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Die Eklöh-Furcht

aus DER SPIEGEL 35/1959

In einem Appell an »den Gesetzgeber und die beteiligten Wirtschaftskreise« schlugen die bundesdeutschen Einzelhändler vor kurzem Alarm: Sie fühlen sich von den Bemühungen westdeutscher und ausländischer Warenhauskonzerne bedroht, die Bundesrepublik in naher Zukunft mit einem Netz sogenannter Supermärkten zu überziehen.

Den Supermarkt, jene Kreuzung zwischen Ladengeschäft und Warenhaus, in der unter einem Dach alle Artikel des täglichen Bedarfs - Lebensmittel, Hausrat und ein begrenztes Textilsortiment - in Selbstbedienung feilgeboten werden, betrachten die Konzernplaner als das Verkaufssystem der Zukunft. Ähnlich wie in den Vereinigten Staaten, wo der Supermarkt seit langem Schule gemacht hat, entstehen nämlich auch in Westdeutschland an den Stadträndern überall neue Vororte und Satellitenstädte. In diesen Wohngebieten, die für Warenhäuser meist keine ausreichende Basis abgeben, kann sich der moderne Basar wegen seiner bequemen Einkaufsmöglichkeiten - großes Sortiment, Selbstbedienung, nur ein Zahlungsvorgang - ohne große Konkurrenzschwierigkeiten durchsetzen.

Die Besorgnis, mit der Westdeutschlands Einzelhändler diese neue Marktform betrachten, war durch eine ungewöhnliche Transaktion angefacht worden: Die vier größten bundesdeutschen Waren- und Kaufhauskonzerne, > die Karstadt AG in Hamburg und Essen, > die Kaufhof AG in Köln, > die Hertie GmbH in Berlin und > die Helmut Horten GmbH in Düsseldorf erwarben im vergangenen Juli gemeinschaftlich das bisher einzige Supermarktunternehmen in deutschem Besitz, die Herbert Eklöh Kommanditgesellschaft auf Aktien in Köln. Sie sicherten sich damit den ersten westdeutschen Supermarkt samt einer Kette von 24 Läden zwischen Kiel und Bonn.

Von dem persönlich haftenden Gesellschafter Herbert Eklöh, 54, Konsul von Mexiko, und anderen Aktionären kauften die vier Konzerne 95,6 Prozent des 4,375 Millionen Mark betragenden Grundkapitals und tauften das Unternehmen - um das Renommee des Namens Eklöh zu konservieren - in Herbert Eklöh GmbH um. Das Stammkapital teilten sich die Konzerne brüderlich. Sie gründeten außerdem gemeinsam eine Holdinggesellschaft, die Argus GmbH, um Gewinn und Verlust des Supermarktgeschäftes gleichmäßig auf alle vier Konzerne umzulegen.

Wie wertvoll den Großen Vier, die sich bei Eklöh zum erstenmal gemeinsam in einer Firma gefunden haben, ihre Neuerwerbung erscheint, geht schon aus der Kulanz hervor, mit der die alten Eklöh -Aktionäre behandelt wurden. Obwohl laut Umwandlungsbilanz das Reinvermögen der gekauften Firma nur 107 Prozent des Grundkapitals betrug und obwohl die Rheinisch-Westfälische »Revision« Treuhand AG in einem Gutachten einen Abfindungskurs von höchstens 150 Prozent vorgeschlagen hatte, wurden die Alt-Aktionäre zu einem Kurs von 190 Prozent für Vorzugsaktien (Aktien mit niedriger, aber garantierter Dividende) und 200 Prozent für Stammaktien abgefunden. Die Kaufhauskonzerne konnten sich leichter in das neue Geschäft einfädeln, weil der Kölner Supermarkt-Chef Eklöh die Überzeugung gewonnen hatte, es sei für ihn besser, sich aus diesem Geschäft zurückzuziehen.

Herbert Eklöh, in Bochum geboren, hatte als 30jähriger im Jahre 1935 einen geharnischten Brief an den Vorstand der Kaufhof AG geschrieben, in dem er behauptete, die Gesellschaft biete in ihren Häusern zwar Lebensmittel feil, verstehe aber von dieser Spezialbranche »so gut wie gar nichts«. Der amüsierte Vorstand ließ sich den jungen Meckerer kommen und engagierte ihn für die Reorganisation des gesamten Lebensmittelverkaufs.

Als Kaufhof-Berater wurde Eklöh selbst zum Lebensmittelkaufmann und baute sich im Jahre 1938 in Osnabrück ein Geschäft nach seinen Vorstellungen: den ersten deutschen Selbstbedienungsladen. Außerdem erwarb er in Sachsen weitere Geschäfte. Eklöh heute: »Ich habe als erster in Europa die Selbstbedienung aufgegriffen, ich bin Künder, Schrittmacher und Durchtrotzer gewesen.«

Bereits 1939 war der Ruhm des jungen Verkaufspioniers so weit gedrungen, daß sich der Görlitzer Wareneinkaufsverein, der in Sachsen 110 Läden unterhielt, den 34jährigen als Generaldirektor nach Dresden holte. Auch hier versäumte es Eklöh nicht, nebenher sein eigenes Imperium weiter aufzubauen. Als die Russen ihn aus der Zone vertrieben, ließ er 50 ansehnliche Läden zurück. Im Westen begann er sofort mit dem Wiederaufbau. Nach der Neugründung seines siebenmal ausgebombten Osnabrücker Stammgeschäfts legte er sich eine Kette hochmoderner Lebensmittelläden zu.

