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Die Goldgräberstimmung ist verlogen

Im Wüsten-Königreich Saudi-Arabien macht das Wirtschaftswunder erst mal Pause Mit Dollar-Milliarden, die wie aus der eigenen Gelddruck-Maschine über das Land kamen, kauften sich die Saudis in wenigen Jahren eine phantastische Ausstattung ihres Wüstenreichs zusammen. Jetzt, da kaum noch ein Drittel der früheren Beträge reinkommt, müssen die Männer um König Fahd wieder rechnen lernen. *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Der landesübliche Komfort ist es nicht, den der Flughafen der saudiarabischen Ölstadt Dhahran zu bieten hat.

Da es keine Flugsteige gibt, müssen die Passagiere in der warmen Jahreszeit über das glühend heiße Vorfeld laufen, um in das Flughafengebäude zu gelangen. Die Abfertigungshalle, in der sie auf die Koffer warten, wirkt wie ein Überbleibsel aus den Gründerjahren des saudischen Öl-Business: Wände und Decken aus billigen Kunststoffbauteilen, schlechte Klimatisierung, ein schäbiges Äußeres.

Um wieviel angenehmer ist es da doch für den Reisenden, in der Hauptstadt Riad oder in der Industriestadt Dschidda anzukommen, wo sich das Königreich zwei protzig-prächtige Vorzeige-Flughafen bauen ließ: Perfekte Klimatisierung, Wände und Böden aus Marmor, kühne Deckenkonstruktionen oder, mitten im Hauptstadt-Flughilfen, ein großer Springbrunnen mit fröhlich-bunten Blumenarrangements.

Für Dhahran, den großen internationalen Flughafen im Industriezentrum am Golf, sollte ähnliches längst im Bau sein. Die Pläne sind fertig, auf zwei Milliarden Dollar (rund 4,4 Milliarden Mark) sind die Kosten für den dritten Glitzer-Airport veranschlagt. Doch der Super-Flughafen Dhahran wird vorerst nicht gebaut: Das Geld ist nicht da.

Dies ist eine neue Erfahrung für die Saudis: daß etwas, was doch ganz nützlich wäre, mangels Masse nicht gleich in die Tat umgesetzt wird; daß sie die Realisierung ihrer Wünsche von ihrer Zahlungsfähigkeit abhängig machen müssen.

Fast zehn Jahre lang war in Saudi-Arabien gebaut worden, was immer zu bauen war: Autobahnen und Wohnsiedlungen. Hotels, Kraftwerke und Universitäten.

Das Königreich auf der arabischen Halbinsel war zum Dorado europäischer und japanischer, amerikanischer und koreanischer Bau- und Anlagefirmen geworden. Noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte

hatte sich ein Land so schnell alle wesentlichen Einrichtungen eines modernen Gemeinwesens zugelegt, wie die Saudis Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre. In Städten wie Riad oder Al Khobar dürften zwei Drittel aller Gebäude in den letzten zehn Jahren hochgezogen worden sein.

Saudi-Arabien, das sich noch heute gern in allen Äußerlichkeiten an Amerika orientiert (bis hin zu den großen braunen Packtüten in den Supermärkten), erscheint heute wie eine Wiederholung des amerikanischen Traums. Nur mit dem Unterschied, daß alles im Zeitraffer-Tempo ablief: Wozu die Amerikaner hundert Jahre brauchten, das schafften die Saudis, mit ihren unermeßlich vielen Öl-Dollars, in zehn.

Nun aber macht das Wirtschaftswunder in der Wüste erst mal Pause. Saudi-Arabiens Regenten sprechen von »Normalisierung«; Geschäftsleute in Riad, Dschidda oder Dammam, vom Auftragsentzug getroffen, reden von"Rezession«.

Der Rückgang der Ölpreise zwingt das Wüsten-Königreich zur langsameren Gangart. 1981, als die Opec den Ölpreis auf die Spitze getrieben hatte, nahm der Staat 113 Milliarden Dollar ein, nun sind es noch knapp 30 Milliarden.

»Man versucht«, berichtet ein deutscher Diplomat in Riad, »an allen Ecken und Enden zu sparen«.

Die Goldgräberstimmung bei den Industrie-Vertretern, die hier die Geschäfte ihres Lebens gemacht haben, ist verflogen. Vorbei die Zeiten, da die Linienmaschinen, die vor Europa auf die arabische Halbinsel fliegen, zumeist ausgebucht waren. Heute düsen viele Großraum-Jets halbvoll die Route ab; die Lufthansa hat eine Hin- und Rückflugverbindung im Winterflugplan 1985/86 gestrichen.

