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SPIEGEL Gespräch »Die Scheunentore waren weit offen«

Der ehemalige Abschreibungsspezialist Erlemann über Steuerspar- modelle und die Rolle der Finanzbehörden *
Von Hermann Bott und Peter Bölke
aus DER SPIEGEL 1/1988

SPIEGEL: Herr Erlemann, Sie haben sieben Jahre Haft hinter sich. Haben Sie zu Recht gesessen?

ERLEMANN: Ich bin zu Recht verurteilt worden. Man muß im Leben zu den Dingen stehen, die man zu verantworten hat. Ich hätte das Steuerspargeschäft, um das es damals ging, abbrechen müssen, als mir Zweifel an der Echtheit kamen. Wie mein Urteil bestätigt, war ich von legalen Geschäften ausgegangen. Als ich merkte, daß so manches nicht stimmen konnte, hätte ich zum Staatsanwalt gehen oder sonst etwas unternehmen müssen.

SPIEGEL: Ihre Partner haben also ein krummes Ding gedreht, und Sie haben dann weitergemacht, als sei nichts. War das ein Entschluß: Ab heute Betrüger?

ERLEMANN: Es gibt ja auch Betrug, indem man Handeln unterläßt. Monatelang habe ich damals gegrübelt, ob ich Anzeige erstatten soll. Nachdem ich einmal in die Sache hineingeschlittert war, brachte ich nicht die Kraft auf, die Sache aufzudecken. Der Skandal hätte das Ende meiner Kapitalfirma bedeutet. Auch die Rückzahlung der erhaltenen Provisionen wäre nicht möglich gewesen, allein acht bis zehn Millionen Mark waren in den Vertriebsapparat geflossen. Und die Steuervorteile der Anleger wären auch verloren gewesen, wenn ich Schluß gemacht hätte.

SPIEGEL: Sie haben von dieser Unterlassung finanziell profitiert.

ERLEMANN: Nach meiner Erinnerung - die Sache war ja vor über zehn Jahren - waren das 13 Prozent des investierten Geldes, also knapp 13 Millionen Mark. In den Zeitungen wird immer geschrieben: Der Erlemann hat die Steuer und die Anleger um über 100 Millionen Mark geprellt und sich dieses Geld in die Tasche gesteckt. Die 100 Millionen waren die Steuervorteile der Anleger und kein Bargeld bei mir.

SPIEGEL: Der Schaden, den Sie mitverursacht haben, lag bei über 100 Millionen. Ihre Partner und Sie hatten Gelder eingesammelt für ein Geschäft, das es gar nicht gab.

ERLEMANN: Ja, wie ich selber dann erfuhr, waren die eingesammelten Mittel zu einem großen Teil nicht dazu bestimmt, die im Prospekt angegebenen Industriegüter zu kaufen - Gasflaschen, Gascontainer und Abfüllstationen ...

SPIEGEL: ... die angeblich im Libanon vermietet werden sollten, damit deutsche Steuersparer ordentlich etwas zum Abschreiben hatten.

ERLEMANN: Richtig. Ja, so stand''s im Prospekt. Wenn Sie irgendeine Maschine, irgendeinen Container kaufen, dann können Sie die steuerlich abschreiben. Aber dazu muß es die Maschine oder den Container auch geben. Wenn Sie dagegen die angeblichen Wirtschaftsgüter gar nicht gekauft haben, dann schreiben Sie in den Bilanzen etwas ab, was es gar nicht gibt.

SPIEGEL: Es wurden also reine Luftgeschäfte gemacht.

ERLEMANN: In diesem einen speziellen Fall größtenteils. Es wurden aber auch Lastwagen von Daimler-Benz und Hebekräne von der Demag echt angeschafft. Diese Güter gab es, die sind echt verleast worden. Von diesen existenten Gütern hat sich die Gesellschaft auch finanziert und aus den Mieteinkünften den Anlegern rund 25 Millionen Mark ausgezahlt. Auch sind den Anlegern die Steuervorteile aus dem realen Teilbereich, der echt war, erhalten geblieben. Das heißt also: Wir hatten im Fall Contruck einen existenten Bereich und einen nicht existenten Bereich. Der nicht existente Bereich und die darauf zu beziehende Abschreibung waren Betrug und Luft. Der existente Bereich durfte ganz normal, wie jedes andere Wirtschaftsgut auch, abgeschrieben werden.

