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»Die ganze Welt ist Business«

aus DER SPIEGEL 48/1989

SPIEGEL: Herr Morita, kein Tag vergeht, ohne daß die Japaner irgendeinen größeren Ankauf in der Welt tätigen. Ihre Firma Sony hat kürzlich Columbia Pictures in Hollywood erworben, danach hat Mitsubishi Estate einen Teil des Rockefeller Centers - Symbol des US-Kapitalismus in Manhattan - gekauft. Sie und Ihre Landsleute produzieren und exportieren mit erstaunlichem Tempo, und Sie erwerben eine Firma nach der anderen in Amerika und Europa. Ist Japan dabei, die Welt zu erobern?

MORITA: Nein. Die Engländer haben viel mehr als die Japaner in den USA investiert und die Holländer etwa gleich viel.

SPIEGEL: Aber das Tempo Ihrer Expansion ist in den letzten Jahren unvergleichlich viel höher.

MORITA: Jawohl, das ergibt sich von selbst. Der Yen ist stärker geworden, wir haben viel Geld zur Verfügung. Das ist eben Business.

SPIEGEL: Liegt dieser Kauflust eine Strategie zugrunde?

MORITA: Sicherlich hat jede Firma ihre eigene Strategie. Jede Firma ist aber unabhängig. Wir von Sony werden von niemandem kontrolliert. Wir haben unsere eigene Politik . . .

SPIEGEL: . . . die Politik, Milliarden Dollar in ausländischen Firmen zu investieren. Es ist unvorstellbar, daß eine deutsche Firma sich leisten könnte, Columbia Pictures für 3,4 Milliarden Dollar zu erwerben.

MORITA: Das ist Business. Ich verstehe nicht, was Sie meinen.

SPIEGEL: In Amerika und Europa geht die Angst um, von den Japanern aufgekauft zu werden.

MORITA: Das ist doch Business!

SPIEGEL: Japans Leistungsbilanzüberschuß gegenüber dem Rest der Welt lag 1988 bei 80 Milliarden Dollar. Das bedeutet, daß Japan jedes Jahr über eine atemraubende Summe verfügt, um alles, was ihm einfällt, kaufen zu können. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit ist es vorgekommen, daß ein Land den Rest der Welt mit so vielen Milliarden Dollar pro Jahr aufkaufen könnte. Dieses ist ein außergewöhnliches Phänomen. Verstehen Sie nicht, daß es andere besorgt macht?

MORITA: Ich kann nicht für andere japanische Firmen antworten. Ich kann Ihnen aber erklären, warum Sony Columbia Pictures gekauft hat. Hardware braucht Software. Ein Computer ohne Software ist nichts wert. So ist es auch in unserer Branche. Wir bei Sony haben 20 Jahre lang gearbeitet, um ein moderneres Tonträger-System zu entwickeln. Dann haben wir erfahren, daß auch Philips an demselben Digital-System arbeitet. Also haben wir beschlossen, mit ihnen zu kooperieren und die Compact Disc gemeinsam zu entwickeln. Lange davor wußten wir aber schon, daß wir für diese neue Hardware unbedingt Software brauchten. Aus diesem Grunde haben wir von Anfang an die Schallplatten-Gesellschaft CBS/Sony Record Company in Japan an der Hand gehabt . . .

SPIEGEL: . . . und vor zwei Jahren haben Sie auch die amerikanische Mutter, CBS Records, dazugekauft.

MORITA: Richtig. Das japanische Gemeinschaftsunternehmen CBS/Sony besteht aber schon seit 20 Jahren. Sie sollten mir genau zuhören. Wenn Sie meine Politik nicht verstehen, wie wollen Sie sie dann kommentieren? Also, weil wir Das Gespräch in Moritas Tokioter Büro führten Werner Funk und Tiziano Terzani. wußten, daß man für Hardware Software braucht und umgekehrt, hatten wir die CBS/Sony Record Company gegründet und machten sie dann zu Japans größter Plattenfirma. Nur dadurch waren wir imstande, unsere Compact Discs mit allen Arten von Musik zu füttern und sie in der ganzen Welt einzuführen. Sehen Sie, wie wichtig Software für Hardware ist? Nur weil wir über die Musik-Aufnahmen verfügen, können wir unsere Compact Discs verkaufen. Als wir vor zwei Jahren erfuhren, daß die amerikanische CBS Records in Schwierigkeiten war, beschlossen wir, diese Firma zu retten und als die größte Schallplatten-Gesellschaft der Welt am Leben zu halten. Einen erheblichen Teil des investierten Geldes haben wir schon durch gute Geschäfte zurückbekommen, und wir haben deshalb jetzt genügend eigene finanzielle Mittel, um Columbia Pictures zu kaufen. Diesen Plan hatten wir seit mehreren Jahren im Kopf. Wir sind die größte Gesellschaft der Welt für Videotechnik und brauchen deshalb Video-Software, also Filme. Das ist die Sony-Story. Was andere japanische Firmen im Ausland kaufen, hat damit nichts zu tun.