Das Frachtgeschäft nach Saudi-Arabien, zu Wasser und in der Luft, ist na« geworden. Die Lufthansa verdiente im vergangenen Jahr vor allem an Containern, die sie aus Saudi-Arabien herausflog: Umzugsgut von Deutschen, für die es im Königreich nichts mehr zu verdienen gibt.

Vorbei auch die Zeiten, da der Reisende aus Europa das Hotelzimmer viele Wochen vorher bestellen mußte - und auch dann manchmal nur unterkam, wenn er diskret einen 20-Dollar-Schein über den Tresen schob. Heute ist in vielen Hotels gerade ein Drittel der Zimmer belegt.

Am härtesten traf die Wende viele Bauunternehmen und Baumaterial-Hersteller. Hunderte von kleineren Unternehmen, die während des Booms hastig zusammengezimmert worden waren, sind inzwischen wieder verschwunden.

Größtes Aufsehen erregte der Konkurs der saudisch-amerikanischen Firma Carlson al-Saudia. Das Unternehmen hatte sich trotz eines Baukontrakts über 400 Wohnhäuser für die König-Saud-Universität

in Riad nicht vor dem Bankrott retten können.

In manchen anderen Branchen sah es nicht viel besser aus als im Baugewerbe. Die National Chemical Industries brach zusammen; der Lebensmittel-Hersteller Helwani Brothers mußte umschulden: die Vermögenswerte der National Auto Company, die den Vertrieb der US-Autos Chrysler und Dodge in Riad übernommen hatte, wurden auf Anweisung des Provinz-Gouverneurs Prinz Salman beschlagnahmt.

Die heimischen Fahrzeug-Hersteller montierten 1984 nur noch 4000 Einheiten. Das ist nicht einmal die Hälfte dessen, was sie 1982 produziert hatten. Die Firma Automaih beispielsweise, die im Industriepark von Riad General-Motors-Busse zusammensetzt, wurde bei der Regierung weit weniger Fahrzeuge als früher los. Das Unternehmen mußte - ebenso wie die Firma E. A. Juffali & Brothers, die Mercedes-Lkw montiert - die Produktion herunterfahren.

Vorbei sind auch Zeiten, da Saudi-Arabiens Händler und Industrielle die Verluste, die sie bei einem fehlgeschlagenen Projekt erlitten hatten, durch raschen Landverkauf ausbügeln konnten. Nach scheinbar unaufhaltsamem Anstieg sind die Grundstückspreise selbst in den besten Lagen Riads und Dschiddas um bis zu 50 Prozent gefallen.

Eine Autofahrt über eine der Schnellstraßen an der Golfküste läßt die Krise augenscheinlich werden. Auf den Höfen der Baufirmen, die längs der Autobahnen angesiedelt sind, stehen die Bagger von Hitachi, die Bulldozer von Komatsu, die Erdbewegungsmaschinen von Caterpillar dutzendweise herum. Jeden zweiten Tag wird in den Zeitungen wieder eine Massenversteigerung von Baugerät annonciert.

Es sind hervorragende Maschinen. Fast alles, was die Ingenieure der Baufirmen und was die Spezialisten aus anderen Branchen den Saudis in den Jahren zuvor hinstellten, zählt zur Spitzenklasse der modernen Technik.

Dies ist schon bemerkenswert an der schnellen Wandlung des Königreichs Saudi-Arabien: So reich das Herrscher-Haus der Al Saud mit seiner vieltausendköpfigen Prinzenschar durch die Petrodollars geworden ist - die unumschränkt herrschende Königsfamilie hat zugleich auch viel Gutes für ein besonders rückständiges Land getan.

1951 gingen die Bewohner der Hauptstadt Riad über die erste geteerte Straße. Heute ist fast jedes Dorf Saudi-Arabiens über eine Asphaltstraße zu erreichen.

Trassenführungen wie die Verbindung zwischen der Gebirgsstadt Abha und dem Städtchen Al Shuqayq am Roten Meer nötigen auch dem durch kühne Alpenautobahnen verwöhnten Europäer Bewunderung ab: Rund tausend Meter fällt das Land hinter Abha fast senkrecht ab; eine breite Autostraße führt heute die Steilfelsen hinunter. Mit einer grandiosen Mischung von Tunneln und Brücken haben chinesische Straßenbauer den Höhenunterschied überwunden.

