Zur Ausgabe
Artikel 71 / 127

»Die Leute haben Angst«

aus DER SPIEGEL 37/1993

SPIEGEL: Herr Riester, in Deutschland gibt es offiziell 3,5 Millionen Arbeitslose, tatsächlich sind rund 6 Millionen ohne Arbeit. Fühlen Sie sich mitschuldig?

Riester: Ganz im Gegenteil. Wenn die Tarifpolitik in den achtziger Jahren nicht auf Arbeitszeitverkürzung gesetzt hätte, wären nach unseren Annahmen etwa 800 000 Menschen weniger in Beschäftigung.

SPIEGEL: Die Bundesbank sieht in den hohen Lohnabschlüssen der Vergangenheit eine wesentliche Ursache der Arbeitslosigkeit.

Riester: Das überrascht mich nicht. Die Bundesbank und die Unternehmer haben diese Argumentation seit 30 Jahren drauf. Haben Sie schon einmal eine Tarifrunde erlebt, in der nicht vor den Folgen für die Beschäftigung gewarnt worden wäre? Ich noch nie.

SPIEGEL: Wollen Sie bestreiten, daß es einen Zusammenhang zwischen Lohnhöhe und Beschäftigung gibt?

Riester: Ja, das bestreite ich. Die Arbeitslosigkeit, die wir heute haben, ist einerseits konjunkturbedingt, und zwar weltweit. Die Probleme, zum Beispiel _(Das Gespräch führten die Redakteure ) _(Sabine Kartte und Armin Mahler. ) im Fahrzeugbau, im Maschinenbau, in der Investitionsgüterindustrie, gibt es nicht nur bei uns, sondern auch in Italien, Frankreich, England, in den USA und selbst in Japan. Dazu kommen strukturbedingte Probleme. Aber ich sehe keine entscheidenden Probleme, die von hohen Tarifabschlüssen verursacht wurden.

SPIEGEL: Die Strukturkrise der deutschen Wirtschaft soll nichts mit deren hohen Kosten zu tun haben?

Riester: Doch, aber man darf die Kosten nicht auf die Lohnkosten reduzieren. Hohe Kosten haben viele Ursachen, zum Beispiel ineffiziente Arbeitsorganisationen und auch eine überbordende Personalbesetzung in Zeiten der Hochkonjunktur.

SPIEGEL: Jetzt befindet sich Deutschland mitten in der tiefsten Krise der Nachkriegszeit, und die nächste Tarifrunde steht bevor. Was werden Sie fordern?

Riester: Die Diskussion beginnt erst, ich werde da nichts vorgeben. Wir gehen mit zwei Zielen in diese Tarifrunde: Wir wollen beschäftigungssichernde Elemente vereinbaren und ein Optimum an Einkommenssicherung erreichen.

SPIEGEL: Wo liegt das Optimum?

Riester: Das kann ich im Moment nicht beurteilen. Das hängt von unserer Forderung und vom Verlauf der Tarifrunde ab.

SPIEGEL: Die Arbeitgeber fordern Nullrunden, und zwar für mehrere Jahre.

Riester: Für viele Beschäftigte war dieses Jahr nicht nur eine Nullrunde, sondern eine Minusrunde - und zwar eine reale. Auch große Firmen haben die 3 Prozent Lohnerhöhung voll auf die übertariflichen Leistungen angerechnet, sie haben darüber hinaus noch Sozialleistungen gestrichen. Für diese Beschäftigten gab es bei einer Preissteigerung von 4,3 Prozent überhaupt keine Lohnerhöhung.

SPIEGEL: Die Beschäftigten merken ja selbst, wie schlecht es den Betrieben geht. Ist die Angst um den Arbeitsplatz nicht größer als der Wunsch nach höheren Löhnen?

Riester: Natürlich haben die Leute Angst. Natürlich setzen sich die zahlreichen Forderungen nach Zurückhaltung, nach Verzicht, nach Deregulierung in den Köpfen und Herzen der Menschen fest. Ich kann den einzelnen ja auch verstehen. Aber wir haben Betriebe, die Sozialleistungen gestrichen und gleichwohl Beschäftigung abgebaut haben. Wir haben Betriebe, die Löhne gekürzt haben und dennoch in den Konkurs gegangen sind. Die Menschen erleben in sehr anschaulicher Weise, daß diese Form der Deregulierung die Arbeitsplätze nicht sichert.

SPIEGEL: Das ist eine sehr kurzfristige Betrachtung. Die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens läßt sich ja nicht über Nacht verbessern.

Riester: Da haben Sie recht. Nur handeln die Menschen in der Regel sehr kurzfristig. Das betrifft auch die, die über langfristige Investitionen entscheiden.

