Henrik Müller

Vor dem Tag der Arbeit Hört die Signale!

Es waren gute Jahre, für die deutsche Wirtschaft und für die Gewerkschaften. Nun wird die Lage aber schwieriger. Denn Digitalisierung und Demografie werfen ganz neue Fragen auf.

Rote Fahnen, Großkundgebungen, kämpferische Reden - kommenden Mittwoch, am 1. Mai, pflegen die Gewerkschaften ihre Rituale. Gerechtigkeit wird gefordert und Solidarität beschworen, in Deutschland und in Europa.

So viel Brauchtum muss sein. Immerhin erfreuen sich die Gewerkschaften in Deutschland außergewöhnlicher Beliebtheit. Mehr als drei Viertel der Bundesbürger haben eine positive Einstellung zu den Gewerkschaften -so populär sind die Arbeitnehmerorganisationen kaum irgendwo sonst in Europa . Auch Neumitglieder konnten sie in den vergangenen Jahren wieder in größerer Zahl begrüßen.

Das Umfeld war günstig. Immer mehr Jobs, ordentliche Tarifabschlüsse - die Gewerkschaften konnten in den vergangenen Jahren einiges für ihre Klientel herausholen.

Es waren gute Jahre, auch für die Arbeitnehmerorganisationen. Doch nun wird die Lage schwieriger.

Die Hälfte aller Jobs ist gefährdet

Kaum ein anderes westliches Land wird einen derart tief greifenden Wandel auf dem Arbeitsmarkt erleben. Ein Fünftel aller Jobs sei bedroht, ein weiteres Drittel werde einem tief greifenden Wandel ausgesetzt sein, hat die OECD, der Klub der Marktdemokratien, gerade vorgerechnet . Eine ähnliche Untersuchungim Auftrag des Bundesarbeitsministeriums kam kürzlich zu einem tendenziell ähnlichen, wenn auch weniger dramatischen Ergebnis.

Der Grund für diese Beschäftigungsrevolution ist insbesondere die Automatisierung. Die Zahl der weltweit eingesetzten Roboter ist seit 2010 explosionsartig gewachsen. (Am Montag gibt es neue Zahlen vom deutschen Robot-Bauer Kuka.) Dank immer größerer Rechnerkapazitäten sind diese Maschinen nun in der Lage, immer komplexere Tätigkeiten zu übernehmen.

Dass Deutschland von der nächsten technologischen Revolution besonders stark betroffen sein wird, liegt an unserer Wirtschaftsstruktur. Die Industrie hat immer noch einen Anteil von mehr als 20 Prozent an der Wirtschaftsleistung. Während in allen anderen reichen Ländern die Bedeutung der produzierenden Wirtschaftszweige in den vergangenen zwei Jahrzehnten abgenommen hat, ist sie in Deutschland unverändert groß. In Frankreich, Großbritannien, Schweden oder den USA wird deshalb ein deutlich geringerer Anteil an Jobs von der Roboterisierung betroffen sein als hierzulande.

Früher war alles schlechter - und einfacher

Man kann es auch so sehen: Die Revolution auf dem Jobmarkt, die die Forscher vorhersagen, ist die Spätfolge eines verzögerten Strukturwandels. In der Vergangenheit hätten die Gewerkschaften in einer solchen Situation zugesehen, dass ältere Arbeitnehmer in den Ruhestand gehen - und Platz machen für junge Leute.

Bei der letzten großen Rationalisierungswelle in den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren setzten Gewerkschafter und Sozialpolitiker auf Frühverrentungsprogramme. Nachwuchskräfte mit frischen Qualifikationen gab es jede Menge, die geburtenstarken Jahrgänge drängten in den Arbeitsmarkt.

Dazu kamen Arbeitszeitverkürzungen, zumal der Kampf um die 35-Stunden-Woche, die das Angebot an Arbeitskraft weiter verknappen sollten. Immer kürzere Lebens- und Wochenarbeitszeiten waren zwar teuer, auch für den Sozialstaat. Aber angesichts der demografischen Lage erschien dieser Kurs damals opportun.

