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Die elektronische Spur

Die größte Insider-Untersuchung in der Finanzgeschichte soll zu den Attentätern führen.
Von Wolfgang Reuter
aus DER SPIEGEL 39/2001

Loretta Minghella, Chefin der Vollstreckungsabteilung bei der Londoner Financial Services Authority, las das Fax aus Washington am vergangenen Donnerstag ein zweites Mal. Was da von ihr verlangt wurde, das war ihr schlagartig klar, würde Monate in Anspruch nehmen. Vielleicht sogar Jahre.

Doch die Finanzaufseherin scheut den Aufwand nicht. Schließlich ist es eine »dringende und hochsensible, nichtöffentliche« Untersuchung, in der ihre Amtskollegin Phyllis Cela von der US-Aufsichtsbehörde für Terminmärkte um Amtshilfe bat.

Cela wiederum war von Felice Friedman, der zuständigen Abteilungsleiterin der US-Börsenaufsicht SEC informiert worden. Ihre Behörde hatte sich entschieden, die größte und aufwendigste Untersuchung in der Geschichte der Finanzmärkte einzuleiten.

Es geht um die Terroranschläge in New York und Washington. Hintergrund der gigantischen Ermittlung ist dabei ein grausamer Verdacht: Die Terroristen oder ihre Hintermänner haben möglicherweise die Weltfinanzmärkte benutzt, um mit ihrer Tat Millionen zu verdienen.

Denn wer wusste, dass der Anschlag auf das World Trade Center bevorstand, der konnte sich denken, dass bestimmte Aktien danach dramatisch fallen. Er musste sich die Stücke also nur leihen und verkaufen - um sie dann nach dem Attentat viel billiger zurückzukaufen und an den Verleiher zurückzugeben.

Doch ein Insider konnte sich sogar noch auf unkompliziertere und effektivere Weise bereichern: Er brauchte nur eine der vielen Verkaufsoptionen auf diese Aktien zu erstehen, wie sie tagtäglich an den Terminbörsen gehandelt werden. Der Clou dabei: Sinkt der Kurs der Aktie, steigt der Preis der Verkaufsoption - und zwar überproportional.

Beispiel American Airlines: Ende August stand die Aktie noch bei etwa 33 Dollar. Die Verkaufsoption mit dem Recht, die Aktie am 20. Oktober für 30 Dollar zu verkaufen, war also praktisch wertlos. Der tatsächliche Kurs war ja höher als der so genannte Basispreis, die Option war »aus dem Geld« - und kostete deshalb nur etwa einen Dollar.

Doch nach den Anschlägen sackte das Papier der Fluggesellschaft auf mittlerweile unter 18 Dollar ab. Die Besitzer der Optionen können die American-Airlines-Aktie heute also für 18 Dollar an der Börse kaufen - und in vier Wochen für 30 Dollar verkaufen. Der Wert ihrer Option ist damit auf über 12 Dollar gestiegen. Wer also von dem Anschlag wusste und entsprechend handelte, kann sein eingesetztes Kapital mehr als verzehnfachen.

In der Tat haben die US-Behörden Grund für ihren Verdacht: So stiegen die Umsätze der in den USA gehandelten Verkaufsoptionen auf American Airlines vor der Terrorserie bis auf das 20fache des normalen Volumens.

Um den Profiteuren auf die Spur zu kommen, wollen die US-Behörden von der Londoner, aber auch von vielen anderen europäischen Finanzaufsichtsbehörden alle Handelsdaten über sämtliche US-Wertpapiere, die an den jeweiligen Finanzplätzen gehandelt wurden - und zwar zwischen dem 27. August und dem 11. September.

Laut dem Schreiben, das dem SPIEGEL vorliegt, gehören dazu sämtliche »Namen, Kundennummern, Adressen und Telefonnummern« aller Personen und Firmen, die im fraglichen Zeitraum US-Wertpapiere aller Art gehandelt haben. Darunter fallen neben Aktien auch »Indexzertifikate, Aktientermingeschäfte sowie Optionen auf einzelne Aktien oder auf Aktientermingeschäfte«, schreiben die US-Aufseher. Außerdem wollen sie die Kurse, zu denen die Transaktionen ausgeführt wurden, sowie die jeweiligen Umsätze.

Damit sich die Ermittler jedoch in dem Wust der vielen Milliarden Daten nicht verzetteln, sollen sie sich zunächst auf »ungewöhnliche Handelsmuster« beschränken, vor allem bei Luftfahrt-, Hotel-, Broker-, Bank-, und Versicherungsaktien.

Aber auch bei deutschen Firmen, die von dem Anschlag betroffen sind, gibt es auffällige Kursbewegungen: So knickten die Aktien von Lufthansa, Allianz und Münchener Rück in den Tagen vor dem Anschlag, bei leicht erhöhten Handelsumsätzen, auffällig ein. Die deutsche Wertpapieraufsicht untersucht den Vorgang inzwischen.

So schlimm und zynisch der Gedanke aber auch ist, dass die Terroristen ihre Tat für Spekulationsgewinne genutzt haben - die Ermittler hoffen darauf. Denn möglicherweise führen die Spuren an der Börse zielgenau zu den Hintermännern des Anschlags. WOLFGANG REUTER

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