Azubi-Mangel Wirtschaftsboss wettert gegen Akademisierung

Junge Deutsche interessieren sich kaum noch für eine Lehre, klagt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag. Verbandschef Schweitzer sieht die Schuld in der Akademisierung der Gesellschaft: Seiner Ansicht nach gibt es zu viele Studenten.
Auszubildender bei der Stuttgarter Straßenbahnen AG: Nachwuchs fehlt

Auszubildender bei der Stuttgarter Straßenbahnen AG: Nachwuchs fehlt

Foto: Daniel Bockwoldt/ picture alliance / dpa

Berlin - Ausbildungsbetriebe leiden immer stärker unter ausbleibendem Nachwuchs. Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), führt dies auf jahrelange und undifferenzierte Forderungen nach einer Erhöhung der Studierendenquote zurück. Das hätte dazu geführt, "dass Hörsäle aus allen Nähten platzen, während Unternehmen händeringend Azubis suchen", sagte Schweitzer den "Ruhr Nachrichten".

In allen Regionen Deutschlands könnten Ausbildungsplätze nicht besetzt werden. "Dem Wirtschaftsstandort Deutschland droht nachhaltiger Schaden, wenn der Trend zur Akademisierung um jeden Preis nicht gestoppt wird", sagte Schweitzer - der selbst promovierter Wirtschaftswissenschaftler ist.

Bei den Unternehmen, die durch die Industrie- und Handelskammern vertreten werden, wurden 2013 nach Schweitzers Angaben 4,5 Prozent weniger Ausbildungsverträge als im Vorjahr abgeschlossen. "Bei neuen Ausbildungsverträgen gab es einen Rückgang von rund 330.000 auf 315.000."

Kritiker werfen den Betrieben vor, zu hohe Ansprüche an Auszubildende zu stellen und Jugendlichen mit Defiziten kaum Chancen zu geben. So warten immer noch viele junge Menschen in berufsvorbereitenden Maßnahmen auf eine Lehrstelle. Schweitzer dagegen hält es für "absurd", die zurückgehenden Zahlen den Unternehmen anzulasten.

Eine weitere ungebremste Akademisierung könne sogar zu einer höheren Arbeitslosigkeit führen, wenn bestimmte Qualifizierungsprofile am Arbeitsmarkt nicht gebraucht würden, fügte Schweitzer hinzu. Rund 25 Prozent der Studienanfänger - in den Ingenieurswissenschaften sogar 50 Prozent - beendeten ihr Studium ohne Abschluss, weil sie offensichtlich falsche Vorstellungen hätten.

Brief an Kanzlerin Merkel und Bundespräsident Gauck

In einem Brief an Angela Merkel (CDU) fordert Schweitzer die Kanzlerin auf, die Chancen künftiger Generationen in den Blick zu nehmen - und kritisiert Pläne der schwarz-roten Koalition. Notwendig sei "eine Politik, die dazu beiträgt, dass Deutschland dauerhaft ein starker Standort bleibt", heißt es in dem Brief laut "Frankfurter Allgemeine Zeitung", den der DIHK auch an Bundespräsident Joachim Gauck geschickt hat. "Einige Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag betrachten wir als Bürde für die wirtschaftliche Entwicklung in unserem Land."

Schweitzer appelliert an die Kanzlerin: "Wir brauchen Gesetze, die den Unternehmen helfen, im Wettbewerb zu bestehen und die Arbeitsplätze zu erhalten. Andernfalls laufen wir Gefahr, unsere momentane Wachstumsstärke preiszugeben - und damit auch unseren stabilisierenden Einfluss in Europa."

Konkret wird der Wirtschaftslobbyist vor allem in einem Punkt: dem Mindestlohn. Der mache es weniger Qualifizierten schwerer, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Die Priorität liege bei den öffentlichen Ausgaben "einmal mehr" auf den Sozialausgaben, wie etwa einem früheren Rentenbezug. Besser wäre ein Schwerpunkt auf den notwendigen Investitionen, schreibt Schweitzer.

yes/dpa