Die Glotz-Kolumne Green Cards für Spitzenkräfte

Der vom Bundeskanzler Schröder aufgegriffene Vorschlag des Vorsitzenden der D21-Initiative, Erwin Staudt, 30.000 Arbeitserlaubnisse für Computerspezialisten zu erteilen, hat zu einer für die geistige Situation in Deutschland charakteristischen Debatte geführt.

Das Vorstandsmitglied der IG-Metall, Karin Benz-Overhage, hat ebenso wie der Bayrische Innenminister Günther Beckstein gefordert, arbeitslose deutsche Ingenieure umzuschulen und fortzubilden, statt Einwanderungskarten zu verteilen. Beckstein warnte zudem vor einer "Dauereinwanderung mit Familiennachzug". Jetzt weiß man, wer den Wandel der Industrie- zur Wissensgesellschaft nicht begriffen hat.

Die wichtigste Ressource der Informationsgesellschaft ist "Brain" - Wissen. Deshalb ist die Idee, man könne dem Mangel an akzeptabel bezahlten Arbeitsplätzen durch Umschulung, generelle Arbeitszeitverkürzung oder das Verbot von Überstunden abhelfen, untauglich. Solche Vorschläge unterstellen eine Austauschbarkeit von Individuen, die am Montageband gegeben war, am PC aber nicht existiert. Im Kopf eines guten Wissensarbeiters sind besondere Erfahrungen und Begabungen amalgamiert. Zwei gute Softwareschreiber können wesentlich mehr als hundert durchschnittliche. In der wissensbasierten Gesellschaft spielt die Spitze eine größere Rolle als der Durchschnitt. Wer das nicht begreift, wird zum Don Quichotte.

Deswegen wird der Bayrische Innenminister begreifen müssen, dass eine "Dauereinwanderung" mathematisch hochbegabter und informationstechnisch geschulter Experten in der Tat unausweichlich ist. Es ist nicht gesagt, dass die "Dauereinwanderung" zusätzlich zur Einwanderung von Asylbewerbern und Aussiedlern (derzeit jährlich etwa 250.000 pro Jahr) akzeptiert werden muss. Die Quote für Spitzenkräfte der digitalen Ökonomie könnte auch auf Kosten dieser Gruppen erfolgen, wenn die Politik sich diese Entscheidung zutraut. Klar ist jedenfalls, dass Gesellschaften, die sich abschließen, im Wettbewerb des digitalen Kapitalismus abgeschlagen werden. Wer in dieser Konkurrenz mitspielen will, muss die stärksten Begabungen aus aller Welt anzuziehen versuchen und wird deshalb in der Spitze notwendigerweise international. Die selbstgenügsame Beschränkung auf die eigenen Gene führt zur sicheren Niederlage. Das ist schlimm sowohl für den dummen Stolz sanfter Rassisten als auch für die Ideologie von Gewerkschaftern, die sich nur als Vertreter deutscher Arbeitsplatzinhaber verstehen können. Aber es ist eine Tatsache.

Man wird die Bundesregierung daran messen müssen, ob sie ihrem Kanzler in dieser Frage folgt oder an dem Ungetüm der sogenannten "Arbeitserlaubnispflicht" festhält, wie es das Arbeitsministerium verklausuliert verlangt. Bisher lassen die Deutschen fast nur Leute ins Land, die untergeordnete Tätigkeiten verrichten. Wenn sie dumm genug wären, ihren Mittelschichten auch in Zukunft keine Konkurrenz aus dem Ausland zuzumuten, verlören sie die Chance, im digitalen Kapitalismus an führender Stelle mitzuspielen. Es ist brutal, aber wahr: Einen 52-jährigen Maschinenbauer kann man nicht zu einem hungrigen Gründerunternehmer und sich selbstausbeutenden Software-Freak, der sich am Münchner Businessplanwettbewerb beteiligt, umschulen. Deutschland braucht auch erstklassige Systemintegratoren, Projektleiter und Informationstechnik-Berater, wenn möglich die besten der Welt. Ohne Einwanderung wird das nicht funktionieren.