Kakaoanbau in Westafrika Die Schokoladenindustrie ist bei der Bekämpfung von Kinderarbeit gescheitert

Vor fast 20 Jahren verpflichteten sich Schokoladenhersteller dazu, gefährliche Kinderarbeit auf Kakaoplantagen in Westafrika zu bekämpfen. Jetzt zeigt eine Studie: Das Gegenteil ist der Fall.
Dorf in der Elfenbeinküste: Zwei Millionen Kinder leisten gefährliche Arbeit in der Kakaoproduktion

Dorf in der Elfenbeinküste: Zwei Millionen Kinder leisten gefährliche Arbeit in der Kakaoproduktion

Foto: KAMBOU SIA/ AFP

Es ist einer der unangenehmsten Widersprüche der westlichen Konsumwelt: Die Schokolade, die hier zu Ostern, Weihnachten und einfach so zwischendurch an Kinder verschenkt wird, beruht auf der Ausbeutung von Kindern in anderen Teilen der Welt.

Auf den Kakaoplantagen weltweit arbeiten Minderjährige: Sie verspritzen Pestizide, jäten Unkraut mit Macheten, tragen schwere Säcke mit den geernteten Bohnen, oft in langen Schichten.

Das ist alles seit Langem bekannt, ebenso wie die Abholzung von Regenwald für Kakaoplantagen. Die großen Schokoladenhersteller wie Mondelez, Barry Callebaut, Mars oder Godiva, um nur einige zu nennen, stehen deshalb seit Jahren in der Kritik. Beim Thema Kinderarbeit haben sie sich - auch um eine gesetzliche Regelung in den USA zu verhindern - im sogenannten Harkin-Engel-Protokoll 2001 verpflichtet, wenigstens die gefährlichsten Formen von Kinderarbeit in den Hauptanbauländern für Kakao, Elfenbeinküste und Ghana, um 70 Prozent zu reduzieren.

Kakaoplantage in der Elfenbeinküste: 2,26 Millionen Kinder sind in der Kakaoproduktion beschäftigt

Kakaoplantage in der Elfenbeinküste: 2,26 Millionen Kinder sind in der Kakaoproduktion beschäftigt

Foto: Mighty Earth

Das Ziel sollte zunächst 2015 erreicht werden, dann 2020. Alle fünf Jahre untersucht die Universität von Chicago die Fortschritte im Auftrag des US-Arbeitsministeriums. Die aktuelle Studie soll in den kommenden Wochen vorgestellt werden, der finale Entwurf liegt dem SPIEGEL vor. Er zeigt: Die Konzerne haben nicht nur ihr Ziel verfehlt – die Entwicklung geht sogar in die andere Richtung.

Zwei Millionen Kinder leisten gefährliche Arbeit

Auf mehr als 200 Seiten zeigt das National Opinion Research Center (NORC) der Universität Chicago detailliert auf, dass sich die Lage in den vergangenen Jahren verschlechtert hat. Die Wissenschaftler haben Daten verglichen, die in den Haupterntesaisons 2008/09, 2013/14 und 2018/19 erhoben wurden.

In Ghana und der Elfenbeinküste ist Kinderarbeit ohnehin weitverbreitet, der Report konzentriert sich auf ausbeuterische Kinderarbeit nach Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Dazu zählen übermäßige Arbeitsbelastung und die Ausübung "gefährlicher Tätigkeiten". Die ernüchternden Ergebnisse:

  • In der Elfenbeinküste und in Ghana sind etwa 2,26 Millionen Kinder in der Kakaoproduktion tätig. Zwischen 2008/09 und 2018/19 stieg der Anteil der Kinder, die in der Kakaoproduktion gefährliche Kinderarbeit verrichten, von 30 auf 41 Prozent – auf insgesamt rund zwei Millionen Kinder.

  • Als gefährliche Arbeit gelten der Gebrauch scharfer Werkzeuge wie Macheten (35 Prozent der Kinder), das Tragen schwerer Lasten (28 Prozent), Landräumungsarbeiten (18 Prozent) und die Exposition gegenüber Agrochemikalien. Der Anteil der Kinder, die Chemikalien ausgesetzt sind, hat sich in den vergangen zehn Jahren von 5 Prozent auf 24 Prozent fast verfünffacht.

  • Die Studie stellt hier einen Zusammenhang her mit den Nachhaltigkeitsprogrammen von Unternehmen. Die setzen darauf, die Erträge auch durch den verstärkten Einsatz von Dünger und Pflanzenschutz zu erhöhen – worunter viele Kinder in der Produktion leiden.

  • Zu den wenigen positiven Entwicklungen gehört, dass mehr Kinder in die Schule gehen als noch vor zehn Jahren. Bei den Fünf- bis Elfjährigen sei der Anteil von 80 Prozent auf 94 Prozent gestiegen, bei den 15- bis 17-Jährigen von 64 auf 79 Prozent.

Klar ist: Auch wenn die großen Kakao- und Schokoladenunternehmen in den vergangenen Jahren rund 215 Millionen Dollar in die Bekämpfung der Kinderarbeit investiert haben, reicht das nicht. Die Unternehmensprogramme, die wenigstens teilweise Erfolge bei der Reduzierung von Kinderarbeit zeigen, erreichen höchstens 15 Prozent der Kakaobauern.