SPIEGEL: Wir bezweifeln nicht die Logik dieses Unternehmenskaufs. Aber das ist nur der eine Teil der Geschichte. 1986 kauften die Japaner in Europa 28 Gesellschaften, 1987 kauften sie 35 Gesellschaften, dieses Jahr haben sie 52 Gesellschaften erworben - und das Jahr ist noch nicht vorbei. Vergleichbare Unternehmenskäufe von Europäern oder Amerikanern in Japan hat es nicht gegeben. Worin liegt das Erfolgsgeheimnis der Japaner?

MORITA: Das Geheimnis liegt in unseren guten Gewinnen. Angesichts des bevorstehenden europäischen Binnenmarkts 1992 und unseres Handelsbilanzungleichgewichts mit den USA hielten wir diese Strategie für die geeignetste, um Importbarrieren zu vermeiden.

SPIEGEL: Worin liegt der Unterschied zwischen den Japanern und dem Rest der Welt? Sind sie tüchtiger? Sind Amerikaner und Europäer fauler?

MORITA: Wir sind überzeugt, daß die Produktion die Grundlage der Wirtschaft ist. Stellt man nichts her, fügt man dem Material keinen Wert hinzu, kann man auch keinen ordentlichen Profit machen. Deswegen haben wir in Japan jahrelang an der Verbesserung der Produktionsmethoden gearbeitet und tun das auch noch heute.

SPIEGEL: Darum bemühen sich auch andere.

MORITA: In einem Freihandelssystem kann man keinen Kunden zwingen, die Produkte eines bestimmten Unternehmens zu kaufen. Vorbedingung eines guten Geschäfts ist das attraktive Produkt. Wollen wir einen Kassettenrecorder verkaufen, müssen wir einen herstellen, der attraktiver ist als alle anderen.

SPIEGEL: Wie kommt es, daß Ihnen dieses besser als allen anderen zu gelingen scheint?

MORITA: Harte Arbeit!

SPIEGEL: Auch andere arbeiten hart.

MORITA: Klar, aber wir planen voraus. Wir planen mindestens zehn Jahre voraus. Wir wissen eines: Von der Erfindung bis zum Produkt brauchen wir zehn Jahre. Der Transistor wurde 1949 erfunden, 1953 kauften wir das erste Patent, aber erst 1959 fingen wir an, damit Geschäfte zu machen. Sehen Sie? Zehn Jahre lang haben wir nur investiert. Unsere Geduld hat sich bezahlt gemacht. Mit der Erfindung von heute kann man nicht morgen schon Geschäfte machen.

SPIEGEL: Sie planen offensichtlich nicht nur voraus, um gute Geschäfte zu machen, sondern auch um die Auslandskonkurrenz völlig auszuschalten. Nehmen Sie das Beispiel Fernsehen. Die Japaner haben die amerikanische Fernseh-Industrie zerstört und die europäische schwer geschädigt. Jetzt herrschen Sie auch über Hollywood. In Zukunft werden die Kinder in den USA und Europa auf japanischen Fernsehapparaten immer mehr von Japanern hergestellte Filme sehen. Das macht vielen Sorge.

MORITA: In Europa haben wir immerhin noch ein paar starke Konkurrenten. Als ich klein war, bewunderte ich Telefunken. Telefunken hatte das PAL-Farbfernsehsystem erfunden, aber ich habe nie begreifen können, warum die Firma dieses System nicht genutzt hat, um Marktführer zu werden. Statt dessen hat es Philips getan. Oder nehmen Sie den Fall der Videorecorder. Japanische Firmen haben schon Mitte der fünfziger Jahre erstmals Video-Patente beantragt. Warum? Weil wir damals schon wußten, daß mit dem Farbfernsehen auch bald Videogeräte in jedes Heim einziehen werden. Die europäischen Firmen schliefen damals.