SPIEGEL: Wenn Sie, als Sie dieses Luftgeschäft bei Ihrer Abschreibungsfirma Contruck entdeckt hatten, zum Staatsanwalt gegangen wären ...

ERLEMANN: ... es wäre, wie gesagt, das Ende meiner Firma gewesen. Ich galt ja als jemand, der alles durchschaut. Es war mir auch selbst mehr als unangenehm, bei der mir allseits nachgesagten Sachkunde zuzugeben, daß mir das so untergekommen ist. Ich beruhigte mich mit dem Gedanken, daß den Anlegern letzten Endes kein Schaden entstehen würde, weil nach vier bis fünf Jahren die Contruck aufgelöst werden sollte. Die Anleger hätten ihre Steuervorteile gehabt, und alles wäre vergessen gewesen.

SPIEGEL: Da zahlt ein Anleger 100 000 Mark für Produkte, die gar nicht gekauft wurden, und der soll dann nicht geschädigt sein?

ERLEMANN: Das erklärt sich aus dem rechtlichen und steuerlichen System, das der Contruck und etlichen anderen Gesellschaften zugrunde lag. Für den Anleger war folgendes Ergebnis da: Wenn er mit einer Anlage von 100 000 Mark bei 50prozentiger Progression in der Einkommensteuer 270 Prozent Steuervorteil aus der Verlustzuweisung bekommt, dann gibt ihm das Finanzamt erst mal 135 000 Mark zurück.

SPIEGEL: Selbst dann, wenn''s ein Luftgeschäft ist?

ERLEMANN: Selbst dann. Aber nur dann, wenn das Luftgeschäft unentdeckt bleibt. Deshalb habe ich ja geschwiegen, als mir die Zweifel kamen.

SPIEGEL: Und die hohen Verlustzuweisungen waren mühelos hinzukriegen: Je mehr Kredite eine Abschreibungsfirma

aufnahm, um so größere buchmäßige Verluste ergaben sich.

ERLEMANN: Ja, wenn Sie Gasflaschen oder andere Wirtschaftsgüter in Höhe des dreifachen Eigenkapitals fremdfinanzieren, dann haben Sie eine gewaltige Hebelwirkung. Das Fremdkapital wird ja bei der Berechnung des steuerlichen Verlustanteils, der von den Anlegern angestrebt wird, ebenfalls berücksichtigt. Da kamen hohe Verlustquoten heraus, die dann die Rückzahlungen vom Finanzamt brachten. Unsere Zahlungen an die Anleger kamen da noch obendrauf. Im Falle der Contruck fast 25 Millionen Mark.

SPIEGEL: Wofür gab es denn bei Ihrer Firma Contruck Ausschüttungen? Die Gasflaschen, die angeblich vermietet waren, gab es doch gar nicht.

ERLEMANN: Die Ausschüttungen kamen ja nicht aus dem Gascontainer-Bereich, sondern aus den Mieteinnahmen des konkreten Geschäftsbereichs der Contruck, also der Lkws und Hebekrane. Doch jetzt kommt der Clou, warum ich hoffte, daß die Sache auch für den unechten Bereich gutgehen würde. Durch die sogenannte Rückoption wären nach vier- oder fünfjähriger Laufzeit die - nicht vorhandenen - Gascontainer vertragsgerecht wieder an den Verkäufer zurückgefallen, das Geschäft wäre beendet gewsen. Und damit bin ich beim Prinzip der Besitzlosigkeit beziehungsweise der Substanzlosigkeit. Das mit der Substanzlosigkeit ist mein Ausdruck für die Tatsache, daß es in der Vergangenheit legale Möglichkeiten gab, hohe Steuerersparnisse ohne langfristige Substanzbildung zu erzielen. Durch die Rückoption würde das Geschäft nach wenigen Jahren beendet, auf Vermögensbildung kam es nicht an.