Beispiellos auch ein Projekt wie die Industriestadt Jubail am arabisch-persischen Golf. Vor acht Jahren rückten die ersten Caterpillar auf dem Baugelände unweit des kleinen Fischerdorfs Jubail an. Das Gas, das bei der Ölförderung unvermeidlich freigesetzt wird, sollte nicht länger abgefackelt, sondern industriell genutzt werden. Das Rohstoffland Saudi-Arabien sollte sich daranmachen, seine Bodenschätze selber zu verarbeiten.

Inzwischen leben in den Reihenhäusern der Industriestadt 55000 Neubürger. Aus den Stahlwerken Jubails, von

dem Deutschen Willy Korf gebaut, wird das Land mit Baustahl beliefert. Die riesigen Chemie-Anlagen, zu einem gut Teil fertig montiert aus Japan heimgeschafft, produzieren petrochemische Grundstoffe wie Polyäthylen und Methanol.

Auch wenn der Verkauf im Ausland auf etliche Schwierigkeiten stößt (die Europäer wehren sich beispielsweise mit einem Schutzzoll): Auf die Dauer werden sich die Saudis mit ihren Chemie-Produkten durchsetzen; den Rohstoff, das Gas, haben sie schließlich zum Nulltarif.

Genauso die Sonne: »Sun-Valley«. Sonnental, nennen die Saudis das Sonnenkraftwerk in Al Uyaynah, 50 Kilometer vor Riad. Die fast unüberschaubare Zahl von Sonnen-Kollektoren, zum Teil von Deutschen gebaut, bildet das größte Sonnenkraftwerk der Welt.

Mit ihren dicker Portemonnaies haben sich die Saudis alles gekauft, was ihnen zu einem modernen Gemeinwesen zu gehören scheint. Für Geld, das illustriert der Wüstenstaat Saudi-Arabien besonders eindringlich, ist fast alles zu haben.

Wasser? Zwölf Schornsteine recken sich auf einem riesigen Industriegelände zwischen den Golfstädten Dammam und Jubail in den Himmel. Sie gehören zu einer Meer Wasserentsalzungsfabrik, die über eine 450 Kilometer lange Pipeline die Hauptstadt Riad mit Trinkwasser versorgt.

Bäume? Aus dem Süden der USA und aus Mexiko haben die Begrünungsexperten wüstentaugliche Gewächse zu Hunderttausenden heranschiffen lassen: unterirdische Bewasserungsleitungen führen zu jeder einzelnen Wurzel und sorgen, natürlich Computer-gesteuert, dafür, daß die Bäume ständig genügend Feuchtigkeit erhalten.

Bildung? Die Universitäten in Riad oder sonstwo im Lande sind mit einem Aufwand gebaut worden, als hätten die Architekten die Paläste der Königsfamilie übertreffen wollen; das Lehrpersonal wurde mit verlockenden Gehaltsofferten aus allen Teilen der nicht-kommunistischen Welt abgeworben.

Wo Geld so zur Nebensache wird, wie es im Ölstaat Saudi-Arabien bis vor zwei, drei Jahren der Fall war, da spielen Nützlichkeitserwägungen zuweilen nur noch eine untergeordnete Rolle. Wer nicht genau kalkulieren muß, der läßt sich auch manch Unnützes und überflüssiges aufschwatzen.

Stolz führt der Protokollchef des Gouverneurs in Dammam den Besuchern im nagelneuen Regierungspalast einen pompös ausgestatteten Sitzungssaal vor: mit dicken Leder-Fauteuils, mit einer schicken Anlage für Simultanübersetzung, mit modernsten Projektoren für eine Multimedia-Schau.

Wozu der Saal, in dem 300 Leute komfortabel unterkommen, denn gebraucht werde, wird der freundlich-bemühte Saudi gefragt. Ganz arglos kommt die Antwort: Seit dem Bau des Palasts vor zwei Jahren sei der Raum noch nicht benutzt worden.

Manche Autobahn mit drei oder vier Spuren in jeder Richtung, auf der etwa ein so lebhafter Verkehr wie auf der Transitautobahn zwischen Hamburg und Berlin herrscht, dürfte weniger nach Bedarfsprognosen, sondern unter dem Gesichtspunkt des Mengenrabatts gebaut worden sein.