SPIEGEL: Schlafen sie immer noch?

MORITA: Ich habe den europäischen Firmen vorgeschlagen, daß wir uns jedes Jahr einmal zusammensetzen . . .

SPIEGEL: . . . um ihnen zu sagen, was sie tun sollen?

MORITA: Ich bin 1953 zum erstenmal in Europa gewesen. Damals wurde der Markt von europäischen Firmen beherrscht, und ich bin fast verzweifelt. Wir waren so weit zurück! Europa war so weit voran! Philips war so stark! Wir sagten uns aber: Wenn wir uns sofort an die Arbeit machen, dann können wir eines Tages ebensogut wie Philips sein oder wie Max Grundig . . .

SPIEGEL: . . . dessen Firma aber nicht ohne fremde Hilfe überleben konnte.

MORITA: Sie sollten zuhören. Ich kannte Max Grundig gut. Er war voller Einfälle, was die Apparate anbelangte, kaufte aber alle Bestandteile von Philips, und schließlich hat Philips seine Firma aufgekauft. Ich dagegen habe das Tonbandgeräte-Geschäft in Japan von Null an aufgebaut. Ich habe das Band, den Tonkopf, den Motor völlig selbständig entwickelt - in der festen Überzeugung, daß in der Selbständigkeit der Schlüssel zum Erfolg liegt. Ich habe meine Firma mit 500 US-Dollar gegründet. Heute sind wir, wo wir sind, dank harter Arbeit. Wenn Sie mich kritisieren, ohne die früheren Anstrengungen in Betracht zu ziehen, dann ist das unfair.

SPIEGEL: Das ändert nichts daran, daß sich Amerikaner und Europäer Sorgen über den japanischen Expansionsdrang machen.

MORITA: Erinnern Sie sich der Zeiten, als die deutsche Industrie die ganze Welt beherrschte?

SPIEGEL: Das hat sie nie getan . . .

MORITA: Sie sind zu jung. Wie viele deutsche Werkzeugmaschinen haben die Japaner importiert! In den fünfziger und sechziger Jahren waren die Deutschen unsere größten Lieferanten.

SPIEGEL: Sie sprechen immer von der Vergangenheit.

MORITA: Nein, ich spreche von der Anstrengung, die wir auf uns nehmen mußten. Sie hatten damals 100 Jahre Industriegeschichte hinter sich. Wir hatten das nicht. Deshalb fragten wir uns, wie wir die Deutschen einholen könnten.

SPIEGEL: Welches sind Ihre langfristigen Ziele? Die Japaner beherrschen die für alle industriellen Fertigungsverfahren entscheidende Halbleiter-Industrie. Sie beherrschen die Unterhaltungselektronik. Im nächsten Jahrzehnt werden sie wohl auch die Automobil-Industrie beherrschen, denn sie bauen bereits in den USA und Europa Automobilfabriken auf. Kennt die japanische Expansion keine Grenzen? Wann wird Japans Ehrgeiz befriedigt sein?

MORITA: Okay, okay, ich kann es Ihnen sagen! Als die deutsche Industrie die Welt beherrschte, hätte ich Ihnen gerne dieselbe Frage gestellt. Wir waren weit hinter den Deutschen zurück, aber wir waren überzeugt, daß jedes Land, jede Firma ein großes Entwicklungspotential hat. Wir haben von Null angefangen . . .

SPIEGEL: . . . und jetzt sind Sie der Spitzenreiter. Wollen Sie den Westen »de-industrialisieren«, wie der frühere US-Außenminister Kissinger es ausgedrückt hat?

MORITA: Der Begriff De-Industrialisierung ist falsch, da die Produktion die Grundlage der Wirtschaft ist, wie ich schon sagte.

SPIEGEL: Wenn der Rest der Welt nicht mehr mit Japan konkurrieren kann, was bleibt ihm dann anderes übrig, als japanische Erzeugnisse zu kaufen?