SPIEGEL: Und das Prinzip der Besitzlosigkeit ist auch von Ihnen?

ERLEMANN: Das haben mein Wirtschaftsprüfer und mein Rechtsberater erfunden, die ein Modell mit Rückoption bereits bei einem Konkurrenzobjekt angewandt hatten. Nach diesem Modell kommt der Anleger zu keinem Zeitpunkt in den körperlichen Besitz des Gutes. Das ist jetzt fundamental: Verkäufer hat ein Wirtschaftsgut, Verkäufer verkauft an Käufer das Wirtschaftsgut, die Übergabe des Gates wird ersetzt durch einen Mietvertrag. Aufgrund dieses Mietvertrages vermietet Käufer das Gut im Leaseback-Verfahren wieder an den Verkäufer zurück, und nach fünf Jahren tritt die Rückoption ein. Dann wird das Mietverhältnis aufgelöst, und Verkäufer hat seine eigenen Container wieder als Eigentum zurück. Benutzt hat er sie ja ohnehin die ganze Zeit bis zur Rückoption, wenn auch als Mieter.

SPIEGEL: Und der ganze Unfug wurde nur getrieben, damit ein paar tausend Leute weniger Steuern zahlen.

ERLEMANN: Das war damals legal und hat gut funktioniert. Die Anlagegesellschaft wurde nach fünf Jahren aufgelöst, die Anleger hatten ihre Steuervorteile realisiert, es gab Mieteinnahmen und damit Barausschüttungen für die Anleger. Außerdem bekommen die Anleger bei Auflösung der Gesellschaft oder bei Veräußerung der Wirtschaftsgüter in toto den begünstigten halben Steuersatz. Da blieben für den Anleger erhebliche Beträge unterm Strich übrig.

SPIEGEL: Warum haben sich denn Steuertrickser wie Sie die Mühe gemacht, überhaupt noch irgendwelche konkreten Wirtschaftsgüter oder Projekte zu suchen, mit denen sich Steuervorteile herausholen ließen?

ERLEMANN: Halt, halt - ohne konkrete Wirtschaftsgüter ist das Ganze von vornherein Steuerbetrug, denn in den Bilanzen würden dann Güter erscheinen, die es gar nicht gäbe. So geht das natürlich nicht. Nur bei betrügerischer Absicht von vornherein hätte man wirklich gar keine Wirtschaftsgüter gebraucht. Denn nach vier Jahren wäre das Wirtschaftsgut an den Verkäufer zurückgegangen. Dann hätte man papiermäßig darstellen können, daß der Verkäufer die Ware wieder zurückerhält. Er hätte etwas quittiert, was er gar nicht zurückerhalten hat, was sowieso nie dagewesen ist. Die Sache hätte sich in Luft aufgelöst, sich von selbst liquidiert. Nein, die Güter muß es schon geben.

SPIEGEL: Volkswirtschaftlich machte das alles überhaupt keinen Sinn, ob es nun überflüssige Berlin-Bauten waren oder Hotels in Spanien, Ölbohrungen in Amerika oder Schiffe und Bauherrenmodelle.

ERLEMANN: Natürlich haben wir das alles nicht gemacht, weil da irgendwo ein dringender volkswirtschaftlicher Bedarf war. Die Anleger waren nicht so sehr an volkswirtschaftlich sinnvollen Aktivitäten interessiert, sondern primär an der Produktion hoher Verlustzuweisungen. Die wollten möglichst wenig Steuern zahlen. Zum Jahresende hatten manche Ärzte 30, 40 Prospekte auf dem Tisch gestapelt und dann einfach nach Verlustzuweisungen sortiert - 200, 250,

300 Prozent. Wer den höchsten Prozentsatz anbot, machte das Geschäft. Die Anleger waren die wahre Triebkraft, die uns Anbieter letztlich zu immer waghalsigeren und riskanteren Steuerkonstruktionen getrieben haben.

