Disney-Enthüllungsbuch Der Chef, der ein König sein wollte

Es ist lange her, dass eine Manager-Biographie so viel Furore machte: Der Pulitzer-Preisträger James Stewart zeichnet in seinem neuen Bestseller die Geschichte des Disney-Konzerns unter Noch-Chef Michael Eisner nach. Herausgekommen ist das vernichtende Porträt eines machttrunkenen Egomanen - der schließlich durch die Revolte der eigenen Aktionäre entthront wurde.

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Umstrittener Disney-Primus Eisner: "Michael lässt immer fünf Pitbulls aufeinander los"
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Umstrittener Disney-Primus Eisner: "Michael lässt immer fünf Pitbulls aufeinander los"

Im März vor zwei Jahren beging Michael Eisner einen seiner zahlreichen Fehler. Er war ins New Yorker Szene-Restaurant Nobu gekommen, um mit dem Bestseller-Schreiber James E. Stewart zu Abend zu essen. Beide kannten sich noch nicht, die Stimmung war trotzdem unverkrampft. Eisner zog alle Register des Smalltalks. Er plauderte über den Showmaster David Letterman, das geplante neue Disneyland in China, das Kriegsgetöse im Irak. Sogar über die Herzprobleme, die ihn beinahe umgebracht hatten, sprach Eisner mit scheinbarer Offenheit.

Dann kamen beide zur Sache.

Stewart wollte ein Buch über Eisner schreiben und über den Konzern, den er seit 19 Jahren führte: die Walt Disney Company. Ein gefährlicher Vorschlag. Stewart, bekannt durch die Wall-Street-Kritik "Club der Diebe", hatte sich sein Renommee mit Investigativ-Recherchen erschrieben. Für seine Enthüllungen über die Bankenskandale der achtziger Jahre gewann er den Pulitzer-Preis. Eisner ging das Risiko ein. Er gewährte Stewart viele mehrstündige Interviews, bat ihn als Gast in vertrauliche Sitzungen. Mit Einverständnis ihres Chefs führte Stewart hunderte Gespräche mit Disney-Angestellten in Kalifornien, Florida und New York.

Rache des Schwuchtel-Piraten

Stewart-Buch "DisneyWar": Die größte Stärke des Buches ist zugleich seine Schwäche: Es ist äußerst ausführlich. So viele Personen tauchen auf, dass Stewart ein fünfseitiges Namensregister voranstellt

Stewart-Buch "DisneyWar": Die größte Stärke des Buches ist zugleich seine Schwäche: Es ist äußerst ausführlich. So viele Personen tauchen auf, dass Stewart ein fünfseitiges Namensregister voranstellt

Zwei Jahre später liegt das 570-seitige Ergebnis in den Regalen amerikanischer Buchläden - und Eisner wird seine anfängliche Offenheit vielfach bereut haben. "DisneyWar" ist in den USA nicht nur das wohl meistbesprochene Wirtschaftsbuch seit Jahren, ein Management-Krimi, ein Bestseller-Erfolg mit 200.000 Exemplaren Startauflage. Es ist auch eine Buch gewordene Hinrichtung Eisners, der schon vorher zu den umstrittensten Top-Managern des Landes gehörte. In der "Washington Post" pries Bob Woodward den Wälzer als "monumentale Leistung - gründlich und zäh". Und er wunderte sich, dass bei Disney noch "niemand nach Zwangsjacken verlangt hat" - so vernichtend fällt Stewarts Kritik an Eisner und dessen Fehltritten aus.

Dabei ist "DisneyWar" kein Werk der Polemik. Stewart betätigt sich als kühler Chronist, der hunderte Fakten und Anekdoten aus dem Innenleben des Film- und Freizeitpark-Konzerns hintereinander abspult und für sich selbst sprechen lässt. In Passagen voller rekonstruierter Dialoge lässt er seine Leser mitverfolgen, wie Eisner, bei Amtsantritt 1984 noch als Visionär und Retter Disneys gefeiert, sich über die Jahre vom kreativen Kopf zum Control Freak wandelte, zur Belastung für seinen Konzern.

Disney-Erfolgsfilm "Fluch der Karibik": Zoff um die Goldzähne
Buena Vista

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Stewart zeigt in Beispielen, wie Eisners Instinkte, am Anfang treffsicher, immer öfter versagten. Unter seiner Ägide deklassierte Disney anfangs alle anderen Hollywood-Studios, brachte Mega-Hits wie "Roger Rabbit" oder "Pretty Woman" in die Kinos. Die Disney-Trickfilmsparte, Mitte der Achtziger knapp vor dem Exitus, feierte mit "König der Löwen" und "Die Schöne und das Biest " eine unverhoffte Renaissance. In den neunziger Jahren aber lehnte Eisner die Filmrechte am "Herr der Ringe" ab. Bei den Dreharbeiten zur Freibeuter-Komödie "Fluch der Karibik" wollte er dem Hauptdarsteller Johnny Depp verbieten, Goldzähne und lange Haare zu tragen. Einen so weibischen Piraten, glaubte Eisner, würde das Publikum nie akzeptieren. Depp wehrte sich - und der "Fluch" spielte weltweit 650 Millionen Dollar ein.

