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MESSE Die Wirtschaft wollte nicht

aus DER SPIEGEL 38/1950

Bürgermeister Dr. Schöneberg von Ostfrieslands Kleinstadt Norden hatte seit Jahr und Tag auf eine günstige Gelegenheit gewartet, der Stadt den fehlenden freien Platz für Veranstaltungen aller Art billig zu beschaffen. Die günstige Gelegenheit kam eines Tages in Person des Messeveranstalters Alexander Wagner aus Bremerhaven auf ihn zu.

Wagners erfolgreich arrangierte Ausstellung »Von der Stecknadel bis zum Volkswagen« in Bremerhaven genügte Nordens Stadtvätern als Bürgschaft für seine Qualitäten. Sie boten ihm offiziell an, eine »Norder Verkaufsmesse im Grenzland« auf die Beine zu stellen. »Um die Norder Wirtschaft zu beleben und die Preise zu senken«, ließ Bürgermeister Schöneberg amtlich verlauten. Daß ihm die Messe den freien Platz finanzieren sollte, blieb im Hintergrund.

Als einzig verfügbaren Messeplatz wies das Bürgermeisteramt Wagner den verwilderten Acker (10000 qm) an der Schulstraße direkt neben dem Gewerkschaftsgebäude an: »Das muß dann eben ein bißchen egalisiert werden«.

Egalisieren ließ sich das nur auf Kosten der Aussteller. Messe-Wagner setzte entsprechende Platzmieten fest. Ein Quadratmeter im Zelt 20 DM, in freier Natur 10 DM. Die Stadt schloß mit Wagner den Messevertrag ab. Für evtl. Verluste lehnte sie die Haftung ab.

An alles war rechtzeitig gedacht, nur nicht an die zahlenden Aussteller.

Erst als Alexander Wagner drei Wochen vor offiziellem Messebeginn mit extra großer Ausstellerliste Nordens Fabrikanten und Einzelhändler abklapperte, um seinen Acker-Messeboden feilzubieten, erkannte er die Bescherung: die Norder Wirtschaft wollte nicht.

»Für uns wäre eine solche Messe völlig sinnlos«, setzte Textileinzelhändler Bernhard Harms auseinander. Harms, Vorstandsmitglied des »Kaufmännischen Vereins e. V. Norden«, schwang sich zum Sprecher seiner Kollegen auf. Der Einzelhandel sehe keinen Grund, sich in 200 Meter Entfernung seiner Läden nochmals in einem Bretterstand für dieselbe Kundschaft aufzubauen.

Bei den Handwerkern hatte Wagner ebensowenig Glück.

»Auch Industrie und Landwirtschaft« konnten bei allem guten Willen keinen Sinn in dieser Messe erblicken, erklärte Johann Wolbergs, Vizepräsident der zuständigen Handelskammer Emden, den sich versteifenden Messe-Widerstand. Ein knappes Dutzend messewilliger Norder Geschäftsleute zogen sich aus »kollegialer Solidarität« freiwillig zurück.

So schnell aber wollten Nordens Stadtväter nicht die Hoffnung auf den freien, festen Messe-Platz aufgeben. Der sollte schon bald durch laufende Vergnügungsveranstaltungen reichlich Steuern einbringen. In Sondersitzung beschloß Nordens Magistrat, die Messe trotzdem durchzuführen.

»Da ging die Norder Kaufmannschaft zum Kleinkrieg über«, erinnert sich Alexander Wagner. Nach seinen Recherchen wurden auswärtige Aussteller handfest bedroht.

So sei der Firma »Elbefahrzeugbau, Cuxhaven«, als sie auf dem Messe-Gelände eintraf, unmißverständlich geraten worden: »Wenn Sie hier ausstellen, verkaufen Sie in Ostfriesland keinen Anhänger mehr«. Erst daraufhin habe der Cuxhavener Fabrikant seine Sachen wieder zusammengepackt.

Für Wagner gibt es keinen Zweifel: »Schuld haben Bernhard Harms und seine Hintermänner«. Auf Harms hat Wagner auch einen privaten Pik. »Ihre Manieren werden wir Ihnen schon abgewöhnen« habe ihn Harms bedroht, behauptet er.

»Der Boykott wurde immer rücksichtsloser«, berichtet Messe-Wagner. »Zuletzt war ich nur noch auf das Telefon im Messe-Büro angewiesen. Sogar die Post erreichte mich nicht mehr.«

Am Messe-Stichtag versuchte er zu retten, was noch zu retten war. Durch eine Großannonce im »Norder Kurier": »Besucht die Norder Verkaufsmesse im Grenzland unter Beteiligung von Industrie und Landwirtschaft«, Umsonst.

Bernhard Harms hatte davon Wind bekommen. Noch in dieselbe Ausgabe gab er für die messemüden Kaufleute einen kurzen Gegentext: »Die Norder Geschäftswelt, das Handwerk und die Landwirtschaft sind nicht auf der Norder Messe vertreten«. Das prangte in Riesenschlagzeilen über eine halbe Seite des Norder Kurier.

Bürgermeister Dr. Schöneberg bewies Haltung. Vor fast leeren Bänken hielt er am Eröffnungstage Punkt 11.00 Uhr die feierliche Ansprache. Aber die Messe wurde ein Reinfall.

Von 40000 erwarteten Besuchern kamen 4000. »Davon hatten noch 1000 Freikarten«, klagt Wagner. Auch aus der Egalisierung wurde nichts.

Nur drei Zelte standen verloren auf den 10000-Messe-Quadratmetern. Die Aussteller bestätigten Alexander Wagner aus freien Stücken seine fachliche Qualifikation als Messe-Veranstalter. Aber bezahlen wollten sie nicht.

Sie empfahlen Wagner, die Suppe allein auszulöffeln. »Wir können doch keine Standmieten zahlen, wo uns der Boykott das Geschäft zerschlagen hat.«

Jetzt hat Wagner den Kaufmännischen Verein beim Auricher Landgericht auf 10000 DM Schadenersatz verklagt. Wegen Messe-Boykotts.

Als die »wahren Hintergründe des Boykotts« brandmarkt Wagner:

* In Norden sind die Preise höher als in den Nachbarstädten. Hauptzweck der Messe sei Preissenkung gewesen. Beweis: Auf der Messe koste eine Garnitur Damenwäsche DM 4,50 - in einem Norder Geschäft die gleiche Garnitur DM 6,50.

* Die Norder Geschäftswelt fürchtet sich vor Preisrückgängen durch die Messe.

»Das ist blühender Unsinn«, entkräftet Handelskammer-Vize Wolbergs. »Wenn die Preise in Norden höher wären, hätten uns längst auswärtige Firmen den Rahm vom Geschäft abgeschöpft.«

Wagner: »Die Gewerkschaften haben die preissenkende Tendenz der Messe erkannt und sich bis zuletzt für die Messe eingesetzt«. Wolbergs: »Die Gewerkschaften sind an einem großen Versammlungsplatz direkt neben dem Gewerkschaftshaus interessiert«.

Bürgermeister Dr. Schöneberg wartet auf die nächste günstige Gelegenheit, um der Stadt billig einen freien Platz zu beschaffen.

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