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25. März 2018, 15:53 Uhr

Fehlendes Vertrauen

Die gefährliche Schwäche des Trump-Dollars

Eine Kolumne von

Die Wirtschaft boomt, die Zinsen steigen - eigentlich müsste der Dollar kräftig an Wert gewinnen. Doch die US-Währung schwächelt. Haben die Investoren das Vertrauen in die Wirtschaftspolitik von Präsident Trump verloren?

Der US-Präsident hatte versprochen, das Land wieder zu alter Stärke zu führen. Ein neuer Anfang sollte es sein. All die Selbstzweifel seien nun überwunden, tönte Ronald Reagan, als er 1984 am Ende seiner ersten Amtszeit für seine Wiederwahl warb: "It's morning again in America", hieß es damals im Wahlkampf.

Fast dreieinhalb Jahrzehnte später nimmt nun Donald Trump eine zweite Amtszeit ins Visier. "Keep America great!" lautet sein Slogan. Reichlich früh, schließlich sitzt er erst 14 Monate im Weißen Haus. Nichtsdestotrotz: Die Anklänge an Reagan, bis heute von vielen in der Republikanischen Partei als Lichtgestalt verehrt, sind unüberhörbar.

Auch in der Wirtschaftspolitik gibt es Parallelen. Weniger Regulierung der Märkte, niedrigere Steuern, höhere Militärausgaben - der Kurs, den Trump und die Republikaner im Kongress eingeschlagen haben, erinnert durchaus an die frühen Achtzigerjahre. Auch Reagan war dem einen oder anderen Handelskonflikt nicht abgeneigt. Trumps Handelsbeauftragter Robert Lightizer war übrigens damals schon an maßgeblicher Stelle aktiv. In den Achtzigern galt Japan als Hauptgegner, heute hat China diese Rolle (Achten Sie diese Woche darauf, wie Peking auf Trumps Zollpolitik reagiert).

Die Ähnlichkeiten sind unübersehbar, auch wenn sich Trump und Reagan in Stil und Ton stark unterscheiden.

Es ist nur so: Als Reagan seine zweite Amtszeit begann, war der Dollar so stark wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Binnen der ersten vier Jahre hatte er gegenüber anderen wichtigen Währungen im Schnitt mehr als ein Drittel an Wert gewonnen. Das passte zum nationalen Selbstbild der Reagan-Jahre - ein starkes Land mit einer starken Währung.

Über Trump hingegen urteilen die Devisenmärkte anders: Der Dollar fällt. Seit seinem Amtsantritt hat die US-Währung gegenüber Amerikas wichtigsten Handelspartnern im Schnitt rund zehn Prozent verloren, gegenüber dem Euro sogar noch mehr. Wie passt diese Schwäche zur regierungsamtlich verkündeten "greatness"?

Schwache Währung, starkes Land?

Kaum ein Preis ist emotional so stark aufgeladen wie der Außenwert einer Währung. Im Wechselkurs spiegelt sich die relative Stärke einer Volkswirtschaft im Vergleich zu anderen Nationen. Entsprechend stolz war die alte Bundesrepublik auf die Stärke ihrer D-Mark. Für Frankreich, das sich mehrmals von Abwertungen gepeinigt fühlte, wurde der "Franc fort" in den Achtzigerjahren zur Grundlinie der gesamten Wirtschafts- und Finanzpolitik. Die aktuelle Verunsicherung des Brexit-Lands Großbritannien hat sich zuallererst in einer Abwertung des Pfundes an den Devisenmärkten gezeigt.

Nationen, die eine starke Währung besitzen, können billig im Ausland einkaufen und sich dort zu günstigen Bedingungen Kapital leihen. Von diesem Privileg machen die USA seit Jahrzehnten ausgiebig Gebrauch.

Allerdings verteuert eine starke Währung auch die Exporte; in den Achtzigerjahren fiel die Reagan'sche Aufwertung so stark aus, dass sie Amerikas Industrie in die Knie zwang (weshalb der Dollarkurs in einer konzertierten Aktion der westlichen Staaten ab 1985 wieder gedrückt wurde.) Eine starke Währung muss man sich auch leisten können.

Zwischen beiden Polen ist die US-Politik auch jetzt hin- und hergerissen. Das war Ende Januar beim Weltwirtschaftsforum in Davos zu beobachten, als Finanzminister Steve Mnuchin den Eindruck vermittelte, ein schwacher Dollar sei im Interesse der USA, weil dadurch Amerikas Exporte billiger würden. Trump sah das allerdings anders und widersprach kurz darauf per TV-Interview: Er wolle "einen starken Dollar sehen". Die US-Währung werde "stärker und stärker".

Nun gut, die Zahlen verkünden eine andere Botschaft.

