Dieter Hahn Kirchs verhinderter Kronprinz

Eigentlich sollte Dieter Hahn im Sommer 2002 Vorstandschef eines frisch an die Börse gegangenen, weitgehend entschuldeten Münchner Mega-Medienkonzerns werden. Nur ist leider Einiges dazwischen gekommen.


Will kein Stahlkocher werden: Der gebürtige Oberhausener Dieter Hahn
Dieter Hahn CENTER/KLEIN - NUR FÜR Serie Großversager

Will kein Stahlkocher werden: Der gebürtige Oberhausener Dieter Hahn

Hamburg - Mit ein bisschen Phantasie kann man sich ausmalen, wie es gewesen sein mag, als Leo Kirch, der Münchner Medienjongleur, Dieter Hahn zu seinem Kronprinz machte. Vielleicht standen die beiden an einem lauen Sommerabend irgendwo auf einem Hügel nahe Unterföhring und blickten auf den dortigen Medienpark. Die untergehende Sonne könnte sich in den Scheiben des ProSiebenSat.1-Gebäudes gespiegelt haben. Und dann hat Kirch seinen treuesten Paladin vielleicht angeblickt und mit viel Pathos und breitem unterfränkischen Akzent gesagt: "Dieder, des g'hört bald allz Dir."

Vielleicht hat er auch nie etwas Derartiges gesagt. Vielleicht standen die beiden auch nie zusammen auf einem Hügel. Aber eins war allen Beteiligten klar: Wenn die KirchGruppe wie geplant an die Börse gebracht worden wäre, dann wäre Dieter Hahn, genannt "Der Bulldozer", Vorstandschef von Deutschlands größten TV-Imperium geworden. Mit 41 Jahren wäre der promovierte (Dissertationsthema: "Die feindliche Übernahme von Aktiengesellschaften") Jurist dann außerdem der jüngste Medienzar der Welt gewesen. Hätte, wäre, würde. Der Schutthaufen, der einmal KirchMedia war, braucht keine Manager mehr.

Auch Hahns dem Vernehmen nach äußerst üppig dotierter Beratervertrag bei der insolventen KirchMedia ist inzwischen futsch. Das ohnehin stark lädierte Vertrauen der Kirch-Gläubiger in die Fähigkeiten des Oberhauseners hat den natürlichen Nullpunkt erreicht, nachdem bei der Durchsicht der Bücher diverse Ungereimtheiten auftauchten. Inzwischen ermittelt auch die Staatsanwaltschaft gegen Kirchs Kronprinz a. D.

Judex non calculat?

Ob und zu welchem Teil Dieter Hahn an der Pleite des Medienkonglomerats Schuld ist, wird von Beobachtern unterschiedlich beurteilt. Getreue weisen darauf hin, der Manager habe bis zuletzt alles versucht, um Kirchs Imperium zu retten. Zudem habe er in den vergangenen Jahren für seinen Mentor einen cleveren Deal nach dem anderen ausgehandelt. Das sehen nicht alle so. "Dieter hat keine klare Vorstellung davon, was ein vernünftiger Preis ist", zitiert die "Financial Times" einen ehemaligen Kirch-Manager, "In jedem Geschäft, an dem er beteiligt war, ob DSF oder Premiere, sind die Kosten explodiert."

Fest steht, dass Hahn in den späten Neunzigern einen großen strategischen Fehler gemacht hat. Als der Medienkonzern Bertelsmann bei Kirchs Pay-TV-Sender Premiere ausstieg, überredete Hahn seinen Ziehvater, den australischen Medienunternehmer Rupert Murdoch mit ins Boot zu holen - gegen den Rat von Herbert Schröder, Kirchs damaligem Finanzchef. Der Deal erlaubte es Murdochs britischer Firma BSkyB, den Münchnern ihren 22-Prozent-Anteil an Premiere zurückzugeben - zum ursprünglichen Kaufpreis, plus Zinsen. Als "Der Haifisch" Anfang 2002 sein Geld von Kirch zurückforderte, war es aus.

Was Hahn in Zukunft machen wird, ist angeblich noch offen. "Es ist aber unwahrscheinlich, dass ich in die Stahlindustrie wechseln werde", so der Manager. Nur eines steht für Hahn bereits fest: "Ich gehe davon aus, dass ich mit Leo Kirch auch in Zukunft zusammenarbeiten werde. Wie auch immer."



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