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KASSEL Die Muster-Kreuzung

aus DER SPIEGEL 48/1957

Seit einigen Wochen muß der jugendliche Kasseler Polizeipräsident Dr. Günter Wetzel, 35, immer wieder Briefe von Kraftfahrern beantworten, die sämtlich auf ein und dieselbe Frage Antwort heischen: Die Autofahrer wollen wissen, wie es kommt, daß die Verkehrsampeln am Kasseler Altmarkt oft - wie von Geisterhand gesteuert - auf Grün umschalten, sobald sich ein Fahrzeug der Kreuzung nähert.

Diese Zuschriften wertet Polizeipräsident Wetzel als Beweis dafür, daß sich bewährt, was er zusammen mit Experten des städtischen Planungs- und Tiefbauamtes am Kasseler Altmarkt verwirklicht hat: eine Straßenkreuzung neuen Typs, über die der Verkehr ohne Stockungen fließt.

Die Stadtplaner haben mit ihrer neuen, Kreuzung, die im Werbeprospekt der Stadt Kassel als »die modernste Verkehrskreuzung Europas« bezeichnet wird, ein Übel beseitigt, das den Verkehr in den Großstädten oft nur zähe dahinfließen läßt, nämlich: den starr ablaufenden Umschaltmechanismus der Verkehrsampeln, dessen Farbwechsel auf eine bestimmte Sekundenzahl eingestellt ist und sich dem tatsächlichen Verkehrsbedürfnis nicht anpaßt.

Auch am Altmarkt in Kassel, wo der Verkehr aus den vier Bundesstraßen 3, 7, 83 und 251 zusammenfließt, herrschte noch Anfang dieses Jahres das Tohuwabohu, das zu den Spitzenzeiten des Verkehrs in vielen deutschen Großstädten ausbricht. Die Autoschlangen, die sich bei rotem Licht in den Zufahrtsstraßen stauten, waren nicht selten 500 Meter lang. Die Kasseler Verkehrspolizei fand aus diesem Chaos zunächst keinen anderen Weg, als die automatisch arbeitende Signalanlage stillzulegen und den Fahrzeugstrom wieder durch drei Beamte lenken zu lassen.

Dennoch nahm das Durcheinander am Altmarkt Ausmaße an, die Polizeipräsident Wetzel nicht mehr glaubte verantworten zu können. Er plädierte beim Magistrat der Stadt für eine Radikallösung, die nicht nur'die vorherrschenden Schwierigkeiten beseitigen, sondern den Verkehr auch dann noch zügig fließen lassen sollte, wenn der Fahrzeugstrom am Altmarkt eines Tages bis zur doppelten Stärke anschwellen würde.

Fachleute des Tiefbauamtes gingen daran, die Verkehrsverhältnisse der Altmarkt -Kreuzung durch Zählungen exakt zu erfassen. Dabei zeigte sich, daß rund die Hälfte der auf die Kreuzung zusteuernden Fahrzeuge jeweils nach rechts abbiegt. Diese Feststellung inspirierte die Planer zu der Idee, die Kreuzung von diesem Rechtsabbiegeverkehr ganz zu entlasten: Sie trennten mittels kleiner Inseln auf den rechten Seiten der vier Straßen jeweils eine Fahrbahn ab, über die alle nach rechts abbiegenden Fahrzeuge ständig abrollen können, ohne daß sie sich in irgendeine andere Fahrbahn hineindrücken müssen (siehe Zeichnung). Dieses Bauschema ermöglicht allen Rechtsabbiegern ständig freie Fahrt; die Ampeln am rechten Straßenrand zeigen 24 Stunden am Tag grünes Licht.

Voraussetzung für diese Konstruktion war freilich, daß die Fahrbahnen von Fußgängerüberwegen frei gehalten wurden. Hierbei nutzten die Kasseler Stadtplaner die Erfahrungen anderer Städte mit Fußgängertunneln: Sie entschlossen sich, die gegenüberliegenden Straßenseiten am Altmarkt durch unterirdische Gehwege miteinander zu verbinden und die Straße ausschließlich für den rollenden Verkehr zu reservieren.

Schon wenige Tage nach der Einweihung der neuen Kreuzung erwies sich, daß die Fußgänger das Treppensteigen, das mit dem Gang durch den Tunnel verbunden zwar, nicht scheuten. Eilige Passanten, die nun ihrerseits von den Verkehrsampeln unabhängig sind, erzielen bei Benutzung des Tunnels sogar einen Zeitgewinn

Über den Asphalt der auf diese Weise von Fußgängern und Rechtsabbiegern entlasteten Kreuzung rollen mithin nur noch Geradeausfahrer und Linksabbieger. Mit diesem Erfolg aber gaben sich die Stadtplaner, die nach verkehrstechnischer Perfektion strebten, noch nicht zufrieden. Sie überlegten, wie sie es anstellen könnten, Stauungen vor den Ampeln zu vermeiden. Die Signalanlage müßte - das schwebte ihnen als Ideallösung vor - nach der jeweiligen Verkehrsdichte schalten und nicht, wie bisher in allen Großstädten üblich, den Verkehr in den starren Rhythmus ihres Farbwechsels zwingen.

Das Ampelsystem, das Polizeipräsident Wetzel schließlich am Kasseler Altmarkt installierte, paßt sich den Verkehrsverhältnissen selbsttätig an. Bereits 60 Meter vor der Kreuzung werden die Fahrzeuge durch Straßenmarkierungen und Verkehrsinseln in drei voneinander getrennte Fahrbahnen eingeschleust, je nachdem, ob sie rechts oder links abbiegen oder geradeaus weiterfahren wollen. Ohne daß der Fahrer etwas davon bemerkt, registriert die Ampel -Steuerungsanlage sein Fahrzeug. Das geschieht nach einem technisch recht simplen Prinzip.

