb beschlossen wurde.

Die Verbindung, so ungewöhnlich sie - noch - ist, scheint nur konsequent. Als Geschäft auf Gegenseitigkeit, mit Profit für beide Seiten, könnte sie durchaus ein Modell sein für weitere Kooperation zwischen DDR-Kombinaten und bundesdeutschen Betrieben.

Die Produkte, um die es geht, sind Werkzeugmaschinen und jenes Werkzeug, mit dem maschinengetrieben Teile bearbeitet werden. Die DDR orderte in den vergangenen Jahren in großen Mengen Werkzeugmaschinen in der Bundesrepublik. Sie benötigte gleichzeitig immer wieder neue Werkzeuge, und die sind eine Spezialität der Tübinger.

Eine Zusammenarbeit mit Walter stand deshalb auf der Wunschliste der DDR-Delegation, die vor eineinhalb Jahren mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth gemeinsame Projekte vereinbarte. Acht waren insgesamt vorgesehen, die Kooperation zwischen dem Werkzeug-Kombinat Schmalkalden und Walter ist bisher die einzige, die verwirklicht wurde.

Die Kontakte knüpfte der staatliche Außenhandelsbetrieb WMW (Werkzeugmaschinen- und Werkzeugindustrie). Bei WMW in Ost-Berlin wurde in mehreren Sitzungen der Rahmen der Vereinbarung abgesteckt. Die Firma ist für alle Ein- und Ausfuhren von Werkzeugen und Maschinen zuständig. Direkte Vereinbarungen zwischen ost- und westdeutschen Betrieben sind bisher nach DDR-Recht nicht möglich.

Von nun an ging alles sehr schnell, durchaus zur Überraschung der Tübinger. Die ersten Gäste aus der DDR kamen im April dieses Jahres zu Walter, die Schwaben machten kurz danach ihren Gegenbesuch. Ein halbes Jahr später war alles klar.

Die nüchternen Techniker und Kaufleute des schwäbischen Mittelständlers (Umsatz rund 200 Millionen Mark, 1200 Mitarbeiter) waren vom Wissensstand ihrer Gesprächspartner durchaus angetan. Und was sie in Schmalkalden sahen, war nicht unbedingt eine Bestätigung für die gängigen Vorurteile über verrottete Produktionsanlagen in DDR-Betrieben: »Die Basis ist da«, erkannte Walter-Geschäftsführer Gerd Icks.

Künftig wird das DDR-Kombinat Walter-Werkzeuge selbst fertigen. Die Tübinger liefern das Know-how, gezahlt wird in harter D-Mark. Walter wird überdies dadurch belohnt, daß die Firma zukünftig Werkzeugmaschinen, die von der DDR importiert werden, bevorzugt mit Walter-Werkzeugen ausrüstet.

Die Gefahr, in der DDR den Konkurrenten der Zukunft aufzupäppeln, sieht Mambretti, ein Deutscher mit italienischem Namen und Akzent, nicht. Die Lizenzproduktion bei Schmalkalden, sagt er, verhindere, daß Walter allzusehr vom DDR-Geschäft abhängig werde. Im übrigen werde die DDR auch in Zukunft nicht in der Lage sein, den Eigenbedarf an Präzisionswerkzeugen für die Metallverarbeitung zu decken.

Das Geschäft hat für die Walter-Manager einen zusätzlichen »Nebeneffekt« (Mambretti): Die DDR ist der größte Werkzeugmaschinen-Lieferant der Sowjetunion. Wenn DDR-Maschinen mit Walter-Werkzeugen aus Schmalkaldener Produktion ausgestattet sind, können die Tübinger auf Anschlußaufträge aus der Sowjetunion rechnen.

Beträchtliche Lieferungen in die DDR und die Erschließung neuer Märkte im Osten - das sind die Vorteile des westlichen Kooperationspartners. Die DDR profitiert, weil sie Devisen spart und wertvolles Know-how erhält.

Vor allem für die Herstellungsverfahren. Von Anfang an interessierten sich die Kombinats-Manager ganz besonders für die CIM-Fertigung in Tübingen. Rund 25 Millionen Mark hat das mittelständische Unternehmen in den vergangenen Jahren in diese Technik gesteckt, die es zusammen mit der Stuttgarter Fraunhofer-Gesellschaft entwickelte. Die Software für die Steuerung der Anlage lieferte maßgeschneidert IBM.

»Wir wollen«, erklärt Walter-Produktionschef Bernd Brodbeck, »unsere Partner in der DDR in die Lage versetzen, eine solche Produktion zu planen und zu beherrschen.« Natürlich wird die Technik an die Bedingungen von Schmalkalden angepaßt, natürlich wird sie nur schrittweise eingeführt - aber am Ende soll die Fabrik computergesteuert produzieren.

Die komplizierten Teile der Technik allerdings muß die DDR selbst entwickeln. Der Leitrechner und die Software unterliegen der Cocom-Liste, sie dürfen nicht exportiert werden. Noch ist die Wissensübermittlung, in harter Mark bezahlt, einseitig.

Doch in Zukunft wollen die Schwaben auch von ostdeutschen Expertenkenntnissen profitieren. Das Werkzeugkombinat Schmalkalden, an der Zahl der Mitarbeiter gemessen rund zehnmal so groß wie sein westlicher Partner, verfügt über ein Forschungsinstitut. Mambretti sieht darin »ein Potential, das uns hilft weiterzukommen«. Gemeinsame Entwicklungen sind geplant.

Und noch einen langfristigen Vorteil, dessen Größenordnung allerdings noch nicht fest vereinbart ist, hat der Walter-Chef im Hinterkopf: Er will mit der Zeit Teile seines Produktprogramms vom Partner beziehen. »Die DDR«, sagt Mambretti, »kann für viele Jahre bestimmte Produkte günstiger fertigen als wir.«

Ein gemeinsames Unternehmen mit dem Partner, so es denn möglich würde, will Mambretti gar nicht anstreben. Für den Mittelständler, der in den vergangenen Jahren durchschnittlich jeweils 20 Millionen Mark investierte, erscheint eine Kooperation wie verabredet ungleich günstiger: Sie sichert weiteres Wachstum - ohne zusätzlichen Kapitaleinsatz.

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