Geradezu grotesk wirken in dem menschenleeren Land die kleinen Nationalparks, die, dem US-Vorbild folgend, beispielsweise rund um Abha im kühlen Hochland Asir angelegt wurden: mit Hinweisschildern für alles und jedes

("Campground A, B, C ..."), mit Toilettenhäusern alle 300 Meter, mit Asphalt für den kleinsten Gehweg, mit Stromanschluß und Grillgerät direkt an den Parkplätzen. Die amerikanische Beratungsfirma hat ihr Honorar offensichtlich nach der Höhe der Gesamtkosten berechnet: Je mehr ausgegeben wurde, um so mehr blieb hängen.

»Es ist den Saudis viel angedreht worden«, sagt ein deutscher Manager aus Al Khobar, »alles mußte vom Besten und vom Feinsten sein.«

Außerordentlich erfolgreich waren die Verkäufer von Straßenlaternen. Auf manchen Autobahnen stehen die Lampenmasten so dicht nebeneinander, daß die Hälfte ausgeschaltet werden kann und die Fahrbahn immer noch bestens beleuchtet ist.

In Jubail haben die Planer die Wüste mit Straßenlaternen zugepflanzt: Auf einem gut Teil jenes Terrains, das erst in den nächsten Jahrzehnten mit Wohnhäusern bebaut werden soll, stehen schon die Laternen. Wie Spargelstangen strecken sie sich, so weit das Auge reicht, in den Wüstenhimmel.

Die beeindruckendsten Symbole des am Bedarf vorbeispekulierenden Bauwahns sind in Al Khobar, Dammam. Riad und Dschidda zu besichtigen: ausgedehnte, bezugsfettige Wohnviertel mit 10 bis 15 Stockwerke hohen Mietshäusern, die, durch einen hohen Drahtzaun abgeschirmt, seit Jahren völlig leerstehen. 20000 bis 30000 Wohnungen dieser Art haben nie einen Bewohner gesehen.

Mit nüchterner, wirtschaftlicher Kalkulation war es auch wohl kaum zu begründen, als sich die Herrscherfamilie entschloß, ihrem Wüstenstaat eine Landwirtschaft zu verpassen. König Fahd und seinem Gefolge war es darum getan das Land in der Nahrungsmittelversorgung autark zu machen - koste es, was es wolle.

Mit aberwitzigen Summen, die auch den Ananas-Anbau in der Arktis rentabel gemacht hätten, fördert das Landwirtschaftsministerium den Weizenanbau.

Von 3000 Tonnen im Jahre 1975 schoß die Weizen-Produktion auf 1,3 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr hoch. Für die nächste Ernte werden gar 1,7 Millionen Tonnen erwartet - bei einem Eigenbedarf von nur 800000 Tonnen jährlich. Ausgerechnet der Wüstenstaat Saudi-Arabien exportiert Weizen in großen Mengen.

Die Regierung übernimmt die Hälfte der Düngemittel-Kosten, sie stellt Land und Wasser gratis zur Verfügung; und die garantiert für den Weizen schließlich Preise, die das Achtfache des Weltmarkterlöses bringen.

Auf einer Farm in Al Kharij, in der Nähe von Riad, führt die Regierung ausländischen Besuchern vor, wie in der Wüste Tomaten, Gurken oder Bohnen gezogen werden. Um die Pflanzen gegen die Hitze zu schützen, setzten die Planer sie unter Glas. Zu jeder Wurzel führt ein kleiner Wasserschlauch. Mit Sensoren und einem Computer wird die Wasserzufuhr optimal gesteuert. Wasser und Düngemittel werden mit modernster Elektronik aufbereitet.

Mit mehr Aufwand lassen sich Nahrungsmittel wohl kaum herstellen.

Für das Nützliche wie das überflüssige, das Material und die Menschen aus aller Welt, haben die Saudis in ihren Glanzzeiten ohne Mühe cash gezahlt. Es blieb, dank der angenehm hohen Ölpreise, sogar noch so viel zum Sparen übrig, daß Saudi-Arabien zu dem Land mit den größten Auslandsguthaben in der Welt aufsteigen konnte.

Seit 1983 bleibt nichts mehr zum Sparen auf den Konten. Im Gegenteil, 1983 und auch in den folgenden Jahren zehrte das Öl-Königreich von seinen Reserven.

Auf unvorstellbare 140 Milliarden Dollar schätzten Finanzexperten 1982 das saudische Auslandsvermögen. Bei Geschäftsbanken in den USA und in Europa, bei den Notenbanken der westlichen Welt oder beim Internationalen Währungsfonds haben die Kassenverwalter das Geldvermögen des Königreichs angelegt.

