US-Zinspolitik Das Dollar-Dilemma

Die US-Notenbank hätte längst die Zinsen anheben sollen. Doch immer kam etwas dazwischen. Das zeigt, wie sehr sich die Rolle der Notenbanken verändert hat - und wie instabil die ökonomische Großwetterlage ist.

Fed-Chefin Janet Yellen
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Fed-Chefin Janet Yellen

Ein Kolumne von


Früher war die Sache einfach: Die Notenbanker sagten, wos langging. Klarer Kurs, berechenbar für Bürger, Politiker, Unternehmer und Spekulanten - führende Notenbanken setzten die geldpolitischen Leitplanken für den Rest der Wirtschaft. So schleusten in den Achtziger- und Neunzigerjahren die Federal Reserve (Fed) in Washington und die Bundesbank in Frankfurt die Zinsen mit der Konjunktur nach oben und nach unten. Verlässlichkeit sollte das ausstrahlen, Ruhe, Sicherheit.

Ganz anders heute: Die Notenbanken agieren wie Getriebene. Am Mittwoch wird die Fed, die mächtigste Geldbehörde der Welt, über den Leitzins entscheiden. Bereits vor einem Jahr hat sie angekündigt, allmählich die Zügel anziehen zu wollen. Passiert ist seitdem wenig. Einmal, vorigen Dezember, hat sie nach Jahren der Nullzinspolitik den Satz um 0,25 Prozentpunkte angehoben. Und jetzt?

Immer kommt etwas dazwischen: mal die Börsen in China, mal überraschende Wirtschaftszahlen aus Amerika selbst. So auch diesmal: Über Wochen haben diverse Fed-Offizielle in öffentlichen Statements eine baldige weitere Zinserhöhung in Aussicht gestellt. Nun scheint Fed-Chefin Janet Yellen abermals zurückzurudern.

Bei einem Vortrag in Philadelphia vorige Woche verwandte sie viel Zeit darauf, diverse "Unsicherheiten" aufzuzählen: von den enttäuschenden amerikanischen Mai-Arbeitsmarktdaten über den Ölpreis, die Investitionsdynamik in den USA, das Wachstum in Asien bis hin zu einem möglichen Brexit-Votum in Großbritannien am 23. Juni. All das lässt sich so interpretieren, dass die für Mittwoch in Aussicht gestellte Zinserhöhung ausfällt. Allerdings, sagte Yellen, "weitere graduelle Steigerungen" blieben auf der Agenda, wobei die Fed allerdings keinem "vorausbestimmten Kurs" folge.

Was denn nun? Kommt die nächste Zinserhöhung dann bei der nächsten Sitzung der Fed-Gouverneure Ende Juli? Oder noch später? Oder gar nicht? Die Spekulationen gehen weiter.

In den Achtziger- und Neunzigerjahren brauchte die Fed rund ein Jahr, um die Zinsen bei anziehender Konjunktur in einer Serie von kleinen Schritten auf ein höheres Niveau zu hieven, haben die Volkswirte der Commerzbank beobachtet. In den Nullerjahren war die Reaktion schon langsamer: Im Aufschwung ab 2004 nahm sich die Fed zwei Jahre Zeit für den Zinszyklus. Dieses Mal ist alles anders.

Das Beispiel der Fed zeigt, wie sehr sich die Rolle der Notenbanken seit Ausbruch der Finanzkrise verändert hat - wie instabil die ökonomische Großwetterlage ist, wie stark politische Einflüsse heute sind.

In Deutschland mag es populär sein zu glauben, der Italiener Mario Draghi sei schuld an der extremen Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank, die deutsche Sparer enteigne und die Sparkassen destabilisiere. Der Blick in die USA zeigt, dass es so einfach nicht ist.