SPIEGEL: Wie haben Sie das bloß ausgehalten?

ERLEMANN: Im Ernst, es war so. Den Anlegern war völlig egal, ob sich beispielsweise überhaupt einer den Film ansah, den sie mit einer steuerlichen Verlustquote von über 200 Prozent finanziert hatten. Hauptsache, die Steuerersparnis stimmte.

SPIEGEL: Sie haben in der Tat ja auch Filme produziert. Wie sind Sie denn da rangekommen?

ERLEMANN: Ich fuhr auf Empfehlung nach Amerika, besuchte den Vorstand von United Artists in New York. Die sagten, sie würden gern das Musical »Hair« verfilmen, und suchten Geldgeber. Sie hätten den weltberühmten Regisseur Milos Forman vorgesehen, und das Ganze koste zehn Millionen Dollar - ob das machbar sei.

SPIEGEL: Für Sie damals doch wohl eine leichtere Übung?

ERLEMANN: Ja, aber ich habe Steuerberater hinzugezogen und mich beraten lassen, welche Verlustzuweisung für die Anleger erzielbar sei. Ich hatte ja um mich herum Konkurrenten mit Quoten von 200 bis 300 Prozent. Daran mußte ich mich orientieren, weil ja die steuersparwütigen Anleger ein wirtschaftlich sinnvolles Objekt mit geringen Steuervorteilen nicht akzeptierten.

SPIEGEL: Sie konnten Ihren Anlegern nicht klarmachen, daß ein konventionell finanzierter Film phantastische Gewinne einspielen kann?

ERLEMANN: Wenn ich damals mit einer Steuervorteilsquote von nur 100 Prozent gekommen wäre, dann hätte dieses Musical »Hair« noch so gut sein können - ich hätte keine Anleger gefunden.

SPIEGEL: Ob Sie Filme finanzierten, Gasflaschen oder Hotel-Beteiligungen - die Entscheidung hat letztlich immer Ihr Steuerberater getroffen?

ERLEMANN: Nicht ein Steuerberater, ganze Teams!

SPIEGEL: War das auch bei den anderen Abschreibungsexperten so, bei Ihren Kollegen aus der Abschreibungsbranche - Jürgen Amann, Dieter Quast, Erwin Walter Graebner, Renatus Rüger oder Helmut Röschinger?

ERLEMANN: Das sind alles diplomierte Betriebs- und Volkswirte oder Juristen, fast alle aus der sogenannten Kölner Schule, die selbstverständlich einen hochsensiblen Empfangsapparat für derartige Konstruktionen hatten und über einen Vertrieb für die Vermarktung des Produkts »Steuervorteil« verfügten. Man traf sich bei der Vorbereitung mit Leuten, die bestimmte Vorhaben verwirklichen wollten, Bauprojekte, Filme, Hotels. Das waren die externen Objektpartner. Der Initiator wußte zu Anfang selbst nicht exakt, was bei den Vorschlägen steuerlich herauskommen würde. Man hielt dann tagelange Sitzungen ab. In diesen Sitzungen mit Rechtsanwälten und Steuerberatern, die dafür ein immenses Honorar verlangten, wurde dann getüftelt und gemacht und getan und gerechnet.

SPIEGEL: Viele Produkte, die bei solchen tagelangen Tüfteleien herauskamen, sind heute mit Recht vergessen.

ERLEMANN: Nicht alle. Ich habe zum Beispiel eine ganze Reihe von Filmen mit Steuervorteilen finanziert, unter anderem »Die Formel«, das war ein Thriller mit Marlon Brando, oder die Fassbinder-Verfilmung »Lili Marleen« mit Hanna Schygulla, einen Film mit Al _(Steglitzer Kreisel. )

Pacino und »Wenn der Postmann zweimal klingelt« mit Jack Nicholson. Und wenn ich Ihnen erzähle, welche Fernsehproduktion von uns finanziert wurde ...