1983 bereits mußten die Saudis von den 140 Milliarden knapp 17 Milliarden lockermachen, um alle Rechnungen bezahlen zu können. In den folgenden Jahren fehlten dem Land, das völlig schuldenfrei ist, nochmals ähnlich

hohe Beträge bei den laufenden Einnahmen.

In den USA haben die Geldmanager des Königreichs inzwischen, wie ein deutscher Bundesbanker kürzlich in Riad von den Kollegen der Saudi-Notenbank Sama erfuhr, sämtliche Kurzfrist-Anlagen aufgelöst.

So wurden aus 140 Milliarden Dollar- Reserven binnen dreier Jahre 80 bis 90 Milliarden. Auf die konservativen Potentaten in Riad, die sich an ein stetes Anwachsen ihres Dollar-Schatzes gewöhnt hatten, mußte dieser Trend erschreckend gewirkt haben: Würde er nicht gestoppt, so konnten sie sich ausrechnen, wäre das Angesparte in vier Jahren verpulvert.

Die Herrschenden reagierten schnell. Sie versuchten beide Seiten ihrer Bilanz zu verbessern: Die Ausgaben sollten gedrosselt, die Einnahmen erhöht werden.

Die Anstrengungen auf der Einnahmenseite blieben bislang noch ohne Erfolgs. Im Sommer vergangenen Jahres gab Riad die Anweisung, die Ölhähne aufzudrehen; die Förderung wurde verdoppelt. Doch das zusätzliche Saudi-Öl schwappte auf übervolle Märkte, es drückte die Preise inzwischen um die Hälfte. Unterm Strich blieb nichts übrig.

Erst wenn Ölminister Ahmed Saki el-Jamani die anderen Ölförderer innerhalb und außerhalb der Opec dazu bringt, weniger zu fördern; erst wenn sich dann die Preise wieder nach oben bewegen würden, hätten die Saudis mehr Dollar auf den Konten.

Mit denen, die sie jetzt noch ausgeben können, gehen sie inzwischen deutlich sparsamer um als in den Zeiten des Ölpreis-Booms. Vorletzte Woche verkündete König Fahd in einer über Radio und Fernsehen ausgestrahlten Rede, daß die Regierung die Verabschiedung des Haushalts 1986/87 um fünf Monate verschieben werde.

So etwas hat es im Königreich noch nicht gegeben: Weil die Ölpreisentwicklung extrem unübersichtlich ist und daher die Einnahmen nicht abzuschätzen sind, wollen die vorsichtigen Saudi-Führer erst mal abwarten. Saudi-Arabien, so Fahd in seiner Ansprache, habe es mit extrem schwierigen Umständen zu tun.

Daß in Riad heute genau gerechnet wird, bekommen alle zu spüren: die saudischen Staatsbediensteten wie die ausländischen Hilfskräfte, vor allem aber die vielen Firmen aus dem Ausland.

Die Auftragswelle aus dem Ölland, das über schier grenzenlose Mittel zu verfügen schien, ist deutlich abgeebbt: Im vorigen Jahr bereits sanken die Einfuhren gegenüber 1984 um fast die Hälfte.

Wer heute dennoch mit einem dicken Auftrag aus Saudi-Arabien zurückfliegt, der hat längst nicht mehr die traumhaften Gewinnspannen früherer Jahre rausgeholt.

Um die Preise zu drücken, sind die Saudis davon abgegangen, Projekte nur einem kleinen Zirkel von Unternehmen anzutragen. Heute wird breit ausgeschrieben. Wenn die eingegangenen Angebote den Saudis zu teuer erscheinen, schreiben sie ein zweites oder auch drittes Mal aus.

»Die haben enorm schnell dazugelernt«, klagt der Vertreter eines deutschen Elektro-Unternehmens in Saudi-Arabien.

Längst haben es sich staatliche Auftraggeber zudem abgewöhnt, mit beispielhafter Pünktlichkeit die Rechnungen zu begleichen. Unter den ausländischen Geschäftsleuten in Saudi-Arabien ist die »schlechte Zahlungsmoral« der Saudis inzwischen das Hauptgesprächsthema.

Ein beliebter Trick, mit dem die Einheimischen die Bezahlung der Rechnungen hinausschieben, ist die Verweigerung der sogenannten Endabnahme. Mit Beanstandungen, die nach Meinung der ausländischen Firmenvertreter vorgeschoben sind, zögern die Saudis das sogenannte Endzertifikat hinaus: Solange dieses Papier nicht vorliegt, wird auch nicht abgerechnet.

