Docomos UMTS-Handys Flop in Fernost

Das japanische Mobilfunkunternehmen NTT Docomo galt mit seinem UMTS-Handy Foma bisher als Vorreiter und Hoffnungsträger der Branche. Doch selbst im technologieverliebten Nippon ist die 3G-Telefonie ein peinlicher Flop.

Tokio - Am Tokioter Hauptbahnhof beginnt Nippons Zukunft - zumindest an Gleis 22: Über dem Bahnsteig, an dem alle paar Minuten der Superschnellzug "Shinkansen" ein- und abfährt, surfen Geschäftsleute und Rucksacktouristen im Internet - allerdings nicht mit UMTS-Handys. Stattdessen weist eine kleine Antenne den Weg in eine völlig neue Cyber-Ära: Die Daten werden über eine drahtlose LAN-Verbindung zu Notebooks und Palm-PDAs übetragen. Mit Breitband-Geschwindigkeit.

Der Versuch der Bahngesellschaft Japan East und des Telefonbetreibers Nippon Telecom hat Symbolwert: Noch bevor die neue Ära der UMTS-Handys (3G) richtig begonnen hat, drohen drahtlose LAN-Verbindungen über lokale Sende-Stationen die kostspielige Infrastruktur für die nächste Handy-Generation teilweise überflüssig zu machen.

Der Vorteil der neuen Technologie für mobile Internet-Nutzer: Statt über winzige Handy-Bildschirme können sie auf Klein-Computern oder Palm-Geräten bequem Videos anschauen oder Musik herunterladen. "Unsere Kunden sind begeistert von der mobilen LAN-Technologie", sagt Kazushi Masuya, Sprecher von Japan East. Denn am Bahnsteig können sie Daten überdies mit zehnmal so hoher Geschwindigkeit herunterladen wie auf 3G-Handys.

Debakel beim UMTS-Lackmus-Test

Auch in Hotel-Lobbys und Einkaufs-Passagen experimentieren japanische Firmen derzeit fieberhaft mit der neuen, mobilen Breitband-Technologie. Dabei lockt vor allem der geringere Aufwand: So kostet der Bau einer drahtlosen LAN-Station nur etwa 100.000 Yen. Dagegen müssen Mobilfunk-Betreiber für die teure 3G-Technik völlig neue Antennen-Anlagen errichten, die jeweils mehrere hundert Millionen Yen kosten. Allein Japans Mobilfunkriese NTT Docomo will in den kommenden drei Jahren rund eine Billion Yen in den Ausbau seiner UMTS-Infrastruktur investieren.

Die neue Konkurrenz-Technologie könnte für die Handy-Branche kaum zu einem schlechteren Zeitpunkt kommen. Weltweit rutschen Mobilfunk-Firmen derzeit in die roten Zahlen, weil sie sich mit gewagten Investitionen in die hochgejubelte UMTS-Technologie gründlich übernommen haben. Besonders krass trifft das Debakel Japan, den Vorreiter der einstigen Hoffnungs-Branche.

Teures Spielzeug mit Macken

Als weltweit erster Betreiber brachte NTT Docomo im vergangenen Jahr 3G-Handys mit der so genannten Foma-Technologie - auf den Markt. Zuvor hatte Docomo große Erwartungen geweckt: Telefonieren über Video, bessere Ton-Qualität und schnellere Datenübertragung sollten Handy-Nutzer davon überzeugen, auf Foma umzusteigen.

Es kam anders. Der 3G-Start wurde für Docomo zunächst zum peinlichen Flop: So konnten stolze Foma-Besitzer ihre Handys zunächst nur im Großraum Tokio benutzen; wegen Software-Macken stockte immer wieder der Empfang. Und weil die Batterien schon nach kurzem Betrieb zur Neige gehen, liefert Docomo die Handys schon beim Kauf mit Ersatzbatterie aus.

Inzwischen hat Docomo den Service zwar verbessert; theoretisch könnte die Firma jetzt 60 Prozent der Bevölkerung mit UMTS beglücken. Gleichwohl: Japans Konsumenten verweigern sich großenteils der neuen Handy-Generation. Zwar setzte Docomo die Umsatz-Erwartungen von Anfang an bescheiden an: 150.000 UMTS-Handys – für die hightech-bessene 120-Millionen-Nation eine lächerlich niedrige Zahl – wollte Docomo ursprünglich bis Ende März verkaufen. Tatsächlich setzte Docomo bis 1. Mai nur 100.600 Stück ab.

i-Mode als Computerersatz

Mit Anschaffungs-Preisen von 65.000 bis 200.000 Yen sowie sündhaft teuren Datenübertragungs-Gebühren ist UMTS selbst Nippons verwöhnten Schülern, die monatlich etwa 15.000 Yen an Handy-Gebühren ausgeben, zu teuer. "Foma kann ich nicht bezahlen", klagt Oberschüler Keiji Kobayashi, 18, der im Tokioter Vergnügungsviertel Shinjuku auf einem herkömmlichen "i-mode"-Handy seine E-Mails verschickt.