SPIEGEL: Sie müssen doch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie auch in zehn Jahren im Auge haben.

Riester: Exakt. Ich möchte allerdings darauf hinweisen, daß die Gewerkschaften schon vor Jahren vor der drohenden Krise im Automobil- und Maschinenbau gewarnt haben, gerade in Baden-Württemberg. Damals hat die Industrie gesagt: »Die IG Metall malt mal wieder schwarz in schwarz.« Wir haben übrigens nicht nur eine Prognose gegeben, sondern wir haben auch gesagt, was geändert werden muß.

SPIEGEL: Was denn?

Riester: Wir haben Vorschläge entwickelt, wie die Monostruktur abgebaut werden kann, konkret über neue qualitative Beschäftigungsfelder im Umweltschutz und in der Entwicklung einer integrierten Verkehrstechnik. Wir sind darüber hinaus aber auch die Frage der Umsetzung in konkreten Schritten beispielsweise mit dem Verband des Werkzeugmaschinenbaus angegangen. Hier entwickelte sich im Frühjahr ein sehr interessanter Dialog mit den Vertretern des Verbandes, der die Probleme der Branche betraf. Jetzt richten wir gemeinsam sechs Arbeitsgruppen ein, um Lösungsansätze zu erarbeiten. Eine soll sich etwa mit der Frage beschäftigen, wie die künftigen Produkte beschaffen sein sollten.

SPIEGEL: Da fühlen Sie sich als Gewerkschaft kompetent?

Riester: Natürlich, eine Gewerkschaft setzt sich aus vielen Fachleuten in den Betrieben zusammen. Wir haben vom Angelernten bis zum Ingenieur Menschen organisiert, die ihren Sachverstand einbringen können.

SPIEGEL: Welche Vorstellungen hat die IG Metall denn, wenn es um die geht, die keine Arbeit mehr haben?

Riester: Es ist wohl realistisch, daß wir im ersten Arbeitsmarkt nie mehr alle beschäftigen können. Das wird selbst dann der Fall sein, wenn die Unternehmen nicht nur auf Verdrängungswettbewerb setzen, sondern qualitativ neue Wachstumsfelder erschließen. Wir müssen deshalb offen die Frage eines zweiten Arbeitsmarktes angehen.

SPIEGEL: Was heißt offen? Die IG Metall hat sich doch schon festgelegt: Sie ist gegen niedrigere Tarife für öffentlich finanzierte Arbeitsplätze.

Riester: Weil die große Gefahr besteht, daß dann auf Dauer ein unterwertig bezahlter Arbeitsmarkt entsteht. Ich sehe die Chance, einen zweiten Arbeitsmarkt für Bereiche zu schaffen, für die es ein individuelles und gesellschaftliches Bedürfnis gibt, aber keinen kaufkräftigen Markt - zum Beispiel im Umweltschutz. Der Staat würde dann solche Dienstleistungen statt Arbeitslosigkeit subventionieren. Darüber, das meinte ich, kann man offen reden.

SPIEGEL: Solche Projekte würden allenfalls den qualifizierteren Arbeitslosen helfen. Könnte nicht über niedrigere Löhne ein Anreiz geschaffen werden, auch Arbeitsplätze für die weniger Qualifizierten einzurichten?

Riester: Das können wir den Menschen nicht zumuten.

SPIEGEL: Lieber muten Sie ihnen Arbeitslosigkeit zu?

Riester: Stopp! Das ginge auch wirtschaftspolitisch nicht auf. Sofort würden die Unternehmer mit dem Argument kommen: Im zweiten Arbeitsmarkt wird die Leistung unter Tarif erbracht, wer kann uns jetzt noch zwingen, Tarifverträge einzuhalten? Sie würden das ganze System des Flächentarifvertrages aushebeln.

SPIEGEL: Hinter Ihrer Weigerung steckt also ein organisationspolitisches Interesse der Gewerkschaften?

Riester: Nein, ein ganz reales Bedürfnis der Beschäftigten. Von den Tarifverträgen profitiert doch nicht die IG Metall, sondern davon profitieren die Menschen . . .

SPIEGEL: . . . die Arbeit haben.

Riester: Nicht nur. Die Tarife sind eine Schutzlinie auch für diejenigen, die wieder aus der Arbeitslosigkeit herausfinden.

SPIEGEL: Künftig werden viele Arbeitsplätze in die neuen Billiglohnländer Osteuropas verlagert. Wie will die IG Metall darauf reagieren?

