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Neue Heimat Die Zeit wird knapp

Der Verkauf der Neuen Heimat Bayern an einen Baulöwen droht zu scheitern - die Banken gehen auf Distanz.
aus DER SPIEGEL 21/1990

Es sei seine Pflicht, sagt Hans Matthöfer, die ihm anvertrauten Vermögenswerte »mit der Umsicht eines guten Kaufmannes« zu verwalten. Und wie er die Erfüllung seiner Pflicht sieht, führt Matthöfer im Falle der Neuen Heimat Bayern gerade vor: Der gute Kaufmann nimmt, was er kriegen kann.

Monat für Monat koste die Neue Heimat den Eigentümer, die Gewerkschaftsholding BGAG, sieben Millionen Mark Zinsen. Sie müsse deshalb rasch verkauft werden, meint Matthöfer, der Vorstandsvorsitzende der Holding.

Auf die Mieter, die das Verkaufspoker um ihre Wohnungen mit Sorge verfolgten, wollte der ehemalige Bundesfinanzminister dabei keine Rücksicht nehmen. Der Verkauf an den Münchner Baulöwen Alfons Doblinger, 47, so behauptet Matthöfer einfach, schütze Mieterrechte und Mieterinteressen.

Doch der rasche Verkauf der 33 000 Wohnungen und der 900 000 Quadratmeter Land ist noch längst nicht perfekt. Das Geschäft, das der BGAG 958 Millionen Mark einbringen soll, könnte platzen, weil Doblinger eben nicht der Mann zu sein scheint, bei dem die Sozialmieter am besten aufgehoben sind.

Zwar sah vordergründig für Matthöfer und Doblinger in der vergangenen Woche noch alles gut aus. Der Aufsichtsrat der NH Bayern stimmte am Donnerstag dem Handel zu; der Aufsichtsrat der BGAG hatte ihn - unter Vorsitz des noch amtierenden DGB-Chefs Ernst Breit - bereits am 7. Mai gebilligt.

Aber vergangene Woche wurde deutlich, daß die Vertragspartner allzusehr auf eine Voraussetzung gebaut hatten, die keineswegs selbstverständlich ist: darauf, daß Doblinger die knappe Milliarde beibringen könne.

Doblinger hat bereits einen kleinen Teil des Kaufpreises angezahlt. Die weitaus größere Rate der 958 Millionen Mark aber muß er sich von den Banken besorgen. Und die gehen inzwischen auf Distanz.

Ein Konsortium, das die Finanzierung übernehmen sollte, gibt es offenbar nicht mehr. Die Deutsche Pfandbrief- und Hypothekenbank (Bundesbeteiligung: 65 Prozent) stieg aus, und auch andere Institute rückten von dem Projekt ab. Öffentlich bekannte sich nur noch die Berliner Bank zu dem Geschäft - mit Einschränkungen.

Es sei überhaupt noch nichts entschieden, wehrte ein Sprecher des Instituts ab. Die Bank, die mehrheitlich dem Land Berlin gehört, habe lediglich ein Angebot gemacht, das an bestimmte Bedingungen geknüpft sei.

Auf diese Bedingungen sei Doblinger bisher nicht eingegangen. Deshalb hätten sich weder der Kreditausschuß noch der Aufsichtsrat der Berliner Bank (Vorsitzender: Daimler-Chef Edzard Reuter) mit dem Thema befaßt.

Daß ausgerechnet eine Bank des rotgrünen Berliner Senats unter Walter Momper einem Immobilienspekulanten den Kauf von Sozialwohnungen finanzieren soll, hat in München für Aufregung gesorgt. Oberbürgermeister Georg Kronawitter (SPD) wandte sich an seinen Kollegen in Berlin und schickte ihm Material über Doblinger. »Ich hatte den Eindruck«, sagt Kronawitter, »daß Herr Momper die Brisanz der Sache erkannt hat.«

Die Brisanz der Sache besteht darin, daß Doblinger kein so ehrbarer Kaufmann zu sein scheint, wie Matthöfer einer sein möchte. Die Geschäfte, die der Münchner betrieb, lassen in vielen Fällen das echte unternehmerische Engagement vermissen. Es ging oft nur um die schnelle Mark.

Bei diesen Deals war bisweilen auch schon ein Gewerkschaftsunternehmen beteiligt - die Bank für Gemeinwirtschaft. So hatten Geschäftsfreunde Doblingers mit Hilfe der Internationalen Genossenschaftsbank (Ingeba) in Basel, einer BfG-Tochter, 1983 den gesamten Geldbestand des Münchner Folienherstellers Blattmetallwerke AG in die Schweiz geschafft. Das einstmals florierende Unternehmen, das Doblinger kurz zuvor gekauft hatte, ging einige Zeit später pleite.

Auch beim Ausverkauf der Vereinigten Fränkischen Schuhfabriken machte die BfG-Tochter in Basel mit. Doblinger hatte die Mehrheit des Unternehmens 1982 für rund 15 Millionen Mark von der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank erworben. Bald darauf reichte er das Aktienpaket zu einem deutlich höheren Preis an einen Geschäftsfreund weiter.

Die Mittel beschaffte sich Doblingers Partner über die Ingeba. Als Sicherheit wurden damals in einer undurchsichtigen Transaktion Wertpapiere und Grundstücke angeboten. Ein Gericht konnte Doblinger und seinen Partnern nicht nachweisen, daß Immobilien der erworbenen Firma selbst (der Fränkischen Schuhfabriken) der Kreditsicherung dienten. Das wäre nach dem Aktienrecht nicht zulässig.

Für Doblinger wird inzwischen die Zeit knapp - nicht nur, weil immer neue Geschichten aus seiner Vergangenheit auftauchen. Der Möchtegern-Käufer der NH Bayern muß bis Ende des Monats den Kaufpreis aufbringen.

Sollte der Baulöwe scheitern, stünde BGAG-Chef Matthöfer wieder am Anfang. Als umsichtiger Kaufmann wird er sich dann wohl einer Lösung für die NH zuwenden müssen, die für ihn nur die zweitbeste, für die Mieter aber wohl die beste wäre: Der Freistaat Bayern würde sich die Übernahme der NH bis zu 600 Millionen Mark kosten lassen.

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