Eisner, schreibt Stewart, lenkt Disney nach dem Prinzip "Divide et impera". Oder, wie eine Figur im Buch sagt: "Michael lässt fünf Pitbulls aufeinander los und schaut, welche vier sterben." Immer wieder versprach er Beförderungen und brach dann sein Wort. Eisner hat seinen besten Freund Michael Ovitz als Vizechef zu Disney geholt und schon am ersten Tag im Geheimen geplant, ihn wieder zu feuern. Er hat den Filmmanager Jeffrey Katzenberg mit Detailkritik an all seinen Projekten so lange zermürbt, bis dieser Disney verließ, zusammen mit Steven Spielberg das Studio Dreamworks ("Shrek") gründete und seinem alten Arbeitgeber die tüchtigsten Trickfilmkünstler abwarb.

"Steve Jobs ist ein schiitischer Muslim"

Filmerfolg "Shrek" vom Konkurrenzstudio Dreamworks: Trickfilmer abgeworben
UIP

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Oft genug ist "DisneyWar" komisch - etwa wenn Eisner in einer Szene wütet: "Es ist unmöglich, mit Steve Jobs zu verhandeln. Jobs ist ein schiitischer Muslim." Der Gescholtene - Apple-Gründer und Chef des Filmstudios Pixar - revanchiert sich und kündigt einen wichtigen Kooperationsvertrag, der Disney Kassenhits wie "Die Monster AG" und "Findet Nemo" eingebracht hatte. In einer anderen Szene tritt ein Unternehmensberater auf, der den Managern des Disney-TV-Kanals ABC mehr Teamgeist einimpfen soll. Doch der Berater resigniert: "Meine Analyse zeigt, dass ihr kein gutes Team seid. Ihr seid überhaupt kein Team. Ich seid nicht einmal eine Gruppe."

Ein Schlüssel zum Verständnis des Buches versteckt sich auf Seite 537, ganz hinten im Anhang. Stewart bedankt sich da bei drei Literaturprofessoren, die ihm geholfen haben, "Eisner mit Figuren bei Shakespeare zu vergleichen". Für Stewart ist Eisner eine tragische Figur im klassischen Sinn - ein King Lear der Konzernwelt, "dessen Macht so groß ist, dass er die Wahrheit verbiegt, damit sie ihm passt."

"Wer ist die Gierigste im ganzen Land?"

Eisner-Antipode Roy Disney: Den Chef als böse Königin karikiert
REUTERS

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Das klingt weit hergeholt. Stewart aber zeigt überzeugend, dass Eisner nicht frei ist von Königsallüren. In einem Interview erklärte Eisner, offenbar im vollen Ernst, die Namen Disney und Eisner gingen auf eine gemeinsame Wurzel zurück. Man müsse bei "Eisner" nur das "E" weglassen, den Namen französisch schreiben und aussprechen - "D'Isner" - schon klinge er wie "Disney". Eisner bestand auch darauf, im "Disney Channel" allwöchentlich die Sendung "Wundervolle Welt" zu moderieren wie einst Walt Disney selbst. Dabei hatten ihn sogar seine Frau und Söhne gewarnt, dass er nicht einmal ein Minimum an TV-Präsenz mitbringt. Eisner, folgert Stewart, sieht sich als Wiedergänger des Firmengründers, als Thronerbe im Magic Kingdom.

Wie "King Lear" zerfällt "DisneyWar" in dramatische Akte. Im dritten beginnt die Revolte, die Eisner - beinahe - seine Krone kostet. Roy Disney, Walts Neffe, strengte Ende 2003 gemeinsam mit anderen Abtrünnigen eine "Rettet Disney"-Kampagne an. Ihre Beschwerdeliste war lang: Eisner lasse die Disneyland-Parks verfallen, produziere nur noch geistlose Filme, kassiere trotz schwacher Gewinne astronomische Boni. Eine Karikatur bei auf der Rebellen-Seite savedisney.com zeigte Eisner als böse Königin aus "Schneewittchen". "Wer ist die Gierigste im ganzen Land", fragt sie, und schaut in den Spiegel.

Verkleidete Eisner-Gegner protestieren vor der Hauptversammlung: Akt der Aktionärsdemokratie
AP

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Die Rebellen würden scheitern, war Eisner sich sicher - doch sie erhielten erstaunlichen Zulauf. Selbst große Investmentfonds wie Fidelity stellten sich klar gegen Eisner. Auf der Hauptversammlung vor einem Jahr verweigerten ihm 43 Prozent der Aktionäre die Stimme. Disney-Mitarbeiter, die Aktien besaßen, stimmten zu 72,5 Prozent gegen den eigenen Chef. Es war ein bisher einzigartiger Akt der Aktionärsdemokratie in der US-Konzernwelt. Gedemütigt gab Eisner einen Teil seiner Macht ab - und stellte seinen Rücktritt als CEO in Aussicht.

Als Nachfolger wurde am Wochenende Bob Iger designiert, der bei Disney vor allem den TV-Ableger ABC geprägt hat und sein neues Amt Anfang Oktober antreten soll. Im Stillen wird der Sonnenkönig Eisner immer noch fluchen, dass nach 21 Jahren ein anderer Disney führen soll. Eisner, das zeigt Stewart in seinem Buch, hat mehrfach darüber nachgedacht, Iger zu feuern. Vor ein paar Jahren schrieb Eisner in einem Brief an mehrere Aufsichtsräte: "Iger ist kein aufgeklärter oder brillant kreativer Kopf."

Eine gesunde Nachfolgeregelung sieht anders aus.


James B. Stewart, DisneyWar (New York 2005, Simon & Schuster), $29,95.



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