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ÖLINDUSTRIE Die Profit-Maschine

Die Gewinne von Ölkonzernen wie Shell sprudeln wie nie zuvor. Die Ölmanager wissen nicht, wohin mit den Milliarden.
aus DER SPIEGEL 32/2001

Der Intel-Gewinn im zweiten Quartal: minus 76 Prozent. Bei General Motors sieht es nicht besser aus: Gewinnrückgang um 74 Prozent. Siemens, trostlos: Über 10 000 Arbeitsplätze gehen verloren. Die Verluste aller US-Technologieunternehmen im zweiten Quartal: 41,6 Milliarden Dollar.

Der Weltwirtschaft droht eine Rezession. Viele Unternehmen kämpfen ums Überleben. Doch einer Branche geht es prächtig: Die großen Ölkonzerne verbuchen enorme, genauer gesagt, einmalige Milliardengewinne.

Am vergangenen Donnerstag legte Shell die Zahlen für das erste Halbjahr vor: Der britisch-niederländische Konzern erreichte in den ersten sechs Monaten einen Gewinn von weit über 16 Milliarden Mark - so viel wie die gesamte deutsche Textilbranche und die Schifffahrtsindustrie zusammen im ganzen Jahr.

Das bedeutet: Jede Stunde pumpt Shell fast vier Millionen Mark Gewinn heraus. Jeder der 95 000 Mitarbeiter erwirtschaftet über zwei Millionen Mark Umsatz und fast 180 000 Mark Gewinn. Zum Vergleich: Bei einem Unternehmen wie BASF, das mit gut 100 000 Mitarbeitern ähnlich viele Leute beschäftigt, wird pro Kopf ein Umsatz von gerade mal 680 000 Mark erzielt und ein Gewinn von nur 24 200 Mark.

Royal Dutch/Shell-Chef Philip Watts konnte sogar gegenüber dem Rekordjahr 2000 für die ersten sechs Monate noch einmal eine Gewinnsteigerung von über 15 Prozent in seinem Londoner Hauptquartier bekannt geben. Nun hat der Big Boss nur ein Problem: Watts weiß nicht so recht, wohin er die hohen Gewinne stecken soll.

Ölkonzerne wie Shell sind die Trittbrettfahrer der Opec-Länder, die den Ölpreis mit ihrem Kartell nach oben gepuscht haben. Die immensen Gewinne kommen vor allem aus der eigenen Förderung. Shell pumpt aus über 25 000 eigenen Ölquellen und denen anderer Konzerne, an denen Shell beteiligt ist, täglich mehr als 2,3 Millionen Fass Öl heraus - mehr als die Fördermengen Kuweits.

Aus der Wüste von Oman oder den Vereinigten Emiraten kommt das Öl zu Durchschnittskosten von nur wenigen Dollar je Fass aus dem Boden. Wenn die Opec, das Kartell der Erdöl exportierenden Länder, mit Produktionsbeschränkungen dafür sorgt, dass der Ölpreis wie zurzeit bei 25 Dollar je Fass liegt, fallen fast automatisch Milliardengewinne an.

Shell ist in 135 Ländern aktiv. Bis das Erdöl als Benzin im Tank der Autofahrer landet oder von der Chemieindustrie weiterverarbeitet wird, verfügt Shell über viele Möglichkeiten, den Gewinn zu maximieren. So betreibt Shell eine ganze Tankerflotte, verarbeitet das Öl in 23 gigantischen Raffinerien und besitzt auch noch eigene Chemieunternehmen, um den Rohstoff weiter zu veredeln.

Am Ende der Wertschöpfungskette sitzt dann der Tankstellenpächter, dem die Preise von den Konzernzentralen mehr oder minder diktiert werden. »Die Preise an den Tankstellen werden weiter von der Entwicklung des Ölpreises abhängen«, sagt Paul Skinner. Als Chef der Sparte Erdölprodukte betont er stets, dass bei Benzin nur sehr wenig Gewinn gemacht werde.

Doch ganz so schlecht scheint auch dieses Geschäft nicht zu laufen. Während der Gewinn aus der eigentlichen Öl- und Gasproduktion im Vergleich zum Vorjahr wegen eher sinkender Ölpreise stagniert, steigerte Shell bei ihren verarbeiteten Ölprodukten den Gewinn um 44 Prozent. Was Benzin angeht, so heißt es intern, gelang es im vergangenen Jahr nicht immer schnell genug, den gestiegenen Ölpreis an die Autofahrer weiterzugeben. Das scheint nun besser zu funktionieren.

Ein Indiz spricht dafür, dass das Tankstellengeschäft nicht so unattraktiv ist, wie die Ölkonzerne gern behaupten. Shell will in Deutschland die Dea-Tankstellen vom Stromkonzern RWE übernehmen. Konkurrent BP zog nach und kündigte den Kauf der 2560 Aral-Tankstellen vom Energieversorger E.on an.

Die Hauptaufgabe von Shell-Manager Watts besteht nun darin, die Riesengewinne möglichst zu verniedlichen. Deshalb redet er von Shell manchmal wie der Cheflobbyist des ADAC. »Es ist für alle nicht gut, wenn der Ölpreis so hoch bleibt«, versicherte er vergangene Woche in London treuherzig.

Englische Politiker diskutierten bereits, eine Sondergewinnsteuer für die Öl- und Gaskonzerne einzuführen. Außerdem gelten Barreserven von über zehn Milliarden Dollar als unanständig und rufen ungeduldige Aktionäre auf den Plan, die Sonderausschüttungen fordern.

Auf die Idee, beispielsweise mit niedrigeren Benzinpreisen Marktanteile zu erkämpfen und das angekratzte Image zu verbessern, kommt in der Shell-Zentrale selbstverständlich niemand. »Wir können doch nicht ein einzelnes Produkt subventionieren«, sagt Shell-Manager Skinner.

Stattdessen kaufte Shell bis Ende Juni dieses Jahres eigene Aktien im Wert von 3,6 Milliarden Dollar zurück. Obwohl der Ölkonzern nebenbei den Gasproduzenten Fletcher für annähernd zwei Milliarden Dollar übernahm, warten in der Kasse immer noch mehr als zehn Milliarden Dollar auf Anlage. CHRISTOPH PAULY

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