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Die schwache Stelle ist der Mensch

SPIEGEL-Redakteur Michael Schmidt-Klingenberg im Super-Rechenzentrum Geisco von General Electric *
aus DER SPIEGEL 7/1985

Hin und wieder passiert es. Holländer, die etwas beim Pensionsfonds ihrer Fluglinie KLM zu erledigen haben, drücken versehentlich den Fahrstuhlknopf für den zweiten statt den dritten Stock. Wem dieser Fehler unterläuft, der sollte am besten ganz ruhig bleiben.

Wenn die Lifttür sich im zweiten Stock geöffnet hat, nehmen zwei bewaffnete Privatpolizisten den ungebetenen Besucher in Empfang. Aus einer Ecke des engen, fensterlosen Raums, in dem dies geschieht, zeichnet eine Videokamera den Verlauf der Handlung auf.

Der verirrte Gast wird vergeblich versuchen zu ergründen, wo er denn da hineingeraten ist. Kein Firmenschild draußen an dem Bürohaus im Amsterdamer Vorort Amstelveen, kein Hinweis im Gebäude geben Auskunft. Mit dem Pensionsfonds im Stock darüber haben die beiden Uniformierten nichts zu tun.

Das obskure Zimmer ist der Eingang zur europäischen Zentrale des größten kommerziellen Computer-Netzes, das es in der Welt gibt.

Das »Geisco-Supercenter« hat die Tarnung einer Geheimdienstfiliale und wird bewacht wie ein Atomkraftwerk. »Terroristen-Angriffe« begründet Richard M. Wozencraft, einer der Manager, knapp diese Vorsicht.

Wie ein Wasserschloß an drei Seiten von einem breiten, brackigen Graben umgeben, liegt neben dem Bürohaus ein zweistöckiger Betonkasten von der Größe eines C + C-Marktes. Das ist das sicherheitssensible Herz des Supercenters. Sieben Großrechner der Firma Honeywell Bull vom Typ DPS 8/70 und unzählige Reihen von Datenspeichern mit Magnetbändern stehen dort. Nahezu jeder Computer der westlichen Welt kann an das Netzwerk angekoppelt werden.

Nur ein schmaler Brückengang in Höhe des zweiten Stocks verbindet das Bürohaus mit dem Rechen-Klotz. Zwei weitere Privat-Sheriffs bewachen diesen Zugang. Über Fernsehmonitore haben sie auch die Außenanlagen im Auge. Nachts melden Infrarot-Kameras jede Bewegung draußen.

Die Türen im Innern, bis auf die für die Toiletten, kann man nur mit einer codierten Computer-Karte öffnen. Die Fenster des Rechenzentrums sind erst kürzlich für eine halbe Million Dollar mit schußsicherem Panzerglas nachgerüstet worden.

Lieber hätten die Manager ganz auf Fenster verzichtet. Doch die holländischen Gesetze sichern jedem Arbeitnehmer einen Blick ins Freie. Auch tagsüber sind aber fast überall blaue Rollos heruntergelassen. Bläulich gefiltert, wie bei einer Intensivstation, schimmert das Neonlicht nach draußen.

»Ich kenne nur ein Rechenzentrum in Holland, das so gesichert ist wie unseres«, sagt Helmut van der Sanden vom Supercenter, »und das ist das der Nato.«

Was hier so alles durch die Leitungen saust, würde manche Leute schon interessieren. Unter den hundert größten deutschen Firmen, zum Beispiel, nimmt rund die Hälfte den einen oder anderen Dienst von Amstelveen in Anspruch. Die Finanzdaten von BMW aus allen Ländern kommen da zusammen und werden zur konsolidierten Welt-Bilanz verarbeitet. VW wertet über das Supercenter die Zahlen der Qualitätskontrolle in seinen Auslands-Werken aus.

Durch diesen Rechnerknoten geht die »elektronische Post« des Axel-Springer-Verlags. An diesem Netzwerk hängen die Geldhändler der Deutschen und der Dresdner Bank sowie der Commerzbank mit ihren Niederlassungen in aller Welt. 60 Prozent des internationalen Cash-Managements, der Geldgeschäfte der Multis, laufen durch die Schaltstellen von Geisco.