MORITA: Sie irren sich. Sie irren sich vollkommen. Als Deutschland noch stark war, fürchtete ich auch, wir könnten nicht konkurrieren, aber gerade Ihre Stärke hat uns motiviert. Nie haben wir uns beklagt, nie haben wir gejammert: Ihr seid zu stark! Wir haben uns einfach vorgenommen, hart zu arbeiten. So funktioniert die Wirtschaft, die freie Wirtschaft - wenn Sie nicht für ein protektionistisches System sind. Freie Wirtschaft bedeutet freie Konkurrenz. Wir haben niemals gejammert, Sie sollten jetzt auch nicht jammern.

SPIEGEL: Deutschland ist wirtschaftlich niemals so ehrgeizig wie Japan gewesen.

MORITA: Kritisieren Sie uns, weil wir zu ehrgeizig sind? Mag sein, daß wir härter arbeiten als die Europäer. Wollen Sie mir sagen, arbeiten sei schlecht?

SPIEGEL: Es ist nicht alles im Leben.

MORITA: Auch Sie arbeiten wahrscheinlich hart für den SPIEGEL.

SPIEGEL: Der hat aber nicht den Ehrgeiz, japanische Zeitungen aufzukaufen. Die Welt hat den Eindruck, daß die Japaner es sich leisten können, alles und jeden einzukaufen, seien es nun Spitzenwerke europäischer Malerei oder frühere US-Präsidenten. So wurde vor kurzem der ehemalige amerikanische Präsident Ronald Reagan von der Firma Fujisankei nach Japan geholt. Reagan sagte während seines Aufenthaltes in Tokio, Sonys Einkauf von Columbia Pictures sei für Amerika eine gute Sache, Hollywood werde nun bessere Filme machen. Er hat für diese Tour zwei Millionen Dollar kassiert. Für Sie ist das ein gutes PR-Geschäft gewesen.

MORITA: Ich habe ihm keinen Cent gezahlt.

SPIEGEL: Sie haben aber für die Reagan-Bibliothek gespendet.

MORITA: Nein, nein. Er hat mich um die Spende gebeten, aber ich habe nie zugesagt. Nicht wir, andere haben die zwei Millionen Dollar gezahlt. Ich habe Reagan nicht um dessen Kommentar gebeten.

SPIEGEL: Sprechen wir über das Buch, das Sie zusammen mit dem ehemaligen Transport-Minister Shintaro Ishihara geschrieben haben und das jetzt in Amerika für soviel Aufruhr sorgt. Das Buch heißt »Ein Japan, das nein sagen kann«. Zu wem nein sagen? Wie meinen Sie das?

MORITA: Das Buch ist nach einer Konferenz entstanden, an der ich teilgenommen habe. Mein Hauptquartier liegt in Ishiharas Wahlbezirk. Er hat mich deshalb aufgefordert, zu seinen Leuten zu sprechen. Ich habe es getan. Auch Ishihara hat damals eine Rede gehalten. Ich habe meine Ansichten dargelegt, Ishihara die seinen. Ein Verlag hat beide Reden in Buchform veröffentlicht. Unsere Ansichten sind verschieden.

SPIEGEL: Was war der Grundgedanke Ihrer Rede?

MORITA: Ich habe gesagt, daß wir Japaner angesichts unserer neuen wirtschaftlichen Macht den Mut haben sollten, unsere Ansichten deutlich auszusprechen und eine angemessene Rolle auf der Weltbühne zu spielen. Eine Ursache unserer Probleme im Handel mit anderen Ländern liegt darin, daß wir Japaner uns nicht klar genug ausdrücken. Wir sind oft vage, und das verursacht Mißverständnisse.

SPIEGEL: Wozu soll Japan denn Nein sagen?

MORITA: Wir müssen unseren ausländischen Freunden klarmachen, daß wir in einer anderen Tradition leben. Kommunikation, wahre Kommunikation - das ist das Wichtigste.

SPIEGEL: Sie lassen keine Gelegenheit aus, die amerikanische Wirtschaft zu kritisieren. Welches sind deren Hauptmängel?

MORITA: Kurzsichtiges Management. In den USA muß jede Firma in jedem Quartal alle Details über Umsatz, Gewinn usw. bekanntgeben. Wenn das Ergebnis des Quartalsberichts ungünstig ausfällt, dann sinkt der Aktienkurs, und das Management wird entlassen. Deshalb bemüht sich das Management dauernd um kurzfristige Profite. Es kauft sogar Produkte von anderen Firmen ein, um sie mit Profit wieder zu verkaufen. Es investiert nicht genug in die Forschung.