Amerika ist längst weiter als die Eurozone. Die Arbeitslosenquote hat sich seit der großen Rezession von 2009 halbiert. Die Deflationsgefahr ist vorüber: Die Verbraucherpreise (ohne Energie und Lebensmittel) steigen wieder mit Raten von mehr als zwei Prozent. Die Häuserpreise, die in der Krise rapide gefallen waren, haben nach Kalkulation des Internationalen Währungsfonds seit 2010 um ein Fünftel zugelegt. Der Bankensektor scheint aufgeräumt. Insgesamt deutlich bessere Daten als in der Eurozone.

Eigentlich wäre es jetzt höchste Zeit, die Zinsen allmählich wieder auf Normalniveau zu heben. Tatsächlich rechnen Yellen und die übrigen Fed-Gouverneure im Mittel damit, dass der Leitzins längerfristig auf 3,25 Prozent klettert, wie aus ihren Prognosen hervorgeht. Aber solche Erwartungen hegen die US-Geldpolitiker schon länger. Und dann geschieht doch wieder nichts.

Zinserhöhungen, zumal wenn sie die Weltwährung Dollar betreffen, haben enormes zerstörerisches Potenzial: Die weltweiten Schulden von Privatwirtschaft und Staaten zusammengenommen sind hoch und steigen weiter. Entsprechend droht das globale Kartenhaus zusammenzubrechen, wenn sich die Fed zu rasch voranbewegt.

Andererseits: Bewegt sie sich zu langsam - oder gar nicht -, findet die Welt aus der Schuldenwirtschaft nicht heraus. Warum sparen und Verbindlichkeiten zurückzahlen, wenn die Zinsen so niedrig bleiben? Das Billig-Geld-Spiel ist endlich. Geht es weiter wie bisher, sind weitere schwere Finanzkrisen unausweichlich.

Das ist das Dilemma, in dem Yellen und Kollegen stecken.

Und dann ist da noch diese Ungewissheit. Vieles in der Wirtschaft läuft derzeit anders als gewohnt: Die Produktivität lahmt, obwohl die Konjunktur anzieht. Die Investitionen kommen nicht in Gang, obwohl die Zinsen so niedrig sind. Die Löhne steigen kaum, obwohl in den USA annähernd Vollbeschäftigung herrscht. Was ist eigentlich los da draußen? Haben sich die Strukturen verändert, und wenn ja, wodurch - durch die Globalisierung, die Digitalisierung, die Finanzkrise oder die allzu lockere Geldpolitik der Notenbanken selbst? Ökonomen haben viele Antworten darauf, aber keinen Konsens. Entsprechend bedeckt halten sich die Notenbanker.

Verunsicherung macht sich breit. Die Geldbehörden, denen früher eine höhere Form der Weisheit nachgesagt wurde, scheinen selbst nicht mehr so recht zu wissen, was sie tun. Viele Bürger sind unzufrieden: die einen, weil ihr Erspartes kaum noch etwas abwirft; die anderen, weil sie keinen Job haben, oder einen schlechten Job, und weil vom monetär gedopten Aufschwung vor allem Wohlhabende zu profitieren scheinen.

Politiker greifen die kritische Stimmung auf. Entsprechend nehmen die Übergriffe zu. In den USA wollen die Republikaner die Fed unter die Kontrolle des Parlaments stellen - ein massiver Angriff auf die Unabhängigkeit der Notenbank. Donald Trump ließ kürzlich wissen, wenn er erst Präsident sei, werde er Fed-Chefin Yellen rausschmeißen; ihre Amtszeit endet 2018. Er werde es machen wie in seiner Fernsehshow "The Apprentice" und ihr ein lautstarkes "You're fired!" zurufen, erklärte er im Interview mit dem Fernsehsender CNBC. Nicht dass er unzufrieden wäre mit den anhaltend niedrigen Zinsen. Aber Yellen sei halt keine Republikanerin.


Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der kommenden Woche

MONTAG

PEKING - Große Mauer, großer Bahnhof - Deutsch-chinesische Regierungskonsultationen: Kanzlerin Merkel und eine ganze Schar ihrer Minister zu Besuch bei Chinas Administration.

FRANKFURT - Cash is King - Bargeldsymposium der Bundesbank: eigentlich kein großes Ereignis, aber in Zeiten negativer Einlagezinsen, da Banken erwägen, Bargeld zu bunkern, ein Politikum.