Der Abstand zu Europa wird größer und größer

Ökonomisch gesehen sollte der Dollar derzeit eigentlich aufwerten, weil die Zinsen in den USA anziehen. Außerdem steigt das US-Haushaltsdefizit durch Trumps Steuerreform deutlich. Das Geld dafür muss sich Washington zum Teil im Rest der Welt leihen. Beides sollte dafür sorgen, dass mehr Kapital nach Amerika fließt. Das heißt: Die Nachfrage nach Dollar sollte steigen. Folglich sollte die US-Währung teurer werden, also gegenüber anderen Währungen aufwerten. So, wie das in den ersten Reagan-Jahren bei einer ähnlichen wirtschaftspolitischen Konstellation der Fall war.

Tatsächlich passiert das Gegenteil: Der Dollar wird schwächer.

Nehmen wir die abgelaufene Woche. Am Mittwoch erhöhte die US-Notenbank Fed den Leitzins und peilt nun einen Korridor von 1,5 bis 1,75 Prozent an. Mehr noch: Das geldpolitische Komitee der Fed hat raschere Zinserhöhungen in Aussicht gestellt als noch bei seiner letzten Sitzung im Dezember. Nun erwarten die Gouverneure einen Leitzins von durchschnittlich 2,1 Prozent in diesem Jahr, von 2,9 Prozent 2019 und von 3,4 Prozent 2020. Nebenbei stößt die Fed auch noch Wertpapiere ab, die sie einst zur Bekämpfung der Finanzkrise gekauft hatte. Auch das lässt die Zinsen am Markt steigen.

Der Abstand zu Europa wird größer und größer. In der Eurozone liegt der Leitzins immer noch bei Null, und die Europäische Zentralbank kauft weiter Staatsanleihen auf. Zinserhöhungen stehen diesseits des Atlantiks bis ins kommende Jahr nicht an, und dann wird es auch wohl nur ganz sachte nach oben gehen.

Dennoch quittierten die Devisenmärkte die Fed-Ankündigung mit Regungslosigkeit; der Dollar-Euro-Kurs blieb praktisch unverändert. Wie kann das sein?

Wie leiht man sich Geld von jemandem, den man gerade brüskiert hat?

Der Wechselkurs ist ein komplexer Preis, in den viele Faktoren eingehen: nicht nur die aktuellen Zinsen, sondern auch auf die Zukunft gerichtete Erwartungen - Hoffnungen und Befürchtungen bezüglich Wachstum, Inflation, Produktivität, Bonitätsbewertungen und dergleichen mehr.

So ließ sich die relative Stärke des Euro gegenüber dem Dollar im vorigen Jahr damit begründen, dass sich die US-Konjunktur, wie erwartet, robust präsentiert. Mittlerweile entwickelt sich die europäische Konjunktur deutlich besser als gedacht - was sich allerdings rasch ändern könnte, sollte in Italien eine euroskeptische Regierung ans Ruder kommen (achten Sie auf den Fortgang der Koalitionsgespräche in Rom kommende Woche).

Die relative Schwäche des Dollar lässt sich aber auch als Urteil über Trumps Wirtschaftspolitik deuten. Der Mann im Weißen Haus scheint entschlossen, in einen Handelskrieg einzusteigen. Bisherige Partner werden dabei zu Gegnern, darunter gerade auch ein Land wie China, das nicht nur in die USA exportiert, sondern in der Vergangenheit auch zu den wichtigsten Financiers des US-Defizits gehörte, weil die Chinesen massenhaft amerikanische Staatsanleihen kauften.

Wie will man sich im Ausland zu günstigen Konditionen Geld leihen, wenn man gleichzeitig dieses Ausland vor den Kopf stößt?

Anders als Trump war Reagan ein Präsident, der Amerikas Bündnisse pflegte - und der obendrein ein Land regierte, das noch ein Nettogläubiger gegenüber dem Rest der Welt war. Heute sind die USA ein Nettoschuldner, der bei internationalen Kreditgebern unter dem Strich mit acht Billionen Dollar in der Kreide steht. Das verändert die Machtverhältnisse. Und vielleicht auch die künftigen Finanzierungsbedingungen.

Womöglich steckt hinter dem schwächeren Dollar die Erwartung, dass es dieses Mal nicht so einfach wird, die Defizite im Ausland zu finanzieren. Schon im vorigen Jahr haben wir an dieser Stelle darüber diskutiert, ob die Solvenz der USA sich nicht als Achillesferse Trumpscher Politik erweisen könnte.

Sollte Amerikas langfristige Zahlungsfähigkeit in Zweifel gezogen werden, müsste das Land künftig mit höheren Zinsen und einem schwächeren Wechselkurs klarkommen. Der schwächliche Trump-Dollar wäre ein Indiz dafür, dass dieses Szenario näher rückt.

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