SPIEGEL: Gilt das auch für Europa?

MORITA: In Europa sieht es im allgemeinen viel besser aus. Nehmen Sie aber die Engländer. Die stellen keine Farbfernseher mehr her. Sie haben ihre Fabriken an die Franzosen verkauft . . .

SPIEGEL: . . . und Sony hat in England eine eigene Produktion aufgezogen.

MORITA: Weil wir glauben, daß Produzieren wichtig ist. Wir haben 1970 mit der Herstellung von Farbfernsehern in Kalifornien, 1974 in England angefangen.

SPIEGEL: Herr Morita, Sie pflegen zu sagen: »Die Japaner planen zehn Jahre voraus, die Amerikaner nur zehn Minuten.« Wie schätzen Sie die europäische Planungszeit ein?

MORITA: Sie müssen auf Philips achtgeben. Im elektronischen Sektor bleibt Philips die stärkste europäische Firma. In Deutschland gibt es eine starke Chemie-Industrie. Bayer, BASF, Hoechst, auf dem Elektro-Sektor auch Bosch und Siemens investieren viel Geld in die Forschung.

SPIEGEL: Sind diese Firmen noch gesund, weil sie von den japanischen Konkurrenten noch nicht aufs Korn genommen worden sind?

MORITA: Seien Sie nicht so pessimistisch. Sie sollten mehr Stolz haben.

SPIEGEL: Ihr Buch wird von vielen als der Ausdruck eines aufkommenden neuen japanischen Nationalismus angesehen. Ein Mann aus dem US-Handelsministerium hat es sogar »das Symbol der neuen japanischen Arroganz« genannt. Was sagen Sie dazu?

MORITA: Ich halte das Buch überhaupt nicht für arrogant. Wenn Sie die Übersetzung sorgfältig lesen . . .

SPIEGEL: . . . Sie meinen die vom Pentagon bestellte, nicht autorisierte Übersetzung? Eine englische Ausgabe des Buches haben Sie ja nicht genehmigt. Warum wollen Sie eine englische Ausgabe verhindern? Meinen Sie, gewisse Dinge könnten zwar Ihren Landsleuten, nicht aber den Ausländern gesagt werden?

MORITA: Der Grund, weshalb ich keine englische Übersetzung haben will, ist einfach. Mein Name ist bekannter als Ishiharas, und ich will nicht, daß mein Name benutzt wird, um seine Meinungen zu popularisieren.

SPIEGEL: Ishihara schreibt in seinem Teil des Buches, Japan solle die Überlegenheit, die es auf dem elektronischen Gebiet hat und die für jede moderne Industrieproduktion, besonders für den Rüstungssektor entscheidend ist, nutzen, um eine Supermacht zu werden.

MORITA: Sie scheinen zu unterstellen, Technologie sei gefährlich. Meiner Ansicht nach bietet die Technologie das einzige Mittel zum Überleben, das einzige Mittel zur Bereicherung der Menschheit.

SPIEGEL: Technologie hat ganz gewiß auch ihre negativen Seiten. Farbfernseher, Videorecorder, Elektronikspiele und ähnliches tragen nicht uneingeschränkt zur Bereicherung der Menschheit bei.

MORITA: Technologie bietet immer einen positiven Beitrag. Man kann der Wissenschaft keine Grenzen setzen.

SPIEGEL: Hat Japans Globalstrategie irgendwelche Grenzen?

MORITA: Wir haben keine Globalstrategie. Sie haben zuviel Angst vor Japan. Die USA waren eine Supermacht . . .

SPIEGEL: . . . sind sie es nicht mehr?

MORITA: Doch. Davor war England eine Supermacht, davor Frankreich. Auch Deutschland ist einmal eine Supermacht gewesen.

SPIEGEL: Wird Japan eine Supermacht werden?

MORITA: Vielleicht. Es wäre jedenfalls gut für die ganze Welt.

SPIEGEL: Wirklich?

MORITA: Ich glaube es.

SPIEGEL: Was für eine Supermacht wird Japan sein? Welche Regeln wird Japan den anderen auferlegen wollen?