Das spukhafte Kürzel steht für »General Electric Information-Services Company«, mit 6000 Mitarbeitern und 2,6 Milliarden Mark Umsatz weltweit nur eine kleine Sparte im riesigen US-Konzern »General Electric«. Das Zentrum in Amstelveen ist das kleinste von drei »Geisco-Supercentern«. Die beiden anderen liegen in den USA - im obersten Stockwerk des Geisco-Hauptquartiers in Rockville bei Washington und in einer

rund 10 000 Quadratmeter großen Halle bei Cleveland/Ohio.

Menschenleer ist das obere Stockwerk des holländischen Supercenters mit den Reihen himmelblauer Blechschränke, in denen die zentralen Prozessoren der Rechner stecken. Nur das kühle Rauschen der Klimaanlage ist zu spüren; sie fächelt den Mikrochips Luft zu. Ein einsamer Techniker, der - einen Hammer in der Hand - die Gänge abwandert, läßt ahnen, daß die Computer mitunter noch menschlichen Beistand benötigen.

Höchstens sechs Mann pro Schicht sind nötig, um das gesamte Supercenter zu bedienen. Man findet sie in der Etage unter den Rechnern bei den über 40 Datenspeichern oder in dem Lagerraum mit 25 000 Magnetbändern. Auf denen sind bis zu sechs Monate zurück alle Computer-Transaktionen aufgezeichnet. Nach dieser Frist kommen die Bänder in eine Art elektronisches Krematorium, wo starke Magnete die Daten löschen. Ein Plakat des Soft-Porno-Stars Emmanuelle erinnert den Wärter dieses Daten-Friedhofs, daß außerhalb des Supercenters das Leben weitergeht.

Zwei unauffällige Kästen mit Elektronik, die für den Laien wie HiFi-Türme aussehen, koordinieren automatisch den gesamten Datenfluß des Centers. Spad 1 und 2, Kürzel vom amerikanischen Wort scratchpad, zu deutsch Notizblock, weisen den Großcomputern die anfallenden Rechenaufgaben zu oder leiten die Signale zu den richtigen Datenspeichern. »Das ist der kritische Kasten«, sagt van der Sanden, »wenn der ausfällt, steht das ganze Supercenter.«

Es ist ein unsichtbares Geschäft, das da abläuft. Jeden Tag schieben sich durch die Zentrale soviel Daten und Texte, wie auf etwa zwei Millionen Schreibmaschinen-Seiten passen. Doch zu sehen ist davon vielleicht mal irgendwo ein rasender Computer-Ausdruck ohne Punkt und Komma, für Unkundige ein sinnloses Gewirr aus Zahlen und Buchstaben. Der Rechner schreibt in »Maschinensprache«, und der Programmierer liest das wie einen Roman.

Über drei Satelliten und über 850 000 Kilometer Postkabel gehen die Verbindungen an Kopfstationen in 30 Ländern auf fünf Kontinenten - in jene entwickelteren Teile der Welt, wo 90 Prozent aller Computer stehen.

Zwischen Stockholm und Singapur sitzen rund um die Uhr 195 Operatoren vor Bildschirmen und Meßgeräten. Sie wachen darüber, daß die Daten, wenn's sein muß, selbst noch durch eine antike Telephon-Leitung im Dschungel Malaysias unbeschädigt in den Terminal des Empfängers fließen: 5000 Computer aus allen Ecken der Welt können zur selben Zeit an dem Supercenter hängen. »Jedes System, das überhaupt kommunikationsfähig ist, schließen wir an«, rühmt sich ein Geisco-Manager.

In dieser elektronischen Welt schrumpft die Distanz zwischen einem Rechner in Köln und einem Computer in

Hongkong auf weniger als eine Sekunde, die maximale Laufzeit der Datensignale im gesamten Netz.

An dem Beispiel des Supercenters läßt sich erahnen, wie die total computerisierte Gesellschaft der Zukunft aussehen soll: Ein weltumspannendes Netz wie beim Telephon verbindet alle Computer dieser Erde. Einzelne Computer-Netze, nationale und internationale, gibt es schon länger, etwa bei Banken, Fluggesellschaften oder bei der Polizei. Doch noch ist der Sprung von einem System ins andere schwierig; die Computer-Hersteller versuchten, mit unterschiedlichen Normen ihre Märkte abzuschotten.

