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NAZI-GOLD Die Last der braunen Barren

New Yorker Anwälte wollen Milliarden-Beträge bei deutschen Großbanken einklagen. Die Geldhäuser sollen sich am Vermögen jüdischer Holocaust-Opfer bereichert haben.
aus DER SPIEGEL 24/1998

Bei Schwertfisch und Dorade kamen die beiden Herren zur Sache. Edward Fagan, Rechtsanwalt aus New York, und sein Münchner Kollege Michael Witti trafen sich am vorvergangenen Samstag im Düsseldorfer Restaurant Kytaro, um in heikler Angelegenheit zu entscheiden. Witti zeigte sich höchst ungeduldig: »Die Klage muß raus.«

Der Deutsche wußte bereits, daß dem US-Außenministerium ein Bericht über den Verbleib des im Holocaust geraubten Nazi-Goldes vorlag. Witti fürchtete, Kollegen könnten ihm mit einer Klage zuvorkommen.

Tatsächlich überschlugen sich die Ereignisse. Am vergangenen Dienstag wurde der Bericht publik gemacht, und schon am Mittwoch reichte Fagan seine Klageschrift bei einem New Yorker Gericht ein.

Gemeinsam mit vier weiteren Anwaltskanzleien verklagen Fagan und Witti die Deutsche Bank, die Dresdner Bank und hundert weitere, bisher unbekannte Kreditinstitute aus der Bundesrepublik auf 18 Milliarden Dollar Schadensersatz, also etwa 32 Milliarden Mark. Im Namen von drei Holocaust-Überlebenden werfen die Advokaten den Geldhäusern vor, sich am Vermögen jüdischer NS-Opfer bereichert zu haben.

Ruth Abraham, 85, in Westpreußen geboren und in Berlin aufgewachsen, erfuhr im Juli 1942 von ihrem wenig später deportierten Vater, daß er ein Konto bei der Dresdner Bank hatte. Das Geld ist ihr nie ausgezahlt worden. Den Familien von Harold Watman, 77, und Michael Schonberger, 69, hatte die SS in Auschwitz Goldgegenstände wie Ringe oder Brillen geraubt. Von den deutschen Banken fordern sie Schadensersatz, weil diese mit Gold aus Konzentrationslagern während des Krieges gehandelt hätten.

Witti und Fagan haben eine sogenannte Class-Action-Klage eingereicht. Der Hauptprozeß wird mit den drei Fällen geführt, eine große Zahl von ähnlichen könnte danach im Schnellverfahren entschieden werden.

Die Zahl der möglicherweise betroffenen Nazi-Opfer haben die Advokaten mit »mehr als zehntausend« angegeben. Die Banken, so der Vorwurf, hätten damals »mit Absicht persönlichen Besitz, den die Nazis geraubt haben, akzeptiert, verborgen, transferiert, gewaschen« und »aktiv mit dem Nazi-Regime zusammengearbeitet«.

Die Anwälte zielen damit auf ein finsteres Kapitel der deutschen Bankengeschichte. Als Hitler Deutschlands Juden enteignete, verdienten Deutsche und Dresdner Bank bei den Arisierungen als Makler, Finanziers und Käufer mit. Besonders ungezwungen ging die Dresdner vor. 1934/35 hatten die Nationalsozialisten zwei überzeugte Parteigenossen, Emil

* Ruth Abraham, Michael Schonberger.

Meyer und Karl Rasche, in ihrem Vorstand plaziert.

Das Gold, das die SS ihren Opfern in den Konzentrationslagern abnahm, landete erstmals 1942 in den Tresoren der beiden beklagten Banken. Es kam aus dem Bestand des Melmer-Goldes, benannt nach dem SS-Hauptsturmführer Bruno Melmer, der die Goldlieferungen für die SS zur Reichsbank brachte (SPIEGEL 22/1998).

76mal lieferte die SS. Bei 117 Barren, die aus Melmer-Gold geschmolzen wurden, läßt sich klären, wo sie geblieben sind. Die Deutsche Bank erhielt von den braunen Barren 55, die Dresdner 23.

Alliierten Geheimdienstinformationen zufolge sind Teile davon während der letzten Kriegsjahre in der Türkei gelandet. Für die Dresdner Bank war Istanbul der »wichtigste Umschlagplatz im neutralen Ausland«, wie das Dresdner Hannah-Arendt-Institut in einer Kurzstudie feststellt. Allein für die fünf Monate von April bis September 1944 konnten die Historiker mehr als 30 Goldlieferungen nachweisen.

Die beiden Banken bezahlten das Gold mit Schweizer Franken bei der Reichsbank, die unbedingt Devisen zum Kauf kriegswichtiger Rohstoffe brauchte.

Offenbar im Diplomatengepäck versteckt, gelangte das Gold dann in die neutrale Türkei. Auf dem dortigen freien Markt erzielten die Banken für das Edelmetall hohe Erlöse. Wieviel Melmer-Gold so verkauft wurde, ist noch unbekannt.

Insgesamt erhielten die beiden Großbanken von der Reichsbank während des Krieges Gold für 7,8 Millionen Dollar. Daß es sich um Raubgold handelte, sei für die Manager erkennbar gewesen, meint der Bankenhistoriker Christopher Kopper. Wo sollte das Wertmetall schließlich herkommen? Die Reichsbank hatte am Anfang des Krieges kaum noch Gold besessen.