SPIEGEL: ... erzählen Sie doch mal.

ERLEMANN: Mir wurde, als ich damals wegen all dieser Filme in Amerika unterwegs war, eine Produktion angeboten ...

SPIEGEL: ... ein Drehbuch?

ERLEMANN: Das Drehbuch gab es schon. Die Erfolgsaussichten wurden in Amerika damals recht unterschiedlich beurteilt. Ich habe gesagt: Okay, das nehm''ich mal mit nach Berlin, und dann packen wir das irgendwo bei. Wenn wir den Anlegern ein attraktives Filmprojekt mit einem Weltstar anbieten, dann können wir in die Finanzierung auch noch irgend so eine Fernsehsache mit hineinnehmen.

SPIEGEL: Haben Sie das Drehbuch gelesen?

ERLEMANN: Ich bin kein Filmkünstler und auch kein Skript-Sachverständiger. Das Drehbuch habe ich dann dem Geschäftsführer meiner Filmgesellschaft gegeben, und der hat es gelesen. Er fand''s wirklich nicht so begeisternd. Dann habe ich den Amerikanern aber gesagt: Wir finanzieren auch das noch. Das war die Geburtsstunde von »Dallas«. Wir waren bei den ersten Serienfolgen in Amerika mit deutschem Geld, mit Steuergeldern, dabei.

SPIEGEL: Mit wieviel Prozent Verlustzuweisung haben Sie »Dallas« produziert?

ERLEMANN: Das waren über 200 Prozent.

SPIEGEL: Da hat die Investitionslenkung ja vorzüglich funktioniert: Steuermittel für J. R. und die Southfork Ranch ...

ERLEMANN: Das war damals alles legal, das ließ sich mit den damaligen Steuergesetzen alles machen. Nehmen Sie mal diese Ölbohrungen, die ich allerdings nie angeboten habe: Da haben die Leute Geld nach Amerika geschickt, das sie der Bundesrepublik Deutschland entzogen haben. Hierfür wurden sie in der Bundesrepublik mit Steuervorteilen belohnt, und im Ausland wurde selten damit verdient. Oft kam nicht mal Öl.

SPIEGEL: Uns ist seit Jahren klar, daß sinnlos Milliarden an Steuergeldern verschwendet wurden.

ERLEMANN: Aber offenbar hat der Staat das gewollt, denn er hat die Steuervorteile ja legalisiert. Volks- und betriebswirtschaftlich waren das Nonsens-Geschäfte für Reiche. Und der Nonsens lief unter den Augen der Behörden und Verwaltungen ab. Sehen Sie sich die meisten Schiffsobjekte an, da fördert der Staat Schiffsneubauten, von denen oft schon beim Bau feststeht, daß sie nicht oder nur schlecht zu verchartern sind. Es zeigt sich eben nicht nur bei der Subventionierung der Agrarwirtschaft, wie in diesem Lande Milliarden verschleudert werden.

SPIEGEL: Manche Finanzämter haben wohl auch beide Augen zugedrückt. Der Kölner Erlemann hat seine Steuersparmodelle vom Finanzamt Offenbach-Land genehmigen lassen, in der Branche als Hessisch-Liechtenstein bekannt.

ERLEMANN: Ich hatte wie ein Konkurrent das Finanzamt Offenbach-Land, weil da der beauftragte Wirtschaftsprüfer saß, der dann sein zuständiges Finanzamt einschaltete. Das ist eine Sache der Wirtschaftsprüfer gewesen. Solche Finanzämter gab es in München ebenso wie in Hamburg-St. Pauli, wo Schörghuber seine Airbusse hat abschreiben lassen. Warum geht der denn von Bayern nach St. Pauli in Hamburg?

SPIEGEL: Da saß vermutlich ein freundlicher Vorsteher.