Damit ist es bald vorbei. IBM, der Welt größter Computer-Hersteller, hat den Aufbau von Rechner-Netzwerken als Geschäft entdeckt. Die Postverwaltungen beginnen integrierte Kommunikationsnetze zu errichten: Ob Sprache, Texte, Daten oder Bilder, alles soll in digitalen Signalen, dem elektronischen Computercode, über dieselben Kabel laufen. Der Telephonapparat selbst wird zum Computer-Terminal, das Super-Netzwerk streckt seine Fühler bis in den letzten Haushalt. Schöne neue Computer-Welt.

In Primitiv-Version bietet die Bundespost so etwas schon jetzt mit ihrem »Bildschirmtext« über Fernseher und Telephon. Doch das ist allenfalls ein Spielzeug zum Einüben in die Zukunft: Das Super-Netz wird mühelos aufsaugen, was die Post da aus den alten Medien zusammenflickt.

Unauffällig doch stetig rückt näher, was bisher wie Science-fiction aus den Stabsabteilungen der Elektronik-Konzerne klang, Heimarbeit am Computer, an der langen Leitung zur Firmenzentrale, zum Beispiel: Die Vision zeigt den gutgebräunten Manager auf der Terrasse seiner Ferienvilla, wie er über seinen Computer die neuesten Kurse der Weltbörsen abruft und sein Aktien-Portefeuille optimiert. Aber auch die Frau im bayrischen Hinterwald ist vom Akkord-Nähen aufs Daten-Tippen umgestiegen und konkurriert, dank weltweiten Netzwerks, mit den noch billigeren Arbeitskräften an den Computer-Terminals von Costa Rica.

Der nationale Grenzen überschreitende Computer-Verbund läßt den Datenschützern

keine Chance. Die Megabits an Informationen, die im weltweiten Netz täglich das Land verlassen, sind nicht zu kontrollieren. Kein Datenschutzbeauftragter kann prüfen, welches Material im elektronischen Schließfach eines Supercenters angesammelt wird, bequemer und unzugänglicher als im Safe des Schweizer Bankvereins.

Für den allerdings, der den Schlüssel dafür hätte, wären die Rechner an den Knoten der Netzwerke und die Speicher der Zentren wie geheime Fenster, die den Blick freigeben auf das Innenleben von ganzen Wirtschaftszweigen. Nirgendwo sonst finden sich die Informationen so dick gebündelt wie dort.

In aller Bescheidenheit sagen die Geisco-Leute: »Wir kratzen erst an der Oberfläche dessen, was möglich ist.«

In Deutschland beschränken die Vertriebsbeauftragten der US-Firma ihre Bemühungen noch auf einen exklusiven Kundenkreis. Wer nicht wenigstens einen Monatsumsatz von 5000 Mark mit dem Supercenter machen kann, ist nicht von Interesse. Die Mappe mit den Firmen-Referenzen zieren neben der Autoindustrie und den Großbanken illustre Namen der deutschen Industrie wie Bertelsmann, Reemtsma oder Agfa-Gevaert. Sogar der Computer-Hersteller Nixdorf nutzt die Dienste des Supercenters. Die weltweite Auftragsbearbeitung von Nixdorf läuft über Amstelveen.

Noch sind es oft recht triviale Buchhaltungs-Arbeiten, die da abgewickelt werden. Doch der weltweite Verbund ändert selbst dabei schon hergebrachte Strukturen. Da hat dann etwa der Finanzchef der Konzern-Zentrale »on-line« den »Direkt-Zugriff« auf alle aktuellen Daten im Computer der fernen Filiale - sehr zum Mißvergnügen des lokalen Firmen-Statthalters. »Ausländische Tochtergesellschaften«, loben die Marketing-Männer von Geisco ihr System, »lassen sich stärker führen.«

Selbst bei ihren Kunden aus der Großindustrie tun sich die Vertriebsleute oft noch schwer, die Möglichkeiten des Super-Netzes deutlich zu machen. »Weil die Gedanken bei denen noch nicht so weit sind«, klagt Norbert Quinkert, der für Deutschland zuständige Geisco-Manager: »Wir laufen rum«, sagt Quinkert, »wie die Missionare.«

Anthony L. Craig, für das internationale Geschäft zuständiger Vizepräsident von Geisco, führt sich selber als Muster für den Manager des digitalen Zeitalters vor. »Mein Schreibtisch ist überall auf der Welt, wo ein Bildschirm-Terminal oder ein Personal-Computer steht.« Nur wenn mit dem rückständigen Teil der Außenwelt, der noch nicht ans Netz angebunden ist, korrespondiert wird, greifen Geisco-Mitarbeiter noch zum Briefpapier. Untereinander tauschen sie ihre Informationen über »quik-Comm« aus, die elektronische Post.

