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TOURiSTIK Die schrecken ab

Die kleineren Straßenreisebüros sind unwirtschaftlich geworden. Mit Sonderservice wollen sie nun aus der Krise rudern.
aus DER SPIEGEL 10/1978

Gottfried Preuß, Vorstandsmitglied des »Arbeitskreises selbständiger Reisebüros« (ASR), hielt Kollegenschelte für dringend geboten. »Unser Image«, rügte Preuß die Anfang Februar in Hamburg versammelten Reise-Vermittler, »ist denkbar schlecht. Selbst Wohlgesonnene machen sich über uns lustig.«

Die Wohlgesonnenen erklären den ASR-Verein, dem 450 Straßenreisebüros angehören, für zu betulich, die weniger Wohlgesonnenen für schlicht verschlafen.

Von den rund fünf Millionen Deutschen, die jährlich ihren Urlaub vorweg buchen, gingen im vergangenen Jahr nicht einmal 400 000 Buchungen bei den ASR-Häusern ein: Immer mehr ließ sich das einst florierende Gewerbe von Touristik-Größen wie Neckermanns NUR. Kaufhof oder der ADAC-Reisegesellschaft und deren Buchungsstellen in die Branchen-Ecke drücken.

Über Versandkataloge, Kaufhaus-Reisebüros und die großen Buchungsstellen des Branchen-Riesen TUI (Touristik Union International) gingen neun Zehntel aller Buchungen.

Schuld an der Buchungs-Baisse der Kleinen, so glaubt ASR-Vorstand Preuß, ist der Schlendrian vieler Bürobesitzer, die ihre zumeist mittelständischen Unternehmen noch immer altväterlich wie Ausgabeschalter für Prospekte und Fahrkarten betreiben.

Beretung findet kaum statt. Hinter dem Tresen schon fehlt es an Fachwissen, um individuelle Urlaubswünsche zu erfüllen. Komplizierte Kunden sind, obwohl gerade für sie das kleinere Reisebüro einst entstanden ist, kaum gefragt.

Aber nicht nur den Service, auch die »innere und äußere Gestaltung unserer Büros« hält Selbstkritiker Preuß für »dringend überholungsbedürftig": Es gebe Büros, »die schrecken mehr potentielle Kunden als sie anlocken«.

Das empfand nun auch der größte ASR-Partner, der Reisekonzern TUI, mit 1 980 488 in der Saison 1976/77 verkauften Reisen größtes Touristik-Unternehmen der Welt. Offen teilten die TUI-Manager mit, die Zusammenarbeit aufzukündigen, wenn »das Gewerbe nicht leistungsfähig« bleibe.

Ohne den TUI-Konzern aber, zu dem Scharnow, Touropa, Transeuropa, Hummel, Dr. Tigges, Airtours und Twentours gehören, wären die kleinen Reisebüros am Ende: Die Reiseklitschen erwirtschafteten zuletzt weniger als ein Prozent Umsatzrendite, bei einem durchschnittlichen Buchungsumsatz von vier Millionen Mark jährlich. Schon ein ganz geringfügiger Rückschlag würde tödlich sein.

steht dabei das Fürther Großversandhaus »Quelle«, mit rund zehn Prozent am TUI-Konzern beteiligt. In einem eigens für ASR-Büros konzipierten 36-Seiten-Katalog, der auf Probe bei 50 Ferien-Unternehmern ausliegt, wird allerlei Nützliches vom Koffer bis zum Bikini für den Urlaub feilgeboten.

Auch ins Veranstalter-Geschäft drängeln sich die Kleinen trotz erdrückender Konkurrenz der Touristik-Giganten. Erster Versuch: Gemeinsam charterten ASR-Unternehmer den Luxus-Liner »Regina Prima« für eine Kreuzfahrt im östlichen Mittelmeer: »Wir müssen«, so Preuß, »den Durchbruch zum Reisefachgeschäft finden -- mit allen denkbaren Zusatzleistungen.«

Geraten freilich der von Konkurrenten belächelte Katalog-Coup und geplante Veranstalter-Geschäfte zur Pleite, ahnt der ASR-Vorstand düster, werde es »in zehn Jahren keine selbständigen Reisebüros mehr geben«.

Auch Nothelfer »Quelle« scheint skeptisch: Die Fürther wollen ihre Kooperation mit den Branchen-Zwergen zunächst bis zum Ende der Saison testen und dann entscheiden, »ob eine Zusammenarbeit langfristig wirtschaftlich sinnvoll ist«.

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