Die reichsten Deutschen Medienmogul Leo Kirch

"Auf Pump" erwarb er vor über 40 Jahren erste Filmrechte - und wurde ausgelacht für seine Idee der lukrativen Verwertung. Heute ist er sieben Milliarden Mark schwer - und vielen das Lachen ob der geballten Medienmacht des bayerischen Tycoons längst vergangen.


Bei seinen seltenen öffentlichen Auftritten gibt sich Leo Kirch, 74, am liebsten bescheiden und charmant. Der Geschäftsmann Kirch wird dagegen als oft aufbrausend beschrieben
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Bei seinen seltenen öffentlichen Auftritten gibt sich Leo Kirch, 74, am liebsten bescheiden und charmant. Der Geschäftsmann Kirch wird dagegen als oft aufbrausend beschrieben

Hamburg - In Cinecittà, dieser legendären Filmstadt vor den Toren Roms, haben viele Karrieren ihren Anfang genommen. Die von Leo Kirch auch. Nicht etwa im Rampenlicht - das scheute er schon immer. Sondern hinter den Kulissen - ihm noch heute der liebste Platz, um die deutsche Medienlandschaft ebenso diskret wie gründlich nach seiner Fasson zu prägen.

29 Jahre ist der Sohn eines fränkischen Weinbauern alt, als er Anfang 1956 in Italiens Metropole seinen ersten großen Deal arrangiert. Für 130.000 Mark sichert sich Kirch die Rechte an Fellinis "La Strada". Viel Geld, das sich der ehrgeizige Newcomer zum Teil vom Schwiegervater leiht, zum Teil selbst aufbringen kann. Verdient, wie Kirchs Biograph Michael Radtke andeutet, beim Schachern mit Nähnadeln und sowjetischen Feldstechern in den ersten Nachkriegsjahren.

Leo der Trickreiche

Aus einer Hand voll Filmrechte, die der promovierte Ökonom und studierte Mathematiker anfangs über die Firma "Sirius Film" vermarktet, macht er in den nächsten viereinhalb Jahrzehnten einen der größten Medienkonzerne Europas. Im Fundus des nimmersatten Kaufmanns stapeln sich heute rund 15.000 Spielfilme, obendrein hortet er satte 50.000 Stunden Serienfernsehen. Den Jahresumsatz der Kirch-Gruppe schätzen Experten auf rund fünf Milliarden Euro, den Gesamtwert des Unternehmens auf das Doppelte.

Fürwahr ein in der deutschen Filmwirtschaft beispielloser Aufstieg, der dem konservativen Katholiken da gelingt. Uneingeschränkte Bewunderung aber findet Leo Kirch für seine Lebensleistung keineswegs. Allzu "tricky" ist sein Geschäftsgebaren von Beginn an gewesen. Fast sprichwörtlich öffentlichkeitsscheu und verschanzt hinter einem Firmengeflecht, das für alle außer einen völlig undurchdringlich ist, lässt Kirch sich jahrzehntelang nicht in die Karten schauen. Seine meist raffinierten Pläne sickern oft erst dann durch, wenn er schon fast am Ziel ist. Ebenso die Namen seiner in der Regel prominenten Unterstützer.

Dann etwa, wenn sich ein verärgerter EU-Kommissar lautstark echauffiert, dass ein deutscher Bundeskanzler zu Gunsten Kirchs Einfluss auf ein laufendes Verfahren zu nehmen versucht. Duzfreund Helmut Kohl hatte einst der Pay-TV-Allianz zwischen Kirch und Bertelsmann - die schließlich untersagt wurde - Vorschub leisten wollen. Oder wenn Kirch - notorisch klamm - mal wieder 500 Millionen Mark in der Kasse fehlen und Metro-Gründer Otto Beisheim hilfreich in die Bresche springt. Von Kirchs gedeihlichen Geschäftsbeziehungen zum immer wieder ins Zwielicht geratenden Unternehmer-Politiker Silvio Berlusconi ganz zu schweigen.

Welt-Premiere: Ein Traum verschlingt Milliarden

Die einzigartige Melange aus beinah pathologischer Heimlichtuerei, besten Kontakten in die Spitzen von Politik und Wirtschaft sowie geballter Medienmacht hat den Namen Kirch allmählich zum Inbegriff des verschlagenen Strippenziehers werden lassen. Und einem, der es schafft, gegen den Willen der Mehrheitsaktionäre 40 Prozent des Axel Springer Verlags an sich zu bringen und es seinen "schönsten Traum" nennt, einmal "ein Monopol zu haben", wird viel zugetraut. Zumal die Räder, die der bajuwarische Medienmogul dreht, immer größer werden.

Durch den Zusammenschluss von ProSieben und Sat.1 zur ProSiebenSat.1Media AG betreibt Kirch die hier zu Lande größte TV-Familie im kommerziellen Fernsehen (Sat.1, ProSieben, Kabel1, N24). Was Medienwächter und Kartellbeamte vor ein paar Jahren noch für undenkbar hielten: Den privaten Fernsehmarkt haben Kirch und Bertelsmann (RTL-Kanäle) fast vollständig untereinander aufgeteilt. In Sachen Bezahlfernsehen besitzt Kirch gar ein Monopol, das ihn allerdings teuer zu stehen kommt. Sein Abo-Kanal Premiere ist hoch defizitär und wird 3,6 Milliarden Euro verschlungen haben, ehe 2003 - vielleicht - erste Gewinne fließen.

Die Langzeitbaustelle Premiere wie auch zunehmend riskantere und kostspieligere Geschäfte der jüngsten Vergangenheit - mit mehreren Milliarden sicherte er sich zuletzt Rechte an den Fußball-Weltmeisterschaften der Jahre 2002 und 2006 sowie an der Formel 1 - zwingen Leo Kirch, nach potenten Kapitalgebern und mächtigen Verbündeten Ausschau zu halten. Da die aber wissen wollen, wohin ihr Geld fließt, und es für den bald 75-jährigen Patriarchen ohnedies an der Zeit ist, seinen Nachlass zu ordnen, entschließt er sich 1999 zum Äußersten: Er strukturiert sein Firmenkonglomerat - und schafft erstmals Transparenz.

Alles neu - und doch beim Alten

Das Kirch-Imperium gliedert sich seither in eine übergeordnete Stiftung, mit der die Versorgung der Familie sichergestellt wird; ferner in die im April 2000 gegründete Holding, unter deren Dach die Geschäftsfelder Media, Pay-TV sowie Beteiligungen angeordnet sind. KirchMedia bündelt die profitablen Bereiche Fernsehen, Technik und Rechtehandel. KirchPayTV widmet sich exklusiv dem Patienten Premiere, während in der KirchBeteiligung etwa die Aktienpakte Axel Springer Verlag und Constantin Film gemanagt werden.

Im neuen Gewand konnte Kirch bereits neue Investoren gewinnen. Auch sind Teile der Holding so gut wie fit für den Gang an die Börse. Gleichwohl ist nicht damit zu rechnen, dass der Gründerchef in absehbarer Zeit das Heft aus der Hand gibt. Frühzeitig ließ Kirch über einen Sprecher seiner Gruppe klarstellen, dass "der Inhaber und die Kirch-Stiftung ihren mehrheitlichen Einfluss auch in Zukunft wahren".

Christian Keun, manager-magazin.de



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