Jeder Teilnehmer hat in den Supercentern ein Fach im Computer, in dem alle Meldungen für ihn gesammelt werden;

von jeder Datenstation auf der Welt, die an das Geisco-Netz angeschlossen ist, kann Manager Craig sich mit einem Schlüsselwort die Nachrichten abrufen.

»Die Welt bewegt sich von der Sekretärin zum Chef«, sagt er mit unterkühlter Leidenschaft für die Zukunft. Gemeint ist: Ein großer Teil der Sekretärinnen-Arbeit wird wegrationalisiert. »Du änderst deine Philosophie. Eine neue Kultur entsteht. Dies verändert das Leben.«

Viel versprechen sich die Geisco-Manager von einer besonderen Dienstleistung der Supercenter, dem »disaster recovery« - Erholung von Katastrophen.

Die Rechner der Zentralen zeichnen die Computerdaten der Kunden auf Magnetbänder auf für den Fall, daß die Original-Daten der angeschlossenen Firmen einem Unglück zum Opfer fallen. Das US-Verteidigungsministerium zum Beispiel verlangt von seinen Lieferanten den Nachweis, daß sie ihre Daten mit so einem »Back-up« gegen Zerstörung sichern.

An einem geheimen Ort etwa 40 Kilometer von Amstelveen lagert das Supercenter Tausende von Datenbänder-Kopien. Das Supercenter ist für Katastrophen aller Art gerüstet - bis auf den »elektromagnetischen Schock": Eine Art von Funkwellen, die jeder Atombombenexplosion folgen, setzt alle elektronischen Anlagen außer Betrieb, wenn sie nicht speziell dagegen gehärtet sind.

»Wir gehen davon aus«, erklärt der Operations-Manager van der Sanden, »daß wir nach einem Atomkrieg keine Kunden mehr haben werden.«

Von der geballten Computermacht des Supercenters geht offenbar ein unterschwelliger Reiz aus, die Sicherheitsbarrieren zu überwinden und dieses Zentralhirn der Welt auszuschalten. Selbst die Geisco-Mitarbeiter können sich dem nicht entziehen. Bei einem Besuch in Amstelveen triezte ein Vizepräsident von Geisco aus den USA van der Sanden so lange, bis der Holländer mit dem Hauptschalter den Netzstrom für die ganze Anlage abdrehte.

Natürlich passierte nichts Schlimmes. Die Energie von draußen geht zunächst in Batterien, die als Puffer zwischen dem Stromnetz und den Rechnern die Anlage bei einem Ausfall eine Viertelstunde in Betrieb halten können. Bis dahin sind die zwei Gas-Turbinen angelaufen, die bis zu fünf Tage das ganze Supercenter unabhängig von der Außenwelt mit Strom versorgen können. Es war ein Spiel mit dem Katastrophen-Kitzel für die beiden Manager.

Kappen von Stromleitungen und Bombenwerfen wären altmodische Methoden, dem Supercenter den Garaus zu machen. Der elegante Weg ins Allerheiligste führt über das Netzwerk selbst - durch Ausspähen von Benutzer-Nummern und Knacken von Kennwörtern. Rund 200 mißglückte Versuche, unberechtigt ins System einzudringen, registrieren die drei Supercenter jede Woche.

Die Geisco-Manager halten ihre elektronischen Barrieren mit bis zu fünf Sicherheitsebenen für undurchdringlich. Freilich, wirklich erfolgreiche Computer-Einbrecher hinterlassen keine Spur.

Die Firma hat einen eigenen Computer-Knacker in den USA engagiert. Mit allen Tricks soll dieser Hacker-Profi probieren, ins Innerste des Systems vorzustoßen und Schwachstellen aufzudecken. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Peat, Marwick, Mitchell & Co hat überdies den Auftrag, in allen General-Electric-Büros weltweit zu testen, ob die Geheimhaltungsvorschriften für das Geisco-Netz eingehalten werden.

Denn, natürlich, sagt van der Sanden, »der Mensch ist das schwächste Glied in der Sicherheitskette«.

Michael Schmidt-Klingenberg
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