Die reichsten Deutschen Rolf Gerling - Milliardenschwer mit Sicherheit

Die Deutschen hatten noch einen Kaiser, als Robert Gerling anfing, seinen Landsleuten Policen anzudienen. Aus dem "Bureau für Versicherungswesen" ist längst ein Konzern geworden. Rolf Gerling, Gründerenkel und Eigentümer der dritten Generation, ist siebenfacher Milliardär.


Hält noch 70 Prozent an Gerling: Gründerenkel Rolf Gerling

Hält noch 70 Prozent an Gerling: Gründerenkel Rolf Gerling

Hamburg - Als Rolf Gerling vor rund zehn Jahren das Erbe seines Vaters Hans antrat, ging einer der größten Assekuranzkonzerne des Landes von einem der profiliertesten - und zugleich umstrittensten - Unternehmer der Nachkriegszeit auf einen "grünen Spinner", als den die Branche Gerling junior zeitweilig verspottete, über.

Während sein Vater zeitlebens im Ruf eines nicht eben zimperlichen Machers und Vollblut-Konzernchefs stand, entwickelte Rolf Gerling früh ein Faible für Ökologie. "Sichern vor versichern" war das Motto, unter dem er einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur predigte, lange bevor diese Einsicht zur Mehrheitsmeinung gereift war. Kooperation statt Konfrontation war das Thema des Filius, der sich sowohl in Wirtschaftswissenschaften als auch in Tiefenpsychologie ausbilden ließ. Gerling senior war da aus ganz anderem Holz geschnitzt.

Zwischen Tyrannei und Patriarchat - Vater Hans Gerling

In einer Laudatio anlässlich der posthumen Aufnahme Hans Gerlings in die manager-magazin-"Hall of Fame" im Jahr 1999 nannte Hilmar Kopper den Geehrten einen "sozialen Patriarchen". Ein Herr im alten, fast vergessenen Sinne sei Gerling gewesen: distinguiert, Respekt gebietend. Und nie habe jener einen Zweifel daran aufkommen lassen, wer letztlich das Sagen hat. Weniger wohlwollende Beobachter charakterisierten den Senior schlicht als intolerant, autoritär und herrschsüchtig.

Einvernehmen besteht indessen darüber, dass Gerling seinen Konzern als unbeugsamer, zäher Kämpfer groß und zu einem der weltweit namhaftesten Industrieversicherer gemacht hat. Gerade einmal 18 Jahre alt, wurde er 1933 von seinem Vater Robert, der das Unternehmen der Familie 1904 als "Bureau für Versicherungswesen" in Köln gegründet hatte, in die Geschäftsleitung berufen. Von hier aus arbeitete er sich Schritt für Schritt weiter nach oben und übernahm 1949 schließlich den Vorstandvorsitz aller Gerling-Gesellschaften.

Mit sicherem Gespür für Kundenwünsche und einem nicht minder ausgeprägten Sinn für lukrative neue Märkte entwickelte Hans Gerling innovative Versicherungsprodukte oft früher als die Konkurrenz. Unter seiner Ägide verbuchte der Konzern zwischen 1953 und 1973 einen Anstieg der vereinnahmten Prämien von 180 Millionen auf zwei Milliarden Mark. Der "König von Köln" - eine gelegentliche Anspielung auf die pompöse Lebensweise des Konzernchefs - stand auf dem Gipfel seines Erfolges, als er brutal abstürzte.

Gerlings Waterloo

Die Herstatt-Bank, eine 80-Prozent-Beteiligung Gerlings, geriet durch wilde Devisenspekulationen unversehens massiv in Schieflage und war kurz darauf pleite. Um die Ansprüche der Kunden befriedigen zu können, steuerte der Mehrheitseigner zunächst 30 Millionen Mark bei. Viel zu wenig, wie sich sehr bald zeigte. Unter dem Druck der Öffentlichkeit verpflichtete sich Gerling Ende 1974 schließlich, 210 Millionen Mark an die Herstatt-Gläubiger zu zahlen. Die Mittel zu beschaffen kostete ihn 51 Prozent seines Konzerns.