Im Herbst 1941, als die Deportationen begannen, mußten alle Juden ihre Konten auf einem 16seitigen Formular angeben. Die Formulare reichte die Gestapo an die Finanzverwaltungen weiter, die sich dann von den Banken das Geld auszahlen ließen. Tatsächlich waren die Banken dazu verpflichtet. Doch bisher unbekannte Dokumente, die dem SPIEGEL vorliegen, belegen, daß die Deutsche Bank zumindest in Hamburg eine aktive Rolle spielte. So glichen die Banker bereitwillig die Deportationslisten mit ihrem Kundenregister ab.

Am 6. Mai 1942 meldete die Filiale am Hamburger Adolphsplatz »unsere Kunden, für die uns bislang eine Vermögensbeschlagnahme von Ihnen nicht zugestellt worden ist": Alexander Bachur, Nummer 27 von der Deportationsliste 1, Alfred Schloss, Nummer 890 der Deportationsliste 2, und Anna Wurst, Nummer 798 der Liste 4, hatten offenbar der Gestapo ihre Bankkonten nicht preisgegeben. Das holte das Geldhaus nun nach.

Nach Kriegsende widersetzten sich die beiden Banken jahrzehntelang einer Aufarbeitung ihrer Geschichte. Die Deutsche Bank blickte erst 1995 aus Anlaß ihres 125jährigen Jubiläums in die braune Vergangenheit. Die Dresdner Bank folgte, nachdem Fagan die Schweizer Banken 1996 verklagte.

Gegen seine Klage wenden die deutschen Geldhäuser nun ein, daß sie weder Zahngold, Schmuck noch Goldmünzen von Nazi-Opfern aus den Konzentrationslagern erhalten hätten. Das Melmer-Gold sei in Barrenform zu ihnen gelangt und habe sich von anderen Barren nicht unterscheiden lassen.

Doch die Goldabteilung der Reichsbank hatte genau festgelegt, wie Barren für den internationalen Goldmarkt auszusehen hatten: Feingehalt, Gewicht und der Probeeinschlag der Goldschmelze mußten stimmen. Barren, die eine der Anforderungen nicht erfüllten, wurden von der Reichsbank als »Verschiedene« geführt. Das trifft auf die meisten Melmer-Barren zu, die an die Deutsche und an die Dresdner Bank gingen, wie der Soziologe Hersch Fischler behauptet. Die Deutsche Bank bestreitet das.

* Mit Mitgliedern des »Freundeskreises Reichsführer SS« 1937.

Vor zwei Monaten räumte die Deutsche Bank zudem ein, bis 1995 möglicherweise doch 323 Kilogramm Opfergold besessen zu haben. Die lagen in einem Depot ihres Tochterunternehmens Trinitas bei der Schweizer Kreditanstalt - genaue Herkunft angeblich unbekannt. Als die Firma 1995 mit der Mutterfirma verschmolzen wurde, verkauften die Banker das Gold. Ein schlechtes Gewissen bekamen sie erst im März dieses Jahres und stifteten den Verkaufserlös - 5,6 Millionen Mark - zwei Opferverbänden. Jetzt ist sich Manfred Pohl, Historiker bei der Deutschen Bank, allerdings sicher, »daß es definitiv keine weiteren Bestände gibt, deren Herkunft ungeklärt ist«.

Die Erfolgschancen der amerikanischen Anwälte stehen denn auch eher schlecht. Die Klage habe, so der Berliner Rechtsanwalt und Spezialist Frank Walter-von Gierke, »keinerlei Aussicht auf Erfolg«. Die Holocaust-Überlebenden werden kaum belegen können, daß die beiden Großbanken ausgerechnet mit dem Gold ihrer Familien gehandelt haben.

Auch nach ihren Sparkonten werden die jüdischen Opfer bei den Banken vergebens fahnden. Der größte Teil des Geldes wurde den NS-Finanzbehörden ausgezahlt. Deren Rechtsnachfolger, die Bundesrepublik Deutschland, mußte zahlreiche Rückerstattungsprozesse bewältigen. Anwalt Fagan, so sein Kollege Walter-von Gierke, habe »die falschen Beklagten«.

Alle Konten, die seit 1955 ohne Nachricht waren, sind 1975 nämlich an den Bund gefallen. »Sämtliche Ansprüche von Geschädigten wurden angemessen identifiziert und geregelt«, bestätigt George R. Berman, Sprecher der Jewish Claims Conference in New York, die sich um Eigentumsansprüche von NS-Opfern kümmert.

Die schärfste Waffe Fagans und Wittis ist mithin nicht das Recht, sondern der Druck der öffentlichen Meinung. Ein negatives Image kann die deutschen Banken Millionen kosten. »Wir stellen uns der Vergangenheit«, verspricht denn auch Bernhard Walter, Vorstandssprecher der Dresdner Bank (siehe Interview Seite 117).

Fagan und Witti haben auf ähnlich schwacher Rechtsgrundlage im vergangenen Jahr europäische Versicherungen auf Schadensersatz verklagt, weil diese die Lebensversicherungen der Nazi-Verfolgten einbehalten hatten.

Die Verhandlungen zwischen den Versicherungen und dem World Jewish Congress laufen bereits auf eine außergerichtliche Einigung zu. Witti und Fagan gehen dabei allerdings leer aus; sie verdienen nur, wenn es zum Prozeß kommt.

* Ruth Abraham, Michael Schonberger.* Mit Mitgliedern des »Freundeskreises Reichsführer SS« 1937.

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