ERLEMANN: Wie die Berater gab es über ganz Deutschland verstreut zuständige Finanzämter, in Offenbach ebenso wie in München, Hamburg, Köln, Kiel oder wo auch immer. Offenbach-Land ist eben bekannt geworden durch den Prozeß gegen den Vorsteher des Finanzamts. Und in diesem Prozeß sagte der Vorsitzende Richter: »Eine Vorsprache bei der Oberfinanzdirektion Frankfurt wäre sinnlos gewesen, denn die OFD, so ihr Präsident Bruno Bachmann, habe keine Meinung zu dem Problem der Steuersparmodelle gehabt.« Die hatten keine Meinung!

SPIEGEL: Warum auch, die Gesetzeslage war doch eindeutig.

ERLEMANN: Ja natürlich, das war - von Ausnahmen abgesehen - alles legal, die Scheunentore des Gesetzgebers waren weit offen.

SPIEGEL: Aber schon frühzeitig haben manche SPD-Politiker diese Tore zu schließen versucht. Der nordrhein-westfälische Finanzminister Diether Posser etwa oder Staatssekretär Rolf Böhme im Bonner Finanzministerium.

ERLEMANN: Staatssekretär Böhme hat damals gesagt, er sei gegen dieses System des Reichermachens von Reichen. Das hat der schon ganz am Anfang gepredigt.

SPIEGEL: Aber war das nicht Ihr Slogan: »Ich will die Reichen reicher machen«?

ERLEMANN: Nein, das ist sein Slogan gewesen. Den habe ich nur übernommen.

SPIEGEL: Dürfen wir Ihnen aus einem Gedicht vorlesen: »In Köln bei Dr. Erlemann, da fängt der Weg zum Reichtum an.« Stammt von Andre Heller.

ERLEMANN: Ich habe, als der Zirkus Roncalli beinahe pleite ging, dem Andre Heller einmal einen kleineren Betrag - ich glaube 25 000 Mark - gegeben, sonst wäre der Zirkus, wie er sagte, am nächsten Tag am Ende gewesen. Andre Heller hat mir in einem Brief - daraus stammt das Gedicht - gedankt. Der Staatsanwalt hat den Brief aufgegriffen und dann wohl als Scherz in die Beweisakte gegen mich eingeführt.

SPIEGEL: Die sozialliberale Regierung in Bonn hatte damals auch wenig gegen die Nonsens-Produktion getan.

ERLEMANN: Richtig, man konnte konstruieren, was man wollte. Die Gesetze boten beliebigen Gestaltungsspielraum. Die meisten Objekte waren ganz auf die Steuergesetze zugeschnitten, damit die steuerliche Rechnung aufging.

SPIEGEL: Immerhin gab es ein paar Erlasse, die den Unfug eindämmen sollten.

ERLEMANN: Die Erlasse waren für die Anbieter und die dahinterstehenden Berater-Teams die besten Gebrauchsanweisungen für neue Objekte. Man wußte genau: Das und das geht nicht mehr. Und wenn das nicht geht, dann aber dieses. Das waren die reinsten Lehrbücher.

SPIEGEL: Nach Jahren haben die Erlasse offenbar doch noch gegriffen. Die Abschreibungsbranche ist praktisch am Ende. Wann kam das Todesurteil?

ERLEMANN: Gekillt wurde die Steuersparbranche letzten Endes durch den berühmten Beschluß des Bundesfinanzhofes vom 25. Juni 1984. Seitdem erkennt der Fiskus kein Abschreibungsobjekt mehr an, wenn dessen Sinn nur im Erzielen möglichst hoher Steuervorteile liegt und wenn langfristig keine echte Gewinnerzielung angestrebt wird.

SPIEGEL: Gibt es heute noch Schlupflöcher?

ERLEMANN: Ja, es gibt Möglichkeiten. Aber wir haben es heute mit ernüchterten Investoren zu tun. Wenn Sie heute noch irgend etwas verkaufen wollen, dann müssen das ganz handfest gestrickte Sachen sein. Der Investor von heute guckt als erstes auf die Bar-Ausschüttung. Die Steuerspargier hat einen starken Dämpfer bekommen.