Sobald das Fahrzeug sich in die für seine Fahrtrichtung vorgeschriebene Fahrbahn eingeordnet hat, überfährt es eine sogenannte Kontaktschwelle, einen luftgefüllten Hartgummischlauch, der in die Straßendecke eingelassen ist. Das Gewicht des Wagens drückt den Schlauch zusammen, ein elektrischer Impuls wird ausgelöst und von einem Relais aufgefangen, das in einem unscheinbaren grauen Kasten am Straßenrand - dem »Gehirn« der Anlage - untergebracht ist. Dieser Apparat schaltet nun die Ampel für die gewünschte Fahrtrichtung zum frühestmöglichen Zeitpunkt auf Grün.

So wird beispielsweise einem auf die Kreuzung zusteuernden PKW für seine Richtung freie Fahrt gewährt, sobald er den Hartgummischlauch passiert. Voraussetzung ist allerdings, daß die Kreuzung zu diesem Zeitpunkt frei ist. Damit wird ein Grundübel des großstädtischen Verkehrs beseitigt: Das Warten vor rotem Licht trotz freier Fahrbahn.

Erreicht der PKW indes die Kreuzung in einem Augenblick, in dem seine Fahrbahn durch Querverkehr versperrt ist, bleibt das Licht seiner Ampel folgerichtig rot. Es springt erst auf Grün um, wenn das andere Fahrzeug die Kreuzung überquert hat und der Weg frei ist.

Um zu verhindern, daß jeweils nur ein einziges Fahrzeug die Kreuzung passieren kann, bevor wieder ein Benutzer der Querstraße grünes Licht erhält, bedienten sich die Konstrukteure des Kasseler Ampel -Systems eines technischen Tricks. Durch eine Spezialschaltung erreichten sie, daß die Ampeln weiterhin grünes Licht ausstrahlen, wenn dem ersten Fahrzeug unmittelbar - im Abstand von höchstens sieben Sekunden - weitere Wagen in derselben Fahrtrichtung folgen. Das »Gehirn« gibt jedem dichtauf folgenden Fahrzeug, das über den Hartgummischlauch fährt, sieben zusätzliche Sekunden Grünlicht, eine Zeit, in der die Kreuzung bequem überquert werden kann. Folgen also dem ersten Fahrzeug dichtauf zwei weitere Wagen, so strahlt die Ampel dreimal sieben, mithin 21 Sekunden lang grünes Licht.

Wenn aber der zeitliche Abstand zwischen zwei hintereinander fahrenden Kraftwagen mehr als sieben Sekunden beträgt, stoppt die Ampel-Anlage den zweiten Fahrer. Sie läßt erst den Querverkehr über die Kreuzung rollen, ehe sie ihm grünes Licht gibt Durch diese Schaltung will Polizeipräsident Wetzel die Kasseler Autofahrer erziehen, zügig aufzufahren und eng Anschluß zu halten.

Blieb nur noch eine Frage offen: Was geschieht, wenn der Fahrzeugstrom in einer Richtung nicht abreißt? Die Fahrer auf der Querstraße müßten dann unter Umständen stundenlang auf grünes Licht warten.

Die Techniker der Kasseler Anlage sorgten dafür, daß dies nicht geschehen kann. Nach einer bestimmten Maximalzeit, die am Kasseler Altmarkt im Durchschnitt 36 Sekunden beträgt, schaltet die Steueranlage die Ampeln ohne Rücksicht auf etwa noch folgende Fahrzeuge von Grün auf Rot und gibt den auf der Querstraße wartenden Fahrzeugen freie Fahrt.

Die Summe für den Umbau der Kreuzung am Altmarkt (2,2 Millionen Mark), die mit Genehmigung der Stadtverordnetenversammlung aus der Magistratskasse aufgebracht wurde, übersteigt durchaus nicht den Pegel normaler Straßenbaukosten. Selbst die ehrenamtlichen CDU-Mitglieder des sozialdemokratisch beherrschten Kasseler Magistrats zollten den Erbauern der Kreuzung höchstes Lob.

Tatsächlich ergab eine Prüfung unparteiischer Verkehrsexperten, daß die Kapazität der Kreuzung Altmarkt, deren Anwohner noch vor wenigen Monaten regelmäßig durch Hupkonzerte ungeduldiger Autofahrer aufgeschreckt wurden, heute nur knapp zur Hälfte ausgelastet ist. Statt der 30 000 Fahrzeuge, die täglich über den Altmarkt rollen, könnten mehr als 65 000 die Kreuzung passieren, ohne daß dabei Stockungen befürchtet werden müßten.

Lediglich einen Schönheitsfehler entdeckten die Sachverständigen, die Kassels Muster-Kreuzung mit allen ihren Anlagen kritisch prüften: Die neben den Treppen im Fußgängertunnel angebrachte Betonpiste, die als Rollbahn für Kinderwagen dienen sollte, ist so abschüssig, daß nur Kinderwagen mit eingebauten Bremsen in den Tunnel manövriert werden können.

Kreuzung am Kasseler Altmarkt: Für jedes Fahrzeug sieben Sekunden Grün

Kasseler Polizeipräsident Wetzel

Verkehrslenkung mit technischen Tricks

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