Junge Arbeiter auf getrockneten Kakaobohnen: Das beste Mittel gegen Kinderarbeit ist ein höherer Kakaopreis

Junge Arbeiter auf getrockneten Kakaobohnen: Das beste Mittel gegen Kinderarbeit ist ein höherer Kakaopreis

Foto: Mighty Earth

Etelle Higonnet, Kampagnenleiterin der Organisation Mighty Earth, die seit Jahren weltweit gegen die Rodung von Regenwald kämpft, sagt, dass gefährliche Kinderarbeit im Kakaoanbau allgegenwärtig ist. Ebenso übrigens auf Kaffee- und Palmölplantagen auf der ganzen Welt. Higonnet bestätigt, dass einige Schokoladenhersteller versuchen, die Kinderarbeit in Westafrika zu reduzieren - nur seien die Initiativen viel klein. "Die Projekte erreichen vielleicht ein paar Tausend Kinder – im Kakaoanbau in Ghana und der Elfenbeinküste leisten aber fast zwei Millionen Kinder gefährliche Arbeit". Die Unternehmen hätten in der Vergangenheit gelernt, dass sie damit davonkommen.

Die Lösung ist einfach

Die entwicklungspolitische Organisation Inkota setzt sich seit Jahrzehnten gegen Kinderarbeit und für die Einhaltung von Menschenrechten ein. Angesichts des aktuellen NORC-Berichts fordert der bei Inkota für Wirtschaft und Menschenrechte zuständige Referent Johannes Schorling:

  • Die Bundesregierung müsse ein Lieferkettengesetz verabschieden, mit dem Unternehmen weltweit zur Einhaltung der Menschenrechte und zur Vermeidung ausbeuterischer Kinderarbeit verpflichtet würden.

  • Unternehmen müssten ihre Anstrengungen im Kampf gegen Kinderarbeit intensivieren und bereit sein, die Kosten für die Einrichtung von Überwachungssystemen zu tragen.

  • Unternehmen müssten existenzsichernde Kakaopreise zahlen, um die Armut der Kakaobauernfamilien zu beenden.

Gerade Letzteres zeigt die Studie: Familien, die es sich leisten können, Erntehelfer anzustellen, greifen deutlich seltener auf Kinderarbeit zurück. Die Hauptursache für ausbeuterische Kinderarbeit ist allen Beobachtern zufolge Armut. Inkota-Referent Schorling weist darauf hin, dass genug Geld vorhanden sei: "Die Ausgaben der Schokoladenindustrie für den Kampf gegen Kinderarbeit in den letzten Jahren entsprechen gerade einmal 0,2 Prozent ihres weltweiten Jahresumsatzes 2019". In Ghana müsste sich das Einkommen einer durchschnittlichen Kakaobauernfamilie Inkota zufolge etwa verdoppeln, um existenzsichernd zu sein. In der Elfenbeinküste müsste es sich demnach sogar fast verdreifachen.

Das bedeutet auch: Steigt der Preis, den die Unternehmen für Kakaobohnen zahlen, müssen weniger Kinder arbeiten. Laut Berechnungen von Nichtregierungsorganisationen liegt ein existenzsichernder Kakaopreis in der Elfenbeinküste bei fast 3200 Dollar pro Tonne. Aktuell erhalten die Kakaobauern laut Inkota etwa 1500 Dollar pro Tonne.

Eine SPIEGEL-Anfrage für eine Stellungnahme zu dem Bericht haben mehrere Schokoladenhersteller und deren Verbände abgelehnt - sie wollen sich äußern, wenn der NORC-Report offiziell veröffentlicht ist. Sie verweisen aber darauf, dass sie Kinderarbeit nicht tolerieren und weiterhin dagegen vorgehen werden.

Fotostrecke

Rodungen für Kakaoplantagen: Schokolade statt Regenwald

Foto: Mighty Earth

Was Hoffnung macht

Immerhin, darauf weisen auch die Unternehmen und die Industrieorganisation World Cocoa Foundation hin: Die Studie zeigt, dass gefährliche Kinderarbeit in den Regionen, in denen die Regierungen, Unternehmen und Hilfsorganisationen genau hinschauen, eingedämmt werden kann. In den Gebieten mit historisch hoher Produktion ist der Anteil gefährlicher Kinderarbeit weitgehend gleichgeblieben. Die Abmachungen im Harkin-Engel-Protokoll könnten also durchaus etwas bewirkt haben – aber viel zu wenig. Und weil der Kakaopreis in den vergangenen Jahren gestiegen ist, sind viele Bauernfamilien in den Anbau eingestiegen – und bei diesen neuen Kakaobauern ist der Anteil von gefährlicher Kinderarbeit besonders hoch.

Für die NORC-Studie befragten die Wissenschaftler die Gemeinden in den Anbaugebieten. Das Ergebnis: Alles, was eine Verbesserung der Lebensgrundlagen und der Einkommen und die Einschulung fördert, hat ein hohes Potenzial, zu verhindern, dass Eltern ihre Kinder in die Kakaoarbeit einbeziehen.

Umso wichtiger wäre es, dass nicht nur die Hauptanbauländer Ghana und Elfenbeinküste im Fokus stehen, sondern auch Großproduzenten in anderen Erdteilen wie Brasilien oder Indonesien. Für die gibt es nicht einmal einen Aktionsplan der Industrie.