Die reichsten Deutschen Ein christliches Unternehmen

Den Wohlstand der Familie - geschätztes Vermögen: 7,7 Milliarden Mark - begründete Gustav Schickedanz mit seinem Versandhandel. Zum europaweit agierenden Handelskonzern wurde Quelle aber vor allem durch seine zweite Frau Grete.


Hamburg - 1923 - unter dem Eindruck der galoppierenden Inflation sind die meisten Deutschen noch immer wie gelähmt - entschließt sich Gustav Schickedanz zum Sprung in die Selbständigkeit. Im bayerischen Fürth gründet der Sohn eines Werkmeisters eine Großhandlung für Kurz-, Weiß- und Wollwaren, aus der nur vier Jahre später das Versandgeschäft Quelle hervorgeht.

Die Rechnung des Jungunternehmers, Qualitätsware zu kleinen Preisen anzubieten und diese als Versender auch Menschen außerhalb der gut versorgten Ballungsräume zugänglich zu machen, geht auf - seine Quelle sprudelt. Knapp ein Jahrzehnt nach der Gründung zählt Schickedanz bereits eine Million Stammkunden, die Umsätze erreichen 1938 mit 40 Millionen Reichsmark Rekordhöhe.

Ein christliches Unternehmen

Grete Schickedanz, "Grande Dame" der deutschen Nachkriegswirtschaft
Sabine Brauer Photos

Grete Schickedanz, "Grande Dame" der deutschen Nachkriegswirtschaft

Nicht zuletzt durch den Wegfall der jüdischen Konkurrenz nimmt das "rein christliche Unternehmen" - so bereits 1933 einer Quelle-Eigenwerbung zu entnehmen - während der NS-Zeit einen kometenhaften Aufstieg. Der Chef des Versandhauses geht ungestört seinen Geschäften nach und arrangiert sich mit dem Regime. Allzu gut, befinden die Amerikaner nach Kriegsende und belegen Schickedanz mit einem Berufsverbot.

Es ist das Verdienst von Grete Schickedanz, die 1927 als Lehrmädchen bei Quelle angefangen hatte und 1942 des Gründers zweite Ehefrau wurde, das Unternehmen wiederaufgebaut und erneut auf Erfolgskurs gebracht zu haben. In Hersbruck eröffnet sie einen kleinen Textilladen und hält die alten Geschäftsverbindungen mit großen Fabrikanten aufrecht.

Als ihr Gatte 1949 wieder offiziell mitmischen darf, wird nicht nur soeben das erste Quelle-Kaufhaus eröffnet, sondern auch ein eindrucksvoller Umsatz von 12 Millionen Mark erwirtschaftet. Der stetige Aufstieg der Firma hält über mehr als drei Jahrzehnte an. Das Ehepaar an der Spitze - "er hatte die Ideen, sie hat sie umgesetzt", so Tochter Madeleine - erweist sich als veritables Erfolgsgespann.

"First Lady der deutschen Wirtschaft"

1977 stirbt Versandhaus-König Schickedanz. Die Leitung des Handelskonzerns übernimmt ein Trio, in dem die Schwiegersöhne Hans Dedi und Wolfgang Bühler der Witwe Schickedanz assistieren dürfen, in der Regel aber nicht das Sagen haben. Die Chefin entscheidet auch weiterhin - über millionenschwere Investitionen ebenso wie über die Pullovermuster der neuesten Kollektion oder das Layout des nächsten Katalogs.

Unter die Ägide von Grete Schickedanz fallen die Expansion nach Osteuropa - Ungarn etwa sowie die UdSSR - und auch der massive Aufbau des Geschäfts in den neuen Bundesländern nach dem Fall der Mauer. In dieser Zeit festigt die Unternehmerin ihren Ruf als "First Lady der deutschen Wirtschaft" (Richard von Weizsäcker), als "wichtigste Kauffrau Europas" - unter deren Matriarchat Quelle aber auch erstmals in die Miesen rutscht.

Bis zuletzt weigert sich die "gnädige Frau", wie sie von ihren Managern angesprochen wird, strikt, das Konzern-Sammelsurium aus Banken, Handels- und Industriefirmen auszumisten und eine Fokussierung auf Versand - das Kerngeschäft - und Dienstleistungen einzuleiten. Den überfälligen Schnitt verfügen Dedi und Bühler erst nach ihrem Tod im Jahr 1994.

Fusion mit Karstadt - der große Wurf?

Die Schickedanz-Gruppe trennt sich fast komplett von der Industriesparte, darunter die Vereinigten Papierwerke, die Patrizier-Brauerei und die Gold-Zack-Gruppe. Später wird auch die Noris Verbraucherbank abgegeben. Dank der Verkaufserlöse schwillt der Konzernumsatz 1994/95 auf rund 15 Milliarden Mark an - Ergebnis vor Steuern: 610 Millionen Mark. Als Bühler 1997 den Vorsitz der Konzernholding abgibt, glaubt er, die als bieder und behäbig geltende Firma "fit für Europa" gemacht zu haben.

Aber da geht doch noch was, mag sich indessen sein Amts-Nachfolger gedacht haben. Und so bringt Ingo Riedel - bemüht, als kühner Visionär und weitsichtiger Stratege zu gelten und nicht schlicht als Ehemann einer Schickedanz-Enkelin - einen Mega-Merger auf den Weg.

Vor rund zwei Jahren verschmilzt Quelle mit dem Kaufhauskonzern Karstadt zur KarstadtQuelle AG, an der die Schickedanz-Holding eine De-facto-Mehrheit hält. Von enormen Synergiepotenzialen ist die Rede, von großen Chancen für die Zukunft im Verbund - mit anderen Worten: Riedels Engagement zeuge von Weitblick. Vielleicht nicht weitblickend genug. Unlängst büßte der Konzern seinen Platz im Deutschen Aktienindex ein und gilt seither als Unternehmen mit einer nur noch mittleren Marktkapitalisierung.

Christian Keun, manager-magazin.de



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