Die reichsten Deutschen Am Anfang war die Blockschokolade

Er päppelte eine am Boden liegende Hamburger Exportfirma zu einem der weltgrößten Handelshäuser für Chemikalien hoch. Dem Lebenswerk Hermann Schabels verdankt die Familie ein Drei-Milliarden-Mark-Vermögen.


 Lukratives Investment: Zentrale der Helm AG

Lukratives Investment: Zentrale der Helm AG

Hamburg - Das Jahr 2000 war etwas ganz Besonderes im Hause Schnabel. Besinnliche Rückschau konnte nicht nur auf das ausgehende Jahrtausend gehalten werden, sondern auch auf genau 100 Jahre Helm. Eine Firmengeschichte, die vom Aufstieg der kleinen Hamburger Exportfirma Karl Otto Helm zu einem der größten konzernunabhängigen Chemikalienhändler der Welt erzählt. Ihr Protagonist heißt Hermann Schnabel.Den schlesischen Kaufmann Schnabel zieht es nach dem Zweiten Weltkrieg von Leipzig in die Hansestadt. 1950 übernimmt er die zu Beginn des Jahrhunderts gegründete Firma Helm, von der britische Bomber kaum mehr als eine Ruine und einen Namen übrig gelassen haben. Während Kaufmann Karl Otto Helm zu seiner Zeit regen Handel mit Blockschokolade und allerlei Haushaltsgerät getrieben hatte, erschließt sich der neue Inhaber ein ganz anderes Geschäftsfeld.Ein Freund hatte Schnabel den Tipp gegeben, Lösungsmittel von Berlin nach Hamburg zu holen und dort zu verkaufen. Sein erster Deal erweist sich sogleich als lukratives Geschäft. Hermann Schnabel bleibt dabei und macht den Handel mit Chemikalien zu seiner Domäne. Die Restbestände Blockschokolade in den Helm-Lagern spendiert er nach und nach seinen Kindern. Statt Süßigkeiten bevorratet Schnabel fortan immer größere Mengen chemischer Grund- und Rohstoffe. Die in den fünfziger Jahren von Helm übernommene Lagerei Klüss im Hamburger Freihafen platzt schon bald aus allen Nähten. Zusätzliche Depots müssen her und werden in Bremen, Berlin, Frankfurt, Köln und Mannheim geschaffen.Ende der sechziger Jahre versucht sich Händler Schnabel erstmals als Produzent. In Dieburg wird ein Chemiewerk zur Herstellung von Fotochemikalien eröffnet. Das Intermezzo währt nur elf Jahre, dann wird wieder verkauft. In den siebziger und achtziger Jahren folgen Engagements als Arzneimittelhersteller. Die Helm Pharmaceuticals produziert Generika und über ihre Beteiligung an der Trittauer Rotexmedica auch Injektionspräparate, Tabletten und Kapseln. Sein Kerngeschäft hat Schnabel indessen zu keiner Zeit aus den Augen verloren.1978 wandelt der Chef seine Firma, die bis dahin als Kommanditgesellschaft firmierte, in eine Aktiengesellschaft um. Sieben Jahre später schließlich verschwindet auch der "Karl Otto" aus dem Firmennamen. Der Patriarch verabschiedet sich 1984 ganz und gar unspektakulär aus dem Unternehmen. Er überläßt seinem Sohn Dieter das Feld, zeigt auch an einem Aufsichtsratsposten keinerlei Interesse. Denn Schnabel senior will gar nicht erst in die Versuchung geraten, "von hinten herum Einfluss auf die Geschäftsleitung zu nehmen".

Der Generationswechsel klappt reibungslos. Auch Dieter Schnabel ist ein Helm-Gewächs durch und durch. Seine ersten Sporen verdiente er sich in Mexiko. Dahin war er gegen den Widerstand des Vaters gewechselt, der ihn lieber in der Konzernzentrale gesehen hätte. Dort lernte er auch seine Frau kennen, mit der er drei Söhne hat. 1982 nach Hamburg zurückgekehrt, war es dann nicht Schnabel senior, der seinen ältesten Sohn als neuen Chef ins Gespräch brachte. Es waren andere Mitglieder des Helm-Vorstands.Ende der achtziger Jahre beginnt Dieter Schnabel die Firma umzubauen. Vom reinen Handelsunternehmen formt er sie zur kompletten Marketing-Organisation, die nunmehr auch im Auftrag anderer Unternehmen Präparate zur Patentreife bringt. Unter seiner Ägide schaffte Helm nach einem schwierigen Vorjahr zuletzt einen Umsatzsprung von mehr als 25 Prozent. Der Umsatz der Helm-Aktiengesellschaft stieg im Jahr 2000 auf 1,9 Milliarden Mark, die Erlöse der 1200 Mitarbeiter des Helm-Konzerns kletterten gar von rund 4,25 auf 5,5 Milliarden Mark. Ausgestattet mit einem Grundkapital von 40 Millionen Mark sowie Eigenmitteln in Höhe von 120 Millionen Mark ist die Schnabel-Company so gesund, dass sie einen Börsengang nicht nötig hat, betont Konzernchef Schnabel heute ohne falsche Bescheidenheit. Mit Firmen und Niederlassungen in 32 Ländern ist der Konzern zudem auf der ganzen Welt vertreten. Selbst im nordkoreanischen Pjöngjang sei man präsent, auch wenn das bei geschäftlichen Verabredungen in Amerika gerne verschwiegen werde, wie Schnabel junior augenzwinkernd bemerkt. Der Familie sichert die globale Strategie immerhin Platz 52 im vom manager magazin recherchierten Ranking der 100 reichsten Deutschen.Inzwischen ist auch Dieter Schnabels ältester Sohn in die Familienfirma, die noch immer zu drei Vierteln Hermann Schnabel und zu einem Viertel Dieter Schnabel gehört, eingestiegen. Dem Vernehmen nach schickt nun er sich an, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Und vermutlich wird sich der nächste Generationswechsel im Unternehmen ebenso geräusch- und reibungslos vollziehen wie der letzte. Im Hause Helm/Schnabel scheint die Chemie einfach zu stimmen - so und so. Guido Gerboth/Christian Keun, manager-magazin.de



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