FRANKFURT - Sicherheit in Unsicherheit - Europäischer Versicherungsgipfel. Dabei: Allianz-Chef Bäte, Swiss-Life-Chef Leibundgut und der Chef der Europäischen Versicherungsaufsicht, Bernardino.

DIENSTAG

WASHINGTON - Alle Blicke auf Bernie - Letzte Vorwahl der US-Demokraten in der US-Hauptstadt. Danach will sich Clinton-Kontrahent Bernie Sanders zu seinem weiteren Vorgehen äußern.

HANNOVER - Zulage - Erste Runde der Tarifverhandlungen auf Bundesebene für die Beschäftigten der Chemieindustrie.

BRÜSSEL - Aufschwung? Welcher Aufschwung? - Neue Zahlen zur Industrieproduktion in der Eurozone.

MITTWOCH

WASHINGTON - Im Wartestand - Fed-Chefin Yellen und ihre Kollegen im Offenmarktausschuss der Federal Reserve entscheiden und verkünden, wie es weitergehen soll mit der Geldpolitik.

DONNERSTAG

LUXEMBURG - Griechenland gerettet, vorläufig - Treffen der Finanzminister der Eurogruppe. Beim Treffen im Vormonat wurde die Auszahlung der nächsten Hellas-Kredite genehmigt. Diesmal dürfte es ruhiger zugehen.

LONDON - One week before (a possible) Brexit - Die Bank von England entscheidet über die Zinsen - eine Woche bevor die Briten über den Verbleib in der EU abstimmen.

BERLIN - Föderalismus bei der Arbeit - Die Länder-Ministerpräsidenten treffen sich mit Bundeskanzlerin Merkel. Es geht unter anderem um die Flüchtlingssituation und die Energiewende.

FREITAG

LUXEMBURG - General Check - Die EU-Finanzminister beraten und entscheiden über die Verfahren im Rahmen des Europäischen Semesters. Dabei geht es unter anderem um die Frage, welche Mitgliedsländer zu viel Geld ausgeben.

SAMSTAG

HANNOVER - Heavy Metal - Feierlichkeiten anlässlich des 125-jährigen Bestehens der IG Metall

SONNTAG

KIEL - Mario und die Witwe - Verleihung des Weltwirtschaftlichen Preises des Instituts für Weltwirtschaft an den früheren italienischen Ministerpräsidenten und EU-Wettbewerbskommissar Monti und die Verlegerin Friede Springer. Es spricht: Bundesfinanzminister Schäuble.

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.


