Die reichsten Deutschen Erbenfehde mit glimpflichem Ausgang

Papiermaschinen gehören von jeher zu den Vorzeigeprodukten des Hauses. Aus der kleinen Heidenheimer Schlosserei aber ist ein Weltkonzern, aus der Familie Voith eine der reichsten Sippen des Landes geworden.


Es war wie in einem bösen Traum. Genau in diese Lage hatten weder Firmenleitung noch Belegschaft je geraten wollen: Ihr Unternehmen steht vor einer strategisch enorm wichtigen Entscheidung, und streitende Erben funken dazwischen. Mit dem operativen Geschäft längst nicht mehr vertraut, wissen sie als Eigentümer urplötzlich, was das Beste für "ihr Haus" ist. So mancher Konzern ist auf diese Weise schon ruiniert worden.

Wichtigste Säule: Unter anderem mit Papiermaschinen erwirtschaftet die Sparte Voith Paper rund 45 Prozent des Konzernumsatzes
DPA

Wichtigste Säule: Unter anderem mit Papiermaschinen erwirtschaftet die Sparte Voith Paper rund 45 Prozent des Konzernumsatzes

Dabei glaubte man bei Voith, dem renommierten Maschinen- und Anlagebauer aus Heidenheim, kluge Vorsorge getroffen zu haben. In den sechziger Jahren hatten die Gründerenkel Hanns und Hermann Voith auf Initiative des damaligen Konzernchefs Hugo Rupf die eigene Sippe weitgehend entmachtet und einen Gesellschafterausschuss mit der Wahrnehmung der Familieninteressen betraut. So wollten sie den Fortbestand des Lebenswerks sichern. Mit Papiermaschinen an die Weltspitze Denn die Brüder Johann Matthäus ("Hanns"), Hermann und Walter Voith hatten mit dem väterlichen Erbe nach Kräften gewuchert. Zwar war die einst von ihrem Großvater gegründete Schlosserei, die ihr Vater dann 1867 als "Maschinenfabrik J.M. Voith" in das Handelsregister hatte eintragen lassen, bereits vor der Jahrhundertwende ein erfolgreiches Unternehmen. Doch das Verdienst, es trotz zweier Weltkriege in den Bereichen Papiermaschinen-, Turbinen- und Getriebebau immer wieder an die Weltspitze geführt zu haben, gebührt vor allem ihnen. Nach dem Tod von Hermann und Walter war es allein an Hanns Voith, die Geschicke des Traditionshauses zu bestimmen. Als auch er 1971 im Alter von 85 Jahren starb, präsentierte sich die Unternehmensgruppe Voith als ein weltweit aufgestellter Konzern mit Zweigwerken und Beteiligungsgesellschaften in Deutschland, Österreich, Spanien, Brasilien und Indien. Über 13.000 Mitarbeiter erlösten zu dieser Zeit bereits rund 500 Millionen Mark Umsatz im Jahr. Unseliger Familienzwist Mit dem Tod des Patriarchen ging bei Voith die Ära der Eigentümer-Unternehmer ein für allemal zu Ende. Den Konzern führten fortan Manager, die nicht zum Clan gehörten. Und die Erben, die in der Firma nicht mitreden durften, gingen anderen Beschäftigungen nach. Ihre Stunde schlug erst, als das Voith-Management Ende der achtziger Jahre eine Allianz mit der Schweizer Sulzer-Gruppe schmieden wollte. Um das eigene Überleben zu sichern, wie es hieß. Doch eine der wenigen Entscheidungen, die der Zustimmung der Voiths bedurfte, war die Beteiligung Dritter am Unternehmen.Statt nun zum Wohle der Voith-Gruppe und im Sinne der Väter nach einem Kompromiss zu suchen, lieferten sich die zu gleichen Teilen am Firmenkapital beteiligten "Hanns-Erben" und "Hermann-Erben" einen erbitterten Machtkampf. Längst waren die Stämme innig verfeindet. Während der als eher anthroposophisch geltende Hanns-Zweig die Pläne der Geschäftsleitung voll unterstützte, witterte der unternehmerisch ambitioniertere Zweig Hermann die Chance, wieder mehr Einfluss auf das Unternehmen, vielleicht sogar die Vorherrschaft übernehmen zu können. Erfolgreiche Restrukturierung der Voith-Gruppe Drei Jahre zog sich der Streit hin, bis es dem geschickten Voith-Chef Michael Rogowski 1992 gelang, die Patt-Situation zu bereinigen. Die Familien stimmten einer Realteilung des Erbes zu. Hermanns Erben erhielten die Werkzeugbau-Sparte und den größeren Teil der Finanzbeteiligungen. Die Familie Hanns Voith blieb im Besitz der J.M. Voith GmbH, des Stammhauses der Voith-Gruppe, mit den Kerngeschäften Papier-, Kraftwerks-, Antriebs- und Bespannungstechnik. Nachdem die Eigentumsverhältnisse endlich geklärt waren, ging das Rogowski-Management daran, den Konzern selbst neu zu ordnen. 1995 wurde die Voith GmbH zur Konzernholding. Die vier operativen Geschäftsfelder erhielten rechtliche Selbständigkeit. 1997 folgte die Umwandlung der Holding in eine Aktiengesellschaft. Auf einen Börsengang verzichtete man, um die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit des Unternehmens zu sichern.Das bei der Realteilung ausgegebene Genussscheinkapital wurde in Eigenkapital umgewandelt, wobei dieCommerzbank, die Deutsche Bank sowie Sal. Oppenheim zusammen 7,5 Prozent der Anteile übernahmen.Alle anderen Anteile an dem Maschinenbaukonzern, dessen Umsatz im abgelaufenen Geschäftsjahr um fast 30 Prozent auf 3,25 Milliarden Euro kletterte, hält die Familie Hanns Voith. Ihr Privatvermögen beläuft sich heute auf geschätzte vier Milliarden Mark - Platz 44 im Ranking der reichsten Deutschen. Christian Keun, manager-magazin.de



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