Auf einer Amerikareise bekam Herbert Eklöh dann Geschmack am Supermarkt. Zunächst errichtete er in Habana, der Hauptstadt des mittelamerikanischen Staates Kuba, zwei derartige Betriebe - die er Ende 1957, infolge der Revolutionswirren, schleunigst wieder verkaufte. Im Herbst 1957 eröffnete er dann in der »Rheinland-Halle«, dem umgebauten Kölner Radsportpalast, auf einer Fläche von 2000 Quadratmetern den ersten deutschen Supermarkt, in dem alle Artikel des täglichen Bedarfs angeboten wurden. 200 Parkplätze vor dem Laden reservierte er für seine Käufer, die bald auch von weither zu ihm strömten.

Erinnert sich Eklöh: »Unser größtes Hindernis war, daß die maßgebenden deutschen Handelskreise unserem Supermarkt keinerlei Chancen gaben.« Obwohl jedoch als Umsatz des ersten Jahres nur 7,5 Millionen Mark kalkuliert waren und die Fachwelt nur vier Millionen Mark für möglich hielt, wurden 9,2 Millionen Mark umgesetzt. Herbert Eklöh schiebt das auf die im Supermarkt liegende Verlockung zu »Impulskäufen in einem uns bisher unbekannten Ausmaß«.

Anfang dieses Jahres überdachte Eklöh seine geschäftlichen Perspektiven und zog eine Art persönlicher Lebensbilanz. Er fand seine Hoffnung, mit zunehmender Größe des Unternehmens werde er mehr Zeit als Mensch, und Privatmann haben, unerfüllt: »Es gibt keine Entlastung. Bei diesem Business wird man mit der Peitsche vorangetrieben. Das liegt in der Natur des Business. Da gibt es keine Ruhe.«

Zugleich erkannte er, daß sein Unternehmen, wenn es nicht zum Stillstand kommen sollte, vergrößert werden müsse. Dafür wurden aber Kapitalien in einem Umfang notwendig, die über die finanzielle Kapazität seines Familienunternehmens weit hinausgingen, wenn es nicht ganz in die Hände fremder Kreditgeber geraten wollte. Bereits beim Bau seines ersten Supermarkts hatte Eklöh erfahren müssen, welche Summen erforderlich sind: Die Baukosten lagen weit über der Kalkulation und betrugen zwei Millionen Mark.

Solche Erfahrungen rührten auch an eine in westdeutschen Managerkreisen nicht eben häufige Seite des Eklöhschen Charakters. Gestand er auf einer Pressekonferenz: »Jetzt (bei der notwendigen Expansion) kommen Gesetze zum Zuge, die meiner persönlichen Art nicht mehr liegen.« Seit langem habe er vorgehabt, »in reiferen Jahren auch noch etwas anderes zu tun, außer wirtschaftlichen Erwägungen, außer ... Soll-und-Haben-Bestrebungen«. So entschloß er sich auf der Höhe seines Erfolgs, den Supermarkt zu verkaufen* und sich gemeinsam mit seinem Freund, dem Schweizer Preisbrecher-Profi Duttweiler, 71, Aufgaben europäischer Bildungsarbeit zu widmen.

Eklöh besprach diesen Entschluß mit seinem alten Kaufhof-Vorstand und seinem Mitaktionär und Aufsichtsratsvorsitzenden Lange - im Hauptberuf einer der 17 Generalbevollmächtigten des Warenhaus-Nabobs Horten. Kaufhof und Horten wiederum verständigten Karstadt und Hertie.

Sogleich witterten die westdeutschen Einzelhändler und Mittelstandsschützer eine Entwicklung, »die mit mathematischer Sicherheit zum Verlust volkswirtschaftlichen Kapitals und zur Vernichtung von soliden selbständigen Existenzen führen müßte« (Pressedienst des Handels), und riefen nach dem Gesetzgeber. Der »Rheinische Merkur« klagte, daß die »mittelständischen Lebensmittelhändler die Leidtragenden« sein würden, denn in Amerika, dem Heimatland des Supermarkts, hätten die Supermarkt-Unternehmen bereits vor Jahren 40 Prozent des Lebensmittelumsatzes an sich gerissen. Die »Kölnische Rundschau« wollte beobachtet haben, daß

sich im westdeutschen Einzelhandel eine »Eklöh-Furcht« ausbreite.