Der Mann, der an der Spitze des Unternehmens neben sich nicht einmal die eigenen Brüder geduldet und diese abgefunden respektive -geschoben hatte, fand sich Knall auf Fall im Gerling-Aufsichtsrat wieder - als einfaches, mit 750.000 Mark Jahressalär gleichwohl gutbestalltes Mitglied. Für einen wie Hans Gerling eine dennoch kaum zu verwindende Schmach. Er setzte fortan alles daran, sich "seinen" Konzern zurückzuerobern von den neuen Eigentümern, der Schweizer Zürich-Versicherung und einem deutschen Industriekonsortium.

Dem verbissen kämpfenden Gerling gelang es, hinter den Kulissen auch weiter die Fäden zu ziehen. Vortrefflich verstand er es, über die Personalpolitik Einfluss auf den Kurs des Konzerns zu nehmen. Entnervt kündigten die Eidgenossen Anfang 1978 an, ihr direktes Engagement lösen und auch ihre Gerling-Anteile in das Konsortium, die Versicherungsholding der Deutschen Industrie (VHDI), einbringen zu wollen. Noch vor Ende des Jahres sollte Hans Gerling wieder fest im Sattel sitzen. Prominenter Steigbügelhalter: Friedrich Karl Flick.

Totgesagte leben länger

Die Firmengruppe des Industriebarons erwarb zunächst die Mehrheit an der VHDI, um anschließend auf einer außerordentlichen Hauptversammlung der Holding die Wahl Gerlings zum Vorstandschef der Gerling Versicherungs-Beteiligungs-AG zu unterstützen: Ein grandioses Comeback für den einstigen Herstatt-Pleitier. Mehr noch: Wie später bekannt wurde, hatten sich Flick und Gerling bereits zu diesem Zeitpunkt auf die Höhe des Rückkaufpreises der Aktien verständigt. 1986 wurde aus dem Agreement ein Deal - Gerling war am Ziel.

Doch das Ringen um sein Lebenswerk hatte tiefe Spuren hinterlassen. Gesundheitlich war der Patriarch schwer angegriffen. So schwer, dass Gerling weder im Herstatt-Prozess noch in dem gegen ihn eingeleiteten Verfahren wegen fortgesetzter Steuerverkürzung im Zusammenhang mit illegalen Parteispenden vor Gericht erscheinen konnte - befanden seine Ärzte. Nicht schwer genug, als dass er den Konzern nicht mehr hätte führen können - befand Gerling selbst und tat dies bis zu seinem Tod im Jahr 1991.

Der Stab wechselte an seinen Sohn Rolf Gerling, der nie erpicht darauf gewesen war, einmal den Platz seines Vaters als Konzernvorsteher einzunehmen. Folgerichtig zog sich der neue Eigentümer mit einer seiner ersten Amtshandlungen aus dem operativen Geschäft zurück und wechselte an die Spitze des Gerling-Aufsichtsrats. Und auch des Juniors zweite wichtige Entscheidung hätte vor den Augen Hans Gerlings nie und nimmer Gnade gefunden, so unausweichlich sie auch war.

Börsengang verschoben - Gerling bleibt in der Familie

Rolf Gerling holte die Deutsche Bank ins Boot. Das Geld, das er für die Überlassung von 30 Prozent der Anteile kassierte, brauchte er dringend, um die Erbschaftssteuer - rund eine viertel Milliarde Mark - zahlen zu können. An seiner Majorität hält der Erbe inzwischen hartnäckig fest. Einen mehrfach angekündigten Börsengang hat Gerling mittlerweile auf unbestimmte Zeit verschoben. Und der Starrsinn, mit dem er heute den unter sinkendem Profit leidenden Konzern gegen Fremdbestimmung abschottet, erinnert stark an den Senior. Gerling bleibt eben Gerling.

Christian Keun



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.