MORITA: Wir wissen, wie falsch es ist, anderen Völkern die eigenen Regeln aufzuerlegen. Wir haben es einmal versucht. Es war ein großer Fehler.

SPIEGEL: Wird das 21. Jahrhundert Japans Jahrhundert sein?

MORITA: Wirtschaftliche Umstände verändern sich schnell. Derzeit versucht Europa wieder groß zu werden. Ich sehe eine tripolare Welt vor mir. Drei große Wirtschaftsgebiete: Amerika, Asien und Europa.

SPIEGEL: Auf jedem dieser drei Gebiete, scheint es, wird Japan die herrschende Macht sein, da es überall seine Fabriken haben und einen Großteil der Märkte dominieren wird.

MORITA: Die Vereinigung Europas von 1992 an ist für uns alle eine gute Sache. Ich bewundere diesen Entschluß der Europäer. Um so viele Länder mit ihren verschiedenen Sprachen und Kulturen zu vereinigen, muß jedes Land ein Stück seiner Souveränität preisgeben. Das ist schmerzlich, dennoch haben die Europäer solche Maßnahmen getroffen. Wir Japaner sollten die Europäer imitieren und selber Opfer bringen. Wollen wir gute Weltbürger sein, dürfen wir nicht nur unsere eigenen Interessen verfolgen.

SPIEGEL: Herr Morita, Sie sind als großer Charmeur bekannt. Sie gelten als Japans erfahrenster Botschafter in der Welt. Genau das, was Sie eben sagten, haben Sie bereits vor 20 Jahren gesagt. Inzwischen hat Japan nur seine Interessen verfolgt und ist grundsätzlich geblieben, was es immer schon war: ein geschlossener Markt.

MORITA: Im Vergleich zu dem, was wir einmal waren, sind wir heute offener.

SPIEGEL: Sie behaupten, der japanische Markt habe sich geöffnet. Die Handelsstatistiken sind aber enttäuschend. Während die Europäische Gemeinschaft etwa 15 Prozent der benötigten industriellen Waren importiert und die USA 10 Prozent, importiert Japan nur 4,8 Prozent. Warum?

MORITA: Diese Zahlen sind irreführend. Sie müssen in Betracht ziehen, daß Japan keine Naturschätze, keine Energie hat, daß wir alles, sogar die meisten Nahrungsmittel, importieren müssen. Der Prozentsatz der industriellen Güter, die wir importieren, mag klein sein. Unser Gesamtimport ist aber groß.

SPIEGEL: Nehmen wir also andere Zahlen. Vergangenes Jahr importierte die Bundesrepublik Fertigwaren im Wert von 2525 Dollar pro Kopf. Die USA importierten Waren im Werte von 1326 Dollar, Japan nur im Wert von 447 Dollar. Glauben Sie nicht, daß dies etwas mit der offenbar unüberwindlichen japanischen Tradition zu tun hat, niemanden ins Land zu lassen?

MORITA: Wir haben eine große Bevölkerung, jeder arbeitet, und so stellen wir fast alles her, was wir brauchen, und haben es nicht nötig, Fertigwaren zu importieren. So erklären sich diese Zahlen.

SPIEGEL: Bemühen sich vielleicht auch die Ausländer nicht genug, in Japan Fuß zu fassen?

MORITA: Es fällt uns schwer, attraktive ausländische Produkte zu finden. Finden wir sie, sind wir auch bereit, viel Geld dafür auszugeben. Viele Japaner tragen importierte Krawatten, importierte Anzüge. Junge Mädchen kaufen sich importierte Handtaschen und andere modische Accessoires.

SPIEGEL: Ist das alles?

MORITA: Wir haben in Japan jetzt auch Niederlassungen deutscher Banken und deutscher Automobilfirmen. Als ich 1953 erstmals nach Europa fuhr, war Italien auch ein geschlossener Markt. Jetzt ändert sich das.

SPIEGEL: Es ändert sich, weil Italien der Europäischen Gemeinschaft angehört.

MORITA: Deswegen sage ich eben, wir müssen Europa bewundern.

SPIEGEL: Die Europäische Gemeinschaft klagt oft über japanische Dumping-Praktiken, viele europäische Politiker und Manager meinen, die Japaner seien noch keine guten Weltbürger. Was sagen Sie dazu?

