Henrik Müller

Teure Abschottung Wie der Handelskrieg die Inflation schürt

Die Zölle steigen, die Preise auch. Die Protektionismus-Spirale dreht sich immer weiter. Wann kommt die Inflation?
US-Flaggen "Trump 2020" - made in China

US-Flaggen "Trump 2020" - made in China

Foto: AFP

Vor einigen Wochen geschah etwas Bemerkenswertes: Die Administration von US-Präsident Donald Trump startete eine Untersuchung gegen Stahlspekulanten. Diese Geschäftemacher hätten die Preise hochgetrieben, grollte der zuständige Minister Wilbur Ross. Da seien "Profiteure" mit "asozialem Verhalten" am Werk. Leute, gegen die man vorgehen müsse.

Man kann es auch so sehen: Die US-Regierung will von eigener Schuld ablenken. Schließlich war sie es, die den Preisanstieg ausgelöst hat. Indem sie Zollsätze von 25 Prozent auf Stahl- und zehn Prozent auf Aluminiumimporte verhängt hatte, wurden beide Güter teurer. Dass Märkte übertreiben - und dass eine erratische Politik à la Trump Spekulanten geradezu anlockt -, sollte niemanden überraschen. Die US-Stahlpreise legten denn auch um bis zu 40 Prozent zu.

Natürlich führt Protektionismus zu steigenden Preisen. Das ist sein eigentlicher Zweck: Zölle und andere Importbehinderungen sollen einheimische Produzenten vor billigerer ausländischer Konkurrenz schützen. Die Zeche zahlen die Verbraucher sowie Unternehmen, deren Vorprodukte teurer werden, und deren Beschäftigte.

Schon jetzt beklagen Getränkekonzerne im Dosenland Amerika höhere Aluminiumpreise. Die Vereinigung internationaler Autoproduzenten in den USA warnte kürzlich, dass die Preise von Importwagen um bis zu 6000 Dollar steigen würden, sollte Trump, wie angedroht, höhere Zölle auf importierte Fahrzeuge und Autoteile erheben lassen. Auch in Amerika produzierte Autos würden wohl teurer.

Kann der grassierende Nationalökonomismus am Ende einen Inflationsschock auslösen?

Ruhe ist erste Notenbanker-Pflicht

Derweil bemühen sich die Notenbanken, Gelassenheit zu zelebrieren. Jay Powell, Chairman der US-Federal Reserve, hat in der abgelaufenen Woche bekräftigt, seine Behörde bleibe bei ihrem Kurs, die Zinsen auch weiterhin nur allmählich anzuheben.

EZB-Chef Mario Draghi, der nach der Ratssitzung der Euro-Bank am Donnerstag vor die Presse treten wird, dürfte sich ähnlich äußern. Kernpunkte: Die Anleihekäufe werden bis zum Jahresende heruntergefahren; die Zinsen bleiben noch mindestens ein Jahr lang auf null. "Die Geldpolitik wird noch einige Zeit die wirtschaftliche Expansion begleiten müssen", wie Draghi typischerweise formuliert.

Die Botschaft ist eindeutig: Von Inflation sei wenig zu sehen. Und das werde wohl auch noch länger so bleiben. Schließlich ist die Arbeitslosigkeit in einigen Ländern nach wie vor hoch. Zehn Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise sei man immer noch auf dem Weg zur Normalisierung. Protektionismus, so der Tenor, sei eher ein Wachstumshindernis als ein Inflationstreiber.

Und bislang gelten erhöhte Zölle ja auch lediglich für einen kleinen Teil des Welthandels. Noch bemüht sich die Handelsdiplomatie um die Eindämmung des Konflikts; am Mittwoch wollen Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und Handelskommissarin Cecilia Malmström in Washington versuchen, die Lage zu entschärfen. Allerdings sind negative Überraschungen keineswegs ausgeschlossen.

Zurück in die Zukunft

Handelskriege können eine gefährliche Eigendynamik entwickeln. Ein Zoll folgt auf den nächsten. So erhebt nun auch die EU Sonderabgaben auf Stahlimporte aus aller Welt, um sich gegen Billigware zu schützen, die wegen der US-Zölle nach Europa zu schwappen droht.

Geht das Spiel in diesem Stil weiter, werden mehr und mehr Produktgruppen in die Protektionismusspirale hineingesogen. Und zwar auch von Akteuren, die dies eigentlich gar nicht wollen. Welche Folgen hat dieses Szenario für die Inflation?

Ich erwarte folgendes Muster:

Kurzfristig werden die Inflationsraten leicht anziehen, weil einzelne Produkte teurer werden. Siehe Stahl und Autos in den USA.

Mittelfristig sollte die Inflation zunächst wieder zurückgehen. Denn ein ausgewachsener Handelskrieg würde zu erheblicher Verunsicherung bei Investoren und Verbrauchern führen. Was zunächst einmal für einen Nachfrageeinbruch und tendenziell sinkende Preise sorgen dürfte. (Achten Sie am Mittwoch auf den Ifo-Geschäftsklimaindex, der seit Monaten sinkt.)

Längerfristig würden in diesem Szenario die Inflationsgefahren allerdings deutlich steigen, weil in abgeschotteten Märkten das Angebot weniger flexibel auf die Nachfrage reagieren kann.

Ein Handelskrieg würde die Entwicklung der vergangenen drei Jahrzehnte umkehren. Die Globalisierung hat ein nahezu unbegrenztes Angebot an Gütern geschaffen. Was auch immer gewünscht wird, lässt sich von irgendwo auf der Welt importieren. Globale Unternehmen haben grenz- und kontinentübergreifende Wertschöpfungsketten geknüpft; sie haben Kostenvorteile an diversen Standorten genutzt; intensiver internationaler Wettbewerb hat den Spielraum für Lohnerhöhungen eingeschränkt. All das hat auf die Preise gedrückt und für dauerhaft niedrige Inflationsraten gesorgt - was es wiederum den Notenbanken enorm erleichterte, ihren Job zu machen.

Währungspolitik, der nächste Schauplatz des Handelskriegs

Nun wird die Lage deutlich ungemütlicher. Dabei werden die Auswirkungen umso gravierender sein, je weiter die Renationalisierung der Wirtschaftspolitik voranschreitet. Das schlimmstmögliche Szenario wäre dabei nicht mal eine Aufspaltung der Welt in große Handelsblöcke, sondern der Zerfall des EU-Binnenmarkts. Die Rückkehr zu engen nationalen Märkten wäre der Nährboden für Stagflation: stagnierende Wirtschaft plus Inflation. Großbritannien ist bereits unterwegs in diese Richtung; der bevorstehende Brexit baut neue Handelsbarrieren auf und stiftet schon im Vorfeld große allgemeine Verunsicherung. Das Resultat: Die Wirtschaft lahmt, das Pfund fällt, die Preise steigen.

Ein Rückfall in chronische Inflation mag aus heutiger Sicht abwegig erscheinen. Aber wer weiß? Vor zweieinhalb Jahren konnte sich auch noch niemand wirklich vorstellen, dass Großbritannien aus der EU aussteigen und dass ein ehemaliger Reality-TV-Darsteller ins Weiße Haus einziehen würde.

Nun verwickelt Trump die Welt in einen Handelskrieg. Und er mischt sich auch noch in die Geld- und Währungspolitik ein. In den vergangenen Tagen hat er behauptet, die Eurozone und China würden ihre Wechselkurse manipulieren und dadurch unfaire Vorteile im Außenhandel genießen. Nebenbei kritisierte er Fed-Chef Powell für dessen Zinserhöhungen. Ein kaum verbrämter Angriff auf die Unabhängigkeit der Notenbank.

Es könnte der nächste Schauplatz des Konflikts werden: ein Abwertungswettlauf, mit dem Ziel, sich kurzfristige Exportvorteile zu verschaffen. Die Notenbanken wären dann nicht mehr vorrangig für die Inflationsbekämpfung zuständig - mit absehbaren Folgen.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

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