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kladderadatsch 12.06.2016
1. Abhängigkeit vom billigen Geld
Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Je länger die Nullzinsphase anhält, desto mehr Geld wird vergeudet und desto schlimmer wird der nächste Crash. Billiggeld ist für Politiker und Wirtschaft wie eine Droge geworden. Und nun traut sich nicht mehr sie zu entziehen.
lothar.thuermer 12.06.2016
2. On the highway to hell!
Es gilt Interdependenzen der Finanzmärkte zu beachten. Wenn der Abstand zwischen dem Leitzins in Amerika und dem im Euroland zu groß wird, kommen amerikanische Exporteure vollends unter die Räder. In der Eurozone stehen die Signale unverändert auf Nullzinspolitik. Das ist für Amerika eine gewisse Hürde. Für die Zukunft der Finanzmärkte bin ich sehr pessimistisch. Global und ganz besonders im Euroland. Vieles spricht dafür, dass es gewaltige Turbulenzen geben wird.
fred_m 12.06.2016
3. Die ewigen Schulden
[Zitat]: Was ist eigentlich los da draußen? Haben sich die Strukturen verändert, und wenn ja, wodurch - durch die Globalisierung, die Digitalisierung, die Finanzkrise oder die allzu lockere Geldpolitik der Notenbanken selbst? [Zitat Ende] Das ist meines Erachtens ziemlich einfach: vor 2007/2008 hat man gedacht, dass man das Schuldenrpoblem durch noch mehr Schulden lösen kann. Frei nach der Devise: "Schulden sind gut für die Wirtschaft und fördern das Wachstum". Seit 2007/2008 haben die Schulden ihr wahres Gesicht gezeigt: wahrhaftige Zeitbomben, die uns alle früher oder später in die Luft jagen werden.
hefe21 12.06.2016
4. Grinsen statt Zinsen
Ja, früher war alles "bestimmter", aber schon Onkel Greenspan hat sicher oft am Morgenspiegel geträllert "ich bin Fedchef, und mir geht´s gut - heut packt mich die Orakelwut" - und viele hat schon damals der Hohn erfasst, wenn die Finanzmarktbeobachterbande schafsgleich die Stimme aus dem Dornbusch herbeisehnte. Hat sich ja also gar nichts geändert. Ausser z.B. "Zinserhöhungen, zumal wenn sie die Weltwährung Dollar betreffen, haben enormes zerstörerisches Potenzial" - auf das wär früher wirklich niemand gekommen, dass Geld keinen Preis mehr haben darf. Wenn aber einmal eine Mehrheit merkt, dass etwas, das keinen Preis mehr hat, wohl auch keinen Wert mehr hat, dann wird´s erst richtig zerstörerisch, besser gesagt, dann ist das Zerstörungswerk, das zu diesem Zustand geführt hat, für alle ersichtlich. Weil die Verantwortlichen die Lösung für die ursächliche "Schuldenkrise" nicht auszusprechen wagten. Der untragbare Teil müsste mit Vermögensgegenschnitten aus dem System elimiert werden. Nur bei den Reichen wird da nicht genügen, es wird verdammt hart, auch den Sparern zu erklären, dass sie ihren Beitrag zum Bilanzausgleich leisten müssen. Am besten erfahrene Insolvenzabwickler engagieren, die wissen, wo man die ersten Einschnittsglieder in der Verursacherkausalkette anbringt. Ein Grund für die Verursachung liegt auf jeden Fall mal darin, dass informationstechnisch auf der Sollseite der Geldbilanz keine Scheinwerfer aufgestellt sind. Ein zentrales Wort aus der Kreditwirtschaft, die Kreditauslastung (die misst eindeutig das Verhältnis aus Einlagen und daraus vergebener Kredite) ist sogar sowohl in Wikipedia als auch in der Googlesuche völlig unbekannt.
Olberich Gesand 12.06.2016
5. Gegen jede Erfahrung des Wirtschaftens.
"Das zeigt, wie sehr sich die Rolle der Notenbanken verändert hat" Merken Sie es hier auch schon? Sie hatten einmal einen Kolumnisten (Münchhausen oder so ähnlich - auf jeden Fall fabulierte der ähnlich dummes Zeugs), der die verantwortungslose Überschwemmung der Märkte durch "gedrucktes" Geld durch EZB und FED propagierte. Alle Zentralbanken hielten es bislang für ihre Pflicht, das "magische Viereck" anzustreben: Vollbeschäftigung, Preisstabilität, Wirtschaftswachstum und außenwirtschaftliches Gleichgewicht. Man schaue sich nur an, was diese verantwortungslose Geldpolitik von FED und EZB angerichtet hat. In der EU: die höchste Arbeitslosigkeit seit Menschengedenken, Preisstabilität nur in den Statistiken (Teuro) und durch Ölpreissenkung, kaum Wirtschaftswachstum, aber die höchste Verschuldung der Länder. Draghila will Inflation und damit die Entwertung der Spargroschen der Bevölkerung zugunsten heute verbratener Kredite. Wer es immer noch nicht gemerkt hat: Geldregen bringt kein Segen. Auf überschwemmten Wiesen noch Wasser zu lassen, bringt kein neues Grass, sondern nur Schlamm. Es sind Verbrecher am Werke. Die Ökonomie der Chicago-Boys war reine Scharlatanerie. Wer den Pleiten in den nächsten Jahren entgehen will, lege sein Geld in Gold an. Geld wird jeden Wert verlieren.
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