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Automobilindustrie Diskreter Hinweis

Geheimplan von BMW-Chef Pischetsrieder: Die Münchner wollen bei der britischen Nobelfirma Rolls-Royce einsteigen.
aus DER SPIEGEL 21/1995

Bernd Pischetsrieder ist einer der Unauffälligen unter Deutschlands Spitzenmanagern. An einen großen Auftritt des BMW-Chefs auf den Autosalons in Genf oder Paris, in Detroit oder Tokio kann sich niemand erinnern. Drängen sich die Eitlen vor den Kameras, schlendert er umher wie ein besserer Werkleiter.

Wohler fühlt sich der Produktionsexperte, wenn er in vertraulichen Gesprächen einen großen Deal vorbereitet. Am besten geht es ihm, wenn er zur Überraschung der gesamten Branche das Ergebnis stolz verkünden darf.

So war es, als BMW die britische Marke Rover übernahm, und so wird es bald wieder sein: BMW will sich am nobelsten Automobilhersteller der Welt beteiligen, dem britischen Autobauer Rolls-Royce.

Für die Briten wird es ein kleiner Schock, wenn Pischetsrieder und Colin Chandler, der Chef des Rolls-Royce-Eigentümers Vickers, die Entscheidung demnächst bekanntgeben werden. Sie mußten schon hinnehmen, daß Rover von BMW gekauft wurde, Lotus von General Motors und Jaguar von Ford. Und jetzt soll auch noch ihr Nationalheiligtum Rolls-Royce in fremde Hände geraten.

Pischetsrieder hat den Deal sorgsam eingefädelt. Ende vergangenen Jahres trickste er zunächst Mercedes-Benz aus, als es darum ging, wer Rolls-Royce künftig mit Motoren beliefert.

Mercedes-Chef Helmut Werner war sich mit Rolls-Royce-Chef Peter Ward bereits handelseinig. Doch dann wandte sich Pischetsrieder an Colin Chandler. Der BMW-Mann wies Chandler darauf hin, daß die Münchner indirekt bereits über die Namensrechte von Rolls-Royce verfügen.

In einer schweren Krise hatte sich Rolls-Royce 1971 in zwei Unternehmen aufgespalten: in eine Triebwerksfirma, die alle Namensrechte besitzt, und in die Automobilfirma. Mit der Triebwerksfirma hat sich BMW bereits verbündet und hätte so dem Autohersteller Rolls-Royce die Namensrechte streitig machen können. Eine Zusammenarbeit mit dem Konkurrenten Mercedes wollte Pischetsrieder auf keinen Fall kampflos akzeptieren.

Chandler verstand den diskreten Hinweis und sorgte dafür, daß die britische Traditionsfirma, 1906 von Charles Stewart Rolls und Frederick Henry Royce gegründet, mit BMW ins Geschäft kam. Die Münchner sollen den britischen Autobauer mit Acht- und Zwölfzylindermotoren beliefern.

Der düpierte Rolls-Royce-Chef Peter Ward trat zurück. Die Münchner entwickelten mit seinem Nachfolger Chris Woodwark Pläne für ein engeres Zusammenwirken der beiden Unternehmen.

Der BMW-Vorstand war sich längst einig darüber, daß Rolls-Royce hervorragend zu seiner Marke passen könnte. Mit der 7er Reihe hat BMW zwar Mercedes einige S-Klasse-Kunden abwerben können. Bei den großen Staatskarossen allerdings dominieren noch immer die Stuttgarter. Mit Rolls-Royce und der Schwestermarke Bentley könnte BMW ins oberste Segment der Automobilindustrie vorstoßen. Der Markt für solche Fahrzeuge ist sehr klein, aber äußerst prestigeträchtig.

Pischetsrieder merkte schnell, daß die Chancen für einen Einstieg bei Rolls-Royce günstig sind. Die Firma braucht nicht nur Motoren, sie braucht auch dringend neue Modelle. Und dafür fehlt ihr das Geld.

Die Gratiswerbung von Königin Elizabeth II., die sich stets in einem Rolls-Royce Phantom VI zum Buckingham-Palast chauffieren läßt, hilft nicht mehr. Die Wagen mit der geflügelten Silberlady über dem Kühlergrill ("Spirit of Ecstasy") finden zwar viele Bewunderer, aber nur noch wenig Kunden. Die Zahl der Käufer sank seit 1990 von 3300 auf gut 1400 jährlich.

Rolls-Royce-Techniker entwickelten gemeinsam mit BMW-Experten ein Fahrzeugkonzept, das der britischen Firma wieder Schub verschaffen soll: Auf der Plattform eines großen BMW sollen ein Bentley-Cabrio und ein Bentley-Coupe entstehen.

Der Wagen würde rund 230 000 Mark kosten und als direkte Konkurrenz zum Mercedes 600 SL an den Start gehen. 1500 bis 2000 Fahrzeuge will Rolls-Royce von dem neuen Modell jährlich verkaufen, der Gesamtabsatz würde sich damit glatt verdoppeln. Einziges Problem: Rolls-Royce verfügt nach vielen Verlustjahren nicht über jene knapp 700 Millionen Mark, die für die Entwicklung des neuen Modells gebraucht werden.

Eigentümer Vickers ist bereit, einen Teil der Summe beizusteuern. Doch Partner BMW soll mindestens die Hälfte finanzieren - für Pischetsrieder die Chance zum Einstieg bei Rolls-Royce. Sein Plan: BMW zahlt und wird im Gegenzug an der britischen Nobelmarke beteiligt. Y

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