Judy Shelton, Trumps Fed-Favoritin Sie nennen sie Goldkäfer

Der US-Präsident will eine Außenseiterin in die Führungsriege der Notenbank schicken. Judy Shelton fordert die Rückkehr zum Goldstandard und kann genau das, was Trump schätzt: Opportunismus.
Von Ines Zöttl, Washington
"Goldkäfer" Judy Shelton: Gespräche mit Medien führt sie gerne im Trump International Hotel

"Goldkäfer" Judy Shelton: Gespräche mit Medien führt sie gerne im Trump International Hotel

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Andrew Harrer/ Bloomberg via Getty Images

Ein zweijähriges Dienstjubiläum ist normalerweise kein großes Ding. Im Fall von US-Notenbankchef Jerome Powell aber sieht das anders aus: Angesichts der Dauerattacken aus dem Weißen Haus dürfte der Fed-Präsident froh sein, die Hälfte seiner Amtszeit einigermaßen unbeschadet überstanden zu haben. Zuletzt lamentierte Donald Trump, dass er statt Powell nicht den Ökonomen Kevin Warsh berufen habe - und gab dem unterlegenen Kandidaten auch noch die Schuld dafür: "Warum hast du nicht mächtiger gedrängt, Kevin?"

Dass Powell sich nicht als Befehlsempfänger von Trump empfindet, ist für diesen offenbar eine geradezu traumatische Erfahrung. Jedenfalls hat der Präsident die Nominierungen für die verbliebenen zwei freien Posten im Fed-Direktorium ein halbes Jahr lang liegen lassen. Er habe sich für Judy Shelton und Christopher Waller entschieden, erklärte Trump im Juli 2019 - die offizielle Bestätigung des Weißes Hauses ließ dann bis Januar 2020 auf sich warten.

Konventionelle versus kreative Lösung

Das Kandidaten-Duo könnte unterschiedlicher nicht sein. Waller, Forschungsdirektor der Fed von St. Louis und Ex-Professor für Geldpolitik, ist die konventionelle Besetzung.

Gegen ihn nimmt sich die 66-jährige Shelton wie ein Paradiesvogel aus. Die promovierte Betriebswirtin beriet im Wahlkampf 2016 die Trump-Kampagne, wofür sich der Wahlsieger dann mit einem Posten bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London bedankte. Dort versäumte die US-Exekutivdirektorin nach Recherchen des "Wall Street Journal" zwar 11 von 26 Sitzungen, nutzte die Zeit aber, um ihrem Mentor im Gedächtnis zu bleiben.

Trump verfolge mit dem Abbau von Regulierung, Steuersenkungen und einer "echten Handelsreform" eine Agenda für Wachstum, schwärmte Shelton, kurz bevor der Präsident sie auserkor. Das Gespräch mit dem "Wall Street Journal" führte sie im Trump International Hotel, wo sie sich in einer Suite eingemietet hatte. Auch die "Financial Times" traf sie in der Luxusherberge an der Pennsylvania Avenue. Von dort aus feuerte sie eine Breitseite gegen die Institution, in die sie nun einrücken soll. Shelton verglich die Zentralbank Amerikas mit Gosplan, dem Wirtschaftsplanungs-Komitee der einstigen Sowjetunion. "Wie kann ein Dutzend, etwas weniger als ein Dutzend Leute, die sich achtmal im Jahr treffen, über den Preis von Kapital entscheiden?", qualifizierte sie den leitzinssetzenden Offenmarktausschuss ab. Das solle besser dem Markt überlassen werden, findet die Direktorin in spe.

Goldstandard, neues Bretton Woods - Ideen von gestern

Auch sonst sind Sheltons Positionen nicht gerade ökonomischer Mainstream. Sie befürwortet die Rückkehr zum Goldstandard, dem Währungsmodell, das auf der Idee beruht, dass jeder Dollar in Gold umgetauscht werden kann. Eine kleine, aber eingeschworene Fangemeinde verficht die Goldbindung, weil damit verhindert werde, dass Regierungen oder Notenbanken die Geldmenge aufblähten und so Inflation verursachten. "Sie steht nicht allein", kommentierte der einstige Fed-Vize Alan Blinder - und fügte sarkastisch hinzu, auch die Flat Earth Society, die darauf beharrt, dass die Erde eine Scheibe ist, habe Mitglieder.

"Goldkäfer" wird Shelton in der US-Presse genannt, und sie stört sich nicht daran. Schließlich steht der dem Prunk zugeneigte Ex-Immobilienmakler auf ihrer Seite: Eine Rückkehr zum Goldstandard, den die USA schon vor Jahrzehnten nach dem Kollaps des Systems aufgegeben haben, "Junge, das wäre so wundervoll", schwärmte Trump 2016.

Der Ökonom Barry Eichengreen glaubt, dass es Shelton vor allem darum geht, die Wechselkurse einzufrieren, um anderen Ländern die Möglichkeit zu nehmen, sich durch eine Abwertung Exportvorteile zu verschaffen. Sie hat eine neue Bretton-Woods-Konferenz vorgeschlagen, nach dem Vorbild von 1944, als die Amerikaner ein internationales System mit festen Austauschverhältnissen zum Dollar durchsetzten. Ihre dezente Anregung: Diese Konferenz sollte dann am besten in Trumps Millionärsressort Mar-a-Lago stattfinden.

Mögliche Nachfolgerin für Powell?

Der US-Präsident dürfte das mit Wohlgefallen gehört haben. Ebenso wie Sheltons Forderung nach einer engeren Abstimmung der Fed mit der Politik, ihr Lob für den Handelskrieg mit China und ihr Plädoyer für Nullzinsen - während sie die lockere Geldpolitik im Kampf gegen die Rezession während Barack Obamas Amtszeit noch scharf kritisiert hatte.

Diese Kehrtwende hat ihr einen Ruf als Opportunistin eingetragen. Shelton sei eine "Spinnerin und Schleimerin", urteilt hart die "Washington Post"-Kolumnistin Catherine Rampell. Die Fed-Kandidatin habe "den Präsidenten geschickt zum Glauben verleitet, dass sie alle seine schlechten Ideen unterstützt. In Wirklichkeit unterstützt sie andere, womöglich sogar noch schlimmere, schlechte Ideen", schrieb Rampell.

Princeton-Professor Blinder argwöhnt sogar, dass Trump mit der Berufung von Shelton gezielte Obstruktionspolitik gegen den Fed-Chef im Sinn hat. Mit "haarsträubenden Nominierungen" versuche er, Powell zu unterminieren und ihm den Job zu erschweren, schrieb Blinder nach Trumps Ankündigung. Andere Beobachter mutmaßen, dass der Plot noch langfristiger angelegt sei. Sheltons Amtszeit würde bis 2024 laufen, Trumps erklärter Erzfeind Powell dagegen ist nur bis 2022 berufen. Scheidet er aus, könnte Trump, falls er wiedergewählt wird, die geschmeidige Shelton zur mächtigen Vorsitzenden machen.

Eine Hürde allerdings muss sie vorher noch nehmen: Der Senat muss ihre Ernennung bestätigen. Zwei Trump-Kandidaten sind am Widerstand aus den Reihen der Republikaner schon gescheitert. Vielleicht hat er deshalb so lange gezögert.

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