Die Manager der deutschen Kraftwerk Union (KWU) beispielsweise streiten sich mit den Saudis seit 1984 über die Abnahme eines Kraftwerks einschließlich einer Meerwasserentsalzungsanlage in Al Khobar.

Daß im Wüstenparadies Saudi-Arabien das Geld knapper geworden ist, bekamen auch viele der ausländischen Arbeitnehmer zu spüren. Über drei Millionen Menschen gehen den rund acht Millionen Saudis zur Hand; neben den hochbezahlten Spezialisten aus den

Industrieländern sind das vor allem billigst entlohnte Hilfskräfte aus Asien.

Im Luxushotel »Meridian« am Golf beispielsweise arbeiten unter der Regie eines französischen Managers 220 Menschen. Ganze sechs sind Saudis, die übrigen kommen aus 22 Ländern.

Die Hilfskräfte können nicht billig genug sein. Gegenwärtig schicken viele Firmen und Staatsstellen ihre philippinischen Arbeitnehmer zurück ins Heimatland. Bangladeschis und Thais sind deutlich billiger, die bekommt man einschließlich Unterkunft und Verpflegung schon für 250 Rial (160 Mark) im Monat.

In Al Khobar erzählt man sich in der deutschen Kolonie von einer deutscharabischen Baufirma, die 200 Arbeiter aus Sri Lanka in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ins Flugzeug abschob, obwohl die Verträge noch längst nicht erfüllt waren. Das Management holte sich als Ersatz Thais, die kosten noch weniger.

Daß in Saudi-Arabien nun etwas schärfer gerechnet wird, bekamen allerdings auch die etwa 250000 saudischen Staatsbediensteten zu spüren. Ihre Arbeitgeber strichen oder kürzten ihnen einige der fetten Nebenleistungen, wie das Wohngeld, das Trennungsgeld oder die Ortszulagen. Um ein Drittel bis zur Hälfte verlor mancher saudische Staatsdiener so an Einkommen.

Soziale Harten sind damit nicht verbunden, die Lebensverhältnisse des saudischen Herrenvolks bleiben beneidenswert günstig.

Es wird auch in Zukunft keine Einkommensteuer gezahlt,ärztliche Versorgung gibt es kostenlos, und wer ein Haus bauen will, kann sich beim Staat einen zinslosen Kredit über 100000 Dollar abholen. Nahrungsmittel, Elektrizität und Wasser werden durch Staatszuschüsse verbilligt. Der Liter Benzin kostet 25 Pfennig.

»Ein Saudi, dem es nicht gutgeht«, sagt König Fahd nicht zu Unrecht, »muß sich schon sehr unglücklich verhalten, er muß sehr dumm und sehr faul sein«.

Die saudische Königsfamilie, die für alle Ewigkeit ausgesorgt hat, wird das Wohlfahrtssystem in ihrem Wüstenstaat nicht beschädigen. Die Ruhe in dem mittelalterlich regierten Königreich, das wissen die führenden Männer der Herrscherfamilie nur zu gut, wäre schnell gestört, wenn dem Volk allzu viele Einschränkungen aufgezwungen würden.

Der Blick in die Zukunft macht es den Saudis sowieso leicht, das, was sie »Normalisierung« nennen, gelassen hinzunehmen. Der Herrscher in Riad und seine nur acht Millionen Untertanen wissen, daß Allah ihnen allein ein Viertel der bekannten Welt-Ölreserven geschenkt hat. Und sie leben in der Gewißheit, daß sie schon in wenigen Jahren, wenn aus den Tiefen der Nordsee kein Tropfen Rohöl mehr zu pumpen ist, wieder ziemlich allein über den Ölpreis bestimmen können.

Da sollte man auch das Sparen nicht übertreiben und sich nicht mit Subventionskürzungen unnötig Ärger aufhalsen:

Zunächst hatte die Saudi-Regierung den Weizen-Farmern in der Wüste einen Beitrag zur Haushaltssanierung abverlangt und die Garantiepreise gesenkt. Doch es kam, wie es in jedem ordentlichen Industriestaat gekommen wäre: Die Bauernlobby, darunter etliche Mitglieder der Königsfamilie, protestierte nachhaltig. Inzwischen wurden die Preise wieder angehoben.

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