Dann kam der nächste Schock. Auf die Globalisierung reagierten die deutschen Gewerkschaften mit einer Kehrtwende. In den Neunzigerjahren schwenkten sie um auf eine Strategie der langfristigen Lohnzurückhaltung und ließen sich auf allerlei flexible Arbeitszeitmodelle ein. Es begann der Kampf um jeden Standort. Betriebliche "Bündnisse für Arbeit" sollten teure deutsche Arbeitsplätze wettbewerbsfähig halten. Durchaus mit Erfolg: Dass es noch so viel Industrie gibt in Deutschland, ist auch ein Resultat dieser Gewerkschaftsstrategie.

Die Schattenseiten dieses Kurses sind allerdings unverkennbar. Über viele Jahre stagnierten die Lohneinkommen. Von den gigantischen außenwirtschaftlichen Überschüssen, die die deutsche Wirtschaft seit Mitte der Nullerjahre eingefahren hat, profitierten die Beschäftigten nur am Rande.

Was nun bevorsteht, hat eine neue Qualität. Die alten Instrumente greifen nicht mehr.

Der Sound der frühen Jahre

Die Folgen des digitalen Wandels sind kaum zu überschätzen - zumal sich parallel dazu die demografische Wende vollzieht. Wenn tatsächlich mehr als die Hälfte aller Jobs sich radikal verändern oder wegfallen, wie die OECD prophezeit, dann müssen viele Millionen Werktätige im fortgeschrittenen Alter für neue Aufgaben fit gemacht werden. Das gab es in dieser Größenordnung noch nie.

All diese Leute im Stil der Achtziger aus dem Arbeitsmarkt zu entlassen und mit Sozialgeldern zu unterstützen, ist jedenfalls nicht mehr möglich. Zu wenige Jüngere kommen nach, als dass sie die Lücken schließen könnten, die die Älteren im Arbeitsmarkt hinterließen. Die Staatshaushalte wären von einem massenhaften Ausscheiden aus dem Arbeitsmarkt schlicht überfordert.

Auch Lohnzurückhaltung wird wenig nützen. Wenn die Beschäftigung nicht primär am Preis der Arbeit hängt, sondern an den Fähigkeiten des Arbeitenden, rettet Bescheidenheit keine Jobs mehr.

Die Gewerkschaften setzen deshalb verstärkt auf Qualifizierung. In der vorigen Woche hat der DGB einen Zehn-Punkte-Katalog zur "Nationalen Weiterbildungsstrategie"  vorlegt. Darin enthalten ist unter anderem die Idee, dass Betriebe, die digital umgebaut werden, Mitarbeiter zeitweise in Kurzarbeit schicken können und die Beschäftigten diese Phase für die Qualifizierung nutzen.

Wer das Papier liest, mag sich hier und da am verteilungskämpferischen Sound stoßen. Aber insgesamt demonstrieren die Gewerkschaften Gestaltungswillen. So weit, so gut.

Die Frage ist, wie lange sie diesen Kurs durchhalten können. Denn Demografie und Digitalisierung stellen auch die Gewerkschaften als Organisationen vor enorme Herausforderungen. Rentner machen einen immer größeren Anteil ihrer Mitglieder aus. Die Versuchung ist groß, sich vor allem darauf zu konzentrieren, möglichst hohe staatliche Sozialleistungen für die Ruheständlerklientel herauszuholen. Die lautstarke gewerkschaftliche Unterstützung für den SPD-Plan einer "Respektrente" ist insofern ein Warnsignal.

Die Gewerkschaften sollten sich darauf konzentrieren, das produktive Potenzial der Wirtschaft zu erhalten und zu erhöhen - damit gute Jobs mit guter Bezahlung entstehen können. Nur so lässt sich letztlich auch die Basis des Sozialstaats sichern.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche