Die Börsen-Spur Wer machte den Super-Deal mit dem Terror?

Kurz vor dem 11. September spekulierten Anleger in den USA im großen Stil auf den Kurssturz von Aktien der betroffenen Fluggesellschaften und Banken aus dem World Trade Center - Geschäfte, die ohne Vorwissen wenig Sinn ergaben. Doch über diesen Ermittlungsstrang wahren die Fahnder strengste Geheimhaltung. Der Ruf einiger Finanzhäuser steht auf dem Spiel.

Von Harald Schumann


Ruine des World Trade Center: 16 Millionen Dollar Gewinn
AP

Ruine des World Trade Center: 16 Millionen Dollar Gewinn

Berlin - Die Spur war brandheiß. Schon wenige Stunden nachdem die Twin Towers in New York eingestürzt waren, berichteten Branchendienste über vorangegangene Finanztransaktionen, die nur mit dem Wissen über die bevorstehenden Anschläge Sinn ergaben und plötzlich große Gewinne abwarfen. Gleich mehrere US-Börsen meldeten noch in derselben Woche die verdächtigen Geschäfte an die zentrale Aufsichtsbehörde, die Securities and Exchange Commission (SEC), die seitdem die Ermittlungen führt.

Und voller Zuversicht, auf diesem Weg eine Spur zu den Verwaltern der Kriegskasse von Osama Bin Laden zu finden, versprach SEC-Chef Harvey Pitt Ende September 2001 bei einer Anhörung im US-Kongress, seine Behörde werde "die Käufer finden, wo immer sie sind". Gleichwohl konnten oder wollten die Fahnder bis heute keinen der Urheber der Transaktionen ausmachen. Auf Nachfrage teilen die SEC-Beamten nur mit, die Ermittlungen dauerten an. Alles weitere unterliege strikter Geheimhaltung.

Das ist erstaunlich. Denn die Indizien dafür, dass Insider des Terror-Plots mit den Konsequenzen ein Vermögen machen wollten, sind erdrückend. Schon am 19. September veröffentlichte das renommierte israelische Institute for Counter-Terrorism eine Studie, die detailliert die verblüffend zielgerichteten Transaktionen auflistete. Demnach verzeichneten die Händler an der Chicagoer Börse am 6. und 7. September den Kauf von 4744 so genannten Put-Optionen für Aktien der United Airlines (UAL), einer der beiden Fluggesellschaften, deren Maschinen für den Anschlag entführt wurden. Der Umsatz betrug ein Vielfaches der an anderen Tagen gehandelten Menge dieses Kontrakts.

Mit den Put-Optionen spekulierte der Anleger auf den Fall des Aktienkurses. Durch die Puts erwarb er das Recht, die Aktien für einen Festpreis zu einem späteren Termin zu verkaufen. Fällt der tatsächliche Kurs der Aktie unter den vereinbarten Festpreis, steigt der Kurs der Put-Option. Auch für Anteile von American Airlines, der anderen betroffenen Fluggesellschaft kauften Unbekannte noch am 10. September 4516 Put-Scheine. Für einen bevorstehenden Absturz der beiden Aktienwerte gab es zu diesem Zeitpunkt keinen Hinweis.

Börsenkontrolleur Pitt: "Wir werden die Käufer finden"
REUTERS

Börsenkontrolleur Pitt: "Wir werden die Käufer finden"

Nicht minder verdächtig waren die Spekulationen gegen die Aktienwerte der Investment-Bank Morgan Stanley, die auf 22 Etagen große Abteilungen im World Trade Center unterhielt, sowie den Konkurrenten Merrill Lynch, der in einem der Nachbargebäude untergebracht war. Für beide Papiere schnellten die Verkäufe von ebensolchen Put-Optionen kurz vor dem 11. September um bis zu 2000 Prozent in die Höhe, obwohl keine negativen Unternehmenszahlen oder Prognosen auf dem Markt waren.

Der Vorteil des Kaufs von Optionen ist, dass sie nur einen vergleichsweise geringem Kapitaleinsatz erfordern, aber im Fall der richtig geratenen Kursentwicklung enorme Gewinne abwerfen. Und raten mussten diese Anleger wohl nicht. Denn die Umstände und Volumina dieser Geschäfte, "entsprachen genau dem, was man gewöhnlich von Insider-Geschäften kennt", erklärt Don Radlauer, Börsenexperte und Autor der israelischen Studie. Nicht nur das Timing der Deals passte allzu gut. Zudem waren sie spezifisch auf die vom Anschlag betroffenen Firmen gemünzt. Es gab vielleicht gute Gründe, auf einen Abwärtstrend der Luftfahrt-Industrie zu wetten, aber es gab keinen vergleichbaren Sprung beim Handel mit den Put-Option auf andere Airline-Aktien. Gleichzeitig war der Umfang der Optionskäufe extrem hoch und nur auf die kurze Zeit der fünf Tage vor den Anschlägen beschränkt. "Das widersprach ganz außerordentlich den üblichen Handelsvolumina", urteilte auch Jon Najarian, Mitinhaber der Firma PTI Securities, die selbst täglich im Optionshandel aktiv ist.

"Die Sache stinkt"

Insgesamt brachten die vermuteten Insider-Deals mit dem Terror nach Radlauers Kalkulationen den Anlegern über 16 Millionen Dollar ein. Denn die Aktienwerte der betroffenen vier Unternehmen stürzten nach den Anschlägen im freien Fall. Dabei machten die beteiligten Händler an der auf den Optionshandel spezialisierten Börse von Chicago allerdings eine verblüffende Erfahrung: Einer der Kunden löste Kontrakte im Wert von 2,5 Millionen Dollar gar nicht ein, die Optionen verfielen.

Insbesondere dieser Umstand stützt den Verdacht, dass es Anleger gab, die vorab von den geplanten Terror-Attacken wussten. Denn nicht vorhersehbar war die Tatsache, dass der Handel für einen Teil der Kontrakte nach den Anschlägen erst einmal ausgesetzt wurde. Zum Zeitpunkt der Wiederaufnahme des Handels mussten mögliche Insider aber schon mit Verfolgung rechnen. "Normalerweise, wenn jemand einen solchen Profit macht, dann nimmt er das Geld und macht sich aus dem Staub", erklärte einer mit den Transaktionen befassten Ermittler einem Reporter des "San Francisco Chronicle". "Wer immer dies gemacht hat, hat nicht bedacht, dass die Börse für vier Tage schließen würde. Die Sache stinkt."

Das gilt mittlerweile aber auch für die Ermittlungen.



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