Die reichsten Deutschen Kleider machen Milliardäre

1841 eröffneten Clemens und August Brenninkmeyer ein Lager für Textilien. Der daraus entstandene Konzern - nach den Initialen der Brüder "C&A" genannt - bescherte der Familie ein auf sieben Milliarden Mark geschätztes Vermögen.

Hamburg - Mit alten Bärten ist es so eine Sache. Von Peter dem Großen, dem wichtigsten Reformer Russlands vor Michael Gorbatschow, wird berichtet, er habe seine widerspenstigen Landsleute mit vorgehaltener Muskete zur Rasur treiben lassen, um damit ein äußeres Zeichen für die Erneuerung seines Landes zu setzen.

Knapp drei Jahrhunderte später macht sein Beispiel Schule: Die Familie Brenninkmeyer beauftragte einen Fachmann, den altehrwürdigen Gründervätern Clemens und August ihre Bartpracht abzunehmen - rein virtuell, versteht sich, denn es ging lediglich um die Fotos der Gründerväter. Die hängen heute glattrasiert in der Vorstandsetage und sind damit unfreiwillige Kronzeugen einer Konzerndirektive, die da hieß: Keine Bärte im Topmanagement.

Tumulte wegen Samstags-Verkauf

Auch sonst sind die Brenninkmeyers nicht zimperlich, wenn es darum geht, mit alten Gepflogenheiten aufzuräumen. So kommt es im März 1953 zu tumultartigen Szenen vor der Münchner C&A-Filiale, weil der Textilhändler sich geweigert hatte, die vom Stadtrat verfügte Samstags-Schließung um 14 Uhr anzuerkennen. Als erboste Einzelhändler und Gewerkschafter bedrohlich näher rücken, eskaliert die Situation, und nur dem Einsatz der berittenen Polizei ist es zu verdanken, dass Schlimmeres verhindert wird.

Weitere Vorfälle dieser Art wird es nicht geben, denn die Brenninkmeyers reagieren unverzüglich: Sie treten aus den Einzelhandelsverbänden aus. So macht man das, wenn man Deutschlands führender Massen-Schneider ist. Nadel verpflichtet.

Kleider von der Stange als Geschäftsidee

Bis dahin war es allerdings ein weiter Weg. Zwanzig Jahre hatte es gedauert, bis aus dem bescheidenen Lager der westfälischen Gründer das erste C&A-Geschäft geworden war. Dies befindet sich allerdings nicht in ihrem Heimatort Mettingen, einer Kleinstadt nahe Osnabrück, sondern im holländischen Sneek, in das die beiden Brüder 1841 ausgewandert waren. Ob es nun aber am Standort lag, dass die Geschäftsidee wie eine Bombe einschlug, muss bezweifelt werden. Der Grundgedanke nämlich war bestechend: Man verkaufte serienmäßig industriell gefertigte Bekleidung für ein breites Publikum, und das zu Preisen, die sich wirklich jeder leisten konnte.

Dass diese Kleidung von der Stange nicht immer den höchsten Ansprüchen an Qualität und Geschmack entsprach, versteht sich. Kein Wunder also, dass das Kürzel C&A bald in einigen Kreisen mit "Cheap & Awful" (billig und hässlich) übersetzt wurde. Den Managern des Unternehmens konnte dies egal sein. Ihr Geschäft florierte, und C&A eroberte eine Großstadt nach der anderen.

Anfang der 80er Jahre fast sechs Milliarden Mark Umsatz

Selbst den Mond nimmt man in Angriff, wenn auch nur als Werbegag. Als am 21. Juli 1969 der amerikanische Astronaut Neil Amstrong als erster Mensch einen Fuß auf den Erdtrabanten setzt und ganz Deutschland gebannt vor dem Fernseher hockt, wirbt C&A mit einem TV-Spot, in dem ein Erdbewohner mit einem Mondmännchen über Kleidungseinkauf redet. Der Clip endet mit dem Stoßseufzer: "Hoffentlich gibt's bald Filialen dieses Geschäftes auf dem Mond."

Ganz soweit kommt es allerdings nicht, auch wenn die Expansion der Brenninkmeyers offenbar zunächst durch nichts zu bremsen ist. Anfang 1980 ist die Zahl der Filialen in Deutschland auf 115 angewachsen, und der Umsatz wurde binnen weniger Jahre auf fast sechs Milliarden Mark verdoppelt.

Grenzen des Wachstums

Dann aber zeigen sich die Grenzen des Wachstums. In einem Interview mit dem "Stern" wird Europa-Chef Lucas Brenninkmeyer später dazu eingestehen: "Wir haben uns verzettelt." Und wieder kommt das All ins Spiel. "Dass ein C&A-Eigentümer mit Journalisten spricht", so die Illustrierte, "ist etwa so selten wie das Erscheinen des Halleyschen Kometen. Die Familie Brenninkmeyer hat über ein Jahrhundert eisern geschwiegen."

Ganz falsch ist das nicht. Das Gespräch, veröffentlicht im März 2001, ist Teil einer bemerkenswerten Öffentlichkeits-Kampagne, mit das Familienunternehmen die Flucht nach vorne angetreten hat. Hintergrund sind die Probleme, die das Geschäft seit Anfang der 90er Jahre zunehmend schwieriger machen.

Verlust von rund 500 Millionen Mark

In den vergangenen drei Jahren wurde allein in Deutschland ein Verlust von rund 500 Millionen Mark erwirtschaftet, und das trotz ausgefeilter Werbekampagnen, die vor allem auf das junge Publikum abzielten. Ganz schlecht lief der Verkauf in Großbritannien. Dort wurden alle 110 Filialen geschlossen. Gleiches gilt für Dänemark, wo C&A heute nicht mehr vertreten ist.

Der Richtungswechsel, der die Wende bringen soll, wird von Experten aufmerksam beobachtet. Dies auch deshalb, weil C&A in einigen Bereichen durchaus Neues wagt - allerdings nicht immer mit dem gewünschten Erfolg. Eine groß angelegte Internet-Kampagne scheitert, da die Aktion "Netz statt Tüte" bei der Kundschaft nicht so ankommt wie erhofft. Der Marktanteil fiel auf 6,3 Prozent, und der Umsatz ist auf das Niveau der frühen 80er Jahre gesunken.

Fest in Familienhand

Dennoch ist Lucas Brenninkmeyer zuversichtlich für die Zukunft. Der 42-Jährige, der das Geschäft in Holland lernte und in den englischen C&A-Läden für den Einkauf von Socken und Pyjamas zuständig war, hat bereits beim Aufbau des Amsterdamer Redevco-Konzern bewiesen, dass er sein Metier beherrscht. Redevco ist heute eine der größten Immobilienfirmen der Welt.

Auch sonst ist das C&A-Geschäft weiter fest in Familienhand. Sein Vetter Dominic verantwortet das Deutschland-Geschäft, Gerd Brennninkmeyer ist verantwortlich für Polen, und Hans Brenninkmeyer betreut die Nordamerika-Filialen in 47 Bundesstaaten.

Angesichts dieser Verhältnisse ist es kein Wunder, dass man sich zwecks Vermeidung von Namens-Missverständnissen im Hause C&A auf ein für Deutschland ungewöhnliches Verfahren geeinigt hat: Wenn konzernintern von den Brenninkmeyers die Rede ist, spricht man von "Herrn Lucas", "Herrn Dominic" und "Herrn Gerd". Ein weibliches Pendant dazu fehlt bislang noch. Bis heute gibt es keine Brenninkmeyer-Frau im Spitzenmanagment.

Clemens von Frentz

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