Über Docomos "i-mode" – diesen Service bietet die Firma seit März über E-Plus auch in Deutschland an - surfen mittlerweile über 30 Millionen Japaner im Internet. Die Erfolgs-Story von "i-mode" gründet sich auf die erstaunliche Tatsache, dass viele Japaner nicht über Computer, sondern erst über Handys Zugang zum Internet erhielten.

Beflügelt durch den geschäftlichen Erfolg von "i-mode" starteten Docomos Manager eine weltweite Offensive. Sie kauften sich in ausländische Mobilfunkbetreiber ein, darunter KPN-Mobilie – die niederländische Mutter von E-Plus. Mit Hilfe der Beteiligungen will Docomo zunächst "i-Mode" und später dann "Foma" zum weltweiten Handy-Standard machen. Docomos Expansionskurs schien gefahrlos, denn anders als europäische Konkurrenten brauchte die von der japanischen Regierung protegierte Firma keine ruinösen Gebühren für den Erwerb von UMTS-Lizenzen zu bezahlen.

Lesen Sie im zweiten Teil, warum Docomos Strategie, i-Mode und Foma zum Weltstandard zu machen, vermutlich nicht aufgeht.

Abschreibung im Billionen-Yen-Bereich

Doch die japanische Strategie hat einen Haken: Weil Docomo an Firmen wie KPN-Mobile in den Niederlanden oder AT&T Wireless in den USA nur Minderheitsbeteiligungen erwarb, kann es die Geschäftspolitik seiner Partner nicht selbst bestimmen. Noch schlimmer: Durch die weltweite Krise der Handy-Branche büßten Docomos Beteiligungen dramatisch an Wert ein.

So muss die Firma im Geschäftsjahr 2001, das am 31. März endete, einen außerordentlichen Verlust von über einer Billion Yen abschreiben. Der Sonderposten drückt schmerzhaft auf die Firmenbilanz, die Docomo-Chef Keiichi Tachikawa am kommenden Dienstag in Tokio vorlegen wird: Erstmals seit Gründung vor zehn Jahren rutschte Nippons Vorzeige-Unternehmen in die roten Zahlen.

Besserung ist nicht in Sicht: Über die Hälfte der Japaner besitzt bereits Handys, der Markt ist vorerst gesättigt. Im vergangenen Geschäftsjahr schrumpfte die Zahl der neuen Handy-Nutzer um 17 Prozent auf 8,1 Millionen. Angesichts ihrer jahrelangen Wirtschaftskrise lassen sich selbst japanische Schüler – die treuesten Handy-Kunden – immer seltener dazu verlocken, schon nach einem Jahr wieder das allerneueste Handy-Modell zu kaufen. Im laufenden Jahr wappnet sich die Branche daher für weitere Umsatz-Einbußen.

Großspurige Zukunftsvisionen werden still beerdigt

Angesichts des Docomo-Debakels lässt sich auch Docomos heimische Konkurrenz nur halbherzig auf die 3G-Zukunft ein. So bietet Konkurrent KDDI seinen Kunden seit April nur eine abgespeckte 3G-Version an. Damit können die Nutzer zwar Videos und Musik vom Netz herunterladen und bessere Tonqualität genießen, aber die Übertragungsgeschwindigkeit ist nur halb so hoch wie bei Docomos Foma-Handy. Der Vorteil indes: Die Nutzung kostet nur halb so viel wie bei Docomo.

Auch der japanische Anbieter J-Phone, der zu 70 Prozent dem Mobilfunk-Giganten Vodafone gehört, den Einstieg in 3G schon zum wiederholten Mal verschoben. Erst wollte die Firma Ende vergangenen Jahres UMTS-Handys auf den Markt bringen, dann im Juni. Und kürzlich vertagte J-Phone den Start dann auf Dezember. Das Bekenntnis zu UMTS geht den J-Phone-Managern freilich nur zögerlich über die Lippen. Tatsächlich verdient J-Phone derzeit blendend mit seiner aktuellen Handy-Generation (2,5G). Dank eines herkömmlichen Handy-Modells, mit dem J-Phone-Kunden Schnappschüsse als E-Mail-Datei versenden können, stieg die Firma zum zweitgrößten Mobilfunk-Anbieter nach Docomo auf.

Von 3G können Japans Handy-Betreiber dagegen vorerst keine Gewinne erwarten. Zerknirscht entschuldigt sich die Branche jetzt für die großspurigen Zukunftsvisionen, mit denen sie noch vor zwei Jahren ihre Aktienkurse in die Höhe redete. Dass die Seifenblase des Mobilfunks platzen würde, "hätte wohl nur Gott ahnen können", rechtfertigt sich Docomo-Boss Tachikawa.

Allein mit höflichen Ausreden, das weiß der Japaner, kann er seine Aktionäre kaum besänftigen. Zum Trost verspricht er ihnen eine Sonder-Dividende zum zehnten Firmenjubiläum. Sich selbst und seinen Vorstandskollegen hat der reuige Manager dagegen eine Gehaltskürzung verordnet.