MORITA: Meine Firma tut das nicht. Das ist nicht unsere Politik.

SPIEGEL: Es ist denkbar, daß die europäischen Politiker eines Tages sagen werden: Retten wir unsere Industrie, beschäftigen wir unsere eigenen Arbeitskräfte. Machen wir die Tür zu, und lassen wir die Japaner draußen. Wie würde Ihr Land darauf reagieren?

MORITA: Die Europäer sind souverän. Sie können entscheiden, wie sie wollen. Wenn sie das aber tun, kämpfen sie gegen den globalen Trend an.

SPIEGEL: Europa täte damit nichts anderes als das, was Japan immer schon getan hat. Sie selbst sagten in einem Interview vor 13 Jahren, Japan müsse sich vor einer »wirtschaftlichen Invasion von außen« schützen. Das hat Japan in der Tat geschafft. Jetzt könnte Europa sich gegen die Möglichkeit einer japanischen Invasion wehren.

MORITA: Die Europäer sollen es tun, wenn sie wollen. Es würde uns aber allen schaden.

SPIEGEL: Um zu verhindern, daß japanische Produkte in den USA und Europa ausgesperrt werden, errichteten Sie und andere japanische Unternehmer dort Fabriken. Die Autofirma Honda beispielsweise eröffnete in Großbritannien ein Werk, dessen Maschinen und Computer aus Japan importiert wurden. Wird also Japans Produktion global, während Technologie und Gehirne in Japan bleiben?

MORITA: Nein, Honda hat in den USA bereits eine Abteilung, die neue Modelle entwirft. Sony hat in England ein Labor. Wir holen uns, was wir brauchen, überall dort, wo wir es kriegen können. In England finden wir gute Ingenieure, und wir bieten ihnen gute Bedingungen an.

SPIEGEL: Gelingt es Ihnen, ausländische Beschäftigte ebenso zu motivieren wie Ihre japanischen Mitarbeiter?

MORITA: Die Hauptsache ist: Man gibt den Leuten ein Ziel. Ein Beispiel: Nach dem Sputnik sagte Präsident Kennedy: Vor 1970 müssen die USA einen Mann auf dem Mond haben! Das war ein klares Ziel. So ist es auch bei Sony gewesen. Als unser Mitgründer, Masaru Ibuka, aus dem Ausland mit einem Taschenbuch zurückkam und sagte: In dieses Format muß eine Kassette passen, wurde die erste Heim-Videokassette entwickelt.

SPIEGEL: Sprechen wir über etwas umfassendere Ziele. Jede Großmacht der Vergangenheit hat ihre Herrschaft mit einer ideologischen Botschaft gepaart. Was ist Japans Mission? Womit möchte Japan die Menschheit beglücken?

MORITA: Japan ist heute ein reiches Land. Nicht nur das. Wir sind auch eine egalitäre Gesellschaft und kennen deshalb keine Klassengefühle. Wir wollen der Welt helfen.

SPIEGEL: Wie sehen Sie die japanische Gesellschaft der Zukunft? Wird weniger gearbeitet werden? Werden die Japaner ihren Ehrgeiz zügeln, oder wird die Kluft zwischen Ihrem Land und der übrigen industrialisierten Welt immer weiter?

MORITA: Die Japaner haben schon angefangen, längeren Urlaub zu nehmen.

SPIEGEL: Tatsächlich?

MORITA: Längeren als früher. Vor einigen Tagen traf ich Ihren Wirtschaftsminister, Herrn Haussmann, und der sagte mir: »Deutschland ist das Zentrum Europas, inklusive Osteuropa, und ich will, daß japanische Firmen in Deutschland investieren.« Einige japanische Industrielle halten die Arbeitsstunden in Deutschland aber leider für zu kurz . . .

SPIEGEL: . . . die Deutschen scheinen damit zufrieden zu sein . . .

MORITA: . . . und die Gehälter in Deutschland für zu hoch. Wenn wir Japaner also in Europa investieren wollen, dann fällt es uns schwer, nach Deutschland zu gehen. Außerdem: Wie sollen wir Japaner uns verhalten, wenn die EG sich vereinigt? Wenn alle Europäer sich für die kurzen Arbeitsstunden und die hohen Gehälter entscheiden, die in Deutschland gelten - wie wollen sie dann überleben?

