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WIRTSCHAFTS-KOMMENTAR Die goldene Gleichung

Von Wolfgang Kaden *
Von Wolfgang Kaden
aus DER SPIEGEL 2/1985

Die Übereinstimmung war groß, vor gut einem Jahr. Fast alle, die in wissenschaftlichen Instituten über den Lauf der Wirtschaft nachdenken, sagten der Industrie schöne Zuwächse bei den Investitionen voraus. Auf ein erstaunliches Plus von 6,5 Prozent stimmte beispielsweise der Sachverständigenrat der Bundesregierung die erfolgsentwöhnten Deutschen ein.

Alle lagen sie daneben. Statt um fünf oder sechseinhalb Prozent stockten die Unternehmen voriges Jahr ihre Ausgaben für neue Produktionsanlagen nur um rund ein Prozent auf.

Prognosen, wirtschaftliche zumal, seien nun mal Glücksache, könnte hier entschuldigend vermerkt werden. Aber das wäre denn doch zu billig. Denn falsche Prognosen sorgen für eine falsche Politik. Und ein Zufall ist der kollektive Irrtum der Experten keineswegs. Die Sache hat System.

Ökonomen ermitteln ihre Voraussagen weder mit Glaskugeln noch mit Würfeln. Sie orientieren sich an volkswirtschaftlichen Zusammenhängen. Stimmt dieses Theorie-Gerüst nicht, dann ist auch die Chance groß, bei manchen Ziffern grob danebenzugreifen.

Zum festen Erkenntnisschatz der herrschenden ökonomischen Lehrmeister gehört dabei seit langem eine goldene Gleichung. Höhere Gewinne, erklären uns die Professoren unter dem Beifall von Managern und Politikern, bescheren dem Volk höhere Investitionen; und wenn mehr Maschinen gekauft werden, finden mehr Menschen Arbeit.

Die Unternehmens-Gewinne waren in der Tat nach 1979 beklagenswert zusammengefallen. Doch dieser Schrumpfprozeß endete 1981. Seither sehen die Abschlüsse von Jahr zu Jahr besser aus, nicht zuletzt, weil Bonn die Unternehmen steuerlich begünstigte. 1982 kletterten die Gewinne um 19,6 Prozent, 1983 setzten die Firmen ein Plus von 43 Prozent drauf, und für 1984 dürfte bei der Endabrechnung auch wieder eine zweistellige Zahl rauskommen.

Die Vorhersager in den Instituten schlossen messerscharf: Wenn die Unternehmen wieder einen schönen Schnitt machen, dann werden die Manager gewiß auch hoffnungsfroh Geld in neue Produktionsmittel stecken. Das war schließlich immer so, in den Fünfzigern beispielsweise, als es noch einen schier unbegrenzt erscheinenden Bedarf gab, und auch später noch in den Sechzigern.

Doch irgendwas muß sich gegenüber diesen schönen Zeiten geändert haben; irgendwas, das den etablierten Ökonomen entgangen ist.

Ordentliche Gewinne in der Gegenwart, so nötig sie sind, reichen offenbar doch nicht aus, die Unternehmer zum Kauf zusätzlicher Maschinen und Lkw, zum Bau neuer Lager- und Fabrikhallen zu bewegen. Wer seine Produktionsmöglichkeiten ausdehnt, muß auch von der Zuversicht beseelt sein, die zusätzlichen Waren verkaufen zu können. Dieser Optimismus fehlt offenkundig, allen flotten Wendesprüchen zum Trotz. Vorsicht heißt heute in vielen Firmen das oberste Geschäftsprinzip.

Das ist nicht die Vorsicht von Angsthasen, sondern die der nüchternen Rechner. Wer aus den Analysen seiner Marketing-Experten entnimmt, daß die Kundschaft in Zukunft kaum mehr von den angebotenen Produkten abnehmen wird, der riskiert nicht Hunderte von Millionen für eine neue Fertigungsstraße. Seit Jahren steigen daher die Geldvorräte der Unternehmen an. Der Anteil der liquiden Mittel an der Bilanzsumme lag 1965 bei 31 Prozent, in den letzten Jahren bei 35 Prozent.

Für die Ökonomie war dies bislang kein Anlaß, die alten Glaubenssätze zu überprüfen. Volkswirte bilden ihre Theorien, indem sie Schlüsse aus dem Wirtschaftsablauf ziehen. Die Erfahrungen früherer Jahrzehnte zählen da offenbar mehr als die der vergangenen Jahre.

Man könnte geduldig warten, bis die Wissenschaftler ihre Theorien der Wirklichkeit angepaßt haben - wenn es da nicht um die Jobs von Hunderttausenden ginge. Nach wie vor lehren uns die ökonomischen Meinungsführer, allein durch eine stetige Vergrößerung des Produktionsapparats ließe sich die Beschäftigung sichern. Was geschehen soll, wenn nicht wie erwartet in neue Anlagen investiert wird, haben sie uns noch nicht verraten.

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