Mit einem Trostwort versuchten die vier Säufer jede Kritik aufzufangen. »Hätte jedes der beteiligten Warenhausunternehmen«, so erklärten sie, »eine eigene Supermarkt-Kette gegründet, so würde dies zu einer weiteren Verschärfung des Wettbewerbs, insbesondere für den mittelständischen Einzelhändler, geführt haben.« Das gemeinschaftliche Vorgehen der Warenhäuser stelle »eine sowohl kommerziell als auch wirtschaftspolitisch bedingte Selbstbeschränkung« dar.

Entrüstet sich Helmut Horten, 50, Herr der Defaka- und Merkur-Warenhäuser: »Ich selbst weiß nur zu gut, daß übermäßige Anhäufung von wirtschaftlichen Interessen die erste Vorstufe zur Sozialisierung werden könnte, und man kann doch von mir nicht vermuten, daß ich einer solchen Entwicklung Vorspanndienste leiste.«

Immerhin steht hinter dem ehemaligen Familienunternehmen der Eklöhs jetzt eine Kapitalkonzentration, die selbst im Vergleich zu ausländischen Gesellschaften dieser Sparte beträchtlich ist. Die vier Konzerne erzielen zusammen einen jährlichen Umsatz von etwa 4,4 Milliarden Mark* und sind finanziell durchaus in der Lage, das Supermarktgeschäft in Westdeutschland im großen Stil aufzubauen.

Beträchtliche Finanzpolster sind allerdings Voraussetzung für das neue Geschäft. Die Errichtung eines Supermarkts erfordert zwischen 500 und 700 Mark je Quadratmeter, an denen aufwendige Kühl- und Kasseneinrichtungen einen hohen Anteil haben. Ein Super-Basar von 700 Quadratmetern Verkaufsfläche kostet also bis zu einer halben Million Mark. Zudem erfordert der Betrieb laufende Neu- und Umbauten und alle drei Jahre eine Renovierung.

Die Kapitalkraft der Eklöh - Teilhaber wird auch noch auf andere Weise ihre Rolle zu spielen haben: beim Kampf gegen konkurrierende Supermarkt-Interessenten. Prominentester Wettbewerber der Großen Vier ist der kanadisch-britische Weston-Konzern, der Anfang dieses Jahres in München ein eigenes Supermarkt-Unternehmen

gegründet hat - die Deutsche Supermarkt Handels - Gesellschaft mbH mit einem Stammkapital von einer Million Mark.

Die Muttergesellschaft, die der 61jährige Kanadier Garfield Westen, Sohn eines Keksfabrikanten, kontrolliert, besitzt in den USA, Kanada, England, Südafrika und Australien zahlreiche Lebensmittelgeschäfte mit Hunderten von Filialen, ferner 92 eigene Bäckereien und Keksfabriken und mehr als 200 Gaststätten. Der Konzern, dessen Jahresumsatz mit 16 Milliarden Mark angegeben wird, betreibt 30 Supermärkte.

Weston will von München aus Westdeutschland erobern und über dar Wirtschaftswunderland ein Netz von 300 Supermärkten legen. Die ersten drei Betriebe sind in Münchner Vororten bereits in Bau, in München-Freimann entsteht eine Lagerhalle mit 4000 Quadratmeter Fläche.

Schon bald will Weston auch den Sprung an Rhein und Ruhr wagen. Stanislaus Graf Dönhoff, 36, Weston-Vertreter in Deutschland und »schön wie ein Filmschauspieler« (wie das Boulevardblatt »Abendpost« schwärmt), erklärt, daß man »jedes erwerbbare Plätzchen an der Ruhr kaufen« und hier die nächsten Supermärkte bauen wolle. Außerdem wolle man so schnell wie möglich nach Köln, Wuppertal und Bielefeld. In Düsseldorf hat Dönhoffs Gesellschaft bereits das Trümmergelände des ehemaligen Tanzcafes »Kristallpalast« für eine Million Mark erworben.

Im Gegensatz zum amerikanischen Tempo des Weston-Konzerns wollen die westdeutschen Interessenten, so die neuen Eklöh-Herren und die gewerkschaftlichen Konsumgenossenschaften, sich nur vorsichtig engagieren.

Mindestens 600 bis 700 Quadratmeter Verkaufsfläche, meint der frischbestallte Eklöh-Chef Griebl, müsse ein Supermarkt haben: »Wo diese Flächen nicht gegeben sind, richten wir eine neue Form ein: eine Superette, ein Zwischending zwischen Supermarkt und Selbstbedienungsladen.«

* Konsul Eklöh bleibt als Aufsichtsratsmitglied und Berater seinem alten Unternehmen verbunden. Seine beiden weiteren Gesellschaften. Joh. Schreiber & Co. in Ludwigshafen mit vier Großladen und 33 Filialen und die Firma Herbert Eklöb in Münster mit sechs Großläden, führt er im Privatbesitz weiter.

* Im Jahre 1958 betrug der Umsatz der Karstadt AG 1,4, der Kaufhof AG 1,3, der Hertie GmbH 0,9 und der Horten GmbH 0,8 Milliarden Mark.

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