SPIEGEL: Im Augenblick leben die Europäer noch recht anständig. Wann werden die Japaner statt einer Woche fünf, sechs Wochen Urlaub im Jahr nehmen?

MORITA: Das wird schon kommen.

SPIEGEL: Spätestens seit Kriegsende streben die Europäer danach, weniger zu arbeiten und die Lebensqualität zu verbessern. In Japan dagegen hatte man nur harte Arbeit im Kopf. Das Verlangen nach besserem Leben bleibt immer noch sehr, sehr schüchtern. Können die Europäer mit Japan konkurrieren, ohne selbst Japaner zu werden?

MORITA: Wir wünschen, daß sich jeder wohl fühlt. In Europa dagegen gibt es noch Armut. Wir wünschen, daß sich alle denselben Lebensstil leisten können. Das ist unser Ziel. Um es zu erreichen, muß jeder hart arbeiten.

SPIEGEL: Kaum ein Europäer wird einen Japaner um dessen Lebensstil beneiden.

MORITA: Bei uns gibt es keine Analphabeten. Bei uns gibt es Gleichheit. Japan ist in mancher Hinsicht ein sozialistisches Land.

SPIEGEL: Tatsächlich? Einige wenige Konzerne beherrschen hier in Japan das gesamte politische und wirtschaftliche Leben.

MORITA: Nein, nein. Sie machen sich eine falsche Vorstellung von Japan. Sie sollten länger hierbleiben, und Sie würden sehen, daß fast alle Japaner etwa den gleichen Lebensstil haben. So ist es weder bei Ihnen noch in Amerika.

SPIEGEL: Was würden Sie tun, wenn Columbia Pictures einen Film plant, den Sie für antijapanisch halten?

MORITA: Wenn Ihr Chef Ihnen vorschreiben würde, was Sie zu schreiben haben, dann würden Sie den SPIEGEL verlassen. Es geht um Kreativität. Ich leite seit langem ein kreatives Unternehmen und weiß, wie man kreative Leute motiviert. Niemals würde ich denen vorschreiben, was sie tun oder lassen sollen.

SPIEGEL: Durch den Ankauf von Columbia Pictures haben Sie Amerikas Traum-Maschine gekauft. Mit dieser Maschine werden Sie Amerika beeinflussen können.

MORITA: Wenn Sie sich so ausdrücken, dann muß ich meine Story, die ich zu Beginn erzählte, wiederholen. In unserer US-Firma CBS Records beschäftigen wir Sänger und Komponisten aus aller Welt. Wir machen nicht nur amerikanische Lieder und amerikanische Musik, wir beschäftigen auch europäische Künstler. Jeder ist auf seine Weise kreativ. Bei Columbia Pictures wird es ebenso sein.

SPIEGEL: Nehmen wir an, jemand bei Columbia Pictures will einen Film über »Japans wirtschaftliche Invasion der Welt« machen. Was würden Sie dazu sagen?

MORITA: Von mir aus. Auch der SPIEGEL kritisiert die Regierung der Bundesrepublik. Das ist Business.

SPIEGEL: Ist alles in der Welt nur Business?

MORITA: Jawohl. Deswegen gibt es Kontroversen.

SPIEGEL: Herr Morita, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Akio Morita *

ist der im Ausland weitaus bekannteste japanische Unternehmer. Im Gegensatz zu fast allen anderen Wirtschaftsführern Japans, die sehr publizitätsscheu sind, hat der 68jährige Mitgründer und Chef des Tokioter Unterhaltungselektronik-Konzerns Sony auf vielen Vorträgen im westlichen Ausland um Verständnis für japanische Mentalität und japanische Wirtschaftsphilosophie geworben. Mit seinem Freund Masaru Ibuka hatte der studierte Physiker Morita von 1946 an eine Radiofabrik aufgebaut, die in den folgenden Jahrzehnten mit einer Reihe technischer Pioniertaten auf dem Rundfunk- und Fernsehsektor glänzte. Im Jahr 1958 gab Morita seiner Firma den »unjapanischen« Namen Sony, um besser weltweit operieren zu können. Der Konzern erzielt rund 65 Prozent seines Umsatzes in Höhe von über 30 Milliarden Mark außerhalb des Heimatmarktes.

W. Funk, T. Terziani
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