Trump und Xi beim G20-Gipfel Zocken um die Weltwirtschaft

Deal oder Duell? Beim G20-Gipfel in Japan trifft US-Präsident Trump auf Chinas Machthaber Xi, um den Handelskrieg beizulegen. Scheitern die Gespräche, könnte das für den Rest der Welt verheerende Folgen haben.

US-Präsident Donald Trump und Chinas Präsident Xi Jinping im November 2017
REUTERS/ Damir Sagolj

US-Präsident Donald Trump und Chinas Präsident Xi Jinping im November 2017

Von , Washington


Vor den Handelsexperten der US-Regierung fand vergangene Woche eine Show mit Unterwäsche statt. Sie sollten sich das einmal genau ansehen, forderte der Mann im Zeugenstand, während er vor den Beamten mit einem Büstenhalter herumwedelte: die feine Spitze, die elastischen Schulterträger, die genähten Körbchen. "Ich habe dieses Muster mitgebracht, damit Sie sehen, worum es hier geht." Eine ungewöhnliche Vorführung während einer offiziellen Anhörung im prüden Amerika. Doch für Mark Corrado, den Präsidenten des Wäscheherstellers Leading Lady aus Ohio, geht es um alles: Die nächste Runde im Handelsstreit mit China könnte das von seinem Großvater gegründete Familienunternehmen die Existenz kosten, fürchtet der Manager. "Wir können höhere Importzölle nicht verkraften."

Wenn US-Präsident Donald Trump an diesem Freitag und Samstag beim G20-Gipfel in Japan auftritt, steht nicht nur Corrados Schicksal auf dem Spiel. Nach Ansicht vieler Experten geht es auch um die Zukunft der US-Konjunktur und der Weltwirtschaft. Scheitert das in Osaka für Samstagmittag geplante Gespräch zwischen Trump und dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping, könnte das einen Börsencrash auslösen, der die zunehmend wacklige Realwirtschaft mit nach unten reißt.

Spitzenvertreter der US-Wirtschaft und zahllose Firmenchefs haben vor seiner Abreise an Trump appelliert, eine Eskalation zu vermeiden. Doch der Präsident hat offengelassen, wie weit seine Kompromissbereitschaft reicht. "Wir werden entweder einen guten und fairen Deal haben, oder wir werden überhaupt keinen Deal haben. Und das ist auch okay", polterte er bei seinem offiziellen Wahlkampfauftakt in Florida, während die Fanriege hinter ihm ihre "Make Amerika Great Again"-Plakate in die Höhe riss. Komme keine Einigung zustande, sei "der Präsident perfekt glücklich damit", Zölle auf weitere chinesische Waren im Wert von 300 Milliarden Dollar in Kraft zu setzen, bekräftigt Wirtschaftsminister Wilbur Ross.

Einigung in letzter Minute?

Bloßes Erwartungsmanagement des selbst erklärten Dealmakers oder atemberaubende Nonchalance eines Egomanen? Bei Trump ist beides möglich. Er war es, der im Dezember 2018 auf dem G20-Gipfel in Buenos Aires beim Steakessen mit seinem "Freund" Xi in letzter Minute einen Waffenstillstand schloss, der den Konflikt erst einmal beruhigte. Viele Beobachter und offenbar auch seine Mitstreiter wie Ross und Finanzminister Steven Mnuchin setzen nun darauf, dass der Präsident diese Nummer wiederholt. Aber der "Zoll-Mann" Trump war es auch, der nach Scheitern der Verhandlungsrunde im Frühjahr - wie befreit - die Strafzölle für China auf 25 Prozent anhob. Das Grummeln unter den geplagten amerikanischen Farmern, die auf ihrer Sojaernte sitzen bleiben, hinderte ihn ebenso wenig daran wie die Warnungen der Konzerne von Apple bis Walmart.

Trump fühlt sich offenbar sicher. Dass die Konjunkturexperten damit begonnen haben, ihre Prognosen nach unten zu korrigieren, scheint ihn kaltzulassen. Trump, so kann man das interpretieren, interessiert allein das eigene Resultat bei der nächsten Präsidentschaftswahl.

Eine flächendeckende Abkehr seiner Basis aber ist bisher genauso ausgeblieben wie eine Revolte der republikanischen Parteifreunde. Nicht einmal die Demokraten wollen sich dabei erwischen lassen, mit dem Rivalen China zu fraternisieren. Als Präsidentschaftsbewerber Joe Biden die Chinesen abwiegelnd als "keine schlechten Kerle" und "keine Konkurrenz für uns" bezeichnete, erntete er breite Kritik, und Verschwörungstheoretiker gruben die Geschäftsverbindungen seines Sohnes in China aus. "China TRÄUMT davon, dass der verschlafene Joe Biden, oder irgendeiner der anderen, 2020 gewählt wird", ätzte Trump auf Twitter. "Sie LIEBEN es, Amerika auszunehmen!" Mittlerweile äußert sich Biden deutlich vorsichtiger.

Den Amerikanern hilft, dass gegenläufige Entwicklungen die Folgen des Handelskriegs bisher abgefedert haben: Viele Unternehmen haben die Kosten an die Verbraucher nicht weitergegeben, der starke Dollar hat die Importe generell verbilligt und der niedrigere Ölpreis die Haushaltskassen entlastet. "Wir sind sehr glücklich damit, wo wir stehen. Wir nehmen ein Vermögen ein, und offen gesagt ist es keine gute Sache für China, aber es ist eine gute Sache für uns", erklärte Trump in Verkennung der ökonomischen Fakten siegesgewiss am Mittwoch im Interview mit dem Sender Fox Business.