Riester: Zunächst einmal: Wenn Unternehmen die Kraft haben, Produktionsstätten im Ausland aufzubauen, wird das sofort als Flucht aus dem Standort Deutschland interpretiert. Das ärgert mich. Zu Osteuropa: Wir alle sind daran interessiert, daß die Menschen dort eine Chance erhalten. Wer anders als die westliche Industrie soll denn dort investieren? Schwierig wird es für mich als Gewerkschafter, wenn ein Unternehmen Arbeitsplätze aus der Bundesrepublik nach Osteuropa verlagern will. Dann kommen wir in eine furchtbare Zwangssituation, weil die konkrete Not der Menschen schlimmer ist als die abstrakte Sicht, daß eine Industrialisierung Osteuropas notwendig ist. Da habe ich auch keine Lösung.

SPIEGEL: Aber die IG Metall muß sich darauf einstellen, daß sich die Welt grundlegend geändert hat.

Riester: Japan hat schon die ganze Zeit Länder mit niedrigeren Lohnkosten und zum Teil hundsmiserablen Arbeitsbedingungen vor der Tür.

SPIEGEL: Für die deutsche Industrie ist die Situation neu. Kann da alles beim alten bleiben - mit die höchsten Löhne, der längste Urlaub, die kürzesten Arbeitszeiten?

Riester: Mit die höchste Produktivität, eine sehr hohe Qualifikation, eine hervorragend ausgebaute Infrastruktur - wie anders hätte sich dieses Land bis vor zwei Jahren als Industrieweltmeister behaupten können?

SPIEGEL: Die Zeiten sind vorbei. Die Unternehmer wollen nicht nur einen Lohnstopp, sie fordern auch wieder längere Arbeitszeiten.

Riester: Das ist das Absurdeste, was sie im Moment auf der Platte haben. Zum gleichen Zeitpunkt praktizieren sie in den Betrieben ganz massiv und für uns schmerzlich kürzere Arbeitszeiten, als der Tarifvertrag vorsieht. Wir wären froh, wir hätten die 36-Stunden-Woche in den Betrieben. Statt dessen haben wir massenweise Kurzarbeit.

SPIEGEL: Hinter dem Vorschlag steckt wohl die Idee, über längere Arbeitszeiten die Lohnkosten zu senken.

Riester: Wir zahlen für die Verkürzung der Arbeitszeit nicht zweimal. Denn wir haben ja als Ausgleich für eine Verkürzung der Arbeitszeit immer deutlich niedrigere Lohn- und Gehaltserhöhungen vereinbart.

SPIEGEL: In der nächsten Tarifrunde wollen Sie auch über beschäftigungssichernde Elemente verhandeln. Was sollen wir darunter verstehen?

Riester: Ich möchte meine Vorstellungen der Tarifkommission nicht über den SPIEGEL mitteilen.

SPIEGEL: Wäre es denkbar, Betrieben die Lohnerhöhung zu erlassen, wenn sie auf weiteren Arbeitsplatzabbau verzichten? _(* Im Opel-Werk Bochum. )

Riester: Das haben wir schon ein paarmal angeboten, aber mehr aus taktischen Gründen. Die Gegenseite hat immer abgelehnt. Kein Verband der Welt und kein Betrieb kann Beschäftigung garantieren, in dieser Zeit schon gar nicht.

SPIEGEL: Ihre Mitglieder fürchten um ihren Arbeitsplatz. Haben Sie da überhaupt die Kraft, eine Forderung durchzusetzen?

Riester: Das haben wir in Ostdeutschland bewiesen. Der Kampf gegen den Bruch des Tarifvertrages ist von Menschen geführt worden, die in hohem Maße und sehr real Angst um ihren Arbeitsplatz hatten.

SPIEGEL: In Baden-Württemberg ist die Situation anders.

Riester: Bei Bosch wurden Sozialleistungen gestrichen. Da sind so viele Leute auf die Straße marschiert, wie ich es nie für möglich gehalten habe. 13 000 standen vor der Bosch-Zentrale auf der Schillerhöhe, und die haben alle Angst um ihren Arbeitsplatz. Bei Bosch wurden in den vergangenen zwei Jahren über 10 000 Arbeitsplätze abgebaut. Und auch bei Mercedes werden die Beschäftigten kämpfen. Die Angst ist sicherlich da, sie bewegt und verunsichert die Menschen. Aber sie kann überwunden werden.

SPIEGEL: Es wird also eine harte Tarifrunde werden?

Riester: Die Verhandlungen werden ganz besonders schwierig werden. Jede Tarifrunde hat neue Bedingungen, auch diese. Denen müssen wir uns stellen.

SPIEGEL: Herr Riester, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Y

»Von den Tarifverträgen profitiert doch nicht die IG Metall.«

Das Gespräch führten die Redakteure Sabine Kartte und Armin Mahler.* Im Opel-Werk Bochum.

S. Kartte, A. Mahler
Zur Ausgabe
Artikel 71 / 127
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.