SPIEGEL: Manche Modelle für Immobilien laufen noch.

ERLEMANN: Wenn Sie heute eine Eigentumswohnung mit Steuervorteilen verkaufen wollen, winken die Anleger ab. Es gibt inzwischen viele Hypotheken-Millionäre, bei denen die Steuervorteile längst verbraucht sind. Die sitzen jetzt auf hohen Darlehen, müssen Zins und Tilgung bezahlen, und die Miete reicht nicht aus. So entsteht Jahr für Jahr eine Unterdeckung. Die sind sauer.

SPIEGEL: Die sind sauer? Die sind zum Teil ruiniert.

ERLEMANN: Die Rechnung ist nicht aufgegangen. Wer damals zuviel Steuern sparen wollte, zahlt heute meistens drauf. Hinzu kommt, daß die Einkommen heute oft geringer sind, so daß keine Folgesteuervorteile gebraucht werden.

SPIEGEL: Gut zurechtgekommen sind vor allem die Initiatoren, die Steuerberater, Treuhänder und Wirtschaftsprüfer. Sie selbst haben ja auch gut verdient. Wo ist das ganze Geld geblieben?

ERLEMANN: Sprechen Sie jetzt von mir?

SPIEGEL: Aber ja.

ERLEMANN: Ich habe ja nicht nur an der Contruck verdient. Ich habe Filme gemacht und Grundstücksgeschäfte und noch an anderen Objekten verdient. Ich hatte aber auch einen teuren Einbruch. Da habe ich freiwillig Millionenbeträge an die Anleger zurückerstattet, weil ein Modell mit Bierfässern steuerlich nicht anerkannt wurde.

SPIEGEL: Es müssen trotzdem noch Millionen übriggeblieben sein.

ERLEMANN: Ich hatte wegen der Geld-zurück-Aktion Schulden mit der Firma. Die sind über die nachfolgenden guten Geschäfte getilgt worden. Und ich habe große Beträge in die Entwicklung des Kölner Eishockeysports gesteckt. Der Kenner weiß, daß es sonst heute kein Spitzeneishockey in Köln gäbe.

SPIEGEL: Wieviel haben Sie in den Kölner Eishockey-Club gesteckt?

ERLEMANN: Drei bis vier Millionen Mark.

SPIEGEL: Eine teure Werbung für einen Spezialitätendoktor.

ERLEMANN: Das hat mir natürlich Kunden gebracht. Mir gefiel aber dieser Männersport auch. _(Jessica Lange, Jack Nicholson. )

SPIEGEL: Die gebrochenen Nasenbeine, die ausgeschlagenen Zähne?

ERLEMANN: Ich habe mich bei den Leuten wohl gefühlt. Ich war bei denen in den Kabinen, habe mit den Spielern gestritten und gefeiert, mich engagiert. Ich war immer für harte Sportarten. Ich interessiere mich zum Beispiel sehr wenig für Damen-Kunstturnen, wenn die mit einer Fahne so Schleifen am Himmel machen.

SPIEGEL: Eishockey kostete Geld, teuer war auch Ihr Privatflugzeug. ERLEMANN: Nein. Das hatte hauptsächlich die Aufgabe, die Vorstände von Thyssen und der Deutschen Bank zur Börse nach London oder in die Schweiz zu fliegen.

SPIEGEL: Privat haben Sie den Lear Jet nicht genutzt?

ERLEMANN: Doch, schon. Die Woche über war der Jet im Einsatz für deutsche Spitzenmanager, er war vermietet. Am Wochenende hatte ich das Flugzeug dann für mich. Dann habe ich mit meiner Familie Ausflüge gemacht.

SPIEGEL: Die Düsenmaschine war also eine gute Kapitalanlage?

ERLEMANN: Ja, das Ding hat sich getragen.

SPIEGEL: Wieviel Millionen haben Sie denn in der Schweiz versteckt?

ERLEMANN: Vor Gericht habe ich ja den Verbleib des Geldes dargestellt.