Trump - das größte Risiko für den Aufschwung

Wenn sich der US-Präsident in Osaka zum Familienfoto mit den Amtskollegen aufstellt, hat er jedoch tatsächlich einmal Grund zum Prahlen. Amerika bricht an diesem Sonntag einen Rekord: Noch nie in der Geschichte ist die Wirtschaft der Supermacht über einen so langen Zeitraum kontinuierlich gewachsen: Seit 40 Quartalen - zehn Jahren - melden die Statistiker ein steigendes Bruttoinlandsprodukt (BIP). Zuletzt ging es mit einer Jahresrate von gut drei Prozent nach oben, ein Wert, von dem sowohl Gastgeber Japan wie auch die anreisende deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel nur träumen können.

Containerhafen in Los Angeles: "Wir können höhere Importzölle nicht verkraften"
Mike Blake/ REUTERS

Containerhafen in Los Angeles: "Wir können höhere Importzölle nicht verkraften"

Doch das größte Risiko für den Aufschwung ist ausgerechnet der Mann, der sich damit so gern brüstet. Verhängt Trump wie angedroht die nächste Tranche an Strafzöllen, wird das nicht nur für Tumulte an den Märkten sorgen, sondern auch für prompte Gegenreaktionen aus Peking. Und diese Runde schlägt dann auch voll beim Konsumweltmeister USA durch: Nicht nur der BH würde teurer, sondern auch das iPhone und vieles mehr. 85 Prozent aller in den Vereinigten Staaten verkauften Spielzeuge kommen aus China. Bei Kleidung, Schuhen und Haushaltsgeräten kämen nach Berechnung des Einzelhandelsverbands auf die Amerikaner Preiserhöhungen von 12,2 Milliarden Dollar im Jahr zu.

Dass Xi und Trump bei ihrem auf eineinhalb Stunden angesetzten Gespräch in Osaka einen Durchbruch erzielen, glaubt man in Washington trotzdem nicht. Wahrscheinlicher ist, dass sie sich einigen, die Verhandlungen wieder aufzunehmen.

"Wir waren schon zu rund 90 Prozent da, und ich glaube, es gibt einen Weg, um das zu vollenden", sagte Finanzminister Mnuchin dem Sender CNBC. Tatsächlich hatten die Unterhändler Fortschritte bei vielen Punkten der US-Kritikliste erreicht, die von Chinas Exportüberschuss über den Diebstahl geistigen Eigentums und den erzwungenen Technologietransfer bis hin zur Währungsmanipulation reicht. Am Ende aber scheiterte es nach US-Darstellung daran, dass die Chinesen ihre Zugeständnisse nicht in Gesetzesform gießen wollten - und die Amerikaner es ablehnten, mit der Abschaffung der bestehenden Zölle in Vorlage zu gehen.

Kosten des Handelsstreits tragen die Amerikaner

Nun redet man immerhin wieder miteinander. Trump hat nach eigenem Bekunden "ein sehr gutes Telefongespräch mit Präsident Xi aus China" geführt, und sein Handelsbeauftragter Robert Lighthizer ist wieder im Einsatz. Es "scheint so, als ist der Waffenstillstands-Kuchen gebacken", zitierte das Nachrichtenmagazin "Politico" einen Insider. Allerdings bestehe stets das Risiko, "dass Präsident Trump es sich anders überlegt".

Die Chinesen haben deutlich gemacht, dass sie keinen Kotau vorführen werden. Der Besuch von Xi beim nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un unmittelbar vor dem G20-Gipfel war ein unmissverständliches Signal: Amerika, du brauchst uns genauso wie wir dich.

Wäscheproduzent Corrado und seine Kollegen muss man das nicht sagen. Knapp 2700 Stellungnahmen sind zur Zoll-Anhörung des Wirtschaftsministeriums eingegangen - und sie zeichnen ein Bild der Angst. Man habe nicht allein aus Kostengründen die Produktion der Miederwaren nach Asien verlagert, sagte Corrado: In ländlichen Amerika finde man keine qualifizierten Näherinnen mehr. "Es ist eine Menge Präzision erforderlich, um das so gut zu machen, wie sie es in China tun."

Dass der Präsident den Hilferuf hört, bezweifelt auch die konservative Heritage Foundation. "7 Tage, 321 Zeugen, 300 Milliarden Dollar an Waren, und Zeitverschwendung aller", kommentierte Riley Walters von der Denkfabrik die Anhörung. Seine Vorhersage: "Die Kommentare werden auf taube Ohren stoßen." Denn der Mann, der sich auf Twitter @realDonaldTrump nennt, entscheide ganz allein. Real, so glaubt Walters, werden vor allem die Kosten des Handelsstreits für die Amerikaner sein.



insgesamt 58 Beiträge
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ddcoe 27.06.2019
1. Trump kann nicht gewinnen
er hat nicht einmal die Situation verstanden. Wenn es hart auf hart kommt wird China seine Unternehmen halt für nichts bezahlen - kein Problem in deren Wirtschaftssystem. Gleichzeitig gehen die Unternehmen in den USA schlicht in die Insolvenz. Dann das nicht beim Wechseln der Windeln jemand Opa Trump erklären?
nachdenklich1 27.06.2019
2. So, so
der US Präsident trifft auf Chinas Machthaber. Da braucht man gar nicht weiter zu lesen.
herrschläfer 27.06.2019
3. Falsch gedacht!
Schließen sie Frieden sind wir dran. Das ist sein Ziel, das Ziel von autoritären P. Auge um Auge. Erst Mexiko, dann China, dann Indien und mit dieser Drohkulisse schlußendlich gegen Europa. Wir haben bei einer Einigung nichts gewonnen. Nicht mal Zeit.
echtermünchner 27.06.2019
4. Trump
Trump ist nicht die Ursache. Er ist das Symptom.
foamberg 27.06.2019
5.
möglicherweise für die natur ein segen! ;-)
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