SPIEGEL: Ist gar nichts übriggeblieben?

ERLEMANN: Ich bin bei Null angekommen. Ich sage mir aber, wenn der Staatsanwalt recht hat, daß ich wirklich so intelligent bin, wie er immer unterstellt, dann werden sich in dieser Wirtschaft für mich Möglichkeiten ergeben, daß ich wieder mit Arbeit Geld verdienen kann.

SPIEGEL: Was für einen Job suchen Sie denn jetzt?

ERLEMANN: Ich werde als Unternehmensberater arbeiten. Meine Erfahrungen in verschiedensten Geschäftsbereichen, meine Universitätsausbildung und meine Lebenserfahrung - bis hin zum Gefängnis, ich weiß ja wirklich, was einem im Leben passieren kann - haben mir einen Erfahrungsschatz gegeben, den ich nutzen werde.

SPIEGEL: Ehemalige Häftlinge haben es bei Bewerbungen nicht immer ganz leicht.

ERLEMANN: Ich vertraue auf meine Kenntnisse und auch auf meine Freunde, die erkannt haben, daß ich nicht von Anfang an absichtlich jemanden schädigen wollte, sondern mich strafrechtlich verstrickt habe.

SPIEGEL: Haben Sie während Ihrer Gefängniszeit viele Freunde behalten?

ERLEMANN: Eine kleine Episode aus meiner Heimatstadt Köln: Neulich stehe ich mit meiner Frau an der roten Ampel. Da hält eine Straßenbahn, vorn geht die Tür auf. Der Straßenbahnfahrer steckt den Kopf raus: »Na, Jung, biste wieder da?« Volkes Stimme. In Köln schlägt mir, merke ich, viel Positives entgegen. Ich bin ja in Köln zu Hause. Mich kennt fast jeder aus den alten Eishockey-Zeiten.

SPIEGEL: Sie haben früher sehr aufwendig gelebt, dann in der Gefängnisdruckerei 178 Mark im Monat verdient.

ERLEMANN: Mit Leistungszulage!

SPIEGEL: Sie hatten viel Zeit zum Nachdenken. Haben Sie sich verändert?

ERLEMANN: Ich glaube, ich bin hinweggekommen über diesen früher starken Drang, in der vordersten Reihe stehen zu wollen.

SPIEGEL: Ein ganz neuer Erlemann?

ERLEMANN: Vielleicht wird mich manch einer sogar um meine Nullpunkt-Situation beneiden, denn viele Menschen sind derartig in ihren Alltag und ihren fest vorgeschriebenen Lebensweg einbetoniert, daß sie da nicht mehr herauskommen. Ich fange jetzt wie nach dem Abitur oder wie nach dem Examen ganz neu an.

SPIEGEL: Herr Erlemann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. *KASTEN

Jochem Erlemann *

galt in der großen Zeit der deutschen Steuerspar-Branche als der begabteste Trickser. Der promovierte Betriebswirt aus der sogenannten Kölner Schule sammelte in den 70er Jahren von steuerunwilligen Großverdienern Milliardenbeträge ein, die er in Abschreibungsobjekte investierte. Die Anleger hofften dabei, durch die sich ergebenden Verluste ihre Einkommensteuer so mindern zu können, daß zumindest die Einlage nicht mit eigenem Geld, sondern durch nicht gezahlte Steuern geleistet wurde. Erlemann finanzierte amerikanische Filme wie französische und luxemburgische Immobilien, verleaste Bierfässer wie Lastwagen. Als spendabler Präsident des Kölner Eishockey-Clubs wurde Erlemann bundesweit bekannt - und durch eine spektakuläre Verhaftung: Der »Spezialitätendoktor«, wie er in der Branche hieß, stolperte über ein betrügerisches Geschäft im Libanon und wurde 1982, nach anderthalbjähriger U-Haft, zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Sieben Jahre saß er ab; in der Weihnachtswoche wurde der 49jährige entlassen.

Steglitzer Kreisel.Jessica Lange, Jack Nicholson.

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